Lübbecke/Minden

Hebammen sprechen über die Zukunft der Geburtshilfe: Nicht alles im grünen Bereich

Cornelia Müller

Diskutierten über Geburtshilfe: Kerstin Niemitz (v. l.), Marion Skeretsch, Angela Gradler-Gebecke, Susanne Lüderitz und Simone Könemann. - © Cornelia Müller
Diskutierten über Geburtshilfe: Kerstin Niemitz (v. l.), Marion Skeretsch, Angela Gradler-Gebecke, Susanne Lüderitz und Simone Könemann. (© Cornelia Müller)

Lübbecke/Minden (nw). „Eine Geburt ist etwas Natürliches, keine Krankheit“, sagt Marlies Klocke. Sie fasst die Forderungen der der Arbeitsgemeinschaft von Frauengruppen und engagierten Bürgerinnen im Kreis Minden-Lübbecke um Thema Geburtshilfe zusammen: Die Schwangere habe das Recht, selbst zu bestimmen, wie und wo die Geburt geschehen solle, die Betreuung müsse auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sein und nicht auf Kostenpläne. Auch wenn das nicht übertriebenen klingt, sieht die Realität anders aus.

Auch die Aufzeichnung der Herztöne gehört zu den Aufgaben einer Hebamme. Die Versorgung im Kreis Minden-Lübbecke war Thema einer Podiumsdiskussion in Lübbecke. Foto: Focke Strangmann/dpa - © Focke Strangmann
Auch die Aufzeichnung der Herztöne gehört zu den Aufgaben einer Hebamme. Die Versorgung im Kreis Minden-Lübbecke war Thema einer Podiumsdiskussion in Lübbecke. Foto: Focke Strangmann/dpa (© Focke Strangmann)

Erst im vergangenen Jahr hatte das inzwischen zurückgezogene MKK-Medizinkonzept den Weiterbestand der Geburtsklinik in Lübbecke in Frage gestellt. Die Arbeitsgemeinschaft fragte nun bei einer Podiumsdiskussion im Jugendraum der Stadthalle Lübbecke: Wie steht es um die Zukunft der Geburtshilfe im Kreis Minden-Lübbecke? Zu Wort kamen vier erfahrene Hebammen, die in unterschiedlichen Arbeitsumfeldern im Einsatz sind – vom großen Maximalversorger mit angeschlossener Kinderklinik bis zum kleinen Geburtshaus.

Susanne Lüderitz arbeitet seit 1984 als Hebamme. 2017 hat sie in Porta Westfalica-Barkhausen das „Geburtshaus im Mühlenkreis“ eröffnet, in dem sie zusammen mit einer Kollegin pro Jahr etwa 25 bis 30 Geburten begleitet. Die Betreuung ist intensiv und vielschichtig: Susanne Lüderitz will für die Frauen und ihre Familien in dieser ganz besonderen Phase des Lebens da sein – auch wenn es für sie selbst bedeutet, auf geregelte Arbeitszeiten zu verzichten. Auch in der Podiumsversammlung saß sie mit eingeschaltetem Handy: „Ich warte aufs Klingeln, weil ich gerade eine Frau betreue, die seit einiger Zeit überfällig ist.“

Hebammen wie Susanne Lüderitz, die freiberuflich arbeiten, Hausgeburten oder Geburten im Geburtshaus betreuen und die Vor- und Nachsorge übernehmen, gibt es immer weniger. Und das liegt nicht nur an der Hingabe, die der „schönste Beruf der Welt“ (wie alle Hebammen auf dem Podium übereinstimmend betonen) erfordert. Und es liegt auch nicht nur an den immer weiter steigenden Kosten einer Berufs-Haftpflichtversicherung, die zurzeit im hohen vierstelligen Bereich liegen. „Früher gab es viele Hebammen, die an einer Klinik beschäftigt waren und daneben noch Besuche gemacht haben. Aber inzwischen gibt es so viele Auflagen, dass viele sagen: Der Aufwand lohnt sich nicht für ein, zwei Frauen neben der Kliniktätigkeit“, weiß Simone Könemann, Vorsitzende des Hebammenverbands im Kreis und Leitende Hebamme am Johannes-Wesling-Klinikum. Das fange damit an, dass Rechnungen nicht mehr von Hand geschrieben werden dürften, und höre damit auf, dass für jede freiberufliche Hebamme ein eigenes Qualitätsmanagement verpflichtend sei.

Das Resultat: Längst nicht alle Frauen, die von Rechts wegen die Betreuung einer Hebamme in Anspruch nehmen könnten, finden auch eine. „Wann der richtige Zeitpunkt ist, sich um eine Hebamme zu kümmern? Am besten, sobald die Frau beschließt, schwanger zu werden.“ Das klinge zwar wie ein Witz, sei von der Wahrheit aber gar nicht mehr so weit entfernt, sagt Kirstin Niemitz, die am Krankenhaus in Damme arbeitet. Es gebe einfach nicht genügend Hebammen. Als Beleghebamme bringe sie es mit Bereitschaftsdiensten deshalb auch schon mal auf eine 60-Stunden-Woche.

Ein positives Signal kommt in dieser Situation von der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken, wo die Hebammenausbildung im Mühlenkreis angesiedelt ist. Erstmals startet dort im April ein zusätzlicher Ausbildungskurs mit 20 angehenden Hebammen. Auch die gerade eingeleitete Akademisierung der Hebammenausbildung in Form eines Bachelorstudiums könnte eine Trendwende befördern: „Das trägt sicher dazu bei, den Beruf in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit aufzuwerten“, hofft die Lübbecker Hebamme Marion Skeretsch. Im Ausland sei die akademische Ausbildung ohnehin bereits Standard.

Aber nicht nur der Hebammenmangel sorge dafür, dass nicht alle Frauen so betreut werden, wie sie es sich erhoffen und wie es ihnen eigentlich auch zustünde. Sondern auch, dass Geburten – wie Krankheiten – nach Fallpauschalen abgerechnet werden, verbunden mit der Notwendigkeit für Krankenhäuser, wirtschaftlich zu arbeiten: „Für eine natürliche Geburt gibt es weniger Geld als für einen Kaiserschnitt“, so Marion Skeretsch. Dabei sei der Personalaufwand sogar höher, denn anders als bei geplanten Kaiserschnitten müssten Bereitschaftsdienste und Nachtdienste vorgehalten werden, falls das Baby sich bei seiner Geburt partout nicht an die normalen Geschäftszeiten halten will. In einzelnen Kliniken liege die Kaiserschnittrate schon jetzt bei 100 Prozent – ausdrücklich keine Alternative für das 2017 als „babyfreundlich“ zertifizierte Krankenhaus in Lübbecke.

All dies zusammengenommen liege der Ball nun bei der Politik, waren sich die Veranstalterinnen und die Hebammen einig: Die müsse die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, damit der Beruf der Hebamme attraktiv bleibt und Frauen die Hilfen vor, bei und nach der Geburt, die ihnen schon jetzt zustehen, auch wirklich nutzen könnten.

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Lübbecke/MindenHebammen sprechen über die Zukunft der Geburtshilfe: Nicht alles im grünen BereichCornelia MüllerLübbecke/Minden (nw). „Eine Geburt ist etwas Natürliches, keine Krankheit“, sagt Marlies Klocke. Sie fasst die Forderungen der der Arbeitsgemeinschaft von Frauengruppen und engagierten Bürgerinnen im Kreis Minden-Lübbecke um Thema Geburtshilfe zusammen: Die Schwangere habe das Recht, selbst zu bestimmen, wie und wo die Geburt geschehen solle, die Betreuung müsse auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sein und nicht auf Kostenpläne. Auch wenn das nicht übertriebenen klingt, sieht die Realität anders aus. Erst im vergangenen Jahr hatte das inzwischen zurückgezogene MKK-Medizinkonzept den Weiterbestand der Geburtsklinik in Lübbecke in Frage gestellt. Die Arbeitsgemeinschaft fragte nun bei einer Podiumsdiskussion im Jugendraum der Stadthalle Lübbecke: Wie steht es um die Zukunft der Geburtshilfe im Kreis Minden-Lübbecke? Zu Wort kamen vier erfahrene Hebammen, die in unterschiedlichen Arbeitsumfeldern im Einsatz sind – vom großen Maximalversorger mit angeschlossener Kinderklinik bis zum kleinen Geburtshaus. Susanne Lüderitz arbeitet seit 1984 als Hebamme. 2017 hat sie in Porta Westfalica-Barkhausen das „Geburtshaus im Mühlenkreis“ eröffnet, in dem sie zusammen mit einer Kollegin pro Jahr etwa 25 bis 30 Geburten begleitet. Die Betreuung ist intensiv und vielschichtig: Susanne Lüderitz will für die Frauen und ihre Familien in dieser ganz besonderen Phase des Lebens da sein – auch wenn es für sie selbst bedeutet, auf geregelte Arbeitszeiten zu verzichten. Auch in der Podiumsversammlung saß sie mit eingeschaltetem Handy: „Ich warte aufs Klingeln, weil ich gerade eine Frau betreue, die seit einiger Zeit überfällig ist.“ Hebammen wie Susanne Lüderitz, die freiberuflich arbeiten, Hausgeburten oder Geburten im Geburtshaus betreuen und die Vor- und Nachsorge übernehmen, gibt es immer weniger. Und das liegt nicht nur an der Hingabe, die der „schönste Beruf der Welt“ (wie alle Hebammen auf dem Podium übereinstimmend betonen) erfordert. Und es liegt auch nicht nur an den immer weiter steigenden Kosten einer Berufs-Haftpflichtversicherung, die zurzeit im hohen vierstelligen Bereich liegen. „Früher gab es viele Hebammen, die an einer Klinik beschäftigt waren und daneben noch Besuche gemacht haben. Aber inzwischen gibt es so viele Auflagen, dass viele sagen: Der Aufwand lohnt sich nicht für ein, zwei Frauen neben der Kliniktätigkeit“, weiß Simone Könemann, Vorsitzende des Hebammenverbands im Kreis und Leitende Hebamme am Johannes-Wesling-Klinikum. Das fange damit an, dass Rechnungen nicht mehr von Hand geschrieben werden dürften, und höre damit auf, dass für jede freiberufliche Hebamme ein eigenes Qualitätsmanagement verpflichtend sei. Das Resultat: Längst nicht alle Frauen, die von Rechts wegen die Betreuung einer Hebamme in Anspruch nehmen könnten, finden auch eine. „Wann der richtige Zeitpunkt ist, sich um eine Hebamme zu kümmern? Am besten, sobald die Frau beschließt, schwanger zu werden.“ Das klinge zwar wie ein Witz, sei von der Wahrheit aber gar nicht mehr so weit entfernt, sagt Kirstin Niemitz, die am Krankenhaus in Damme arbeitet. Es gebe einfach nicht genügend Hebammen. Als Beleghebamme bringe sie es mit Bereitschaftsdiensten deshalb auch schon mal auf eine 60-Stunden-Woche. Ein positives Signal kommt in dieser Situation von der Akademie für Gesundheitsberufe der Mühlenkreiskliniken, wo die Hebammenausbildung im Mühlenkreis angesiedelt ist. Erstmals startet dort im April ein zusätzlicher Ausbildungskurs mit 20 angehenden Hebammen. Auch die gerade eingeleitete Akademisierung der Hebammenausbildung in Form eines Bachelorstudiums könnte eine Trendwende befördern: „Das trägt sicher dazu bei, den Beruf in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit aufzuwerten“, hofft die Lübbecker Hebamme Marion Skeretsch. Im Ausland sei die akademische Ausbildung ohnehin bereits Standard. Aber nicht nur der Hebammenmangel sorge dafür, dass nicht alle Frauen so betreut werden, wie sie es sich erhoffen und wie es ihnen eigentlich auch zustünde. Sondern auch, dass Geburten – wie Krankheiten – nach Fallpauschalen abgerechnet werden, verbunden mit der Notwendigkeit für Krankenhäuser, wirtschaftlich zu arbeiten: „Für eine natürliche Geburt gibt es weniger Geld als für einen Kaiserschnitt“, so Marion Skeretsch. Dabei sei der Personalaufwand sogar höher, denn anders als bei geplanten Kaiserschnitten müssten Bereitschaftsdienste und Nachtdienste vorgehalten werden, falls das Baby sich bei seiner Geburt partout nicht an die normalen Geschäftszeiten halten will. In einzelnen Kliniken liege die Kaiserschnittrate schon jetzt bei 100 Prozent – ausdrücklich keine Alternative für das 2017 als „babyfreundlich“ zertifizierte Krankenhaus in Lübbecke. All dies zusammengenommen liege der Ball nun bei der Politik, waren sich die Veranstalterinnen und die Hebammen einig: Die müsse die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen, damit der Beruf der Hebamme attraktiv bleibt und Frauen die Hilfen vor, bei und nach der Geburt, die ihnen schon jetzt zustehen, auch wirklich nutzen könnten.