Minden

Ein Haus voll Schrott

Stefan Koch

Hinter dem Pritschenwagen stapelt sich der Müll. Wer auf das Grundstück gelangen will, muss ein Spallier aus Schrott passieren. - © Foto: pr
Hinter dem Pritschenwagen stapelt sich der Müll. Wer auf das Grundstück gelangen will, muss ein Spallier aus Schrott passieren. (© Foto: pr)

Minden (mt). Der weiße, von Holz- und Metallabfällen verdeckte Pritschenwagen in der Grundstückseinfahrt hat die letzte Fahrt längst hinter sich. Durch ein Spalier aus Schrott führt der Weg zum rückwärtigen Garten mit Bergen aus Eisenteilen, Altgeräten, Holzbalken, Baumaterial und Plastikelementen. Fahrräder ragen aus den Halden. Ein von Algen überzogener Feuerlöscher bewacht einsam einen rostigen Ford Mustang.

„Wenn man den restauriert, bekommt man noch etwas dafür", schätzt ein aufmerksamer Bürger, der die verkommene Immobilie seit langem beobachtet. Seiner Meinung nach sei auch das Innere des zweistöckigen Mehrfamilienhauses mit Schrott bis unter das Dach gefüllt. „Einbrecher kommen gar nicht durchs Fenster, weil alles versperrt ist", sagt er. Trotzdem bleibt die Adresse im MT-Bericht ungenannt. Es schauen jetzt schon zu viele ungebetene Besucher vorbei.

Das Haus hat derzeit keinen Besitzer. Nachbarn sagen, dass dessen Eigentümer vor fast 20 Jahren damit begonnen hatte, Wiederverwertbares zu sammeln. Nachdem die Mutter des Schrotthändlers verstorben war, lebte er weiterhin allein in der Immobilie. Das Amtsgericht Minden stellte ihm einen Betreuer zur Seite. Tagsüber verbrachte der Senior seine Zeit in einem Lokal in der Nähe und zog sich zum Schlafen in sein Haus zurück. Dort brach dann am 7. März vergangenen Jahres ein Wasserrohr, so dass die Flut aus den heruntergelassenen Rollläden im Erdgeschoss quoll, als Polizei und Feuerwehr vor Ort eintrafen. Nachdem die Einsatzkräfte das Wasser abgestellt hatten, zog der Bewohner zunächst zu einem Freund und dann in ein Pflegeheim. Dort starb er im November vergangenen Jahres.

„Ich schätze, dass allein schon die Entsorgung von Müll auf dem Grundstück 60.000 bis 80.000 Euro kosten wird", meint der Bürger, der sich die Frage stellt, wem nun das Objekt gehören soll und wer dafür verantwortlich ist. Er habe immer wieder Umweltbehörden und die Stadt Minden über das Schrottgrundstück informiert. Geändert habe das nichts.

Eine lange Kette behördlichen Handelns begleitete die Entwicklung des Hauses und seines Bewohners bis zur totalen Unbewohnbarkeit. Wie Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt Minden, erklärt, sei der Zustand bereits seit 2001 bekannt. „Bauordnungsrechtlich ist die Stadt nach unzähligen Bauordnungsverfügungen und Zwangsgeldfestsetzungen nicht weitergekommen, da die Verhältnisse dort nicht einfach waren." Zwangsgelder habe der Betroffene nicht gezahlt. Eine Pfändung von Sachgegenständen oder des Kontos sei nach den Berichten des Vollzugsbeamten auch nicht möglich gewesen. „Als letzte Maßnahme gilt es dann in solchen Fällen, eine Ersatzzwangshaft anzuordnen, von der aber aufgrund des gesundheitlichen Zustandes des Eigentümers Abstand genommen wurde."

Weil der wachsende Schrottberg das Leben in der Nachbarschaft zunehmend beeinträchtigte, hatte ein Betroffener über einen Rechtsanwalt eine Untätigkeitsbeschwerde beim Kreis Minden-Lübbecke als obere Bauaufsichtsbehörde eingelegt. Nachdem die Stadt Minden eine entsprechende Stellungnahme gegenüber dem Kreis abgeben musste, kam es zu keiner weiteren Rückmeldung der vorgesetzten Stelle. „Da alles, was in einem solch schwierigen Fall unternommen werden kann, erfolgt ist, gegen wir davon aus, dass der Kreis unser Vorgehen als korrekt wertet", heißt es dazu bei der Stadt. Mehrfach war das Kreis-Umweltamt vor Ort, um die Lagerung von umweltgefährdenden Stoffen zu überprüfen. Dabei stellte die Behörde keine Gefahrenquellen fest. Bei den Gegenständen auf dem Grundstück handelt es sich auch nicht um Müll, der in einer Verbrennungsanlage oder Deponie zu entsorgen ist. „Darunter sind auch Wertgegenstände,", sagt Lewerenz.

„60 große Container braucht man, um das ganze Zeug los zu werden", meint dazu der aufmerksame Bürger. Und dann stelle sich noch die Frage, wem das Haus überhaupt gehöre und ob die Stadt allein schon wegen nicht gezahlter Gebühren Forderungen habe.

Nach MT-Recherchen soll es noch eine Schwester des Verstorbenen geben. Wenn niemand das vermüllte Erbe übernehmen sollte, gilt das Grundstück als herrenlos, so dass das Land Nordrhein-Westfalen das Recht hat, sich die Immobilie anzueignen. Es gibt allerdings keine zeitliche Befristung, in der das Land eine Entscheidung dazutreffen muss. „Leidtragende sind in solchen Fällen die Gemeinden und Städte", so Lewerenz. „Wenn dieser Fall eintreten sollte, muss die Stadt das Grundstück gegen unbefugtes Betreten auf eigene Kosten sichern lassen."

Auch der Mindener Rechtsanwalt Markus Bünte ist derzeit als Nachlasspfleger mit der Zukunft der Immobilie beschäftigt. „Es ist beabsichtigt, das Haus zu verkaufen", meint er. Allerdings gehe er aufgrund des Zustandes davon aus, dass der Käuferkreis ein sehr kleiner sein werde.

Immerhin: Manche denken bereis jetzt über einen Erwerb nach. So der aufmerksame Bürger, der gegenüber dem MT bekundet, aus der Baubranche zu stammen. „Da lässt sich bestimmt einiges machen – wenn der Preis stimmt."

Der Autor ist erreichbar unter(0571) 882-165 oderStefan.Koch@MT.de

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MindenEin Haus voll SchrottStefan KochMinden (mt). Der weiße, von Holz- und Metallabfällen verdeckte Pritschenwagen in der Grundstückseinfahrt hat die letzte Fahrt längst hinter sich. Durch ein Spalier aus Schrott führt der Weg zum rückwärtigen Garten mit Bergen aus Eisenteilen, Altgeräten, Holzbalken, Baumaterial und Plastikelementen. Fahrräder ragen aus den Halden. Ein von Algen überzogener Feuerlöscher bewacht einsam einen rostigen Ford Mustang. „Wenn man den restauriert, bekommt man noch etwas dafür", schätzt ein aufmerksamer Bürger, der die verkommene Immobilie seit langem beobachtet. Seiner Meinung nach sei auch das Innere des zweistöckigen Mehrfamilienhauses mit Schrott bis unter das Dach gefüllt. „Einbrecher kommen gar nicht durchs Fenster, weil alles versperrt ist", sagt er. Trotzdem bleibt die Adresse im MT-Bericht ungenannt. Es schauen jetzt schon zu viele ungebetene Besucher vorbei. Das Haus hat derzeit keinen Besitzer. Nachbarn sagen, dass dessen Eigentümer vor fast 20 Jahren damit begonnen hatte, Wiederverwertbares zu sammeln. Nachdem die Mutter des Schrotthändlers verstorben war, lebte er weiterhin allein in der Immobilie. Das Amtsgericht Minden stellte ihm einen Betreuer zur Seite. Tagsüber verbrachte der Senior seine Zeit in einem Lokal in der Nähe und zog sich zum Schlafen in sein Haus zurück. Dort brach dann am 7. März vergangenen Jahres ein Wasserrohr, so dass die Flut aus den heruntergelassenen Rollläden im Erdgeschoss quoll, als Polizei und Feuerwehr vor Ort eintrafen. Nachdem die Einsatzkräfte das Wasser abgestellt hatten, zog der Bewohner zunächst zu einem Freund und dann in ein Pflegeheim. Dort starb er im November vergangenen Jahres. „Ich schätze, dass allein schon die Entsorgung von Müll auf dem Grundstück 60.000 bis 80.000 Euro kosten wird", meint der Bürger, der sich die Frage stellt, wem nun das Objekt gehören soll und wer dafür verantwortlich ist. Er habe immer wieder Umweltbehörden und die Stadt Minden über das Schrottgrundstück informiert. Geändert habe das nichts. Eine lange Kette behördlichen Handelns begleitete die Entwicklung des Hauses und seines Bewohners bis zur totalen Unbewohnbarkeit. Wie Susann Lewerenz, Pressesprecherin der Stadt Minden, erklärt, sei der Zustand bereits seit 2001 bekannt. „Bauordnungsrechtlich ist die Stadt nach unzähligen Bauordnungsverfügungen und Zwangsgeldfestsetzungen nicht weitergekommen, da die Verhältnisse dort nicht einfach waren." Zwangsgelder habe der Betroffene nicht gezahlt. Eine Pfändung von Sachgegenständen oder des Kontos sei nach den Berichten des Vollzugsbeamten auch nicht möglich gewesen. „Als letzte Maßnahme gilt es dann in solchen Fällen, eine Ersatzzwangshaft anzuordnen, von der aber aufgrund des gesundheitlichen Zustandes des Eigentümers Abstand genommen wurde." Weil der wachsende Schrottberg das Leben in der Nachbarschaft zunehmend beeinträchtigte, hatte ein Betroffener über einen Rechtsanwalt eine Untätigkeitsbeschwerde beim Kreis Minden-Lübbecke als obere Bauaufsichtsbehörde eingelegt. Nachdem die Stadt Minden eine entsprechende Stellungnahme gegenüber dem Kreis abgeben musste, kam es zu keiner weiteren Rückmeldung der vorgesetzten Stelle. „Da alles, was in einem solch schwierigen Fall unternommen werden kann, erfolgt ist, gegen wir davon aus, dass der Kreis unser Vorgehen als korrekt wertet", heißt es dazu bei der Stadt. Mehrfach war das Kreis-Umweltamt vor Ort, um die Lagerung von umweltgefährdenden Stoffen zu überprüfen. Dabei stellte die Behörde keine Gefahrenquellen fest. Bei den Gegenständen auf dem Grundstück handelt es sich auch nicht um Müll, der in einer Verbrennungsanlage oder Deponie zu entsorgen ist. „Darunter sind auch Wertgegenstände,", sagt Lewerenz. „60 große Container braucht man, um das ganze Zeug los zu werden", meint dazu der aufmerksame Bürger. Und dann stelle sich noch die Frage, wem das Haus überhaupt gehöre und ob die Stadt allein schon wegen nicht gezahlter Gebühren Forderungen habe. Nach MT-Recherchen soll es noch eine Schwester des Verstorbenen geben. Wenn niemand das vermüllte Erbe übernehmen sollte, gilt das Grundstück als herrenlos, so dass das Land Nordrhein-Westfalen das Recht hat, sich die Immobilie anzueignen. Es gibt allerdings keine zeitliche Befristung, in der das Land eine Entscheidung dazutreffen muss. „Leidtragende sind in solchen Fällen die Gemeinden und Städte", so Lewerenz. „Wenn dieser Fall eintreten sollte, muss die Stadt das Grundstück gegen unbefugtes Betreten auf eigene Kosten sichern lassen." Auch der Mindener Rechtsanwalt Markus Bünte ist derzeit als Nachlasspfleger mit der Zukunft der Immobilie beschäftigt. „Es ist beabsichtigt, das Haus zu verkaufen", meint er. Allerdings gehe er aufgrund des Zustandes davon aus, dass der Käuferkreis ein sehr kleiner sein werde. Immerhin: Manche denken bereis jetzt über einen Erwerb nach. So der aufmerksame Bürger, der gegenüber dem MT bekundet, aus der Baubranche zu stammen. „Da lässt sich bestimmt einiges machen – wenn der Preis stimmt." Der Autor ist erreichbar unter(0571) 882-165 oderStefan.Koch@MT.de