Minden/Duisburg

MT-Interview: "Die A2 ist schon immer ein stauanfälliger Abschnitt gewesen“

Dirk Haunhorst

Minden/Duisburg (mt). Von einer Tempobegrenzung auf 120 oder 130 Stundenkilometer hält er nichts, das sei sogar gefährlich, sagt Professor Dr. Michael Schreckenberg. Der promovierte Physiker äußert sich gegenüber dem MT zum Phänomen Stau und den Gründen, warum er nicht mit einer Entspannung der Verkehrslage auf Autobahnen rechnet. Schreckenberg lehrt an der Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für das Fach Physik von Transport und Verkehr erhielt.

Lehrt an der Uni Duiburg-Essen. Prof. Dr. Michael Schreckenberg.

Foto: F. Preuss/pr - © Frank Preuss
Lehrt an der Uni Duiburg-Essen. Prof. Dr. Michael Schreckenberg.
Foto: F. Preuss/pr (© Frank Preuss)

Professor Schreckenberg, wann haben Sie zuletzt im Stau gestanden?

Ich fahre häufig absichtlich in den Stau, um zu sehen, ob die Annahmen, die wir über das Verhalten der Menschen im Stau machen, zutreffen. In der Tat stand ich zuletzt im Februar auf dem Weg nach Saalbach in Österreich und zurück im Stau, elf Stunden.

Ärgerten Sie sich darüber?

Da ich immer mit ihnen rechne und sie auch ganz gut kenne, nehme ich das relativ gelassen hin. Ohne Stau gäbe es meine Professur gar nicht.

Wie stauanfällig ist die A2?

Die Autobahnen mit den niedrigen Nummern sind die typischen Fernverkehrsstrecken. Dazu gehört die A2 als Hauptverkehrsstrecke für Güterverkehr. Sie ist schon immer ein stauanfälliger Streckenabschnitt gewesen und wird es wohl noch lange bleiben. Es gibt dort eben wenig Ausweichmöglichkeiten.

Warum gibt es Staus überhaupt?

60 bis 70 Prozent entstehen durch reine Überlastung, der Rest hälftig durch Baustellen und Unfälle, ungefähr zwei Prozent durch widrige Wetterbedingungen.

Wie lassen sich Staus verhindern?

Ein Tipp ist, nicht die Lücke zum Vordermann zu schließen, damit man nicht stehenbleiben muss, wenn dieser es tut. Die Autobahn zu verlassen lohnt sich nicht, ebenso wenig das Springen von Spur zu Spur.

Müssen Autofahrer perspektivisch mit immer mehr und längeren Wartezeiten rechnen?

Ja, in den nächsten zehn bis 15 Jahren werden sich die Verkehrsverhältnisse drastisch verschlechtern. Es wird also deutlich mehr Staus geben.

Warum?

Der Lkw-Verkehr nimmt jährlich um zwei Prozent zu. Das hat Folgen, weil ein Lkw die Straße so stark belastet wie 60.000 Pkw. Auch fehlen heute schon 36.000 Stellplätze für Lastwagen, die immer öfter in Ein- und Ausfahrten der Rasthöfe parken. Ein weiteres Problem sind die Brückenbaustellen. Ihre Anzahl steigt, weil die Behörden die notwendigen Arbeiten vor sich hergeschoben haben.

Wird auch der Pkw-Verkehr zunehmen?

Jüngere Leute halten sich hierzulande zunehmend fern vom Auto, der innerdeutsche Pkw-Verkehr wird nicht zunehmen. Aber Osteuropäer nutzen gerne deutsche Autobahnen, weil sie vergleichsweise gut ausgebaut und noch mautfrei sind. Wer etwa von Warschau nach Mailand will, fährt über Deutschland.

Verspricht der Autobahn-Ausbau auf drei oder vier Spuren eine Entlastung?

Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Probleme werden damit lediglich verlagert.

Wäre ein Tempolimit auf Autobahnen sinnvoll?

Ein Tempolimit ist nur verkehrsabhängig sinnvoll. Eine generelle Beschränkung ist sogar gefährlich.

Weshalb?

Bei einem Tempolimit von 120 oder 130 auf freier Strecke lässt die Aufmerksamkeit nach. Die Leute fangen an, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, dem Handy zum Beispiel.

Ist Raserei mit über 200 Sachen etwa das geringere Übel?

Das ist das andere Extrem. Es wird immer Autofahrer geben, die nicht auf die Straße gehören, ihr Anteil liegt bei zehn Prozent, schätze ich. Ich bin nicht generell für eine Tempobegrenzung, aber 120 oder 130 ist definitiv zu wenig. Vielleicht wäre 160 ein Kompromiss.

Was empfehlen Sie Reisenden, die mit dem Auto in die Ferien fahren?

Die Zeiten mit einer Kombination aus Berufs- und Urlaubsverkehr sollte man meiden. Also freitagabends lieber erst nach 19 Uhr losfahren. Es empfiehlt sich auch, dann zu fahren, wenn vor den meisten Staus gewarnt wird. Darauf hören viele und die Strecken sind frei.

Lesen Sie dazu auch: MT-Serie A2 hautnah: Die vielen Facetten der Autobahn

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Minden/DuisburgMT-Interview: "Die A2 ist schon immer ein stauanfälliger Abschnitt gewesen“Dirk HaunhorstMinden/Duisburg (mt). Von einer Tempobegrenzung auf 120 oder 130 Stundenkilometer hält er nichts, das sei sogar gefährlich, sagt Professor Dr. Michael Schreckenberg. Der promovierte Physiker äußert sich gegenüber dem MT zum Phänomen Stau und den Gründen, warum er nicht mit einer Entspannung der Verkehrslage auf Autobahnen rechnet. Schreckenberg lehrt an der Universität Duisburg-Essen, wo er 1997 die erste deutsche Professur für das Fach Physik von Transport und Verkehr erhielt. Professor Schreckenberg, wann haben Sie zuletzt im Stau gestanden? Ich fahre häufig absichtlich in den Stau, um zu sehen, ob die Annahmen, die wir über das Verhalten der Menschen im Stau machen, zutreffen. In der Tat stand ich zuletzt im Februar auf dem Weg nach Saalbach in Österreich und zurück im Stau, elf Stunden. Ärgerten Sie sich darüber? Da ich immer mit ihnen rechne und sie auch ganz gut kenne, nehme ich das relativ gelassen hin. Ohne Stau gäbe es meine Professur gar nicht. Wie stauanfällig ist die A2? Die Autobahnen mit den niedrigen Nummern sind die typischen Fernverkehrsstrecken. Dazu gehört die A2 als Hauptverkehrsstrecke für Güterverkehr. Sie ist schon immer ein stauanfälliger Streckenabschnitt gewesen und wird es wohl noch lange bleiben. Es gibt dort eben wenig Ausweichmöglichkeiten. Warum gibt es Staus überhaupt? 60 bis 70 Prozent entstehen durch reine Überlastung, der Rest hälftig durch Baustellen und Unfälle, ungefähr zwei Prozent durch widrige Wetterbedingungen. Wie lassen sich Staus verhindern? Ein Tipp ist, nicht die Lücke zum Vordermann zu schließen, damit man nicht stehenbleiben muss, wenn dieser es tut. Die Autobahn zu verlassen lohnt sich nicht, ebenso wenig das Springen von Spur zu Spur. Müssen Autofahrer perspektivisch mit immer mehr und längeren Wartezeiten rechnen? Ja, in den nächsten zehn bis 15 Jahren werden sich die Verkehrsverhältnisse drastisch verschlechtern. Es wird also deutlich mehr Staus geben. Warum? Der Lkw-Verkehr nimmt jährlich um zwei Prozent zu. Das hat Folgen, weil ein Lkw die Straße so stark belastet wie 60.000 Pkw. Auch fehlen heute schon 36.000 Stellplätze für Lastwagen, die immer öfter in Ein- und Ausfahrten der Rasthöfe parken. Ein weiteres Problem sind die Brückenbaustellen. Ihre Anzahl steigt, weil die Behörden die notwendigen Arbeiten vor sich hergeschoben haben. Wird auch der Pkw-Verkehr zunehmen? Jüngere Leute halten sich hierzulande zunehmend fern vom Auto, der innerdeutsche Pkw-Verkehr wird nicht zunehmen. Aber Osteuropäer nutzen gerne deutsche Autobahnen, weil sie vergleichsweise gut ausgebaut und noch mautfrei sind. Wer etwa von Warschau nach Mailand will, fährt über Deutschland. Verspricht der Autobahn-Ausbau auf drei oder vier Spuren eine Entlastung? Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Probleme werden damit lediglich verlagert. Wäre ein Tempolimit auf Autobahnen sinnvoll? Ein Tempolimit ist nur verkehrsabhängig sinnvoll. Eine generelle Beschränkung ist sogar gefährlich. Weshalb? Bei einem Tempolimit von 120 oder 130 auf freier Strecke lässt die Aufmerksamkeit nach. Die Leute fangen an, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen, dem Handy zum Beispiel. Ist Raserei mit über 200 Sachen etwa das geringere Übel? Das ist das andere Extrem. Es wird immer Autofahrer geben, die nicht auf die Straße gehören, ihr Anteil liegt bei zehn Prozent, schätze ich. Ich bin nicht generell für eine Tempobegrenzung, aber 120 oder 130 ist definitiv zu wenig. Vielleicht wäre 160 ein Kompromiss. Was empfehlen Sie Reisenden, die mit dem Auto in die Ferien fahren? Die Zeiten mit einer Kombination aus Berufs- und Urlaubsverkehr sollte man meiden. Also freitagabends lieber erst nach 19 Uhr losfahren. Es empfiehlt sich auch, dann zu fahren, wenn vor den meisten Staus gewarnt wird. Darauf hören viele und die Strecken sind frei. Lesen Sie dazu auch: MT-Serie A2 hautnah: Die vielen Facetten der Autobahn