Minden

Mindener möchte Haus in der oberen Altstadt in gute Hände abgeben

Stefan Koch

Über viele Jahrzehnte hinweg wurden notwendige Erhaltungsmaßnahmen der Immobilie unterlassen. Jetzt kostet die Sanierung ein Vermögen. MT- - © Foto: Stefan Koch
Über viele Jahrzehnte hinweg wurden notwendige Erhaltungsmaßnahmen der Immobilie unterlassen. Jetzt kostet die Sanierung ein Vermögen. MT- (© Foto: Stefan Koch)

Minden (mt). „Verkäufliche Baudenkmäler in Westfalen-Lippe" lautet der Titel einer Internetseite des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), auf der er Immobilien der besonderen Art anpreist. Es sind Oldtimer aus Holz und Stein und sie stehen in Steinfurt, Bad Holzhausen, Burbach, Meschede oder Beverungen. Sie haben mehrere Hundert Jahre hinter sich und eine ungewisse Zukunft vor sich. Oft muten ihre Preise lächerlich gering an, denn ein Vermöglich ist mitunter erforderlich, sie wieder bewohnbar zu machen. Das wohl erbarmungswürdigste Haus unter ihnen befindet sich in Minden an der Videbullenstraße 17. Seit 2002 steht es leer. Ein Mindener, der in diesem Zusammenhang seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat es vor vier Jahren erworben. Warum?

„Ich habe das Haus gekauft, weil ich möchte, dass Wohnen mit Freude in der oberen Altstadt möglich bleibt", sagt der Pensionär. Dazu sei es erforderlich, die Immobilie mit Leben zu erfüllen." Er selbst werde zwar nicht mehr das Gebäude auf eigene Kosten sanieren, meint der 65-Jährige. Er wolle es aber an solche Interessenten abgeben, die es für eine verträgliche urbane Nutzung in Betracht ziehen.

Die Baugeschichte der Immobilie geht weit in das 16. und 17. Jahrhundert zurück. Bevor das Leben sie verließ, gehörte sie einer Bauherrengemeinschaft. Fünf Familien lebten noch in den 90er-Jahren in dem verwinkelten Objekt, das damals eine Wohnfläche von 250 Quadratmetern hatte.

Nach dem Auszug stand es leer. Vandalen warfen die Scheiben ein. Weil jahrzehntelang erforderliche Sanierungsmaßnahmen unterblieben waren, litt die Bausubstanz zusätzlich. Undichte Bäder sorgten dafür, dass Wasser ins Gebälk eindringen konnte. Statisch wichtige Bauelemente in der Dachkonstruktion waren entfernt worden, so dass der Dachstuhl abgesackte und Treppen in einen instabilen Zustand gerieten. Weil sich niemand mehr um eine witterungssichere Dacheindeckung kümmerte, trug der Regen zu Schäden in der Decke bei. „Jedes Jahre gebe ich rund 1.000 Euro allein an laufenden Kosten für das Haus aus", sagt der Eigentümer. Hinzu kämen noch Kosten für Handwerker zur Sicherung der Bausubstanz. Der Mindener kann sich vorstellen, dass nach einer Sanierung junge Familien in das Gebäude einziehen. Aber auch eine andere Nutzung wie beispielsweise Seniorenwohnen mit mehreren Parteien hält er für möglich. Weniger sinnvoll erscheint dem Eigentümer des Haus-Oldtimers eine studentische Nutzung, denn: „Vor allem ist mir wichtig, dass Wohnen mit einer Nachbarschaft entsteht und die Menschen, die hier leben, nicht in einem anonymen und befristeten Kontakt miteinander stehen." Deshalb seien Studenten eher eine nachrangige Lösung. Und eine gewerbliche Nutzung schließe er völlig aus. „Dazu gibt es keine Parkplätze und es käme zuviel Verkehr in die Altstadt."

Vor einigen Jahren hatte der Eigentümer sein zweieinhalbstöckiges Dielenhaus bei dem Online-Marktplatz eBay eingestellt. Mehr als 3.000 Nutzer hatten sich auf der Immobilienseite das Haus angeschaut. Nur fünf Interessenten kamen dann tatsächlich vorbei. Es waren Immobilienhändler, aber auch Privatpersonen. „Alle waren begeistert, als sie das Haus sahen", erinnert sich der Eigentümer. „Nach dem Besichtigungstermin hat sich aber niemand mehr gemeldet." Zuviel müsse in dem Haus gemacht werden, das habe wohl am Ende alle abgeschreckt.

Auch wenn der Mindener die Immobilie vor äußeren Witterungseinflüssen und statischen Gefahren schützt, sieht ihr Inneres nicht einladend aus. Es fehlen Türen. Bodenbeläge sind herausgerissen und die Wände bestehen zum Teil aus nacktem Backstein. Abflussrohre leiten auf abenteuerliche Weise das Regenwasser ab. Bauschutt liegt auf allen Stockwerken im Weg. Holzdecken, von denen der Putz abbröckelt, hängen durch und haben Löcher.

Zwei grobe Entwürfe einer möglichen Sanierung hat der Eigentümer bereits von einer Architektin anfertigen lassen. Er bekennt, dass mittlerweile eine Mindestsumme in Höhe von 600.000 Euro erforderlich sei, um die Immobilie weiterhin nutzen zu können. „Diese Kosten sind sehr hoch." Ein Abriss und ein Neubau wären unter solchen Umständen natürlich wesentlich preisgünstiger – aber das Haus stehe unter Denkmalschutz.

Als Kaufpreis für das Objekt gibt der LWL auf seiner Homepage 15.000 Euro und für Kontaktzwecke die E-Mail-Adresse vibumi@ewe.net an. Das Altstadthaus könne auch für mehrere Parteien in Eigentumswohnungen geteilt werden, heißt es. Statikschäden machten eine Instandsetzung von Fachleute notwendig.

Hintergrund

Das Gelände des Hauses Videbullenstraße 17 wurde als weitläufiger Hof wohl schon im 13. Jahrhundert besiedelt. Seit 1284 ist es im Besitz von St. Martini und später als Pachtland vom Stift angegeben.

Das heute erhaltene Dielenhaus aus der Zeit des 16./17. Jahrhunderts weist zahlreiche Details auf und ist ein Beispiel bürgerlichen Wohnens und Wirtschaftens einer großen Hausgemeinschaft. 1783 wurde es nach einem Eigentümerwechsel aufgrund großer Bauschäden saniert.

Der Maurermeister C. Bernhard erweiterte 1825 als neuer Eigentümer das Haus im rückwärtigen Bereich erheblich. Sein Name steht dort über einem Eingang im hinteren Teil des Hauses. Bei einem weiteren Ausbau um 1830 kam ein Stallgebäude hinzu.

1895 schloss die Stadt Minden das Haus an die Entwässerung an; 1924 kam die Kanalisation hinzu. Im Jahr 1929 baute der damalige Eigentümer die dritt Etage des zweiten Hinterhauses wegen Baufälligkeit ab.

1991 trug die Stadt das Haus in ihre Denkmalliste ein.Quelle: Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen

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MindenMindener möchte Haus in der oberen Altstadt in gute Hände abgebenStefan KochMinden (mt). „Verkäufliche Baudenkmäler in Westfalen-Lippe" lautet der Titel einer Internetseite des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), auf der er Immobilien der besonderen Art anpreist. Es sind Oldtimer aus Holz und Stein und sie stehen in Steinfurt, Bad Holzhausen, Burbach, Meschede oder Beverungen. Sie haben mehrere Hundert Jahre hinter sich und eine ungewisse Zukunft vor sich. Oft muten ihre Preise lächerlich gering an, denn ein Vermöglich ist mitunter erforderlich, sie wieder bewohnbar zu machen. Das wohl erbarmungswürdigste Haus unter ihnen befindet sich in Minden an der Videbullenstraße 17. Seit 2002 steht es leer. Ein Mindener, der in diesem Zusammenhang seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat es vor vier Jahren erworben. Warum? „Ich habe das Haus gekauft, weil ich möchte, dass Wohnen mit Freude in der oberen Altstadt möglich bleibt", sagt der Pensionär. Dazu sei es erforderlich, die Immobilie mit Leben zu erfüllen." Er selbst werde zwar nicht mehr das Gebäude auf eigene Kosten sanieren, meint der 65-Jährige. Er wolle es aber an solche Interessenten abgeben, die es für eine verträgliche urbane Nutzung in Betracht ziehen. Die Baugeschichte der Immobilie geht weit in das 16. und 17. Jahrhundert zurück. Bevor das Leben sie verließ, gehörte sie einer Bauherrengemeinschaft. Fünf Familien lebten noch in den 90er-Jahren in dem verwinkelten Objekt, das damals eine Wohnfläche von 250 Quadratmetern hatte. Nach dem Auszug stand es leer. Vandalen warfen die Scheiben ein. Weil jahrzehntelang erforderliche Sanierungsmaßnahmen unterblieben waren, litt die Bausubstanz zusätzlich. Undichte Bäder sorgten dafür, dass Wasser ins Gebälk eindringen konnte. Statisch wichtige Bauelemente in der Dachkonstruktion waren entfernt worden, so dass der Dachstuhl abgesackte und Treppen in einen instabilen Zustand gerieten. Weil sich niemand mehr um eine witterungssichere Dacheindeckung kümmerte, trug der Regen zu Schäden in der Decke bei. „Jedes Jahre gebe ich rund 1.000 Euro allein an laufenden Kosten für das Haus aus", sagt der Eigentümer. Hinzu kämen noch Kosten für Handwerker zur Sicherung der Bausubstanz. Der Mindener kann sich vorstellen, dass nach einer Sanierung junge Familien in das Gebäude einziehen. Aber auch eine andere Nutzung wie beispielsweise Seniorenwohnen mit mehreren Parteien hält er für möglich. Weniger sinnvoll erscheint dem Eigentümer des Haus-Oldtimers eine studentische Nutzung, denn: „Vor allem ist mir wichtig, dass Wohnen mit einer Nachbarschaft entsteht und die Menschen, die hier leben, nicht in einem anonymen und befristeten Kontakt miteinander stehen." Deshalb seien Studenten eher eine nachrangige Lösung. Und eine gewerbliche Nutzung schließe er völlig aus. „Dazu gibt es keine Parkplätze und es käme zuviel Verkehr in die Altstadt." Vor einigen Jahren hatte der Eigentümer sein zweieinhalbstöckiges Dielenhaus bei dem Online-Marktplatz eBay eingestellt. Mehr als 3.000 Nutzer hatten sich auf der Immobilienseite das Haus angeschaut. Nur fünf Interessenten kamen dann tatsächlich vorbei. Es waren Immobilienhändler, aber auch Privatpersonen. „Alle waren begeistert, als sie das Haus sahen", erinnert sich der Eigentümer. „Nach dem Besichtigungstermin hat sich aber niemand mehr gemeldet." Zuviel müsse in dem Haus gemacht werden, das habe wohl am Ende alle abgeschreckt. Auch wenn der Mindener die Immobilie vor äußeren Witterungseinflüssen und statischen Gefahren schützt, sieht ihr Inneres nicht einladend aus. Es fehlen Türen. Bodenbeläge sind herausgerissen und die Wände bestehen zum Teil aus nacktem Backstein. Abflussrohre leiten auf abenteuerliche Weise das Regenwasser ab. Bauschutt liegt auf allen Stockwerken im Weg. Holzdecken, von denen der Putz abbröckelt, hängen durch und haben Löcher. Zwei grobe Entwürfe einer möglichen Sanierung hat der Eigentümer bereits von einer Architektin anfertigen lassen. Er bekennt, dass mittlerweile eine Mindestsumme in Höhe von 600.000 Euro erforderlich sei, um die Immobilie weiterhin nutzen zu können. „Diese Kosten sind sehr hoch." Ein Abriss und ein Neubau wären unter solchen Umständen natürlich wesentlich preisgünstiger – aber das Haus stehe unter Denkmalschutz. Als Kaufpreis für das Objekt gibt der LWL auf seiner Homepage 15.000 Euro und für Kontaktzwecke die E-Mail-Adresse vibumi@ewe.net an. Das Altstadthaus könne auch für mehrere Parteien in Eigentumswohnungen geteilt werden, heißt es. Statikschäden machten eine Instandsetzung von Fachleute notwendig. Hintergrund Das Gelände des Hauses Videbullenstraße 17 wurde als weitläufiger Hof wohl schon im 13. Jahrhundert besiedelt. Seit 1284 ist es im Besitz von St. Martini und später als Pachtland vom Stift angegeben. Das heute erhaltene Dielenhaus aus der Zeit des 16./17. Jahrhunderts weist zahlreiche Details auf und ist ein Beispiel bürgerlichen Wohnens und Wirtschaftens einer großen Hausgemeinschaft. 1783 wurde es nach einem Eigentümerwechsel aufgrund großer Bauschäden saniert. Der Maurermeister C. Bernhard erweiterte 1825 als neuer Eigentümer das Haus im rückwärtigen Bereich erheblich. Sein Name steht dort über einem Eingang im hinteren Teil des Hauses. Bei einem weiteren Ausbau um 1830 kam ein Stallgebäude hinzu. 1895 schloss die Stadt Minden das Haus an die Entwässerung an; 1924 kam die Kanalisation hinzu. Im Jahr 1929 baute der damalige Eigentümer die dritt Etage des zweiten Hinterhauses wegen Baufälligkeit ab. 1991 trug die Stadt das Haus in ihre Denkmalliste ein.Quelle: Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen