Mit dem Waffenstillstand waren Leid und Sorgen nicht vorbei

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Letzte Stunden an der Front: Heinrich Langenkämper. - © Sammlung Südmeier
Letzte Stunden an der Front: Heinrich Langenkämper. (© Sammlung Südmeier)

Minden (lkp). Auch als der Waffenstillstand sich abzeichnete, gingen die Kämpfe weiter. Heinrich Langenkämper, von der Minderheide stammender Artillerist und Schmiedemeister, der den Stellungskrieg an der Westfront überlebt hatte und im Osten bis Charkow gekommen war, beschreibt in seinen Lebenserinnerungen die letzte Stunde im Westen.

Gegen 11 Uhr setzte am 11. November 1918 heftiges Trommelfeuer von amerikanischer Seite ein und ein Sturmangriff, zum Teil mit Fahnen, begann. „Reihenweise wurde die feindliche Infanterie von unserer Infanterie niedergemäht." Kurz vor 12 Uhr setzte dann die vereinbarte Waffenruhe ein. Mehr als 1.500 tote Amerikaner lagen vor den deutschen Stellungen, ganz frische Truppen ohne Kriegserfahrung, die den Einmarsch nach Deutschland nicht verpassen wollten, wie der inzwischen zum Obmann seiner Einheit gewählte Artillerist schreibt, der den Krieg von Anfang an mitgemacht hatte.

Besorgt in Minden: Cathinka Köhler. Fotos: pr - © Sammlung Hirschberg-Köhler
Besorgt in Minden: Cathinka Köhler. Fotos: pr (© Sammlung Hirschberg-Köhler)

In Minden beobachtete die Verlegerwitwe Cathinka Köhler den Kriegsverlauf. „Welch eine Zeit! Unser armes Deutschland, der Kaiser geflohen nach Holland, alle Fürsten abgesetzt", schreibt sie am 13. November 1918 in ihr Tagebuch. „Furcht u. Besorgniß im Lande. Ein furchtbarer Waffenstillstand ist geschlossen, Deutschland soll vernichtet werden, u. man fürchtet eine Hungersnot. Noch ist es in Minden ruhig, aber wie lange wird es dauern. Man fürchtet die Armee, die zurück kehrt, Gott sei uns gnädig, man wird stumpf u. ergeben. Morgen wollen wir die Vorräte, die wir noch haben, verstecken."

An der Front verschlechterte sich auch ohne Kampfhandlungen die Versorgungslage der Truppen. Auf dem Heimweg, auf dem Heinrich Langenkämper überfüllte Züge mit „Trauben von Menschen" sah, löste sich das Regiment bereits auf. Am Demobilisierungsort Klosterbauerschaft sollten die 35 verbliebenen Mann die restlichen 115 Pferde an die Bauern verkaufen. Als am zweiten Abend zwei seiner Schwestern kamen, kehrten sie noch in derselben Nacht zurück nach Haus. Der Krieg war für ihn aus. Aber bald darauf machten ihm die Nachwirkungen der Gasangriffe zu schaffen.

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Mit dem Waffenstillstand waren Leid und Sorgen nicht vorbeiMinden (lkp). Auch als der Waffenstillstand sich abzeichnete, gingen die Kämpfe weiter. Heinrich Langenkämper, von der Minderheide stammender Artillerist und Schmiedemeister, der den Stellungskrieg an der Westfront überlebt hatte und im Osten bis Charkow gekommen war, beschreibt in seinen Lebenserinnerungen die letzte Stunde im Westen. Gegen 11 Uhr setzte am 11. November 1918 heftiges Trommelfeuer von amerikanischer Seite ein und ein Sturmangriff, zum Teil mit Fahnen, begann. „Reihenweise wurde die feindliche Infanterie von unserer Infanterie niedergemäht." Kurz vor 12 Uhr setzte dann die vereinbarte Waffenruhe ein. Mehr als 1.500 tote Amerikaner lagen vor den deutschen Stellungen, ganz frische Truppen ohne Kriegserfahrung, die den Einmarsch nach Deutschland nicht verpassen wollten, wie der inzwischen zum Obmann seiner Einheit gewählte Artillerist schreibt, der den Krieg von Anfang an mitgemacht hatte. In Minden beobachtete die Verlegerwitwe Cathinka Köhler den Kriegsverlauf. „Welch eine Zeit! Unser armes Deutschland, der Kaiser geflohen nach Holland, alle Fürsten abgesetzt", schreibt sie am 13. November 1918 in ihr Tagebuch. „Furcht u. Besorgniß im Lande. Ein furchtbarer Waffenstillstand ist geschlossen, Deutschland soll vernichtet werden, u. man fürchtet eine Hungersnot. Noch ist es in Minden ruhig, aber wie lange wird es dauern. Man fürchtet die Armee, die zurück kehrt, Gott sei uns gnädig, man wird stumpf u. ergeben. Morgen wollen wir die Vorräte, die wir noch haben, verstecken." An der Front verschlechterte sich auch ohne Kampfhandlungen die Versorgungslage der Truppen. Auf dem Heimweg, auf dem Heinrich Langenkämper überfüllte Züge mit „Trauben von Menschen" sah, löste sich das Regiment bereits auf. Am Demobilisierungsort Klosterbauerschaft sollten die 35 verbliebenen Mann die restlichen 115 Pferde an die Bauern verkaufen. Als am zweiten Abend zwei seiner Schwestern kamen, kehrten sie noch in derselben Nacht zurück nach Haus. Der Krieg war für ihn aus. Aber bald darauf machten ihm die Nachwirkungen der Gasangriffe zu schaffen.  Lesen Sie zu diesem Thema auch: Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg: Enkel erfährt vom Fund einer Erkennungsmarke