Minden

Eine von #unten: Steffi aus Minden schreibt über ihre Armut auf Twitter

Nadine Schwan

Steffi (32) lebt vom Hartz-IV-Regelsatz und will raus aus der Armutsspirale. Unter dem Hashtag „unten“ hat die Mindenerin von ihrem Erfahrungen mit Ausgrenzung und Armut auf Twitter berichtet. MT- - © Foto: Nadine Schwan
Steffi (32) lebt vom Hartz-IV-Regelsatz und will raus aus der Armutsspirale. Unter dem Hashtag „unten“ hat die Mindenerin von ihrem Erfahrungen mit Ausgrenzung und Armut auf Twitter berichtet. MT- (© Foto: Nadine Schwan)

Minden (mt). Wenn Steffi ausgeht, setzt sie sich weit weg von den anderen Menschen. Bloß nicht angesprochen werden. Bloß nicht auffallen. Denn die erste Frage, die die Leute immer stellen, ist: Und, was machst du so? Steffi antwortet ehrlich. Sie sucht eine Ausbildung – das allerdings schon seit elf Jahren. Du siehst gar nicht so aus, wie so jemand, kommt dann zurück. So jemand? Wie sieht jemand aus, der seit Jahren sucht und nichts findet?

Steffi ist 32 Jahre alt, eine ruhige, schüchterne Frau mit kurzen, an der Seite anrasierten, dunkelrot gefärbten Haaren. Sie ist zierlich, nur 1,51 Meter groß und trägt lieber Männersachen statt Frauenklamotten: Turnschuhe, Kapuzenpulli, weite Hose mit großen Taschen, in die auch das Handy passt. Steffi, die ihren Nachnamen nicht öffentlich preisgeben will, lebt von 416 Euro im Monat, dem Hartz-IV-Regelsatz. Sie wohnt in ihrem alten Kinderzimmer bei den Eltern, an der Wand hängt eine große Flagge von den Toten Hosen. Im Kühlschrank der Eltern hat sie ihr eigenes Fach. Steffi ist zurückhaltend, liebt Bücher, interessiert sich für Politik und schaut vormittags die Bundestagsdebatten im Fernsehen an. Nur irgendwie hat sie den Anschluss verpasst.

Steffi ist unten, würde der Journalist Christian Baron, der für die Wochenzeitung „Der Freitag" schreibt, sagen. Er hat Anfang November mit einem sehr persönlichen Bericht den Hashtag „unten" auf Twitter ins Leben gerufen und Menschen dazu animiert von ihren Problemen zu berichten. Seitdem schildern Tausende ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung, Armut und sozialer Ungleichheit.

Steffi hat den Artikel gelesen und lange darüber nachgedacht, ob sie auch etwas darüber schreiben soll. „Auf Twitter lebte ich bisher in einer Blase, niemand wusste, dass ich keinen Job und keine Ausbildung habe." Dann hat sie es aber doch getan und sich geoutet. „1,06€ für Bildung. In der Bahnhofsbuchhandlung heimlich Zeitungen/Zeitschriften lesen", schreibt sie oder: „Sich bewusst gegen Kinder, Partner*in, Ehe, Liebe und viele Freunde entscheiden, um sich, da man eh keine lebenswerte Rente später bekommen wird, den Weg des Freitodes im Rentenalter einfacher zu machen." Sie will deutlich machen, dass ein Leben in der Arbeitslosigkeit nicht dem Bild entspricht, das viele aus dem Fernsehen kennen – faul auf der Couch liegen und in Saus und Braus auf Kosten des Staats leben. Wenn Steffi nicht gerade ein Praktikum macht oder in einer Maßnahme des Jobcenters ist, beginnt ihr Tag meist um 8 Uhr, dann liest sie Zeitung, "Der Freitag", den sie vergünstigt abonniert hat, schreibt Bewerbungen und holt Absagen aus dem Briefkasten oder E-Mail-Postfach. Sie fährt auch gerne mit ihrem Fahrrad – dem teuersten Gegenstand, den die besitzt.


Steffi gilt in der Statistik als Langzeitarbeitslose, Menschen, die ein Jahr und länger arbeitslos gemeldet sind. Aktuell liegt die Zahl im Kreis Minden-Lübbecke für den November 2018 bei 2700, 2307 Menschen davon beziehen Hartz-IV oder wie es eigentlich heißt SGB II-Leistungen. Wer wie lange ohne Arbeit ist, wird dabei nicht erfasst.

Steffi will ein besseres Leben führen, nicht von unten nach oben aufsteigen, sondern einfach nur in der Mitte ankommen. Doch der Weg raus aus der Spirale zwischen Maßnahmen vom Jobcenter, Praktika, Bewerbungen schreiben und doch wieder Absagen kassieren, scheint unendlich schwer. Zehn Bewerbungen schickt sie im Schnitt pro Monat ab, manchmal wird sie zu Bewerbungsgesprächen und Einstellungstests eingeladen, geklappt hat es aber noch nie. Woran es liegt, sagt hinterher keiner.

Steffi war schon immer schüchtern, in mündlichen Fächern schnitt sie schlecht ab. Von der Realschule wechselte sie für die 9. und 10. Klasse auf die Hauptschule. 2007 holte sie den Realschulabschluss nach und versuchte dann das Abitur zu machen, doch die Noten stimmten nicht. Ihre Eltern, beide Arbeiter, unterstützen sie, bei den Hausaufgaben konnten ihr damals aber nie helfen und auch keine Nachhilfe bezahlen.

Heute möchte die 32-Jährige am liebsten eine Ausbildung als Fachangestellte für Medien und Informationsdienste in einer Bibliothek oder einem Archiv machen, Mediengestalterin oder Buchhändlerin werden. Wo, das ist ihr egal, sie sucht bundesweit. Am liebsten würde sie nach Hamburg oder Berlin ziehen, aber auch andere Städte kommen in Frage. Wichtig ist nur, dass der Nahverkehr funktioniert, denn Steffi hat keinen Führerschein und will ihn auch nicht machen.

Sie wünscht sich, dass mehr Geld in Bildung investiert wird statt in sinnlose Maßnahmen für Arbeitslose. Die bestehen manchmal aus stundenlangem Bewerbungen schreiben, Spaziergängen oder Brettspielen, sagt Steffi. Sie möchte, dass sozial schwächere Kinder und Jugendliche besser gefördert werden und den Weg von unten in die Mitte finden. Und vielleicht ja auch nach oben.

Kommentar: Wie geht's nach oben?

Hashtags auf Twitter können Debatten entzünden, echte Probleme lösen sie aber nicht – erstmal jedenfalls. Denn dafür muss mehr passieren. Auf emotionale Geschichten müssen echte Handlungen folgen. Und das ist noch viel schwerer als sich im Netz zu outen.

Nach #aufschrei und #meetoo sorgt der Hashtag „unten" für Aufsehen. Tausende Menschen nutzen ihn und berichten auf Twitter, wie es sich anfühlt arm zu sein. Die Geschichten, die gepostet werden, bewegen. Sie sind emotional und machen Probleme sichtbar, die vielleicht sonst keiner wahrgenommen hätte. Es sind Ungerechtigkeiten, die in keiner Statistik auftauchen.

Ein junger Mann, der sich auf Twitter @pete_lectro nennt, schreibt: „Weiß noch in der Grundschule, Kindergeburtstag, das erste mal in einem Einfamilienhaus gewesen. Frage die Mutter des Geburtstagskindes wo die Toilette ist. Sie sagt die Treppe rauf. Ich frage, ob da denn nicht eine andere Familie wohnt. Sie lacht mich aus. #unten".

Ausgelöst hat diese Twitter-Welle der Journalist Christian Baron, der für die Wochenzeitung „Der Freitag" schreibt. Er selbst ist ein Kind von unten und fordert die Leser zu einem Aufschrei auf. Das gelingt – und es auszusprechen ist richtig. Doch viele dieser Menschen sind nicht mehr #unten, sie erzählen nicht vom hier und jetzt, sondern Anekdoten aus ihrer Kindheit. Sie sind Aufsteiger, haben den Weg von unten nach oben gemeistert oder sind auf dem besten Weg dorthin.

Doch wie schafft ein Mensch, der unten ist, diesen Aufstieg? Wo geht der Weg lang? Was muss jemand tun, der raus will aus der Armutsspirale? Darauf wünsche ich mir eine Antwort – gerne in mehr als 280 Zeichen.

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MindenEine von #unten: Steffi aus Minden schreibt über ihre Armut auf TwitterNadine SchwanMinden (mt). Wenn Steffi ausgeht, setzt sie sich weit weg von den anderen Menschen. Bloß nicht angesprochen werden. Bloß nicht auffallen. Denn die erste Frage, die die Leute immer stellen, ist: Und, was machst du so? Steffi antwortet ehrlich. Sie sucht eine Ausbildung – das allerdings schon seit elf Jahren. Du siehst gar nicht so aus, wie so jemand, kommt dann zurück. So jemand? Wie sieht jemand aus, der seit Jahren sucht und nichts findet? Steffi ist 32 Jahre alt, eine ruhige, schüchterne Frau mit kurzen, an der Seite anrasierten, dunkelrot gefärbten Haaren. Sie ist zierlich, nur 1,51 Meter groß und trägt lieber Männersachen statt Frauenklamotten: Turnschuhe, Kapuzenpulli, weite Hose mit großen Taschen, in die auch das Handy passt. Steffi, die ihren Nachnamen nicht öffentlich preisgeben will, lebt von 416 Euro im Monat, dem Hartz-IV-Regelsatz. Sie wohnt in ihrem alten Kinderzimmer bei den Eltern, an der Wand hängt eine große Flagge von den Toten Hosen. Im Kühlschrank der Eltern hat sie ihr eigenes Fach. Steffi ist zurückhaltend, liebt Bücher, interessiert sich für Politik und schaut vormittags die Bundestagsdebatten im Fernsehen an. Nur irgendwie hat sie den Anschluss verpasst. Steffi ist unten, würde der Journalist Christian Baron, der für die Wochenzeitung „Der Freitag" schreibt, sagen. Er hat Anfang November mit einem sehr persönlichen Bericht den Hashtag „unten" auf Twitter ins Leben gerufen und Menschen dazu animiert von ihren Problemen zu berichten. Seitdem schildern Tausende ihre Erfahrungen mit Ausgrenzung, Armut und sozialer Ungleichheit. Steffi hat den Artikel gelesen und lange darüber nachgedacht, ob sie auch etwas darüber schreiben soll. „Auf Twitter lebte ich bisher in einer Blase, niemand wusste, dass ich keinen Job und keine Ausbildung habe." Dann hat sie es aber doch getan und sich geoutet. „1,06€ für Bildung. In der Bahnhofsbuchhandlung heimlich Zeitungen/Zeitschriften lesen", schreibt sie oder: „Sich bewusst gegen Kinder, Partner*in, Ehe, Liebe und viele Freunde entscheiden, um sich, da man eh keine lebenswerte Rente später bekommen wird, den Weg des Freitodes im Rentenalter einfacher zu machen." Sie will deutlich machen, dass ein Leben in der Arbeitslosigkeit nicht dem Bild entspricht, das viele aus dem Fernsehen kennen – faul auf der Couch liegen und in Saus und Braus auf Kosten des Staats leben. Wenn Steffi nicht gerade ein Praktikum macht oder in einer Maßnahme des Jobcenters ist, beginnt ihr Tag meist um 8 Uhr, dann liest sie Zeitung, "Der Freitag", den sie vergünstigt abonniert hat, schreibt Bewerbungen und holt Absagen aus dem Briefkasten oder E-Mail-Postfach. Sie fährt auch gerne mit ihrem Fahrrad – dem teuersten Gegenstand, den die besitzt. Und nein, ich schäme mich nicht. Ich bin eher verletzt. Verletzt, dass man mich wie einen Gegenstand kaputt verleihen und in Schwachsinnsmaßnahmen verramschen will. Schämen sollten sich diejenigen, die dieses System unterstützen und für gut befinden. #unten — Streichelzoo (@Streichelzoo) 14. November 2018Steffi gilt in der Statistik als Langzeitarbeitslose, Menschen, die ein Jahr und länger arbeitslos gemeldet sind. Aktuell liegt die Zahl im Kreis Minden-Lübbecke für den November 2018 bei 2700, 2307 Menschen davon beziehen Hartz-IV oder wie es eigentlich heißt SGB II-Leistungen. Wer wie lange ohne Arbeit ist, wird dabei nicht erfasst. Steffi will ein besseres Leben führen, nicht von unten nach oben aufsteigen, sondern einfach nur in der Mitte ankommen. Doch der Weg raus aus der Spirale zwischen Maßnahmen vom Jobcenter, Praktika, Bewerbungen schreiben und doch wieder Absagen kassieren, scheint unendlich schwer. Zehn Bewerbungen schickt sie im Schnitt pro Monat ab, manchmal wird sie zu Bewerbungsgesprächen und Einstellungstests eingeladen, geklappt hat es aber noch nie. Woran es liegt, sagt hinterher keiner. Steffi war schon immer schüchtern, in mündlichen Fächern schnitt sie schlecht ab. Von der Realschule wechselte sie für die 9. und 10. Klasse auf die Hauptschule. 2007 holte sie den Realschulabschluss nach und versuchte dann das Abitur zu machen, doch die Noten stimmten nicht. Ihre Eltern, beide Arbeiter, unterstützen sie, bei den Hausaufgaben konnten ihr damals aber nie helfen und auch keine Nachhilfe bezahlen. Heute möchte die 32-Jährige am liebsten eine Ausbildung als Fachangestellte für Medien und Informationsdienste in einer Bibliothek oder einem Archiv machen, Mediengestalterin oder Buchhändlerin werden. Wo, das ist ihr egal, sie sucht bundesweit. Am liebsten würde sie nach Hamburg oder Berlin ziehen, aber auch andere Städte kommen in Frage. Wichtig ist nur, dass der Nahverkehr funktioniert, denn Steffi hat keinen Führerschein und will ihn auch nicht machen. Sie wünscht sich, dass mehr Geld in Bildung investiert wird statt in sinnlose Maßnahmen für Arbeitslose. Die bestehen manchmal aus stundenlangem Bewerbungen schreiben, Spaziergängen oder Brettspielen, sagt Steffi. Sie möchte, dass sozial schwächere Kinder und Jugendliche besser gefördert werden und den Weg von unten in die Mitte finden. Und vielleicht ja auch nach oben. Kommentar: Wie geht's nach oben? Hashtags auf Twitter können Debatten entzünden, echte Probleme lösen sie aber nicht – erstmal jedenfalls. Denn dafür muss mehr passieren. Auf emotionale Geschichten müssen echte Handlungen folgen. Und das ist noch viel schwerer als sich im Netz zu outen. Nach #aufschrei und #meetoo sorgt der Hashtag „unten" für Aufsehen. Tausende Menschen nutzen ihn und berichten auf Twitter, wie es sich anfühlt arm zu sein. Die Geschichten, die gepostet werden, bewegen. Sie sind emotional und machen Probleme sichtbar, die vielleicht sonst keiner wahrgenommen hätte. Es sind Ungerechtigkeiten, die in keiner Statistik auftauchen. Ein junger Mann, der sich auf Twitter @pete_lectro nennt, schreibt: „Weiß noch in der Grundschule, Kindergeburtstag, das erste mal in einem Einfamilienhaus gewesen. Frage die Mutter des Geburtstagskindes wo die Toilette ist. Sie sagt die Treppe rauf. Ich frage, ob da denn nicht eine andere Familie wohnt. Sie lacht mich aus. #unten". Ausgelöst hat diese Twitter-Welle der Journalist Christian Baron, der für die Wochenzeitung „Der Freitag" schreibt. Er selbst ist ein Kind von unten und fordert die Leser zu einem Aufschrei auf. Das gelingt – und es auszusprechen ist richtig. Doch viele dieser Menschen sind nicht mehr #unten, sie erzählen nicht vom hier und jetzt, sondern Anekdoten aus ihrer Kindheit. Sie sind Aufsteiger, haben den Weg von unten nach oben gemeistert oder sind auf dem besten Weg dorthin. Doch wie schafft ein Mensch, der unten ist, diesen Aufstieg? Wo geht der Weg lang? Was muss jemand tun, der raus will aus der Armutsspirale? Darauf wünsche ich mir eine Antwort – gerne in mehr als 280 Zeichen.