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Männer in Kniestrümpfen: VHS-Theaterwerkstatt probt Kleists "Der zerbrochene Krug"

Ursula Koch

Marthe Rull (Stella Ballare) beklagt vor Gericht, beobachtet von Schreiber Licht (Peter Kröger), den Verlust ihres Kruges. MT- - © Foto: U. Koch
Marthe Rull (Stella Ballare) beklagt vor Gericht, beobachtet von Schreiber Licht (Peter Kröger), den Verlust ihres Kruges. MT- (© Foto: U. Koch)

Minden (mt). „Uns fehlt der Lagerfeld“, stöhnt Regisseur Wilhelm Krückemeier. Er hat für die VHS-Theaterwerkstatt, die Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ auf die Bühne bringen will, eine große Kiste voller Kostüme aus dem Fundus der Freilichtbühne Porta mitgebracht. Die Auswahl ist groß und trotzdem findet nicht jedes Stück seinen Beifall.

Stella Ballare spielt die Rolle der Klägerin Marthe Rull, die vom Gericht verlangt, dass derjenige zur Rechenschaft gezogen wird, der ihren kostbaren Krug im Zimmer ihrer Tochter Eve zerbrochen hat. Sie zieht eine Leinenschürze in Beige, mit Streifen, aus der Kiste. „Die ist für eine Witwe zu hell“, befindet Krückemeier. Christian Lange-Raizig als Bauer Tümpel passen die Stiefel nicht, die Beine von Schreiber Licht, alias Peter Kröger, sind so lang, dass selbst die „Overknees“ aus dem Fundus von Regie-Assistentin Ulla Reimann-Zell zwischen Strumpf und Kniebundhose noch Haut blitzen lassen. Die Hose, die knapp über das Knie reichte, war Anfang des 19. Jahrhunderts Mode – daher gibt es auf der Bühne reichlich Männer in Kniestrümpfen zu sehen.

Die Sprache Kleists „entfernt sich immer mehr von der heutigen Lebenswirklichkeit“, beobachtet Krückemeier. Der Blankvers, der die Satzstellung für unsere Ohren gehörig verdreht, geht den Darstellern nicht mehr so leicht über die Lippen. Er kommt ohne Reim raus, rhythmisiert den Text aber stark. „Man findet hinten in der Scheuer ihn, am Balken hoch des Daches aufgehängt“, heißt es zum Beispiel in dem Lustspiel, das 1808 uraufgeführt wurde. Auch den „reinen Held“, den der Dichter schildert, mag der Regisseur nicht so stehen lassen. Trotzdem findet er, dass das Grundthema des Stücks ein sehr aktuelles Thema ist – Korruption.

In der Tat: Der Anlass der Klage wirkt ein wenig verstaubt. Jemand hat im Zimmer der Tochter Eve (Inga Alsdorf) einen Krug zerbrochen. Die Besitzerin (Stella Ballare) verlangt von Dorfrichter Adam (Stefan Diekmann), dass Eves Bräutigam (Florian Seyboth) bestraft wird und sie eine Entschädigung erhält. Schnell zeichnet sich aber ab, dass Adam eigentlich über sich selbst richten müsste. So beinhaltet die Geschichte eben weit mehr als einen simplen Fall. Der Kanon der Gesetzesverstöße reicht von Machtmissbrauch über Urkundenfälschung, Vetternwirtschaft, Erpressung bis zur sexuellen Nötigung. Zu Adams Entsetzen sitzt auch noch der Gerichtsrat (Jürgen Hoecker) auf Inspektionsreise in der Amtsstube.

Krückemeier hatte sich über eine moderne Bearbeitung durch die Burghofbühne Dinslaken, die im vergangenen Jahr im Stadttheater gastierte, herausgefordert gefühlt. Er hatte selbst den Adam vor rund 20 Jahren in einer Inszenierung der Portabühne im Hansehaus gespielt: „Das hat mir so viel Spaß gemacht. Ich habe das Stück noch einmal gelesen und fand es wieder aktuell“, erzählt er bei einer Probe.

So hat er sich mit seinem Volkshochschul-Kursus ans Werk gemacht. Beteiligt sind etliche Darsteller, die schon häufig bei Wilhelm Krückemeier mitgewirkt haben. Dazu gehören Stefan Diekmann, Stella Ballare, Inga Alsdorf, Peter Kröger, Dorothea Müller-Boenig (Frau Brigitte), Sonja Krüger und Elke Walden (Mägde). Neu hinzugekommen sind Jürgen Hoecker aus Bückeburg, der aber schon in mehreren Produktionen der Schaumburger Bühne bei Regisseur Jürgen Morche mitgewirkt hat. Christian Lange-Raizig (Bauer Tümpel) hatte im vergangenen Sommer bei der Portabühne in dem Musical „Heiße Ecke“ mitgespielt. Florian Seyboth (Tümpels Sohn und Eves Bräutigam) kommt aus Löhne und ist durch seine Schwiegermutter Dorothea Müller-Boenig zum VHS-Theater gestoßen. Der Mindener Dean Szybalsky (Bedienter) spielt überhaupt zum ersten Mal Theater.

Das wichtigste Requisit, den Krug, hat Krückemeier im Internet entdeckt. Dem imposanten Stück aus Lübbecke einfach mit einem Hammer zu zerlegen, war ihm zu riskant. „Ich habe den Krug mit Wasser gefüllt und eingefroren.“ So ist das gute Stück sehr malerisch in zwei Teile zersprungen.

„Der zerbrochene Krug“ in der Fassung des VHS-Theaters feiert am Freitag, 8. März, um 20 Uhr im Kleinen Theater am Weingarten Premiere. Bis zum 7. April folgen noch acht weitere Aufführungen. Karten können bei der VHS, Telefon (05 71) 837 66 12 reserviert werden.

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MindenMänner in Kniestrümpfen: VHS-Theaterwerkstatt probt Kleists "Der zerbrochene Krug"Ursula KochMinden (mt). „Uns fehlt der Lagerfeld“, stöhnt Regisseur Wilhelm Krückemeier. Er hat für die VHS-Theaterwerkstatt, die Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ auf die Bühne bringen will, eine große Kiste voller Kostüme aus dem Fundus der Freilichtbühne Porta mitgebracht. Die Auswahl ist groß und trotzdem findet nicht jedes Stück seinen Beifall. Stella Ballare spielt die Rolle der Klägerin Marthe Rull, die vom Gericht verlangt, dass derjenige zur Rechenschaft gezogen wird, der ihren kostbaren Krug im Zimmer ihrer Tochter Eve zerbrochen hat. Sie zieht eine Leinenschürze in Beige, mit Streifen, aus der Kiste. „Die ist für eine Witwe zu hell“, befindet Krückemeier. Christian Lange-Raizig als Bauer Tümpel passen die Stiefel nicht, die Beine von Schreiber Licht, alias Peter Kröger, sind so lang, dass selbst die „Overknees“ aus dem Fundus von Regie-Assistentin Ulla Reimann-Zell zwischen Strumpf und Kniebundhose noch Haut blitzen lassen. Die Hose, die knapp über das Knie reichte, war Anfang des 19. Jahrhunderts Mode – daher gibt es auf der Bühne reichlich Männer in Kniestrümpfen zu sehen. Die Sprache Kleists „entfernt sich immer mehr von der heutigen Lebenswirklichkeit“, beobachtet Krückemeier. Der Blankvers, der die Satzstellung für unsere Ohren gehörig verdreht, geht den Darstellern nicht mehr so leicht über die Lippen. Er kommt ohne Reim raus, rhythmisiert den Text aber stark. „Man findet hinten in der Scheuer ihn, am Balken hoch des Daches aufgehängt“, heißt es zum Beispiel in dem Lustspiel, das 1808 uraufgeführt wurde. Auch den „reinen Held“, den der Dichter schildert, mag der Regisseur nicht so stehen lassen. Trotzdem findet er, dass das Grundthema des Stücks ein sehr aktuelles Thema ist – Korruption. In der Tat: Der Anlass der Klage wirkt ein wenig verstaubt. Jemand hat im Zimmer der Tochter Eve (Inga Alsdorf) einen Krug zerbrochen. Die Besitzerin (Stella Ballare) verlangt von Dorfrichter Adam (Stefan Diekmann), dass Eves Bräutigam (Florian Seyboth) bestraft wird und sie eine Entschädigung erhält. Schnell zeichnet sich aber ab, dass Adam eigentlich über sich selbst richten müsste. So beinhaltet die Geschichte eben weit mehr als einen simplen Fall. Der Kanon der Gesetzesverstöße reicht von Machtmissbrauch über Urkundenfälschung, Vetternwirtschaft, Erpressung bis zur sexuellen Nötigung. Zu Adams Entsetzen sitzt auch noch der Gerichtsrat (Jürgen Hoecker) auf Inspektionsreise in der Amtsstube. Krückemeier hatte sich über eine moderne Bearbeitung durch die Burghofbühne Dinslaken, die im vergangenen Jahr im Stadttheater gastierte, herausgefordert gefühlt. Er hatte selbst den Adam vor rund 20 Jahren in einer Inszenierung der Portabühne im Hansehaus gespielt: „Das hat mir so viel Spaß gemacht. Ich habe das Stück noch einmal gelesen und fand es wieder aktuell“, erzählt er bei einer Probe. So hat er sich mit seinem Volkshochschul-Kursus ans Werk gemacht. Beteiligt sind etliche Darsteller, die schon häufig bei Wilhelm Krückemeier mitgewirkt haben. Dazu gehören Stefan Diekmann, Stella Ballare, Inga Alsdorf, Peter Kröger, Dorothea Müller-Boenig (Frau Brigitte), Sonja Krüger und Elke Walden (Mägde). Neu hinzugekommen sind Jürgen Hoecker aus Bückeburg, der aber schon in mehreren Produktionen der Schaumburger Bühne bei Regisseur Jürgen Morche mitgewirkt hat. Christian Lange-Raizig (Bauer Tümpel) hatte im vergangenen Sommer bei der Portabühne in dem Musical „Heiße Ecke“ mitgespielt. Florian Seyboth (Tümpels Sohn und Eves Bräutigam) kommt aus Löhne und ist durch seine Schwiegermutter Dorothea Müller-Boenig zum VHS-Theater gestoßen. Der Mindener Dean Szybalsky (Bedienter) spielt überhaupt zum ersten Mal Theater. Das wichtigste Requisit, den Krug, hat Krückemeier im Internet entdeckt. Dem imposanten Stück aus Lübbecke einfach mit einem Hammer zu zerlegen, war ihm zu riskant. „Ich habe den Krug mit Wasser gefüllt und eingefroren.“ So ist das gute Stück sehr malerisch in zwei Teile zersprungen. „Der zerbrochene Krug“ in der Fassung des VHS-Theaters feiert am Freitag, 8. März, um 20 Uhr im Kleinen Theater am Weingarten Premiere. Bis zum 7. April folgen noch acht weitere Aufführungen. Karten können bei der VHS, Telefon (05 71) 837 66 12 reserviert werden.