Dicht an dicht - Wie sieht die Zukunft der Oberen Altstadt aus?

Anja Peper

Zentral, aber fast vergessen: Seit mehr als 30 Jahren steht das ehemalige Gefängnis unter Denkmalschutz. - © Foto: MT-Archiv (Monika Jäger)
Zentral, aber fast vergessen: Seit mehr als 30 Jahren steht das ehemalige Gefängnis unter Denkmalschutz. (© Foto: MT-Archiv (Monika Jäger))

Minden (mt). Alte Häuser, krumme Straßen, kleine Läden – und große Ruinen: In der Oberen Altstadt ist alles nur einen Katzensprung entfernt. Auf jedem Meter des alten Pflasters atmet man Historie. Fachwerk-Idylle und verwahrloste Ecken grenzen direkt aneinander. Wohnen, Einkaufen, Parken: Wie könnten hier Lösungen für die Zukunft aussehen? – „Die Sanierung der historischen Bausubstanz reicht allein nicht aus, um das Viertel als innerstädtisches Wohnquartier dauerhaft aufzuwerten“, meint die Stadt Minden. Da müssen neue Strategien her.

Insbesondere im Norden der Oberen Altstadt zeigen sich Mängel. Bei der zweiten Bürgerveranstaltung legten die etwa 70 Teilnehmer den Fokus auf vier Bereiche. Dort bestehe definitiv Handlungsbedarf, sagt die angehende Stadtplanerin Andrea Heilmann vom Architekturbüro Wolters (Coesfeld). Diese vier „Lupenräume“ sind: Der Innenstadtbereich der Hahler Straße, das ehemalige Gefängnis sowie die ehemalige Bordellstraße, das Rampenloch samt Greisenbruchstraße. Außerdem zählt das Coesfelder Büro das kleine Hagemeyer-Parkhaus dazu. Denn das schwierige Thema Parken zieht sich wie ein Roter Faden durch alle Diskussionsrunden an diesem Abend. Das Ziel der Rahmenplanung: altersgerechtes Wohnen und bezahlbarer Wohnraum für Familien und Studierende. Die kniffeligen Fragen: Wo sollen die künftigen Bewohner parken? Ist ihnen wichtig, dass das Auto direkt vor der Tür steht? Oder sind sie bereit, ihre Einkäufe übers uralte Pflaster zu schleppen?

Zum Rampenloch laufen Gespräche. - © Foto: MT-Archiv (Alex Lehn)
Zum Rampenloch laufen Gespräche. (© Foto: MT-Archiv (Alex Lehn))

Bei diesen Überlegungen ist das kleinere der beiden Hagemeyer-Parkhäuser ins Visier geraten. Es bietet etwa 100 Stellplätze und grenzt direkt an das ehemalige Doepner-Gebäude (unter Denkmalschutz). Die Coesfelder Planer schlagen vor, daraus ein „Quartiersparkhaus“ zu machen. Diesen Wunsch kann Hagemeyer-Geschäftsführer Jürgen Ahrens zwar nachvollziehen. Aber: „Es müsste Ersatz her“, sagte er auf MT-Anfrage. „Viele unserer Kunden kommen von außerhalb. Die sollen sich jederzeit darauf verlassen können, bei uns einen Parkplatz zu finden.“ In der Theorie ließe sich das allseits beliebte große Parkhaus (etwa 400 Stellplätze) zwar aufstocken. Damit sich so ein Umbau für Hagemeyer rechnet, müsste mit dem eventuellen Verkauf ein entsprechend hoher Preis erwirtschaftet werden.

Das kleine Hagemeyer-Parkhaus grenzt an das ehemalige Doepner-Gebäude. - © Anja Peper
Das kleine Hagemeyer-Parkhaus grenzt an das ehemalige Doepner-Gebäude. (© Anja Peper)

Die Parkplatz-Frage ist also zentraler Knackpunkt. Auch der Denkmalschutz schwebt über allem: Fast vergessen ist zum Beispiel das ehemalige Gefängnis, wo der Verfall auf Schritt und Tritt sichtbar ist. Das Gebäude steht seit mehr als 30 Jahren unter Denkmalschutz. Um neue quartiersinterne Verbindungen zu schaffen, soll die Gefängnismauer durchlässig werden (Berichte im MT). Diese Mauer grenzt unmittelbar an eine der bekanntesten Straßen Mindens, das Rampenloch. Wegen der hohen Bedeutung für die Stadtentwicklung hat die Stadt die ehemalige Bordellstraße gekauft: „Aktuell führen wir Gespräche mit den Nachbarn, um herauszufinden, wie sie sich die Zukunft dort vorstellen“, sagte der Bau-Beigeordnete Lars Bursian bei der Bürgerversammlung. Letztendlich werde der Haupt- und Finanzausschuss (HFA) entscheiden, an wen das Rampenloch weiterverkauft wird. „Städtischer Zwischenerwerb“ heißt diese Strategie, die vermeiden soll, dass wichtige Immobilien in falsche Hände geraten. Lars Bursian machte klar: „Das kann eine Stadt allerdings nicht bei jeder Problem-Immobilie machen.“ Darum hofft die Stadt, dass die Privateigentümer die grundsätzlichen Strategien unterstützen.

Eine Aufwertung der Hahler Straße ist im Gespräch. MT-Fotos (2): Anja Peper - © Anja Peper
Eine Aufwertung der Hahler Straße ist im Gespräch. MT-Fotos (2): Anja Peper (© Anja Peper)

In allen Fällen soll der besondere Charakter der Oberen Altstadt bei den Neubauprojekten erhalten bleiben. Auch der Wunsch nach „Aufenthaltsqualität“ ist oft zu hören. Dazu gehören zum Beispiel Grünflächen, Spielplätze, Wintergärten. Dabei gerät auch die Verkehrssituation im Bereich Königswall und Hahler Straße ins Visier. Das Problem am Königswall besteht nach Ansicht der Stadtplaner vor allem darin, dass die stark befahrene Straße wie eine Barriere wirkt. Darum schlagen sie hier eine optische Verengung, Zebrastreifen und Vorbehaltsstreifen für den Radverkehr vor. Die Hahler Straße soll im Bereich der Innenstadt ebenfalls verkehrsberuhigt und insgesamt aufgewertet werden, schlagen die Stadtplaner aus Coesfeld vor.

Zweite Bürgerveranstaltung zur Zukunft der Oberen Altstadt

„Es ist kompliziert.“ Wer die zweite Bürgerveranstaltung zur Zukunft der Oberen Altstadt verfolgt hat, hegt daran kaum Zweifel. Denn einige Ziele, wie zum Beispiel Verkehrsberuhigung am Königswall, können im Konflikt liegen mit ökonomischen Zielen – wie einer Belebung der Innenstadt. So tun sich ganz grundlegende Fragen auf wie die nach der Zukunft der Mobilität.

Die Obere Altstadt ist extrem durchmischt, sowohl was die Bewohner als auch die Bausubstanz betrifft. Es ist diese Vielfalt, die die angehende Stadtplanerin Andrea Heilmann (Architekturbüro Wolters) so spannend findet an dem Projekt. Hier existiert liebevoll renovierte Fachwerk-Idylle gleich neben maroden Gebäuden, wo alles bröckelt und bröselt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Lukas Wietfeld bringt sie den professionellen externen Blick für die Beteiligungsprozesse mit.

Die Anwohner können aktiv an der Gestaltung des Quartiers mitwirken. Nachdem Anfang dieses Jahres die erste Bürgerversammlung zum Thema auf großes Interesse gestoßen war, stellte die Stadt Minden nun die zweite Versammlung auf die Beine. Diese stand im Zeichen der Präsentation der Ergebnisse der Planungsüberlegungen. Wie viele Emotionen an diesem historischen Stadtviertel hängen, wurde bei dem jüngsten Treffen in der Aula des Ratsgymnasiums erneut deutlich. „Hier habe ich schon als Kind ...“ – so fangen viele Sätze an. Der Denkmalschutz und die damit verbunden Beschränkungen ist hier ein Riesenthema.

Über einige grundsätzliche Ziele besteht Einigkeit: Bezahlbarer Wohnraum für Studierende, Familien und Senioren, das steht weit oben auf der Liste. Dazu kommt der Wunsch nach mehr Aufenthaltsqualität und einer besseren Verkehrssituation. Bei all' dem soll der Charakter des Quartiers erhalten bleiben. Die Obere Altstadt hat eine bewegte Geschichte. Jetzt sind Lösungen für die Zukunft gefragt.

Bau-Beigeordneter Lars Bursian geht davon aus, dass der politische Beschluss für den Rahmenplan noch 2018 fällt. Auch dieses Projekt gehört noch zum Masterplan Minden, der im Bereich der Innenstadt 2008/2009 begonnen wurde. „Wir arbeiten uns vom Kern nach außen“, fasst Bursian zusammen,

Unter dem Begriff Obere Altstadt versteht man die westliche Mindener Kernstadt. Das Altstadtquartier beginnt im Süden mit dem Bereich Weingarten und erstreckt sich im Norden bis zur Ecke Königswall/Kampstraße. Die Obere Altstadt wird durch eine Höhenkante, die teilweise bis zu 15 Meter beträgt, von der östlichen Kernstadt getrennt.

Das Viertel ist von historischen Gebäuden geprägt. Hier befinden sich vor allem Wohnungen. Viele der Gebäude sind saniert. Daneben finden sich aber auch vernachlässigte Gebäude sowie unbebaute Flächen abgerissener Häuser.

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Dicht an dicht - Wie sieht die Zukunft der Oberen Altstadt aus?Anja PeperMinden (mt). Alte Häuser, krumme Straßen, kleine Läden – und große Ruinen: In der Oberen Altstadt ist alles nur einen Katzensprung entfernt. Auf jedem Meter des alten Pflasters atmet man Historie. Fachwerk-Idylle und verwahrloste Ecken grenzen direkt aneinander. Wohnen, Einkaufen, Parken: Wie könnten hier Lösungen für die Zukunft aussehen? – „Die Sanierung der historischen Bausubstanz reicht allein nicht aus, um das Viertel als innerstädtisches Wohnquartier dauerhaft aufzuwerten“, meint die Stadt Minden. Da müssen neue Strategien her. Insbesondere im Norden der Oberen Altstadt zeigen sich Mängel. Bei der zweiten Bürgerveranstaltung legten die etwa 70 Teilnehmer den Fokus auf vier Bereiche. Dort bestehe definitiv Handlungsbedarf, sagt die angehende Stadtplanerin Andrea Heilmann vom Architekturbüro Wolters (Coesfeld). Diese vier „Lupenräume“ sind: Der Innenstadtbereich der Hahler Straße, das ehemalige Gefängnis sowie die ehemalige Bordellstraße, das Rampenloch samt Greisenbruchstraße. Außerdem zählt das Coesfelder Büro das kleine Hagemeyer-Parkhaus dazu. Denn das schwierige Thema Parken zieht sich wie ein Roter Faden durch alle Diskussionsrunden an diesem Abend. Das Ziel der Rahmenplanung: altersgerechtes Wohnen und bezahlbarer Wohnraum für Familien und Studierende. Die kniffeligen Fragen: Wo sollen die künftigen Bewohner parken? Ist ihnen wichtig, dass das Auto direkt vor der Tür steht? Oder sind sie bereit, ihre Einkäufe übers uralte Pflaster zu schleppen? Bei diesen Überlegungen ist das kleinere der beiden Hagemeyer-Parkhäuser ins Visier geraten. Es bietet etwa 100 Stellplätze und grenzt direkt an das ehemalige Doepner-Gebäude (unter Denkmalschutz). Die Coesfelder Planer schlagen vor, daraus ein „Quartiersparkhaus“ zu machen. Diesen Wunsch kann Hagemeyer-Geschäftsführer Jürgen Ahrens zwar nachvollziehen. Aber: „Es müsste Ersatz her“, sagte er auf MT-Anfrage. „Viele unserer Kunden kommen von außerhalb. Die sollen sich jederzeit darauf verlassen können, bei uns einen Parkplatz zu finden.“ In der Theorie ließe sich das allseits beliebte große Parkhaus (etwa 400 Stellplätze) zwar aufstocken. Damit sich so ein Umbau für Hagemeyer rechnet, müsste mit dem eventuellen Verkauf ein entsprechend hoher Preis erwirtschaftet werden. Die Parkplatz-Frage ist also zentraler Knackpunkt. Auch der Denkmalschutz schwebt über allem: Fast vergessen ist zum Beispiel das ehemalige Gefängnis, wo der Verfall auf Schritt und Tritt sichtbar ist. Das Gebäude steht seit mehr als 30 Jahren unter Denkmalschutz. Um neue quartiersinterne Verbindungen zu schaffen, soll die Gefängnismauer durchlässig werden (Berichte im MT). Diese Mauer grenzt unmittelbar an eine der bekanntesten Straßen Mindens, das Rampenloch. Wegen der hohen Bedeutung für die Stadtentwicklung hat die Stadt die ehemalige Bordellstraße gekauft: „Aktuell führen wir Gespräche mit den Nachbarn, um herauszufinden, wie sie sich die Zukunft dort vorstellen“, sagte der Bau-Beigeordnete Lars Bursian bei der Bürgerversammlung. Letztendlich werde der Haupt- und Finanzausschuss (HFA) entscheiden, an wen das Rampenloch weiterverkauft wird. „Städtischer Zwischenerwerb“ heißt diese Strategie, die vermeiden soll, dass wichtige Immobilien in falsche Hände geraten. Lars Bursian machte klar: „Das kann eine Stadt allerdings nicht bei jeder Problem-Immobilie machen.“ Darum hofft die Stadt, dass die Privateigentümer die grundsätzlichen Strategien unterstützen. In allen Fällen soll der besondere Charakter der Oberen Altstadt bei den Neubauprojekten erhalten bleiben. Auch der Wunsch nach „Aufenthaltsqualität“ ist oft zu hören. Dazu gehören zum Beispiel Grünflächen, Spielplätze, Wintergärten. Dabei gerät auch die Verkehrssituation im Bereich Königswall und Hahler Straße ins Visier. Das Problem am Königswall besteht nach Ansicht der Stadtplaner vor allem darin, dass die stark befahrene Straße wie eine Barriere wirkt. Darum schlagen sie hier eine optische Verengung, Zebrastreifen und Vorbehaltsstreifen für den Radverkehr vor. Die Hahler Straße soll im Bereich der Innenstadt ebenfalls verkehrsberuhigt und insgesamt aufgewertet werden, schlagen die Stadtplaner aus Coesfeld vor. Zweite Bürgerveranstaltung zur Zukunft der Oberen Altstadt „Es ist kompliziert.“ Wer die zweite Bürgerveranstaltung zur Zukunft der Oberen Altstadt verfolgt hat, hegt daran kaum Zweifel. Denn einige Ziele, wie zum Beispiel Verkehrsberuhigung am Königswall, können im Konflikt liegen mit ökonomischen Zielen – wie einer Belebung der Innenstadt. So tun sich ganz grundlegende Fragen auf wie die nach der Zukunft der Mobilität. Die Obere Altstadt ist extrem durchmischt, sowohl was die Bewohner als auch die Bausubstanz betrifft. Es ist diese Vielfalt, die die angehende Stadtplanerin Andrea Heilmann (Architekturbüro Wolters) so spannend findet an dem Projekt. Hier existiert liebevoll renovierte Fachwerk-Idylle gleich neben maroden Gebäuden, wo alles bröckelt und bröselt. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Lukas Wietfeld bringt sie den professionellen externen Blick für die Beteiligungsprozesse mit. Die Anwohner können aktiv an der Gestaltung des Quartiers mitwirken. Nachdem Anfang dieses Jahres die erste Bürgerversammlung zum Thema auf großes Interesse gestoßen war, stellte die Stadt Minden nun die zweite Versammlung auf die Beine. Diese stand im Zeichen der Präsentation der Ergebnisse der Planungsüberlegungen. Wie viele Emotionen an diesem historischen Stadtviertel hängen, wurde bei dem jüngsten Treffen in der Aula des Ratsgymnasiums erneut deutlich. „Hier habe ich schon als Kind ...“ – so fangen viele Sätze an. Der Denkmalschutz und die damit verbunden Beschränkungen ist hier ein Riesenthema. Über einige grundsätzliche Ziele besteht Einigkeit: Bezahlbarer Wohnraum für Studierende, Familien und Senioren, das steht weit oben auf der Liste. Dazu kommt der Wunsch nach mehr Aufenthaltsqualität und einer besseren Verkehrssituation. Bei all' dem soll der Charakter des Quartiers erhalten bleiben. Die Obere Altstadt hat eine bewegte Geschichte. Jetzt sind Lösungen für die Zukunft gefragt. Bau-Beigeordneter Lars Bursian geht davon aus, dass der politische Beschluss für den Rahmenplan noch 2018 fällt. Auch dieses Projekt gehört noch zum Masterplan Minden, der im Bereich der Innenstadt 2008/2009 begonnen wurde. „Wir arbeiten uns vom Kern nach außen“, fasst Bursian zusammen, Unter dem Begriff Obere Altstadt versteht man die westliche Mindener Kernstadt. Das Altstadtquartier beginnt im Süden mit dem Bereich Weingarten und erstreckt sich im Norden bis zur Ecke Königswall/Kampstraße. Die Obere Altstadt wird durch eine Höhenkante, die teilweise bis zu 15 Meter beträgt, von der östlichen Kernstadt getrennt. Das Viertel ist von historischen Gebäuden geprägt. Hier befinden sich vor allem Wohnungen. Viele der Gebäude sind saniert. Daneben finden sich aber auch vernachlässigte Gebäude sowie unbebaute Flächen abgerissener Häuser.