Minden

MT-Interview: „Der Wohnungsmarkt ist sehr intransparent“

veröffentlicht

Justus von Daniels, hier im MT-Gespräch, hat bereits mit Projekten zum Immobilienmarkt Erfahrungen gesammelt. MT- - © Foto: Alex Lehn
Justus von Daniels, hier im MT-Gespräch, hat bereits mit Projekten zum Immobilienmarkt Erfahrungen gesammelt. MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Das MT-Projekt „Wem gehört Minden" blickt hinter die glatten Fassaden des heimischen Wohnungsmarktes und berichtet fortlaufend über die Ergebnisse. Nicht nur Eigenrecherche und die Mitarbeit der Leserinnen und Leser spielt bei der Informationsgewinnung eine Rolle, sondern auch die Assistenz des journalistischen Portals Correctiv. Das gemeinnützige Recherchezentrum ist mit Büros in Essen und Berlin vertreten und hat unter anderem den Cum-Ex-Steuerbetrug zusammen mit Medien anderer Länder aufgedeckt. Den Wohnungsmarkt in bundesdeutschen Städten transparenter zu machen, ist dagegen das Anliegen von Justus von Daniels, der auch in das aktuelle MT-Projekt eingebunden ist. Mit ihm sprach MT-Redakteur Stefan Koch.

Welche Projekte zum Wohnungsmarkt in Begleitung von Correctiv gab es bereits?

Wir haben eine Recherche gemeinsam mit Bürgern in Hamburg abgeschlossen und veröffentlicht. Derzeit führen wir das Projekt mit den jeweiligen Lokalzeitungen in Düsseldorf, Berlin, Heidenheim und bald in weiteren Städten durch.

Was unterscheidet das System Wohnungsmarkt von anderenRecherchefeldern, mit denen sich Correctiv bereits befasst hat?

Der Wohnungsmarkt ist sehr intransparent. Gleichzeitig ist Wohnen ein Grundbedürfnis der Menschen. In den letzten Jahren gab es durch die Zinspolitik und die Privatisierung vieler kommunaler Wohnungsgesellschaften viele Verwerfungen auf dem Markt. Preise steigen, Investoren handeln mit Wohnungen als Ware, Schwarzgeld wird gewaschen. Am Ende stehen aber Mieter, deren Miete immer weiter erhöht wird oder die sogar in Steuerparadiesen landet. Ladengeschäfte in Innenstädten werden zum Spielball von Investoren. Wir haben daraus den Schluss gezogen, dass mehr Transparenz auf dem Markt herrschen sollte. Unsere offenen Recherchen sind dazu ein Anfang.

Das Correctiv-Tool gibt Mietern die Möglichkeit, ihre Mietverträge bei Correctiv hochzuladen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Nur gute. Erstens schreiben uns sehr viele Mieter über ihre positiven oder negativen Erfahrungen mit den Vermietern. Das ergibt ein konkretes Bild, wie der Markt wirklich aussieht. Zweitens schicken uns die Mieter einen Beleg über den Eigentümer, der wichtig für die Recherche ist. Sie wissen, dass wir sorgsam mit den Informationen umgehen.

Was geschieht mit den Daten aus dem Tool?

Wir veröffentlichen keine Daten, sondern nutzen die Informationen, die uns Bürger geben, allein für unsere Recherchen. So können wir Muster erkennen, wie sich bestimmte Eigentümer-Typen verhalten oder wir können beispielsweise sehen, ob sich Investoren in anderen Städten ähnlich verhalten. Nach der Recherche werden die Daten selbstverständlich gelöscht.

Wie viele Kräfte beschäftigen sich bei Correctiv mit diesem Material und wie umfangreich ist es?

Wir arbeiten mit den Kollegen des Mindener Tageblattes bei der Recherche zusammen. Bei Correctiv arbeiten unter anderem zwei Datenjournalisten und ein Reporter an den Auswertungen.

Wie bewerten Sie die Datentransparenz in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern der EU, beispielsweise bei der Zugänglichkeit zu Grundbüchern, Handelsregisterauskünften etc.?

Beim Thema Transparenz hat Deutschland noch Nachholbedarf. Andere Länder wie Großbritannien oder die Niederlande machen die Grunddaten über Eigentümer und Unternehmen öffentlich. Das hilft, um vor allem dubiose Firmengeflechte oder Steuerflucht zu enttarnen. Und es hilft auch den Städten, um zu erkennen, wie sie den Wohnungsmarkt besser gestalten können.

Welche Ergebnisse haben Sie bei Ihren Rechercheprojekten in Berlin und Hamburg überrascht?

In Hamburg berichteten wir über einen großen Investor, der sich kaum um Reparaturen seiner Wohnungen kümmert. Es stellte sich heraus, dass dahinter ein Pensionsfonds steht, der also mit den Renditen der Wohnungen private Renten bezahlt. Das führte zu der Debatte, ob solche Fonds nicht besser kontrolliert werden müssen. Überraschend war auch, dass die städtische Wohnungsgesellschaft zu denen gehört, die regelmäßig die Mieten erhöht.

Was erwarten Sie von einer Stadt wie Minden?

Eine Stadt wie Minden hat nicht dieselben Probleme wie Berlin oder München. Aber die Investoren entdecken die kleineren Städte mittlerweile als Ziel, weil sich da noch gute Renditen erwirtschaften lassen. Einige sind schon in Minden, auch das finden wir zur Zeit heraus. Und wir wollen eine Debatte anstoßen, die in Minden aber auch im ganzen Land geführt werden kann, wie Wohnungspolitik aktiver gestaltet werden kann.

Welche gesellschaftlichen Veränderungen sind durch mehr Transparenz auf dem Immobiliensektor wünschenswert?

Wenn Bürger, Journalisten und Politiker mehr über den Markt wissen, können sie sich ein Bild machen und besser darüber debattieren, wie der Markt gestaltet werden kann. Ein intransparenter Markt dient vor allem denen, die gern im Dunkeln Geschäfte machen. Transparenz in vernünftigem Maße hilft am Ende der Demokratie.

MT-Aktionsstand

Bei den 15. Tourismustagen „Aktive Freizeit" auf Kanzlers Weide von Freitag, 29. März, bis Sonntag, 31. März, ist auch das Mindener Tageblatt mit einem Stand vertreten. Zudem haben Interessierte die Gelegenheit, mit dem MT-Rechercheteam des Projektes „Wem gehört Minden" ins Gespräch zu kommen. Am Sonntag sind dazu in der Zeit von 11 bis 13 Uhr Monika Jäger und Stefan Koch am MT-Aktionsstand dabei. Sie freuen sich auf neue Informationen und Anregungen für die weitere Berichterstattung.

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

MindenMT-Interview: „Der Wohnungsmarkt ist sehr intransparent“Minden (mt). Das MT-Projekt „Wem gehört Minden" blickt hinter die glatten Fassaden des heimischen Wohnungsmarktes und berichtet fortlaufend über die Ergebnisse. Nicht nur Eigenrecherche und die Mitarbeit der Leserinnen und Leser spielt bei der Informationsgewinnung eine Rolle, sondern auch die Assistenz des journalistischen Portals Correctiv. Das gemeinnützige Recherchezentrum ist mit Büros in Essen und Berlin vertreten und hat unter anderem den Cum-Ex-Steuerbetrug zusammen mit Medien anderer Länder aufgedeckt. Den Wohnungsmarkt in bundesdeutschen Städten transparenter zu machen, ist dagegen das Anliegen von Justus von Daniels, der auch in das aktuelle MT-Projekt eingebunden ist. Mit ihm sprach MT-Redakteur Stefan Koch. Welche Projekte zum Wohnungsmarkt in Begleitung von Correctiv gab es bereits? Wir haben eine Recherche gemeinsam mit Bürgern in Hamburg abgeschlossen und veröffentlicht. Derzeit führen wir das Projekt mit den jeweiligen Lokalzeitungen in Düsseldorf, Berlin, Heidenheim und bald in weiteren Städten durch. Was unterscheidet das System Wohnungsmarkt von anderenRecherchefeldern, mit denen sich Correctiv bereits befasst hat? Der Wohnungsmarkt ist sehr intransparent. Gleichzeitig ist Wohnen ein Grundbedürfnis der Menschen. In den letzten Jahren gab es durch die Zinspolitik und die Privatisierung vieler kommunaler Wohnungsgesellschaften viele Verwerfungen auf dem Markt. Preise steigen, Investoren handeln mit Wohnungen als Ware, Schwarzgeld wird gewaschen. Am Ende stehen aber Mieter, deren Miete immer weiter erhöht wird oder die sogar in Steuerparadiesen landet. Ladengeschäfte in Innenstädten werden zum Spielball von Investoren. Wir haben daraus den Schluss gezogen, dass mehr Transparenz auf dem Markt herrschen sollte. Unsere offenen Recherchen sind dazu ein Anfang. Das Correctiv-Tool gibt Mietern die Möglichkeit, ihre Mietverträge bei Correctiv hochzuladen. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Nur gute. Erstens schreiben uns sehr viele Mieter über ihre positiven oder negativen Erfahrungen mit den Vermietern. Das ergibt ein konkretes Bild, wie der Markt wirklich aussieht. Zweitens schicken uns die Mieter einen Beleg über den Eigentümer, der wichtig für die Recherche ist. Sie wissen, dass wir sorgsam mit den Informationen umgehen. Was geschieht mit den Daten aus dem Tool? Wir veröffentlichen keine Daten, sondern nutzen die Informationen, die uns Bürger geben, allein für unsere Recherchen. So können wir Muster erkennen, wie sich bestimmte Eigentümer-Typen verhalten oder wir können beispielsweise sehen, ob sich Investoren in anderen Städten ähnlich verhalten. Nach der Recherche werden die Daten selbstverständlich gelöscht. Wie viele Kräfte beschäftigen sich bei Correctiv mit diesem Material und wie umfangreich ist es? Wir arbeiten mit den Kollegen des Mindener Tageblattes bei der Recherche zusammen. Bei Correctiv arbeiten unter anderem zwei Datenjournalisten und ein Reporter an den Auswertungen. Wie bewerten Sie die Datentransparenz in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern der EU, beispielsweise bei der Zugänglichkeit zu Grundbüchern, Handelsregisterauskünften etc.? Beim Thema Transparenz hat Deutschland noch Nachholbedarf. Andere Länder wie Großbritannien oder die Niederlande machen die Grunddaten über Eigentümer und Unternehmen öffentlich. Das hilft, um vor allem dubiose Firmengeflechte oder Steuerflucht zu enttarnen. Und es hilft auch den Städten, um zu erkennen, wie sie den Wohnungsmarkt besser gestalten können. Welche Ergebnisse haben Sie bei Ihren Rechercheprojekten in Berlin und Hamburg überrascht? In Hamburg berichteten wir über einen großen Investor, der sich kaum um Reparaturen seiner Wohnungen kümmert. Es stellte sich heraus, dass dahinter ein Pensionsfonds steht, der also mit den Renditen der Wohnungen private Renten bezahlt. Das führte zu der Debatte, ob solche Fonds nicht besser kontrolliert werden müssen. Überraschend war auch, dass die städtische Wohnungsgesellschaft zu denen gehört, die regelmäßig die Mieten erhöht. Was erwarten Sie von einer Stadt wie Minden? Eine Stadt wie Minden hat nicht dieselben Probleme wie Berlin oder München. Aber die Investoren entdecken die kleineren Städte mittlerweile als Ziel, weil sich da noch gute Renditen erwirtschaften lassen. Einige sind schon in Minden, auch das finden wir zur Zeit heraus. Und wir wollen eine Debatte anstoßen, die in Minden aber auch im ganzen Land geführt werden kann, wie Wohnungspolitik aktiver gestaltet werden kann. Welche gesellschaftlichen Veränderungen sind durch mehr Transparenz auf dem Immobiliensektor wünschenswert? Wenn Bürger, Journalisten und Politiker mehr über den Markt wissen, können sie sich ein Bild machen und besser darüber debattieren, wie der Markt gestaltet werden kann. Ein intransparenter Markt dient vor allem denen, die gern im Dunkeln Geschäfte machen. Transparenz in vernünftigem Maße hilft am Ende der Demokratie. MT-Aktionsstand Bei den 15. Tourismustagen „Aktive Freizeit" auf Kanzlers Weide von Freitag, 29. März, bis Sonntag, 31. März, ist auch das Mindener Tageblatt mit einem Stand vertreten. Zudem haben Interessierte die Gelegenheit, mit dem MT-Rechercheteam des Projektes „Wem gehört Minden" ins Gespräch zu kommen. Am Sonntag sind dazu in der Zeit von 11 bis 13 Uhr Monika Jäger und Stefan Koch am MT-Aktionsstand dabei. Sie freuen sich auf neue Informationen und Anregungen für die weitere Berichterstattung.