Minden

Hunderte Schüler demonstrieren in Minden

Henning Wandel

Streik für den Klimaschutz: In Minden haben sich gestern trotz des Nieselregens Hunderte Schüler auf den Weg gemacht. Sie sind teil der europaweiten FridaysForFuture-Bewegung.?MT- - © Foto: Alex Lehn
Streik für den Klimaschutz: In Minden haben sich gestern trotz des Nieselregens Hunderte Schüler auf den Weg gemacht. Sie sind teil der europaweiten FridaysForFuture-Bewegung.?MT- (© Foto: Alex Lehn)

Minden (mt). Die Uhr an der Marienkirche bleibt pünktlich um fünf vor zwölf stehen. Für die Schüler, die auf dem Mindener Markt gegen den Klimawandel demonstrieren, ist dieser symbolische Moment allerdings schon verstrichen. Es ist eher fünf nach zwölf – mindestens. Die Organisatoren des Protests sind überwältigt von dem Zuspruch, den sie an diesem Tag erfahren. Sie hatten mit 500 Menschen gerechnet und die Demo auch in dieser Größenordnung angemeldet. Tatsächlich zählen sie dann aber 1.200 Menschen, sagt Theo aus dem Orga-Team. Die Polizei hatte die Teilnehmerzahl zu Beginn des Zugs um 11.30 Uhr auf etwa 500 geschätzt, diese Zahl später auf 700 korrigiert. Voll war es so oder so.

„Wir haben den Kampf noch nicht gewonnen – aber wir sind dabei, ihn zu gewinnen“, ruft Theo zum Abschluss auf dem Kleinen Domhof mit seinem Megaphon in die Menge. Gemeinsam mit Paul steht er auf der Rundbank unter der Platane. Vor ihm wird die Menge immer größer, weil sich der Tross durch die enge Pulverstraße zwängen muss und entsprechend in die Länge gezogen ist. Noch einmal hallt für ein paar Minuten der Schlachtruf der FridaysForFuture-Bewegung über den Platz: „Wir sind hier, wird sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Mit dabei sind auch viele junge Schüler, auch aus fünften und sechsten Klassen. Manche sind mit der ganzen Klasse da, die Demo ist damit ein Teil des Unterrichts. So hat es das Herdergymnasium gelöst, sagt der stellvertretende Schulleiter Peter Kock. Beurlaubungen habe es nicht gegeben. Schüler, die fehlen, aber nicht mit ihrer Klasse in die Stadt gegangen seien, würden registriert. Auch das Besselgymnasium hat sich für solche Unterrichtsgänge entschieden. Sechs Klassen und einige Oberstufen-Kurse haben sich im Rahmen des Politikunterrichts auf den Weg in die Stadt gemacht, sagt der stellvertretende Schulleiter Andy Kracht. So erhalten die Schüler die Gelegenheit, den Ablauf einer Demonstration zu beobachten und später im Unterricht auch darüber zu sprechen. Die Schulleitung habe diesen Weg gemeinsam mit dem Kollegium abgesprochen, sagt Kracht. Das sei keine Dauerlösung, in diesem Fall handele es sich aber um eine europaweit koordinierte Aktion, so Kracht weiter.

Anfang der Woche erhielten viele Eltern auch Mails mit einem Formular, mit dem sie die Lehrer darum bitten konnten, die Teilnahme ihrer Kinder nicht mit Fehlstunden zu ahnden. Das Anschreiben dazu war von FridaysForFuture-Minden unterzeichnet. Für Cordula Küppers, Schulleiterin am Ratsgymnasium, ist das der falsche Weg. Aus ihrer Sicht mischen sich die Erwachsenen zu früh ein. Sie bleibt bei einem klaren Rollenverständnis: Die Teilnahme an der Demonstration gilt als unentschuldigte Fehlstunde. Dennoch geht sie davon aus, dass sich dieses Mal mehr Schüler vom Rats an der Aktion beteiligen werden als noch vor drei Wochen. Sie will im Anschluss mit den Schülern das Gespräch suchen, die gestreikt haben und gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, das Klima schon im Kleinen zu schützen. Daraus könnte ein eigenes Netz werden, sagt Küppers: Schulen for Future. Was eine unentschuldigte Fehlstunde konkret bedeutet, ist übrigens unklar. Nach Angaben der Schulaufsichtsbehörde sind Sanktionen Sache der Schulleitungen. Es gebe keine automatischen Konsequenzen bei unentschuldigtem Fehlen, sagt der Sprecher der Bezirksregierung Detmold, Andreas Moseke. Auf Abschlusszeugnissen tauche diese Zahl auch nicht auf. Auf Grundlage des Schulgesetzes kann die Schulleitung Ordnungsmaßnahmen ergreifen, wenn Schüler ihre Pflichten verletzen – also auch, wenn sie der Schule fernbleiben. Dann sind die Schulen sogar verpflichtet, auf die Einhaltung der Schulpflicht einzuwirken.

Die Primusschule geht die Sache anders an. Abteilungsleiter Carsten Niemeyer spricht von einer „positiven Einstellung“ zu den FridaysForFuture. Es sei aber wichtig, dass die Schüler auch wüssten, warum sie streiken. Anträge auf Beurlaubung seien überwiegend genehmigt worden, sagt er. Drei Klassen haben sich darüber hinaus im Rahmen eines Wandertages auf den Weg in die Stadt gemacht.

Am Straßenrand gab es viel Zustimmung für die Demonstration, ein Daumen hoch etwa, oder auch nur ein Lächeln. „Wenn die Schüler am Wochenende protestieren würden, würde doch niemand hinhören“, sagt eine Frau. Seit Jahren passiere viel zu wenig. Magdalene und Ehrhardt Wichmann haben gleich ein eigenes Schild gebastelt: Darauf steht ein Aufruf für mehr Solaranlagen auf Mindener Dächern, aber auch eine Ermutigung für die jungen Menschen, die jetzt auf die Straße gehen: „Oma und Opa mit Euch.“

Der Autor ist erreichbarunter (05 71) 882 166 oderHenning.Wandel@MT.de

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