Wochenende: Kaffee mit Sahne

Nadine Conti

Herrje, was habe ich da wieder angerichtet. Es heißt, ich habe das Gerücht verbreitet, in Minden könne man nicht einmal mehr Kaffee trinken. Bitte, ich möchte das unbedingt klarstellen: Man kann in Minden ganz hervorragend Kaffee trinken. In zig verschiedenen Cafés und in zig verschiedenen Variationen. Was ich in meinem Bericht über die Schließung des Ratscafés meinte, war: Es gibt nun leider eine ganz bestimmte Art von Kaffeehaus, die ausstirbt. In Minden und anderswo. Ich habe versucht, dieses Marktsegment mit „traditionell" und „beliebt bei Senioren" zu beschreiben. Das ist aber wohl so nicht angekommen. Also hier noch einmal in Ruhe (nehmen Sie sich ruhig noch einen Kaffee) und am Beispiel meiner Omi, damit das ein wenig plastischer wird.

Meine Omi, das müssen Sie wissen, ist eine wunderbare und kluge Frau, aber in manchen Dingen ein bisschen eigen. Zum Beispiel mag meine Omi Cafés, in denen man die Wahl zwischen acht verschiedenen hausgemachten Torten und sechs Kuchen hat, aber nicht so gerne Cafés, in denen man die Wahl zwischen sechszehn verschiedenen Kaffeespezialitäten hat – weil sie da erstens bei der Hälfte nicht weiß, wie man das ausspricht, und zweitens befürchtet, man könnte am Ende mit einer dieser winzigen Tassen da sitzen, die nicht einmal ausreichen, um die Hände zu wärmen und eine halbe Stunde darüber zu ratschen, wie die Schulze von schräg gegenüber ihren Mann bei der Gartenarbeit herumkommandiert. Meine Omi möchte ihren Kaffee gern in einer Tasse oder einem Pott oder „draußen nur Kännchen". Und manchmal gönnt sie sich einen Schlag Sahne da rein. Milchschaum ist ihr suspekt. Und Kaffee, der in Gläsern serviert wird, auch. Zumal man diese Gläser ganz schlecht auf einem Rollator transportiert kriegt, wenn man aus Versehen in einem dieser Cafés gelandet ist, wo man das Zeug selber zum Platz schaffen muss. Meine Omi mag Kellnerinnen, die man auf den ersten Blick als solche erkennt. Und sie findet Inneneinrichtungen schwierig, bei denen sie nicht weiß, was Sitzmöbel und was Deko ist.

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Nun können Sie mit Fug und Recht sagen, was zum Kuckuck interessiert mich der Geschmack von ihrer Omi. Das stimmt natürlich auch wieder. Obwohl ich einige Hinweise darauf habe, dass es nicht nur meiner Omi so geht. Meine Omi würde natürlich auch nie so ein Gewese um ihren Geschmack machen, weil sich das erstens nicht schickt und weil sie zweitens in ihrem Leben schon Veränderungen ganz anderen Kalibers mitgemacht und überlebt hat. Nur ihre verwöhnte Enkelin, die hätte es halt ganz gern so: Ein Café, wo man mit der Omi hingeht und ihr dabei zusehen kann, wie sie sich behaglich zurücklehnt und seufzt „Schön ist das. Wie früher".

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Wochenende: Kaffee mit SahneNadine ContiHerrje, was habe ich da wieder angerichtet. Es heißt, ich habe das Gerücht verbreitet, in Minden könne man nicht einmal mehr Kaffee trinken. Bitte, ich möchte das unbedingt klarstellen: Man kann in Minden ganz hervorragend Kaffee trinken. In zig verschiedenen Cafés und in zig verschiedenen Variationen. Was ich in meinem Bericht über die Schließung des Ratscafés meinte, war: Es gibt nun leider eine ganz bestimmte Art von Kaffeehaus, die ausstirbt. In Minden und anderswo. Ich habe versucht, dieses Marktsegment mit „traditionell" und „beliebt bei Senioren" zu beschreiben. Das ist aber wohl so nicht angekommen. Also hier noch einmal in Ruhe (nehmen Sie sich ruhig noch einen Kaffee) und am Beispiel meiner Omi, damit das ein wenig plastischer wird. Meine Omi, das müssen Sie wissen, ist eine wunderbare und kluge Frau, aber in manchen Dingen ein bisschen eigen. Zum Beispiel mag meine Omi Cafés, in denen man die Wahl zwischen acht verschiedenen hausgemachten Torten und sechs Kuchen hat, aber nicht so gerne Cafés, in denen man die Wahl zwischen sechszehn verschiedenen Kaffeespezialitäten hat – weil sie da erstens bei der Hälfte nicht weiß, wie man das ausspricht, und zweitens befürchtet, man könnte am Ende mit einer dieser winzigen Tassen da sitzen, die nicht einmal ausreichen, um die Hände zu wärmen und eine halbe Stunde darüber zu ratschen, wie die Schulze von schräg gegenüber ihren Mann bei der Gartenarbeit herumkommandiert. Meine Omi möchte ihren Kaffee gern in einer Tasse oder einem Pott oder „draußen nur Kännchen". Und manchmal gönnt sie sich einen Schlag Sahne da rein. Milchschaum ist ihr suspekt. Und Kaffee, der in Gläsern serviert wird, auch. Zumal man diese Gläser ganz schlecht auf einem Rollator transportiert kriegt, wenn man aus Versehen in einem dieser Cafés gelandet ist, wo man das Zeug selber zum Platz schaffen muss. Meine Omi mag Kellnerinnen, die man auf den ersten Blick als solche erkennt. Und sie findet Inneneinrichtungen schwierig, bei denen sie nicht weiß, was Sitzmöbel und was Deko ist. Nun können Sie mit Fug und Recht sagen, was zum Kuckuck interessiert mich der Geschmack von ihrer Omi. Das stimmt natürlich auch wieder. Obwohl ich einige Hinweise darauf habe, dass es nicht nur meiner Omi so geht. Meine Omi würde natürlich auch nie so ein Gewese um ihren Geschmack machen, weil sich das erstens nicht schickt und weil sie zweitens in ihrem Leben schon Veränderungen ganz anderen Kalibers mitgemacht und überlebt hat. Nur ihre verwöhnte Enkelin, die hätte es halt ganz gern so: Ein Café, wo man mit der Omi hingeht und ihr dabei zusehen kann, wie sie sich behaglich zurücklehnt und seufzt „Schön ist das. Wie früher".