Minden

Eine bezahlbare Wohnung finden in Minden - aber wie?

Monika Jäger

Konzentriert verfolgten die Zuhörerinnen und Zuhörer das Kreisgespräch der Aktiven auf dem heimischen Wohnungsmarkt zum Thema „bezahlbarer Wohnraum“. MT- - © Foto: Monika Jäger
Konzentriert verfolgten die Zuhörerinnen und Zuhörer das Kreisgespräch der Aktiven auf dem heimischen Wohnungsmarkt zum Thema „bezahlbarer Wohnraum“. MT- (© Foto: Monika Jäger)

Minden (mt). Schon kurz nach Start der Gesprächsrunde war klar: So einfach ist das mit dem „bezahlbaren Wohnraum“ ganz und gar nicht. Denn was, bitte, bedeutet „bezahlbar“? Wie hängen Anspruchshaltung und Miethöhe zusammen? Und reicht „bezahlbar“ als Kriterium für eine zukunftsorientierte Entwicklung des Marktes und der Stadt aus? Nein, fanden jene, die wirtschaftliches und gestalterisches Interesse am Mindener Wohnungsmarkt haben und die einen Abend lang auf Einladung der Stadt sowohl miteinander als auch mit interessierten Gästen diskutierten.

Experte Hans-Jörg Schmidt (Aufbaugemeinschaft Espelkamp) hatte Zahlen dazu: Setzt man im Kreis Minden-Lübbecke das Einkommen ins Verhältnis zur Miete, ergibt sich ein Durchschnittswert von im Landesvergleich niedrigen 16 Prozent – „Der Markt ist weder im Kreis noch in der Stadt überhitzt.“ Gesucht und nichtausreichend gefunden werden aber „besondere“ Wohnungen – zum Beispiel kleine barrierefreie und solche für große Familien.

Eugen Pankratz (Wohnhaus) sah ebenfalls keinen Grund zur Aufregung: Wohnraum sei ausreichend vorhanden. Aus seiner Sicht sei aber nun die Aufgabe, die vorhandenen Wohnungen zukunftsfähig zu gestalten. In der Folge steigen die Mieten. Dass das nicht immer gut bei den Betroffenen ankommt, machten mehrere Wortbeiträge aus dem Publikum deutlich.

Thorsten Bornemann (Mieterverein Minden) verwies auf besondere Problemlagen. Viele der rund 2000 Mitglieder seines Vereins hätten Probleme, die sie nicht alleine lösen können. So gebe es gerade viele Eigenbedarfs-Kündigungen. Mitglieder berichteten davon, dass sie sich -zigfach vorstellen mussten. Und „wer sozial schwächer gestellt ist, hat ein riesengroßes Problem“ – ähnlich wie alle, die mit vielen Kindern oder mit Haustieren ihre Mietwohnung wechseln müssen.

„Wir müssen mehr bauen“: Das ist für Bau-Beigeordneten Lars Bursian eine Konsequenz. Er nannte einige Beispiele, wie die Stadt in Dützen, am Grundbach und an der Roßbachstraße versuche, auf einen gemischten Wohnungsmarkt hinzuwirken. Gemeint seien hier vor allem soziale Stadtbausteine, hatte er schon in seinem Eingangsstatement gesagt: Was gibt es sonst noch für Angebote im Quartier?.

Wohin es in Minden gehen kann, steht in einem umfangreichen und politisch verabschiedeten „Handlungskonzept Wohnen“, Inhalte werden mal mit Bürgern, mal innerhalb der Mitglieder des „Bündnis für Wohnen“ weiterentwickelt. Dieses Bündnis versammelt viele, die auf dem heimischen Miet- und Immobilienmarkt aktiv sind: Die Vermieter (Haus und Grund), die Mieter (Mieterverein), die Anbieter von Wohnungen (Wohnhaus, GSW) und die Entwickler neuer Wohnkonzepte für besondere Bevölkerungsgruppen (Lebenshilfe, Diakonie Stiftung Salem) sowie Vertreter der Stadt Minden.

Leicht haben diese es gerade alle nicht, denn der Markt ist schwerfällig. Wer nach Minden ziehen will, findet zum Beispiel kein Haus für eine größere Familie. Jochen Rogmann (Lebenshilfe) berichtet davon, dass auch viele Menschen mit Behinderungen großen Umzugswunsch hätten, aber nichts anderes fänden. „Oft zahlen die Eltern dazu, damit die Kinder in einer Wohnung vernünftig leben können.“ Der Appell an Vermieter, sich auch für sozial Schwache mehr zu öffnen, greife da zu kurz, sagte Vermieter-Vertreter Thorsten Post (Haus und Grund): Oft bräuchten die kleinen Vermieter die Einkünfte: „Der private Vermieter möchte regelmäßig Miete bekommen.“

Für mehr „sozialen“ Wohnraum immer wieder auf Anbieter wie die Diakonie-Stiftung Salem oder die Lebenshilfe zu blicken, sei kein auf Dauer tragfähiges Modell – ebenso wenig, wie Grundstücke teuer an- und billig zu verkaufen, wie Bursian erklärte: Stadt und Land hätten sich aus der Förderung weitgehend zurückgezogen. „Ich sehe nicht, dass wir nun als Stadt als erste in der Verantwortung sind und dafür Einnahmen aus Grund- und Gewerbesteuer verwenden“ - zumal viele andere Aufgaben, unter anderem im Bereich Bildung, mindestens ebenso drängend seien.

Immer wieder blitzten in der Diskussion Aspekte auf, die zeigen, wie weit gefasst das Thema Wohnen betrachtet werden muss. Oliver Matecki (GSW) forderte, vermehrt auf andere Wohnformen zu blicken „Vermieter sollten auch dazu bereit sein.“ Senioren, die in inzwischen viel zu großen Wohnungen leben, sollten attraktive Alternativen angeboten bekommen, damit sie ausziehen und die für eine lebendige Stadt so wichtige Umzugsketten in Gang setzen, so die Runde mehrfach.

Doch noch fehlen kleine Wohnungen und da, wo besondere Projekte für mehr Durchmischung im Quartier geplant sind, regt sich auch Widerstand. „Unser Vorteil ist, dass wir an einem Tisch miteinander reden“, so Bursian in seinem Fazit. Denn beim Thema Wohnen hänge vieles zusammen und vieles voneinander ab: „Es ist kompliziert.“

Kommentar: Nur Bauen reicht nicht

Eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, in der irgendwann einmal lauter Hochbetagte allein in großen Häusern und Wohnungen leben, die sie in der Mitte ihres Lebens mit Familie, Freunden und einem tätigen Leben gefüllt haben. Unter anderem führt das zu Stagnation im Ortsteil – mal ganz abgesehen davon, dass die notwendige soziale und gesundheitliche Unterstützung auf breiter Basis nicht zu leisten sein wird. Vor allem aber werden zu viele jüngere so keinen angemessenen Wohnraum finden.

Andererseits wird auch eine Gesellschaft nicht funktionieren, in der irgendwelche kleinen „altengerechten“, („behindertengerechten“, „bezahlbaren“) Wohnungen irgendwo hingestellt werden, und drumherum bleibt alles wie immer: Senioren-Wohngettos sozusagen, in denen Menschen leben, die sich für ihr Umfeld nicht interessieren, weil es für sie fremd ist, – und umgekehrt, versteht sich. Wer Wohnen für eine Stadt wie Minden als wichtigen Wert für die Zukunft sieht – und das tun viele derer, die im „Forum Wohnen“ aktiv sind – denkt notwendigerweise weiter.

Ein faszinierendes Projekt entsteht beispielsweise in Dützen: Zweimal zwölf kleine autarke Wohneinheiten unter einem Dach, dazu eine Gemeinschaftszone. Der Gedanke dahinter: Seniorinnen und Senioren aus dem Quartier, deren ihr Haus oder ihre Wohnung zu groß wird, könnten dorthin ziehen. Sie bleiben in der bekannten Wohngegend und finden vielleicht in der Gemeinschaft Chancen, einander zu unterstützen. Obendrein werden Häuser und Wohnungen frei, um die für Stadtteilentwicklung und Entspannung auf dem Wohnungsmarkt so wichtigen „Umzugsketten“ zu starten.

Das funktioniert nur, wenn viele diesen Gedanken aufgreifen und weiterführen. Wenn sich Pionierinnen und Pioniere finden, die nicht nur zähneknirschend umziehen, sondern das als Möglichkeit sehen, ein Stück Lebenswirklichkeit zu gestalten. Vor allem aber müssen auch Nachbarn und das Quartier mitziehen. Bei Senioren mag das einfach sein. Aber es gilt auch, wenn „bezahlbare“ (Sozial-)Wohnungen gebaut werden. Da beginnt dann die eigentliche Herausforderung.

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MindenEine bezahlbare Wohnung finden in Minden - aber wie?Monika JägerMinden (mt). Schon kurz nach Start der Gesprächsrunde war klar: So einfach ist das mit dem „bezahlbaren Wohnraum“ ganz und gar nicht. Denn was, bitte, bedeutet „bezahlbar“? Wie hängen Anspruchshaltung und Miethöhe zusammen? Und reicht „bezahlbar“ als Kriterium für eine zukunftsorientierte Entwicklung des Marktes und der Stadt aus? Nein, fanden jene, die wirtschaftliches und gestalterisches Interesse am Mindener Wohnungsmarkt haben und die einen Abend lang auf Einladung der Stadt sowohl miteinander als auch mit interessierten Gästen diskutierten. Experte Hans-Jörg Schmidt (Aufbaugemeinschaft Espelkamp) hatte Zahlen dazu: Setzt man im Kreis Minden-Lübbecke das Einkommen ins Verhältnis zur Miete, ergibt sich ein Durchschnittswert von im Landesvergleich niedrigen 16 Prozent – „Der Markt ist weder im Kreis noch in der Stadt überhitzt.“ Gesucht und nichtausreichend gefunden werden aber „besondere“ Wohnungen – zum Beispiel kleine barrierefreie und solche für große Familien. Eugen Pankratz (Wohnhaus) sah ebenfalls keinen Grund zur Aufregung: Wohnraum sei ausreichend vorhanden. Aus seiner Sicht sei aber nun die Aufgabe, die vorhandenen Wohnungen zukunftsfähig zu gestalten. In der Folge steigen die Mieten. Dass das nicht immer gut bei den Betroffenen ankommt, machten mehrere Wortbeiträge aus dem Publikum deutlich. Thorsten Bornemann (Mieterverein Minden) verwies auf besondere Problemlagen. Viele der rund 2000 Mitglieder seines Vereins hätten Probleme, die sie nicht alleine lösen können. So gebe es gerade viele Eigenbedarfs-Kündigungen. Mitglieder berichteten davon, dass sie sich -zigfach vorstellen mussten. Und „wer sozial schwächer gestellt ist, hat ein riesengroßes Problem“ – ähnlich wie alle, die mit vielen Kindern oder mit Haustieren ihre Mietwohnung wechseln müssen. „Wir müssen mehr bauen“: Das ist für Bau-Beigeordneten Lars Bursian eine Konsequenz. Er nannte einige Beispiele, wie die Stadt in Dützen, am Grundbach und an der Roßbachstraße versuche, auf einen gemischten Wohnungsmarkt hinzuwirken. Gemeint seien hier vor allem soziale Stadtbausteine, hatte er schon in seinem Eingangsstatement gesagt: Was gibt es sonst noch für Angebote im Quartier?. Wohin es in Minden gehen kann, steht in einem umfangreichen und politisch verabschiedeten „Handlungskonzept Wohnen“, Inhalte werden mal mit Bürgern, mal innerhalb der Mitglieder des „Bündnis für Wohnen“ weiterentwickelt. Dieses Bündnis versammelt viele, die auf dem heimischen Miet- und Immobilienmarkt aktiv sind: Die Vermieter (Haus und Grund), die Mieter (Mieterverein), die Anbieter von Wohnungen (Wohnhaus, GSW) und die Entwickler neuer Wohnkonzepte für besondere Bevölkerungsgruppen (Lebenshilfe, Diakonie Stiftung Salem) sowie Vertreter der Stadt Minden. Leicht haben diese es gerade alle nicht, denn der Markt ist schwerfällig. Wer nach Minden ziehen will, findet zum Beispiel kein Haus für eine größere Familie. Jochen Rogmann (Lebenshilfe) berichtet davon, dass auch viele Menschen mit Behinderungen großen Umzugswunsch hätten, aber nichts anderes fänden. „Oft zahlen die Eltern dazu, damit die Kinder in einer Wohnung vernünftig leben können.“ Der Appell an Vermieter, sich auch für sozial Schwache mehr zu öffnen, greife da zu kurz, sagte Vermieter-Vertreter Thorsten Post (Haus und Grund): Oft bräuchten die kleinen Vermieter die Einkünfte: „Der private Vermieter möchte regelmäßig Miete bekommen.“ Für mehr „sozialen“ Wohnraum immer wieder auf Anbieter wie die Diakonie-Stiftung Salem oder die Lebenshilfe zu blicken, sei kein auf Dauer tragfähiges Modell – ebenso wenig, wie Grundstücke teuer an- und billig zu verkaufen, wie Bursian erklärte: Stadt und Land hätten sich aus der Förderung weitgehend zurückgezogen. „Ich sehe nicht, dass wir nun als Stadt als erste in der Verantwortung sind und dafür Einnahmen aus Grund- und Gewerbesteuer verwenden“ - zumal viele andere Aufgaben, unter anderem im Bereich Bildung, mindestens ebenso drängend seien. Immer wieder blitzten in der Diskussion Aspekte auf, die zeigen, wie weit gefasst das Thema Wohnen betrachtet werden muss. Oliver Matecki (GSW) forderte, vermehrt auf andere Wohnformen zu blicken „Vermieter sollten auch dazu bereit sein.“ Senioren, die in inzwischen viel zu großen Wohnungen leben, sollten attraktive Alternativen angeboten bekommen, damit sie ausziehen und die für eine lebendige Stadt so wichtige Umzugsketten in Gang setzen, so die Runde mehrfach. Doch noch fehlen kleine Wohnungen und da, wo besondere Projekte für mehr Durchmischung im Quartier geplant sind, regt sich auch Widerstand. „Unser Vorteil ist, dass wir an einem Tisch miteinander reden“, so Bursian in seinem Fazit. Denn beim Thema Wohnen hänge vieles zusammen und vieles voneinander ab: „Es ist kompliziert.“ Kommentar: Nur Bauen reicht nicht Eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, in der irgendwann einmal lauter Hochbetagte allein in großen Häusern und Wohnungen leben, die sie in der Mitte ihres Lebens mit Familie, Freunden und einem tätigen Leben gefüllt haben. Unter anderem führt das zu Stagnation im Ortsteil – mal ganz abgesehen davon, dass die notwendige soziale und gesundheitliche Unterstützung auf breiter Basis nicht zu leisten sein wird. Vor allem aber werden zu viele jüngere so keinen angemessenen Wohnraum finden. Andererseits wird auch eine Gesellschaft nicht funktionieren, in der irgendwelche kleinen „altengerechten“, („behindertengerechten“, „bezahlbaren“) Wohnungen irgendwo hingestellt werden, und drumherum bleibt alles wie immer: Senioren-Wohngettos sozusagen, in denen Menschen leben, die sich für ihr Umfeld nicht interessieren, weil es für sie fremd ist, – und umgekehrt, versteht sich. Wer Wohnen für eine Stadt wie Minden als wichtigen Wert für die Zukunft sieht – und das tun viele derer, die im „Forum Wohnen“ aktiv sind – denkt notwendigerweise weiter. Ein faszinierendes Projekt entsteht beispielsweise in Dützen: Zweimal zwölf kleine autarke Wohneinheiten unter einem Dach, dazu eine Gemeinschaftszone. Der Gedanke dahinter: Seniorinnen und Senioren aus dem Quartier, deren ihr Haus oder ihre Wohnung zu groß wird, könnten dorthin ziehen. Sie bleiben in der bekannten Wohngegend und finden vielleicht in der Gemeinschaft Chancen, einander zu unterstützen. Obendrein werden Häuser und Wohnungen frei, um die für Stadtteilentwicklung und Entspannung auf dem Wohnungsmarkt so wichtigen „Umzugsketten“ zu starten. Das funktioniert nur, wenn viele diesen Gedanken aufgreifen und weiterführen. Wenn sich Pionierinnen und Pioniere finden, die nicht nur zähneknirschend umziehen, sondern das als Möglichkeit sehen, ein Stück Lebenswirklichkeit zu gestalten. Vor allem aber müssen auch Nachbarn und das Quartier mitziehen. Bei Senioren mag das einfach sein. Aber es gilt auch, wenn „bezahlbare“ (Sozial-)Wohnungen gebaut werden. Da beginnt dann die eigentliche Herausforderung.