Minden

"Wem gehört Minden?": Gesichter einer Branche

Carsten Korfesmeyer

Anton Dschida und Claudia Herziger-Moehlmann (Bürger-Bündnis-Minden. von links) sowie Hartmut Freise und Cornelia Müller-Dieker sehen im Wohnungsmarkt eine grundsätzliche Herausforderungen. Die Voraussetzungen in den einzelnen Kommunen können sehr verschieden sein. MT-Fotos: Alex Lehn
Anton Dschida und Claudia Herziger-Moehlmann (Bürger-Bündnis-Minden. von links) sowie Hartmut Freise und Cornelia Müller-Dieker sehen im Wohnungsmarkt eine grundsätzliche Herausforderungen. Die Voraussetzungen in den einzelnen Kommunen können sehr verschieden sein. MT-Fotos: Alex Lehn

Minden (mt). Das Wohnen geht jeden etwas an. Es gehört zum Alltag, drückt Lebensgefühle aus und spiegelt oft auch den Platz in der Gesellschaft wider. Von der stattlichen Villa bis zur kleinen Mietwohnung reichen die Angebote. Dahinter stehen immer Menschen mit ihren jeweiligen Interessen, Vorlieben, Ansichten oder wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dass die MT-Infoveranstaltung mit Kennern des Immobilienmarktes von Minden, Hille, Petershagen und Porta Westfalica sehr meinungsfreudig ist, steht deshalb rasch fest. MT-Chefredakteur Benjamin Piel und Lokalchefin Monika Jäger führen durch eine muntere Diskussion mit vielen Denkansätzen.

Verborgene Eigentümer

Eugen Pankratz (Wohnhaus, von links), Ulrich Stadtmann (CDU) und Ingo Ellerkamp (SPD) sehen Wohnen mit unterschiedlichen Blicken.
Eugen Pankratz (Wohnhaus, von links), Ulrich Stadtmann (CDU) und Ingo Ellerkamp (SPD) sehen Wohnen mit unterschiedlichen Blicken.

Das MT-Projekt „Wem gehört Minden?" läuft erst seit wenigen Wochen, doch es zeigt schon jetzt, dass der Immobilienmarkt in Bewegung ist. MT-Recherchen haben beispielsweise ergeben, dass es in Minden nicht nur Geschäftshäuser mit zahlreichen Eigentümern gibt, die teilweise auf der ganzen Welt verstreut leben, sondern auch Wohn-Immobilien. International agierende Firmen stecken hinter Immobilien, die häufig Spekulationsobjekte oder Teile eines Gesamtpakets sind. Gibt es das auch auf dem Mindener Wohnungsmarkt? Das Recherchezentrum Correctiv fand heraus, dass beispielsweise Pensionskassen aus Skandinavien als Vermieter in Deutschland unterwegs sind. Ob das auch in Minden so ist, könnte die große Bürgerrecherche ergeben.

Information

MT-Stadtgespräch im Preußen-Museum

Unter dem Titel „Land-erholt? Stadt-verwöhnt?" lädt das Mindener Tageblatt zur Diskussion über Wohnen und Leben in der Region ein.

Das MT-Stadtgespräch ist am Montag, 18. März, ab 18 Uhr im Ständersaal des Preußen-Museums. Der Eintritt ist frei.

Dabei wird es unter anderem um eine Situationsbestimmung gehen. Wie planbar ist die urbane Zukunft? Wie realistisch sind Träume von einer „smarten" Stadt? Wie umfassend können Stadtplaner E-Mobilität, Infrastruktur, Demografie in ihre Arbeit mit einbeziehen? Welche Rolle spielen dabei Land und Bund?

Weiterere Aspekt des Abends: Stadt und Land in Konkurrenz – Wo lebt es sich am besten? Geplant ist ein Streitgespräch mit Vertretern aus Minden, Porta Westfalica, Hille und Petershagen. Wo ist oder wäre Zusammenarbeit sinnvoll? Wie scharf ist die Konkurrenz?

Manche leben auf hunderten von Quadratmetern, anderen reicht ein Zimmer in einer WG. Was hat Wohnen mit Glück zu tun? Ein weiteres Thema für den Abend im Ständersaal.

Schließlich soll es unter „Eigentum verpflichtet – Mieten auch" um bisweilen schwierige Beziehungen gehen.

Passend zur Aktion „Wem gehört Minden?" beschließen Justus von Daniels (Recherchezentrum Correctiv) und MT-Chefredakteur Benjamin Piel den Abend mit einem Gespräch darüber, warum es überhaupt wichtig ist, wem die Stadt gehört.

Die Moderation übernehmen zudem Oliver Plöger und Monika Jäger.

Hilles Bürgermeister Michael Schweiß (SPD, von links) hält ers für ein Problem
Hilles Bürgermeister Michael Schweiß (SPD, von links) hält ers für ein Problem

Der ländliche Raum

Ziel des MT-Projekts ist auch, von weiteren komplexen Eigentümerverhältnissen zu erfahren und somit für mehr Transparenz auf dem Immobilienmarkt zu sorgen. Dass große Firmen über Gebäudekomplexe herrschen, scheint allerdings eher in größeren Städten der Fall zu sein. „Probleme in diesem Ausmaß haben wir nicht", sagt Portas Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos). In Zeiten drohender Altersarmut mache man sich in seiner Stadt eher Sorgen um bezahlbaren Wohnraum. Immobilien gebe es zwar, aber meist liegen diese im oberen Preissegment. Für den Durchschnittsbürger seien diese nicht finanzierbar. „Wir brauchen zusätzliche Angebote zum Sozialen Wohnungsbau", sagt Portas Verwaltungschef.

Sein Hiller Amtskollege äußert sich ähnlich, sieht für ländlich geprägte Kommunen aber noch ein weiteres Problem. „Zum Beispiel, dass viele junge Leute in Hille keine Arbeit mehr finden", sagt Michael Schweiß (SPD). In der strategischen Ausrichtung seiner Gemeinde sei deshalb verankert, jungen Familien einen attraktiven Wohnraum bieten zu können. Der Hiller Bürgermeister nennt als Beispiel das Projekt „Jung kauft Alt", in dem der Kauf bestehender Immobilien gefördert wird. Es sei wichtig, Menschen ein Angebot zu machen, die sich in der Phase zwischen dem Wohnen im eigenen Haushalt und dem Seniorenheim befinden. „So etwas bauen wir jetzt in Hartum."

Bezahlbares Wohnen

Diakonie-Geschäftsführer Christian Schultz sieht darin ein zentrales Thema. Aus seiner Erfahrung wisse er, wie wichtig es den meisten Menschen ist, das gewohnte Umfeld zu behalten. In dieser Hinsicht Möglichkeiten zu schaffen, sei auch eine Aufgabe für die Quartiersentwicklung. „Wir dürfen nicht entwurzeln", sagt er. Im Barkhauser Römerlager entstehe beispielsweise ein behindertengerechtes Objekt in zentraler Lage, das diesen Ansprüchen gerecht werde. Auch Schultz erkennt in der Bezahlbarkeit eine Herausforderung – und Thorsten Post vom Verein Haus und Grund sieht für mehr günstigen Wohnraum nur wenig bis gar keine Chancen. „Wo soll der denn bitte herkommen?", fragt er.

Eine eindeutige Antworte bekommt der Haus-und-Grund-Chef nicht, lenkt das Gespräch allerdings in Richtung Förderprogramme. Die reichen nach Worten des Mindener Stadtverordneten Peter Kock (SPD) „hinten und vorne nicht". Die Projekte seien außerdem zu langwierig und somit nicht geeignet, auf kurzfristige Entwicklungen zu reagieren. „Beispielsweise, wenn junge Menschen dringend Wohnraum brauchen". Kock, aber auch die Mindener Stadtverordnete Claudia Herziger-Moehlmann (Bürger-Bündnis Minden) sehen die Gesellschaften in der Pflicht, um den Sozialen Wohnungsbau in Minden und Umgebung voran zu bringen.

Sozialer Wohnungsbau

Die reagieren eher zurückhaltend. GSW-Vorstand Bernd Hausmann hält diesen Begriff für schwer definierbar. Die Ansprüche seien unterschiedlich und größere Familien brauchen mehr Platz als Singles. „Es gibt keine eindeutigen Personenkreise", sagt er. Die GSW baue Wohnungen bedarfsgerecht um – und mache auch schon mal aus zwei kleinen eine große. Eugen Pankratz von der Mindener Wohnhaus sieht das Kernproblem weniger in der Bezahlbarkeit als in der Verfügbarkeit. Auch Beigeordneter Lars Bursian sieht im Finanziellen nicht die höchste Hürde. „Das Wohnen in Minden ist noch vergleichsweise günstig", sagt er. Und Hartmut Freise (FDP) regt an, den Blick auch mal auf die Menschen zu richten, die teurere Wohnungen bezahlen können und dennoch keine passenden finden.

Vermieter-Vertreter nennen noch Gründe, warum es schwer sein kann, einen Mietvertrag zu bekommen. Ein Schufa-Eintrag kann beispielsweise ein Hindernis sein, ebenso, wenn man einen oder mehrere Kampfhunde mit in die Wohnung bringen will. Vermieter wollten eben ihr Eigentum schützen.

Wohnungslosigkeit

„Da ist Umdenken gefordert", sagt Elke Entgelmeier, die im Rudolf-Winzer-Haus der Diakonie für die stationäre Wohnungslosenhilfe zuständig ist. Aus ihrem beruflichen Alltag weiß sie, dass es in Minden für diese Menschen zurzeit so gut wie unmöglich ist, wieder eine Wohnung zu bekommen. Nicola von der Ahe, die mit dem Espelkamper „Hexenhaus" eine Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen bietet, sieht es auch so. Schnell und unbürokratisch müsse geholfen werden, damit Betroffene aus dem Teufelskreis ausbrechen können. In die Situation könne man schnell geraten – und fehle den Menschen eine Perspektive sei Verzweiflung die Folge. „Manche drohen sogar, in den Kanal zu gehen."

Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 683 oderCarsten.Korfesmeyer@MT.de

Copyright © Mindener Tageblatt 2019
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem Abo oder Tagespass möglich.

Minden"Wem gehört Minden?": Gesichter einer BrancheCarsten KorfesmeyerMinden (mt). Das Wohnen geht jeden etwas an. Es gehört zum Alltag, drückt Lebensgefühle aus und spiegelt oft auch den Platz in der Gesellschaft wider. Von der stattlichen Villa bis zur kleinen Mietwohnung reichen die Angebote. Dahinter stehen immer Menschen mit ihren jeweiligen Interessen, Vorlieben, Ansichten oder wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dass die MT-Infoveranstaltung mit Kennern des Immobilienmarktes von Minden, Hille, Petershagen und Porta Westfalica sehr meinungsfreudig ist, steht deshalb rasch fest. MT-Chefredakteur Benjamin Piel und Lokalchefin Monika Jäger führen durch eine muntere Diskussion mit vielen Denkansätzen. Verborgene Eigentümer Das MT-Projekt „Wem gehört Minden?" läuft erst seit wenigen Wochen, doch es zeigt schon jetzt, dass der Immobilienmarkt in Bewegung ist. MT-Recherchen haben beispielsweise ergeben, dass es in Minden nicht nur Geschäftshäuser mit zahlreichen Eigentümern gibt, die teilweise auf der ganzen Welt verstreut leben, sondern auch Wohn-Immobilien. International agierende Firmen stecken hinter Immobilien, die häufig Spekulationsobjekte oder Teile eines Gesamtpakets sind. Gibt es das auch auf dem Mindener Wohnungsmarkt? Das Recherchezentrum Correctiv fand heraus, dass beispielsweise Pensionskassen aus Skandinavien als Vermieter in Deutschland unterwegs sind. Ob das auch in Minden so ist, könnte die große Bürgerrecherche ergeben. Der ländliche Raum Ziel des MT-Projekts ist auch, von weiteren komplexen Eigentümerverhältnissen zu erfahren und somit für mehr Transparenz auf dem Immobilienmarkt zu sorgen. Dass große Firmen über Gebäudekomplexe herrschen, scheint allerdings eher in größeren Städten der Fall zu sein. „Probleme in diesem Ausmaß haben wir nicht", sagt Portas Bürgermeister Bernd Hedtmann (parteilos). In Zeiten drohender Altersarmut mache man sich in seiner Stadt eher Sorgen um bezahlbaren Wohnraum. Immobilien gebe es zwar, aber meist liegen diese im oberen Preissegment. Für den Durchschnittsbürger seien diese nicht finanzierbar. „Wir brauchen zusätzliche Angebote zum Sozialen Wohnungsbau", sagt Portas Verwaltungschef. Sein Hiller Amtskollege äußert sich ähnlich, sieht für ländlich geprägte Kommunen aber noch ein weiteres Problem. „Zum Beispiel, dass viele junge Leute in Hille keine Arbeit mehr finden", sagt Michael Schweiß (SPD). In der strategischen Ausrichtung seiner Gemeinde sei deshalb verankert, jungen Familien einen attraktiven Wohnraum bieten zu können. Der Hiller Bürgermeister nennt als Beispiel das Projekt „Jung kauft Alt", in dem der Kauf bestehender Immobilien gefördert wird. Es sei wichtig, Menschen ein Angebot zu machen, die sich in der Phase zwischen dem Wohnen im eigenen Haushalt und dem Seniorenheim befinden. „So etwas bauen wir jetzt in Hartum." Bezahlbares Wohnen Diakonie-Geschäftsführer Christian Schultz sieht darin ein zentrales Thema. Aus seiner Erfahrung wisse er, wie wichtig es den meisten Menschen ist, das gewohnte Umfeld zu behalten. In dieser Hinsicht Möglichkeiten zu schaffen, sei auch eine Aufgabe für die Quartiersentwicklung. „Wir dürfen nicht entwurzeln", sagt er. Im Barkhauser Römerlager entstehe beispielsweise ein behindertengerechtes Objekt in zentraler Lage, das diesen Ansprüchen gerecht werde. Auch Schultz erkennt in der Bezahlbarkeit eine Herausforderung – und Thorsten Post vom Verein Haus und Grund sieht für mehr günstigen Wohnraum nur wenig bis gar keine Chancen. „Wo soll der denn bitte herkommen?", fragt er. Eine eindeutige Antworte bekommt der Haus-und-Grund-Chef nicht, lenkt das Gespräch allerdings in Richtung Förderprogramme. Die reichen nach Worten des Mindener Stadtverordneten Peter Kock (SPD) „hinten und vorne nicht". Die Projekte seien außerdem zu langwierig und somit nicht geeignet, auf kurzfristige Entwicklungen zu reagieren. „Beispielsweise, wenn junge Menschen dringend Wohnraum brauchen". Kock, aber auch die Mindener Stadtverordnete Claudia Herziger-Moehlmann (Bürger-Bündnis Minden) sehen die Gesellschaften in der Pflicht, um den Sozialen Wohnungsbau in Minden und Umgebung voran zu bringen. Sozialer Wohnungsbau Die reagieren eher zurückhaltend. GSW-Vorstand Bernd Hausmann hält diesen Begriff für schwer definierbar. Die Ansprüche seien unterschiedlich und größere Familien brauchen mehr Platz als Singles. „Es gibt keine eindeutigen Personenkreise", sagt er. Die GSW baue Wohnungen bedarfsgerecht um – und mache auch schon mal aus zwei kleinen eine große. Eugen Pankratz von der Mindener Wohnhaus sieht das Kernproblem weniger in der Bezahlbarkeit als in der Verfügbarkeit. Auch Beigeordneter Lars Bursian sieht im Finanziellen nicht die höchste Hürde. „Das Wohnen in Minden ist noch vergleichsweise günstig", sagt er. Und Hartmut Freise (FDP) regt an, den Blick auch mal auf die Menschen zu richten, die teurere Wohnungen bezahlen können und dennoch keine passenden finden. Vermieter-Vertreter nennen noch Gründe, warum es schwer sein kann, einen Mietvertrag zu bekommen. Ein Schufa-Eintrag kann beispielsweise ein Hindernis sein, ebenso, wenn man einen oder mehrere Kampfhunde mit in die Wohnung bringen will. Vermieter wollten eben ihr Eigentum schützen. Wohnungslosigkeit „Da ist Umdenken gefordert", sagt Elke Entgelmeier, die im Rudolf-Winzer-Haus der Diakonie für die stationäre Wohnungslosenhilfe zuständig ist. Aus ihrem beruflichen Alltag weiß sie, dass es in Minden für diese Menschen zurzeit so gut wie unmöglich ist, wieder eine Wohnung zu bekommen. Nicola von der Ahe, die mit dem Espelkamper „Hexenhaus" eine Anlaufstelle für Menschen in Krisensituationen bietet, sieht es auch so. Schnell und unbürokratisch müsse geholfen werden, damit Betroffene aus dem Teufelskreis ausbrechen können. In die Situation könne man schnell geraten – und fehle den Menschen eine Perspektive sei Verzweiflung die Folge. „Manche drohen sogar, in den Kanal zu gehen." Der Autor ist erreichbar unter Telefon (05 71) 882 683 oderCarsten.Korfesmeyer@MT.de