Minden

MT-Stadtgespräch: Die vielen Gesichter des Wohnens

Carsten Korfesmeyer

Athanasios Vlachos (SPD) ist Ortsvorsteher des Stadtbezirks Königstor. Er kennt einige Probleme, die Mieter mit größeren Wohngesellschaften haben. MT-Fotos: Alex Lehn
Athanasios Vlachos (SPD) ist Ortsvorsteher des Stadtbezirks Königstor. Er kennt einige Probleme, die Mieter mit größeren Wohngesellschaften haben. MT-Fotos: Alex Lehn
Die Zuhörer im Preußen-Museum nutzen die Möglichkeit, um den Experten Fragen zu stellen. Besonders sozialer Wohnraum beschäftigt das Publikum.
Die Zuhörer im Preußen-Museum nutzen die Möglichkeit, um den Experten Fragen zu stellen. Besonders sozialer Wohnraum beschäftigt das Publikum.

Minden (mt). Wohnen hat viele Gesichter. Es geht um Geld, die Lage, persönliche Ansprüche oder Träume. Die Fragen „Land erholt? Stadtverwöhnt?" stehen beim MT-Stadtgespräch am Montagabend im Raum. Mehr als 100 Gäste warten im Ständersaal des Preußen-Museums auf die Antworten, die nicht eindeutig sein können. Dafür gibt es eine Menge Gesprächsstoff, der die Facetten des Themas zeigt und zu einer munteren Debatte mit vielen Argumenten führt.

MT-Chefredakteur Benjamin Piel, Lokalchefin Monika Jäger sowie die Redakteure Oliver Plöger und Sebastian Radermacher haben Gäste eingeladen, die für unterschiedliche Bereiche des Wohnens stehen. Der Haddenhauser Schlossherr Boris Freiherr von dem Bussche dürfte dabei derjenige sein, der den meisten Wohnraum zur Verfügung hat. 28 Zimmer hat sein Haus, von denen er jedoch nur vier nutzt. Sie verfügen über historische Bausubstanz. „Ich heize nicht alle gleich", sagt er. Unterschiedliche Temperaturen in den Räumen zu haben, sei für ihn längst normal – und mollig warm werde es bei ihm im Winter eher nicht.

MT-Lokalchefin Monika Jäger spricht mit dem Haddenhauser Schlossherrn Boris Freiherr von dem Bussche, der in seinem Haus 28 Zimmer hat.
MT-Lokalchefin Monika Jäger spricht mit dem Haddenhauser Schlossherrn Boris Freiherr von dem Bussche, der in seinem Haus 28 Zimmer hat.

„Ab Oktober trage ich Zuhause immer eine Weste", sagt der Freiherr. Was er erzählt, lässt beim Publikum die allgemeinen Vorstellungen vom Leben eines Schlossherrn bröckeln. Von dem Bussche verfügt zwar über eine Menge Wohnraum, hat allerdings auch einiges an Kosten zu tragen. „Geerbt habe ich von meinen Eltern nichts", sagt der Mann, der sein Schloss seit 2012 bewohnt und regelmäßig auf der Suche nach Fördermitteln ist.

Mindens Bau-Beigeordneter Lars Bursian beschäftigt sich überwiegend mit dem durchschnittlichen Wohnraum. Den zu finden, sei in der Stadt „ganz gut möglich". Dass er dennoch mit Vertretern der Branche ein Handlungskonzept auf den Weg gebracht hat, liegt unter anderem an den Veränderungen in der Gesellschaft. „Denn es stellt sich eher die Frage, ob der richtige Wohnraum da ist." Die Lebensweise sei eine andere geworden und viele über 50-Jährige tragen sich mit dem Gedanken, ihren Wohnraum noch einmal zu verändern.

Kleinere Wohnungen seien für Ältere oft attraktiver als große Häuser. Deshalb müsse man über Wege nachdenken, um die Bedürfnisse zu stillen. Ein Bündnis für Wohnen soll das ändern. Es gehe auch um Infrastruktur, schnelles Internet oder Mobilität. Bursian sagt, dass er alle sozialen Schichten im Blick hat. Das früher gelebte Prinzip „Privat vor Staat" müsse man angesichts neuer Entwicklungen überdenken. Dass der Markt alles von alleine regeln soll, habe erst zu der heutigen Situation geführt.

Dass sich das Wohnen in der Stadt von dem auf dem Lande unterscheidet, zeigt das Gespräch mit Portas Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos), Petershagens Bauamtsleiter Kay Busche und dem Hiller Bürgermeister Michael Schweiß (SPD). Alle drei sprechen von einer starken Nachfrage an Baugrundstücken. Ein Problem sei allerdings die Infrastruktur auf dem Lande. „So was wie einen klassischen Landarzt haben wir nicht mehr", sagt Busche.

Um die Interessen von Mietern und Vermietern geht es, als Mietervereins-Vorsitzender Thorsten Bornemann und der Geschäftsführer des Vereins Haus und Grund, Thorsten Post, das Wort ergreifen. Beide kennen sich seit Jahren und kaum ein Arbeitstag vergeht, an dem sie nicht miteinander sprechen. Es geht häufig um Nebenkostenabrechnungen, Schäden in den Wohnungen oder um die Auslegung von Mietklauseln. „Wir suchen nach außergerichtlichen Lösungen", sagt Bornemann. Der Rechtsanwalt sieht ein häufiges Problem darin, dass Mieter keinen geeigneten Wohnraum finden. Das Problem seien unter anderem die Preise.

Post sieht das anders und sagt, dass die Vermieter nichts für die Preisentwicklung können. Allerdings wisse er, dass bestimmte Personengruppen schwerer an Wohnungen kommen. Hundehalter hätten beispielsweise oft Schwierigkeiten. Der Haus-und-Grund-Geschäftsführer verweist aber auf die Interessen seiner knapp 3.000 Mitglieder. „Die wünschen sich vernünftige Mieter."

Athanasios Vlachos (SPD) ergreift das Mikrofon und berichtet von Menschen, die Probleme mit größeren Wohnungsgesellschaften haben. Damit wirft er die Frage auf, wie weit gerade diese Unternehmen der Allgemeinheit verpflichtet sind. Als Vertreter der Mindener Wohnhaus steht deren Geschäftsführer Eugen Pankratz am Podium, um seine Sicht der Dinge im sozialen Wohnungsbau darzustellen. Die Mieten der rund 3.000 Wohnungen liegen zwischen 5,70 und 6,80 Euro pro Quadratmeter und sind nach seinen Worten bezahlbar. Schwierig sei häufig die Verfügbarkeit. Als Vermieter habe die Wohnhaus darauf zu achten, dass die Hausgemeinschaften funktionieren. Problematisch sei ebenfalls, wenn Schufa-Einträge vorliegen.

Das MT-Projekt „Wem gehört Minden" läuft erst seit wenigen Wochen und es zeigt sich bereits, dass der Immobilienmarkt in Bewegung ist. Gemeinsam mit dem Recherchezentrum Correctiv wird zur Bürgerrecherche aufgerufen, um mehr Transparenz in die Eigentümerverhältnisse zu bekommen. Justus von Daniels stellt stellt heraus, warum das so wichtig ist. Es gehe nicht darum, personenbezogene Daten zu bekommen. „Sondern herauszufinden, wie der Wohnungsmarkt tatsächlich ist."

Wem gehört Minden?

Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden auch über interessante Beispiele berichten.

Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen.

Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org).

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Unterschiedliche Temperaturen in den Räumen zu haben, sei für ihn längst normal – und mollig warm werde es bei ihm im Winter eher nicht. „Ab Oktober trage ich Zuhause immer eine Weste", sagt der Freiherr. Was er erzählt, lässt beim Publikum die allgemeinen Vorstellungen vom Leben eines Schlossherrn bröckeln. Von dem Bussche verfügt zwar über eine Menge Wohnraum, hat allerdings auch einiges an Kosten zu tragen. „Geerbt habe ich von meinen Eltern nichts", sagt der Mann, der sein Schloss seit 2012 bewohnt und regelmäßig auf der Suche nach Fördermitteln ist. Mindens Bau-Beigeordneter Lars Bursian beschäftigt sich überwiegend mit dem durchschnittlichen Wohnraum. Den zu finden, sei in der Stadt „ganz gut möglich". Dass er dennoch mit Vertretern der Branche ein Handlungskonzept auf den Weg gebracht hat, liegt unter anderem an den Veränderungen in der Gesellschaft. „Denn es stellt sich eher die Frage, ob der richtige Wohnraum da ist." Die Lebensweise sei eine andere geworden und viele über 50-Jährige tragen sich mit dem Gedanken, ihren Wohnraum noch einmal zu verändern. Kleinere Wohnungen seien für Ältere oft attraktiver als große Häuser. Deshalb müsse man über Wege nachdenken, um die Bedürfnisse zu stillen. Ein Bündnis für Wohnen soll das ändern. Es gehe auch um Infrastruktur, schnelles Internet oder Mobilität. Bursian sagt, dass er alle sozialen Schichten im Blick hat. Das früher gelebte Prinzip „Privat vor Staat" müsse man angesichts neuer Entwicklungen überdenken. Dass der Markt alles von alleine regeln soll, habe erst zu der heutigen Situation geführt. Dass sich das Wohnen in der Stadt von dem auf dem Lande unterscheidet, zeigt das Gespräch mit Portas Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos), Petershagens Bauamtsleiter Kay Busche und dem Hiller Bürgermeister Michael Schweiß (SPD). Alle drei sprechen von einer starken Nachfrage an Baugrundstücken. Ein Problem sei allerdings die Infrastruktur auf dem Lande. „So was wie einen klassischen Landarzt haben wir nicht mehr", sagt Busche. Um die Interessen von Mietern und Vermietern geht es, als Mietervereins-Vorsitzender Thorsten Bornemann und der Geschäftsführer des Vereins Haus und Grund, Thorsten Post, das Wort ergreifen. Beide kennen sich seit Jahren und kaum ein Arbeitstag vergeht, an dem sie nicht miteinander sprechen. Es geht häufig um Nebenkostenabrechnungen, Schäden in den Wohnungen oder um die Auslegung von Mietklauseln. „Wir suchen nach außergerichtlichen Lösungen", sagt Bornemann. Der Rechtsanwalt sieht ein häufiges Problem darin, dass Mieter keinen geeigneten Wohnraum finden. Das Problem seien unter anderem die Preise. Post sieht das anders und sagt, dass die Vermieter nichts für die Preisentwicklung können. Allerdings wisse er, dass bestimmte Personengruppen schwerer an Wohnungen kommen. Hundehalter hätten beispielsweise oft Schwierigkeiten. Der Haus-und-Grund-Geschäftsführer verweist aber auf die Interessen seiner knapp 3.000 Mitglieder. „Die wünschen sich vernünftige Mieter." Athanasios Vlachos (SPD) ergreift das Mikrofon und berichtet von Menschen, die Probleme mit größeren Wohnungsgesellschaften haben. Damit wirft er die Frage auf, wie weit gerade diese Unternehmen der Allgemeinheit verpflichtet sind. Als Vertreter der Mindener Wohnhaus steht deren Geschäftsführer Eugen Pankratz am Podium, um seine Sicht der Dinge im sozialen Wohnungsbau darzustellen. Die Mieten der rund 3.000 Wohnungen liegen zwischen 5,70 und 6,80 Euro pro Quadratmeter und sind nach seinen Worten bezahlbar. Schwierig sei häufig die Verfügbarkeit. Als Vermieter habe die Wohnhaus darauf zu achten, dass die Hausgemeinschaften funktionieren. Problematisch sei ebenfalls, wenn Schufa-Einträge vorliegen. Das MT-Projekt „Wem gehört Minden" läuft erst seit wenigen Wochen und es zeigt sich bereits, dass der Immobilienmarkt in Bewegung ist. Gemeinsam mit dem Recherchezentrum Correctiv wird zur Bürgerrecherche aufgerufen, um mehr Transparenz in die Eigentümerverhältnisse zu bekommen. Justus von Daniels stellt stellt heraus, warum das so wichtig ist. Es gehe nicht darum, personenbezogene Daten zu bekommen. „Sondern herauszufinden, wie der Wohnungsmarkt tatsächlich ist." Wem gehört Minden? Wem gehört Minden? Mit diesem Projekt wollen wir gemeinsam mit den Bürgern mehr Transparenz auf dem Wohnungsmarkt schaffen und werden auch über interessante Beispiele berichten. Unter wem-gehoert-minden.de kann jeder der Redaktion mitteilen, wer der Eigentümer seiner Mietwohnung ist und welche Erfahrungen er mit dem Vermieter gemacht hat. Aus den gewonnenen Daten setzen wir ein Bild zusammen und recherchieren, wo sich Missstände zeigen. Das Projekt ist eine Kooperation des Mindener Tageblattes mit Correctiv, dem ersten gemeinnützigen Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum (correctiv.org). wem-gehoert-minden.de