Minden

Kamipo-Büttenrede vom Rampenloch zu Haushaltslöchern

Michael Grundmeier

- © Michael Grundmeier
(© Michael Grundmeier)

Minden (mig). Wieso in die Ferne schweifen . . . tollen Karneval gibts auch in Minden! Den Beweis lieferte die Kamipo mit einer grandiosen Prunksitzung im „Victoria Hotel“. Rund 250 Gäste feierten das Leben, die Tollitäten und eine Abordnung der „Weserspucker“. „Habt ihr euch verirrt?“.

Köln? Düsseldorf? Eine super Prunksitzung mit allem Drum und Dran gibt es auch in Minden. Die „Kamipo“, sprich: die „Erste Karnevalsgesellschaft Minden-Porta“, hat auch in diesem Jahr wieder eine rundum gelungene Veranstaltung hingelegt. Mit einem tollen Programm und gut gelaunten Gästen.

Prunksitzung der Kamipo (Plus-Inhalt)

„Ich komme immer wieder gerne hierher“, meint Maik Köpper, der sich an diesem Abend als Schlagersänger verkleidet hat. Er habe zwar auch schon in Köln Karneval gefeiert – „das war wirklich beeindruckend“ – aber zu Hause mache das Feiern einfach mehr Spaß. Schade sei nur, dass sich nicht ganz Minden für den Karneval begeistern ließe. „Es wäre toll, wenn wir einen Straßenkarneval hätten – das wäre das Tüpfelchen auf dem I.“

- © Michael Grundmeier
(© Michael Grundmeier)

Vorstandsmitglied Daniel Massing ist da eher skeptisch. „Toll wäre das schon – aber die Kosten sind enorm hoch.“ Die Idee sei zwar super, aber eher Zukunftsmusik. „Wir wollen, dass alle zusammen feiern und Spaß haben“ – ob das draußen oder drinnen passiere, sei erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger sei der Kamipo, dass Alt und Jung, arm und reich zusammen feierten.

Punkt 20.11 Uhr ist es soweit: Konfetti, Musik – der Elferrat zieht ein. Die Gäste winken und rufen. Endlich kann die lange erwartete Prunksitzung, für viele der Höhepunkt der Session, kann beginnen. Erster Höhepunkt ist die Büttenrede eines Politikers. Präsident Udo Hirschfelder bittet Harald Steinmetz (als Ersatz für Egon Stellbrink) nach vorne.

Schnell zeigt sich, dass Steinmetz mehr ist als ein „Ersatzmann“. Seine lustigen, selbstironische Einwürfe („euer Oberdepp“) kommen gut an, hier ist ganz offensichtlich ein Meister vom Himmel gefallen. Er habe nur wenig Zeit für seine Rede gehabt, bittet er gleich zu Anfang um Entschuldigung. Das entpuppt sich aber schnell als geschicktes Understatement. Denn schon seine ersten Zeilen haben eine fast schon literarische Qualität: „Mir klappern die Zähne, es schwankt das Knie, so aufgeregt war ich noch nie. Mit leerem Kopf, die Augen blau, die Nase tropft, der Bauch ist flau, Schweiß auf der Stirn, die Hose nass. So steh ich hier, und ihr habt Spaß“. Steinmetz, der Wortmetz. Ein Sprachzauberer par excellence.

Einiges zu sagen hat Steinmetz auch zum Thema Politik. „An Politik in unserer Zeit sind nicht mehr alle hocherfreut. Hohe Schulden, leere Kassen, dies ist kaum mehr noch zu fassen. Wir müssen sparen noch und nöcher. Selbst Straßen ham schon Haushaltslöcher. Alles Schuld der Politik, so lautet die Pauschalkritik, auch von unserer Tagespresse gibts gehörig auf die Fresse.“ Detailliert geht Steinmetz dann auf verschiedene „Aufreger-Themen“ ein: „Wo bleibt das Kino, wo soll es stehen? In Minden ist noch nichts zu sehen. Und auch die Obermarktpassage, wird langsam zuner Kaufblamage. Kein Lobi mehr, das Geld ist alle, das wars auch mit der Multihalle. Und noch dazu, welch großer Schreck, unser Rampenloch ist weg. So muss wer will, ihr glaubt es nicht, statt Rampenloch zum Straßenstrich.“ Und Stichwort: „Leerstand“. „Die Politik hat keinen Plan, der eine sieht den anderen an. Und alle tun sich damit schwer, schnell muss jetzt ein Investor her. Denn bei der verflixten Chose, gibts im Rat nur noch ratlose.“ Danach Gelächter und viel Applaus, vielleicht muss Steinmetz jetzt jedes Jahr kommen.

Richtig Laune macht auch das „Kulturprogramm“: die Choreografien der Tanzgarde, der Kindergarde, der „Sprinkle Stars“ und des Tanzmariechens („Ich krieg schon beim Zugucken eine Zerrung“). Die Musik der „Kultis“ und die Gags von „Barbara“, einer trutschigen „Oma“. Apropos Barbara: Die setzte nicht nur gleich mehrere Gäste und Honoratioren (darunter Kinderprinz Leon I.) auf ein Minifahrrad, sondern lieferte sich auch eine kleine „Fehde“ mit Harald Steinmetz. „Du bist doch von der Mindener Initiative, wollen wir mal fragen, wer die hier wählt?“, rief sie ihm zu. Als ein Gast bekannte, auch nichts über die Initiative zu wissen, legte sie nach: „Wenn einer, der seit 50 Jahren hier lebt deine Initiative nicht kennt, hat er sein Kreuz nicht bei dir gemacht.“ Später dann, bei einem gemeinsamen Foto mit Steinmetz: „Kommen wir jetzt in die Zeitung? Dann schreiben Sie bitte unter das Foto, dass sie die Mindener Initiative wählen sollen.“ Richtig auf die Ohren gab es dann von den „Kultis“, einem verrückt kostümierten Haufen. „Udo Lindenberg“ besang den „Sonderzug nach Pankow“, Mireille Matthieu „Tulpen aus Amsterdam“. Ein herrlicher Spaß.

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MindenKamipo-Büttenrede vom Rampenloch zu HaushaltslöchernMichael GrundmeierMinden (mig). Wieso in die Ferne schweifen . . . tollen Karneval gibt’s auch in Minden! Den Beweis lieferte die Kamipo mit einer grandiosen Prunksitzung im „Victoria Hotel“. Rund 250 Gäste feierten das Leben, die Tollitäten und eine Abordnung der „Weserspucker“. „Habt ihr euch verirrt?“. Köln? Düsseldorf? Eine super Prunksitzung mit allem Drum und Dran gibt es auch in Minden. Die „Kamipo“, sprich: die „Erste Karnevalsgesellschaft Minden-Porta“, hat auch in diesem Jahr wieder eine rundum gelungene Veranstaltung hingelegt. Mit einem tollen Programm und gut gelaunten Gästen. „Ich komme immer wieder gerne hierher“, meint Maik Köpper, der sich an diesem Abend als Schlagersänger verkleidet hat. Er habe zwar auch schon in Köln Karneval gefeiert – „das war wirklich beeindruckend“ – aber zu Hause mache das Feiern einfach mehr Spaß. Schade sei nur, dass sich nicht ganz Minden für den Karneval begeistern ließe. „Es wäre toll, wenn wir einen Straßenkarneval hätten – das wäre das Tüpfelchen auf dem I.“ Vorstandsmitglied Daniel Massing ist da eher skeptisch. „Toll wäre das schon – aber die Kosten sind enorm hoch.“ Die Idee sei zwar super, aber eher Zukunftsmusik. „Wir wollen, dass alle zusammen feiern und Spaß haben“ – ob das draußen oder drinnen passiere, sei erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger sei der Kamipo, dass Alt und Jung, arm und reich zusammen feierten. Punkt 20.11 Uhr ist es soweit: Konfetti, Musik – der Elferrat zieht ein. Die Gäste winken und rufen. Endlich kann die lange erwartete Prunksitzung, für viele der Höhepunkt der Session, kann beginnen. Erster Höhepunkt ist die Büttenrede eines Politikers. Präsident Udo Hirschfelder bittet Harald Steinmetz (als Ersatz für Egon Stellbrink) nach vorne. Schnell zeigt sich, dass Steinmetz mehr ist als ein „Ersatzmann“. Seine lustigen, selbstironische Einwürfe („euer Oberdepp“) kommen gut an, hier ist ganz offensichtlich ein Meister vom Himmel gefallen. Er habe nur wenig Zeit für seine Rede gehabt, bittet er gleich zu Anfang um Entschuldigung. Das entpuppt sich aber schnell als geschicktes Understatement. Denn schon seine ersten Zeilen haben eine fast schon literarische Qualität: „Mir klappern die Zähne, es schwankt das Knie, so aufgeregt war ich noch nie. Mit leerem Kopf, die Augen blau, die Nase tropft, der Bauch ist flau, Schweiß auf der Stirn, die Hose nass. So steh ich hier, und ihr habt Spaß“. Steinmetz, der Wortmetz. Ein Sprachzauberer par excellence. Einiges zu sagen hat Steinmetz auch zum Thema Politik. „An Politik in unserer Zeit sind nicht mehr alle hocherfreut. Hohe Schulden, leere Kassen, dies ist kaum mehr noch zu fassen. Wir müssen sparen noch und nöcher. Selbst Straßen ham schon Haushaltslöcher. Alles Schuld der Politik, so lautet die Pauschalkritik, auch von unserer Tagespresse gibt’s gehörig auf die Fresse.“ Detailliert geht Steinmetz dann auf verschiedene „Aufreger-Themen“ ein: „Wo bleibt das Kino, wo soll es stehen? In Minden ist noch nichts zu sehen. Und auch die Obermarktpassage, wird langsam zu’ner Kaufblamage. Kein Lobi mehr, das Geld ist alle, das war’s auch mit der Multihalle. Und noch dazu, welch großer Schreck, unser Rampenloch ist weg. So muss wer will, ihr glaubt es nicht, statt Rampenloch zum Straßenstrich.“ Und Stichwort: „Leerstand“. „Die Politik hat keinen Plan, der eine sieht den anderen an. Und alle tun sich damit schwer, schnell muss jetzt ein Investor her. Denn bei der verflixten Chose, gibt’s im Rat nur noch ratlose.“ Danach Gelächter und viel Applaus, vielleicht muss Steinmetz jetzt jedes Jahr kommen. Richtig Laune macht auch das „Kulturprogramm“: die Choreografien der Tanzgarde, der Kindergarde, der „Sprinkle Stars“ und des Tanzmariechens („Ich krieg schon beim Zugucken eine Zerrung“). Die Musik der „Kultis“ und die Gags von „Barbara“, einer trutschigen „Oma“. Apropos Barbara: Die setzte nicht nur gleich mehrere Gäste und Honoratioren (darunter Kinderprinz Leon I.) auf ein Minifahrrad, sondern lieferte sich auch eine kleine „Fehde“ mit Harald Steinmetz. „Du bist doch von der Mindener Initiative, wollen wir mal fragen, wer die hier wählt?“, rief sie ihm zu. Als ein Gast bekannte, auch nichts über die Initiative zu wissen, legte sie nach: „Wenn einer, der seit 50 Jahren hier lebt deine Initiative nicht kennt, hat er sein Kreuz nicht bei dir gemacht.“ Später dann, bei einem gemeinsamen Foto mit Steinmetz: „Kommen wir jetzt in die Zeitung? Dann schreiben Sie bitte unter das Foto, dass sie die Mindener Initiative wählen sollen.“ Richtig auf die Ohren gab es dann von den „Kultis“, einem verrückt kostümierten Haufen. „Udo Lindenberg“ besang den „Sonderzug nach Pankow“, Mireille Matthieu „Tulpen aus Amsterdam“. Ein herrlicher Spaß.