„Nie wieder Antisemitismus“: MT-Interview mit Harald Scheurenberg zum Gedenken an das Pogrom vor 80 Jahren

Stefan Koch

Minden (mt). 80 Jahre nach der von den Nazis inszenierten Reichspogromnacht geben die Erinnerungen an die damaligen Schrecken und die Vernichtung jüdischen Lebens in der Folge Anlass zum Gedenken. Immer noch bleibt das historische Geschehen im Gedächtnis aktuell. Das Mindener Tageblatt sprach mit Harald Scheurenberg, langjähriger Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Minden, über den 9. November 1938.

Harald Scheurenberg war 33 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Minden. Foto: Tanja Sperzel - © siehe Bildtext
Harald Scheurenberg war 33 Jahre lang Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde Minden. Foto: Tanja Sperzel (© siehe Bildtext)

Welche Wandlung hat das Gedenken an die Pogromnacht in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte erfahren?

Nach meiner Wahrnehmung wurde das Gedenken in den ersten zwei Jahrzehnten im Rahmen unserer Gemeinde mit wenigen Mindener Bürgerinnen und Bürger begangen. Ab ca. 1970 beteiligten sich dann deutlich mehr Interessierte an den Gedenkstunden. Nun reichte der Platz im Vorraum der Synagoge (Gedenkraum für die Opfer der Shoa) nicht mehr aus.

Die Synagoge wurde mit ihren rund 80 Plätzen mit einbezogen. Insbesondere die sehr guten Beiträge von Mindener Schülerinnen und Schülern sowie Rednerinnen und Rednern aus Politik, Kirchen und Kreisen der Bürgergesellschaft stießen auf größeres Interesse.

Einladungen von überlebenden Juden durch die Stadt Minden, die Errichtung des Mahnmals für die Opfer der Shoa an einer zentralen Stelle sowie die Verlegung von Stolpersteinen vor Häusern von ehemals jüdischen Bewohnern, haben nicht nur die Novemberpogrome von 1938, sondern in Teilen die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus mit sich gebracht. Insbesondere die 1960 gegründete Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit steht für die Verständigung und das tolerante Miteinander mit unserer kleinen Gemeinde.

Welche Bedeutung hat heute der 9. November für jüdische Menschen?

Am 9./10. November 1938 und den Folgetagen wurden hunderte Synagogen und Beträume durch vorsätzliche Brandlegung oder durch Gewalteinwirkung zerstört. Tausende Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe verwüstet. Juden wurden aus ihren Wohnungen mit Gewalt gezerrt und vor aller Augen misshandelt. Mehr als 400 Juden wurden getötet. Mein Vater wurde im Alter von 17 Jahren in dieser Nacht von der Gestapo verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Zehntausenden Juden erging es ähnlich. Insbesondere diese Nacht hat sich bei Juden, sozusagen, fest in ihren Seelen „eingebrannt“. Wie in den fürchterlichen und barbarischen Pogromen der letzten 2000 Jahre, wurden Juden angefeindet, misshandelt und ermordet.

Immer noch sind Juden Angriffen ausgesetzt – und die Palette reicht dabei von einer Attacke auf ein koscheres Restaurant wie in Chemnitz bis zu einem Massaker wie jetzt in Pittsburgh. Wie groß ist da die Sorge, dass sich ein 9. November wiederholen kann?

Die Juden haben aus ihrer Geschichte gelernt, dass sie sich nur sehr selten auf Unterstützung der jeweiligen Bevölkerung, kirchlicher oder staatlicher Einrichtungen verlassen können. Untersuchungen haben ergeben, dass fast jeder fünfte Deutsche eine oder mehrere antisemitische Einstellungen vertritt. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich hierbei um einen Querschnitt aller Bevölkerungsschichten handelt, wirft dieses natürlich weitere Fragen auf. Nie wieder Antisemitismus, Ausgrenzung und/oder Bedrohung an Leib und Seele von Juden in Deutschland, das ist die Lehre aus zwölf Jahren menschenverachtender Politik und deshalb ein Auftrag an alle hier lebenden Menschen in Deutschland, gleich welcher religiösen, kulturellen und politischer Überzeugung. Unsere kleine Gemeinde mit ihren 90 Mitgliedern will dazu beitragen, dass wir gemeinsam respektvoll und friedlich in der derzeitigen und näheren Zukunft hier in Eintracht leben können.

Können sich jüdische Menschen im Mindener Land heute sicher fühlen?

Diese Frage kann ich nicht für unsere Gemeindemitglieder beantworten. Sicherlich würde man sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Das liegt zum einen am subjektiven Charakter der Wahrnehmung, zum anderen an der sich rasant veränderten Gefahrensituation – sowie der traurigen Wahrheit, dass sich niemand adäquat vor terroristischen Angriffen schützen kann. In Minden haben wir seit vielen Jahren eine gut abgestimmte Sicherheitsarchitektur. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist eng verzahnt und gründlich abgestimmt.

Wie war es in den Jahrzehnten nach dem Holocaust um die Akzeptanz jüdischen Lebens in Minden bestellt?

Vor der Shoa hatte die Mindener Gemeinde mehr als 300 Mitglieder. Für das heutige Kreisgebiet berechnet würde die damalige Zahl bei mindestens 700 Mitgliedern liegen. Nach der Shoa zählte die Jüdische Kultusgemeinde Minden und Umgebung mit weniger als 40 Personen zu den kleinsten Gemeinden in Deutschland. Der Wiederaufbau der Gemeinde in Minden ist eng mit den Namen der Herren Emil Samuel und Max Ingberg verbunden. Zwanzig Jahre nach der Zerstörung wurde 1958 die neue Synagoge eingeweiht und das dazugehörende Gemeindehaus fertiggestellt. Das war absolut nicht selbstverständlich, da die Überlebenden der Shoa oftmals mit ihren Vorhaben in Konflikt mit alten NS-Seilschaften lagen. Ich habe diese Aussagen noch gut in Erinnerung.

Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 165 oder Stefan.Koch@MT.de

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„Nie wieder Antisemitismus“: MT-Interview mit Harald Scheurenberg zum Gedenken an das Pogrom vor 80 JahrenStefan KochMinden (mt). 80 Jahre nach der von den Nazis inszenierten Reichspogromnacht geben die Erinnerungen an die damaligen Schrecken und die Vernichtung jüdischen Lebens in der Folge Anlass zum Gedenken. Immer noch bleibt das historische Geschehen im Gedächtnis aktuell. Das Mindener Tageblatt sprach mit Harald Scheurenberg, langjähriger Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in Minden, über den 9. November 1938. Welche Wandlung hat das Gedenken an die Pogromnacht in Deutschland im Laufe der Jahrzehnte erfahren? Nach meiner Wahrnehmung wurde das Gedenken in den ersten zwei Jahrzehnten im Rahmen unserer Gemeinde mit wenigen Mindener Bürgerinnen und Bürger begangen. Ab ca. 1970 beteiligten sich dann deutlich mehr Interessierte an den Gedenkstunden. Nun reichte der Platz im Vorraum der Synagoge (Gedenkraum für die Opfer der Shoa) nicht mehr aus. Die Synagoge wurde mit ihren rund 80 Plätzen mit einbezogen. Insbesondere die sehr guten Beiträge von Mindener Schülerinnen und Schülern sowie Rednerinnen und Rednern aus Politik, Kirchen und Kreisen der Bürgergesellschaft stießen auf größeres Interesse. Einladungen von überlebenden Juden durch die Stadt Minden, die Errichtung des Mahnmals für die Opfer der Shoa an einer zentralen Stelle sowie die Verlegung von Stolpersteinen vor Häusern von ehemals jüdischen Bewohnern, haben nicht nur die Novemberpogrome von 1938, sondern in Teilen die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus mit sich gebracht. Insbesondere die 1960 gegründete Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit steht für die Verständigung und das tolerante Miteinander mit unserer kleinen Gemeinde. Welche Bedeutung hat heute der 9. November für jüdische Menschen? Am 9./10. November 1938 und den Folgetagen wurden hunderte Synagogen und Beträume durch vorsätzliche Brandlegung oder durch Gewalteinwirkung zerstört. Tausende Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe verwüstet. Juden wurden aus ihren Wohnungen mit Gewalt gezerrt und vor aller Augen misshandelt. Mehr als 400 Juden wurden getötet. Mein Vater wurde im Alter von 17 Jahren in dieser Nacht von der Gestapo verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Zehntausenden Juden erging es ähnlich. Insbesondere diese Nacht hat sich bei Juden, sozusagen, fest in ihren Seelen „eingebrannt“. Wie in den fürchterlichen und barbarischen Pogromen der letzten 2000 Jahre, wurden Juden angefeindet, misshandelt und ermordet. Immer noch sind Juden Angriffen ausgesetzt – und die Palette reicht dabei von einer Attacke auf ein koscheres Restaurant wie in Chemnitz bis zu einem Massaker wie jetzt in Pittsburgh. Wie groß ist da die Sorge, dass sich ein 9. November wiederholen kann? Die Juden haben aus ihrer Geschichte gelernt, dass sie sich nur sehr selten auf Unterstützung der jeweiligen Bevölkerung, kirchlicher oder staatlicher Einrichtungen verlassen können. Untersuchungen haben ergeben, dass fast jeder fünfte Deutsche eine oder mehrere antisemitische Einstellungen vertritt. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich hierbei um einen Querschnitt aller Bevölkerungsschichten handelt, wirft dieses natürlich weitere Fragen auf. Nie wieder Antisemitismus, Ausgrenzung und/oder Bedrohung an Leib und Seele von Juden in Deutschland, das ist die Lehre aus zwölf Jahren menschenverachtender Politik und deshalb ein Auftrag an alle hier lebenden Menschen in Deutschland, gleich welcher religiösen, kulturellen und politischer Überzeugung. Unsere kleine Gemeinde mit ihren 90 Mitgliedern will dazu beitragen, dass wir gemeinsam respektvoll und friedlich in der derzeitigen und näheren Zukunft hier in Eintracht leben können. Können sich jüdische Menschen im Mindener Land heute sicher fühlen? Diese Frage kann ich nicht für unsere Gemeindemitglieder beantworten. Sicherlich würde man sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Das liegt zum einen am subjektiven Charakter der Wahrnehmung, zum anderen an der sich rasant veränderten Gefahrensituation – sowie der traurigen Wahrheit, dass sich niemand adäquat vor terroristischen Angriffen schützen kann. In Minden haben wir seit vielen Jahren eine gut abgestimmte Sicherheitsarchitektur. Die Zusammenarbeit mit der Polizei ist eng verzahnt und gründlich abgestimmt. Wie war es in den Jahrzehnten nach dem Holocaust um die Akzeptanz jüdischen Lebens in Minden bestellt? Vor der Shoa hatte die Mindener Gemeinde mehr als 300 Mitglieder. Für das heutige Kreisgebiet berechnet würde die damalige Zahl bei mindestens 700 Mitgliedern liegen. Nach der Shoa zählte die Jüdische Kultusgemeinde Minden und Umgebung mit weniger als 40 Personen zu den kleinsten Gemeinden in Deutschland. Der Wiederaufbau der Gemeinde in Minden ist eng mit den Namen der Herren Emil Samuel und Max Ingberg verbunden. Zwanzig Jahre nach der Zerstörung wurde 1958 die neue Synagoge eingeweiht und das dazugehörende Gemeindehaus fertiggestellt. Das war absolut nicht selbstverständlich, da die Überlebenden der Shoa oftmals mit ihren Vorhaben in Konflikt mit alten NS-Seilschaften lagen. Ich habe diese Aussagen noch gut in Erinnerung. Der Autor ist erreichbar unter (05 71) 882 165 oder Stefan.Koch@MT.de