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(© Foto: Alex Lehn)

Standpunkt: Warum einer meiner Söhne demonstrieren darf - und der andere nicht

Nadine Conti

Mein zehnjähriger Sohn hat heute an der ersten Demo seines Lebens teilgenommen. Er hat sich nach der dritten Stunde von seinen Klassenkameraden verabschiedet, sich sein selbstgemaltes Schild unter den Arm geklemmt und ist in den Bus gestiegen, um in die Innenstadt zu fahren. Als Viertklässler. Ganz allein.

Und ja, ich sehe das durchaus mit gemischten Gefühlen. Einerseits unterstütze ich die Position der Fridays-for-Future-Demonstranten inhaltlich absolut. Ich halte es für einen Skandal, dass man sich in westlichen Ländern immer noch den Luxus leistet, darüber zu diskutieren, ob es den Klimawandel überhaupt gibt, wenn alle wissenschaftlichen Beweise längst auf dem Tisch liegen. Und ich halte die derzeitige Klimapolitik für vollkommen unzulänglich. Aber ab wann kann man einem Kind zutrauen, sich eine politische Meinung zu bilden und dafür einzustehen?

Ich war nicht diejenige, die das Thema an den Abendbrotisch gebracht hat. Das tut mein Sohn seit ungefähr einem halben Jahr regelmäßig. Er liest viel, schaut Kindernachrichten und Dokumentationen auf Youtube. Natürlich plappert er dabei vieles einfach nur nach. Ganz bestimmt wäre er nicht in der Lage, eine Diskussion mit dem porschefahrenden Politprofi Christian Lindner zu überstehen. Natürlich muss er auch an seinen eigenen Klimaschutzbeitrag regelmäßig erinnert werden - wenn es etwa darum geht, sich die x-te Caprisonne zu verkneifen oder zu Fuß zum Kumpel zu gehen, statt sich von Mama mit dem Auto kutschieren zu lassen.

Und trotzdem: Darf das in einer Demokratie die Bedingung sein? Sind wir als Erwachsene nicht auch oft inkonsequent? Vertreten wir nicht auch gern mal eine Meinung, treffen Wahlentscheidungen, ohne auf jedem Themengebiet ein absoluter Fachmann zu sein? Das sind die Fragen, die ich mir als Mutter stelle.

Überhaupt kein Problem habe ich mit den zwei Schulstunden, die er für diese Demo nun versäumt. Die Herablassung, die darin liegt, den Kindern zu sagen: "Macht das doch bitte in eurer Freizeit", macht mich wütend. Schon klar: Demonstriert doch mal am Samstag, dann können wir sagen "oh guck, wie niedlich" und freundlich winken und anschließend die Einkaufstüten in den SUV laden und nach Hause fahren, ohne dass die gewohnte Ordnung gestört wird. Nein, damit erreicht man gar nichts. Ich hoffe, dass er zumindest diese Lektion mitnimmt: Dass es wichtig ist, für seine Position einzustehen. Auch - und vor allem dann - wenn das möglicherweise Ärger gibt und man dafür nicht von allen Seiten Beifall bekommt.

Sein kleiner Bruder darf allerdings nicht mit. Der hält das Ganze nämlich nur für eine Riesengaudi und eine willkommene Gelegenheit, den Unterricht sausen zu lassen. Außerdem hat er auf die Brandrede seines Bruders, dass wir möglicherweise "Aussterben wie die Dinosaurier" gesagt: "Macht dann auch einer Filme über uns?"

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Standpunkt: Warum einer meiner Söhne demonstrieren darf - und der andere nichtNadine ContiMein zehnjähriger Sohn hat heute an der ersten Demo seines Lebens teilgenommen. Er hat sich nach der dritten Stunde von seinen Klassenkameraden verabschiedet, sich sein selbstgemaltes Schild unter den Arm geklemmt und ist in den Bus gestiegen, um in die Innenstadt zu fahren. Als Viertklässler. Ganz allein. Und ja, ich sehe das durchaus mit gemischten Gefühlen. Einerseits unterstütze ich die Position der Fridays-for-Future-Demonstranten inhaltlich absolut. Ich halte es für einen Skandal, dass man sich in westlichen Ländern immer noch den Luxus leistet, darüber zu diskutieren, ob es den Klimawandel überhaupt gibt, wenn alle wissenschaftlichen Beweise längst auf dem Tisch liegen. Und ich halte die derzeitige Klimapolitik für vollkommen unzulänglich. Aber ab wann kann man einem Kind zutrauen, sich eine politische Meinung zu bilden und dafür einzustehen? Ich war nicht diejenige, die das Thema an den Abendbrotisch gebracht hat. Das tut mein Sohn seit ungefähr einem halben Jahr regelmäßig. Er liest viel, schaut Kindernachrichten und Dokumentationen auf Youtube. Natürlich plappert er dabei vieles einfach nur nach. Ganz bestimmt wäre er nicht in der Lage, eine Diskussion mit dem porschefahrenden Politprofi Christian Lindner zu überstehen. Natürlich muss er auch an seinen eigenen Klimaschutzbeitrag regelmäßig erinnert werden - wenn es etwa darum geht, sich die x-te Caprisonne zu verkneifen oder zu Fuß zum Kumpel zu gehen, statt sich von Mama mit dem Auto kutschieren zu lassen. Und trotzdem: Darf das in einer Demokratie die Bedingung sein? Sind wir als Erwachsene nicht auch oft inkonsequent? Vertreten wir nicht auch gern mal eine Meinung, treffen Wahlentscheidungen, ohne auf jedem Themengebiet ein absoluter Fachmann zu sein? Das sind die Fragen, die ich mir als Mutter stelle. Überhaupt kein Problem habe ich mit den zwei Schulstunden, die er für diese Demo nun versäumt. Die Herablassung, die darin liegt, den Kindern zu sagen: "Macht das doch bitte in eurer Freizeit", macht mich wütend. Schon klar: Demonstriert doch mal am Samstag, dann können wir sagen "oh guck, wie niedlich" und freundlich winken und anschließend die Einkaufstüten in den SUV laden und nach Hause fahren, ohne dass die gewohnte Ordnung gestört wird. Nein, damit erreicht man gar nichts. Ich hoffe, dass er zumindest diese Lektion mitnimmt: Dass es wichtig ist, für seine Position einzustehen. Auch - und vor allem dann - wenn das möglicherweise Ärger gibt und man dafür nicht von allen Seiten Beifall bekommt. Sein kleiner Bruder darf allerdings nicht mit. Der hält das Ganze nämlich nur für eine Riesengaudi und eine willkommene Gelegenheit, den Unterricht sausen zu lassen. Außerdem hat er auf die Brandrede seines Bruders, dass wir möglicherweise "Aussterben wie die Dinosaurier" gesagt: "Macht dann auch einer Filme über uns?"