Stadt-Teiler: Ein besonderes Gewässer prägte Mindens Form

Monika Jäger

Minden (mt). Noch vor gut 100 Jahren hätte ihn jeder Mindener gekannt: den Stadtbach. Viel ist in alten Akten über ihn zu lesen. Inzwischen ist er jedoch vergessen – so sehr, dass Bauherren am Deichhof vermuten, hier sei einmal die Bastau geflossen. Gleich mehrere MT-Leser machen darauf aufmerksam, dass das nicht stimmt. Es war der Stadtbach. Nicht die Bastau. Und der hat die Entwicklung der wachsenden Siedlung in vieler Hinsicht beeinflusst.

Der Stadtbach markierte hier den Beginn der Domfreiheit.
Der Stadtbach markierte hier den Beginn der Domfreiheit.

Seit der Frühzeit – noch bevor sich die ersten Menschen hier ansiedelten – floss er durch die Weserwiesen und verschwand erst um 1900 fast spurlos aus dem Stadtbild. Straßenverläufe folgen jedoch bis heute dem früheren Bachbett: Die Bäckerstraße, der Scharn. Einst mündete er da, wo heute das Stadttheater ist, in die Bastau, die damals auch noch einen anderen Verlauf hatte. Er speiste Mühlen, begrenzte die Steueroase „Domfreiheit“ und war wichtiger Wasserzu- und abfluss. All das ist historisch genau belegt und in der Reihe „Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen“ nachzulesen.

Im Laufe seiner Existenz gaben die Mindener diesem Rinnsal viele Namen. Um 1460 entsprang es am „Königsborn“ und hieß „Königsbach“ – angeblich zu Ehren Karls des Großen. Bis ins 17 Jahrhundert war es die „Beke“ oder „Minderbeke“, danach ganz pragmatisch der „Stadtbach“. Nach 1800 ist meist von „Canal“ und „Stadtcanal“ die Rede. Und in der Tat ist der Name Programm. Denn während das Gewässer zu Beginn mehr als Gebietsgrenze gesehen wurde, endete es als Abwassertransportweg und stinkendes Ärgernis.

Heute markiert ein schwarzer Streifen den einstigen Grenzverlauf. MT-Fotos: Monika Jäger
Heute markiert ein schwarzer Streifen den einstigen Grenzverlauf. MT-Fotos: Monika Jäger

Der Verlauf ist ebenfalls genau erforscht, so entsprang der Stadtbach an einer Quelle östlich der Bleichstraße und mäanderte dann durch die Stadt. Dabei nahm er auch andere Quellen auf, zum Beispiel im Bereich der heutigen Rosentalstraße 1 bis 5, im Garten des Hauses Marienstraße 32 (Villa Leonhardi) und am Markt 20 (Haus Schmieding). Archäologen fanden 1993 Spuren eines stark verschlammten Bachbetts hinter dem Haus Bäckerstraße 6/8, die darauf hindeuteten, dass das Gewässer im 11. Jahrhundert jedenfalls noch nicht reguliert war.

Heute markiert ein schwarzer Streifen zwischen Markt und Kleinem Domhof den einstigen Grenzverlauf. MT-Fotos: Monika Jäger
Heute markiert ein schwarzer Streifen zwischen Markt und Kleinem Domhof den einstigen Grenzverlauf. MT-Fotos: Monika Jäger

Und weil der Bach älter ist als die erste Siedlung hier, liefert er Historikern viele Aufschlüsse darüber, wie sich Minden entwickelt hat. So endete 1231 ein Streit zwischen dem mächtigen Bischof und den Mindener Bürgern mit einer Abmachung, bei der der kleine Wasserlauf eine wichtige Rolle spielte. Forthin war er nämlich die Rechtsgrenze zwischen dem Einflussbereich des Bischofs und des Magistrats. Ein neuer Bacharm wurde so gezogen, dass der bestehenden bischöflichen Deichmühle an der Bastau kein Wasser entzogen wurde.

Der Bischof übrigens handelte sich gleichzeitig auch ein gutes Stück Komfort heraus: Er verlangte und bekam einen bequemeren Zugang von der Domburg (Großer Domhof) zum Marientor (heute noch ablesbar im Gang neben dem Häusern Bäckerstraße 6). Auf die gleiche Vereinbarung ist wohl auch ein Zugang vom Großen Domhof zur Bäckerstraße zurückzuführen, der damals zwischen den heutigen Häusern 60 und 62 existierte.

Der Bach war also die Grenze zwischen weltlichem und kirchlichem Stadtbesitz, doch es gab auch Häuser, die innerhalb dieses Rings lagen und dennoch zum Rechtsbereich der Stadt gehörten. Das war nicht unwichtig: Eigentlich unterlagen Bewohner der Domfreiheit rund um die Kirche und den Bischofssitz – in der Regel wohnten hier der Klerus und sein Gesinde – nicht der städtischen Steuerpflicht. In Minden scheint die Abgrenzung hier nicht so scharf wie in manch anderen Städten jener Zeit gewesen zu sein. Vor allem Häuser, die auf dem heutigen Kleinen Domhof standen, (damals: „Die Borg“) wurden dem Zuständigkeitsbereich des weltlichen Magistrats zugerechnet.

Schon die Stadtherren im Mittelalter wussten, wie wichtig Wasserversorgung ist. Als nämlich die Wiesen rund um die Quelle an der heutigen Bleichstraße verkauft wurden, gab es vertragliche Regelungen, dass das Quellwasser nicht woandershin abgeleitet werden durfte – auch nicht zur weiter nördlich gelegenen Poggenmühle. Bis ins 19 Jahrhundert blieb die Quelle Eigentum der Stadt – nicht unangefochten, denn unter anderem 1785 wurde ein Prozess um die Besitzrechte geführt.

Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts leistete sich die Stadt dann sogar einen aus Steuergeldern bezahlten Bach-Aufseher. Seine Aufgaben: Jede Woche den Lauf abzugehen und zu prüfen, ob kein Bürger hier einfach Wasser für sich abzweigte. Außerdem war hinter dem Haus Bäckerstraße 16 ein Schott, das der Aufseher alle drei Tage umlegen musste. So wurde das Wasser mal nach Osten zur Deichmühle und mal nach Westen am Rathaus vorbei geführt. Einmal monatlich musste dieser Mann zudem den Lauf von weggeworfenem Müll und Unrat reinigen.

Alle zehn Jahre wurde das Bachbett freigegraben, weil sich stetig Schlamm absetzte. Die Kosten für die Unterhaltung von Uferbefestigungen und Brücken legte der Magistrat auf die Anlieger um. Übrigens ist in den alten Akten genau verzeichnet, wer diese Kanalwächter waren. Ein Bergmann Trümper ist darunter, ein Unternehmer Schwier, ein Maurer Eilers, ein Arbeiter Frantz Albrecht. Möglich, dass einige von ihnen heute noch Nachkommen in Minden haben.

Die Aufgabe als Abflusskanal endete, als Minden Mitte des 19. Jahrhunderts neu befestigt wurde. Da stand plötzlich eine Mauer zwischen Quelle und Bach; das Quellwasser speiste nun die Festungsgräben, der Bach hatte kaum noch Strömung. Das bekamen besonders die Handwerker, allen voran die Seifensieder ,an der Bäckerstraße, zu spüren, die bald schon nicht mehr wussten, wohin sie mit dem Abwasser sollten.

1868 dann gab es eine richtungsweisende Baugenehmigung für das Haus Bäckerstraße 18: Abwässer dürfen nicht in den Stadtkanal geleitet werden, hieß es dort sinngemäß ausdrücklich. Die Absperrung des Fließwassers sei von dauerndem Nachteil für die Gesundheit. 1874 forderte die Verwaltung, es müsse endlich eine Kanalisation in Angriff genommen werden, weil die Zustände durch den stinkenden Bach unhaltbar geworden waren. Und schon 1883 begann das Großprojekt Kanalisationsbau dann auch: Anfang vom Ende für die frühere Lebensader der Siedlung. 1894 wurden die letzten noch offenen Teile des ehemals so wichtigen Gewässers für die Stadt verrohrt oder zugeschüttet.

Heutzutage ist er nur noch Thema, wenn – wie jetzt am Deichhof – die Gründung eines neuen Hauses auf ungeahnte Schwierigkeiten stößt. Denn im Untergrund liegt er noch, der Schlamm des alten Baches.

Der Stadtbach

Viel ist in alten Akten über das Gewässer zu lesen. Zwei Beispiele:

„Ein Bächlein, das durch die Stadt eilt, in vielen und durch viele Gassen, und besonders durch den Markt, durch den Fleischmarkt, durch die Bäckerstraße, um den Dom herum fließt und die Domfreiheit abtrennt und teilt, so daß viele umliegende Häuser sich der Domfreiheit erfreuen. . .“, schreibt Domherr Heinrich Tribbe um 1460.

(Der Bach hat) „mit seinen Ausdünstungen die Einwohner der an ihm liegenden Häuser nicht nur belästigt, sondern ihnen auch wiederholt schwere Erkrankungen gebracht“, heißt es im Verwaltungsbericht der Stadt von 1871.

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Stadt-Teiler: Ein besonderes Gewässer prägte Mindens FormMonika JägerMinden (mt). Noch vor gut 100 Jahren hätte ihn jeder Mindener gekannt: den Stadtbach. Viel ist in alten Akten über ihn zu lesen. Inzwischen ist er jedoch vergessen – so sehr, dass Bauherren am Deichhof vermuten, hier sei einmal die Bastau geflossen. Gleich mehrere MT-Leser machen darauf aufmerksam, dass das nicht stimmt. Es war der Stadtbach. Nicht die Bastau. Und der hat die Entwicklung der wachsenden Siedlung in vieler Hinsicht beeinflusst. Seit der Frühzeit – noch bevor sich die ersten Menschen hier ansiedelten – floss er durch die Weserwiesen und verschwand erst um 1900 fast spurlos aus dem Stadtbild. Straßenverläufe folgen jedoch bis heute dem früheren Bachbett: Die Bäckerstraße, der Scharn. Einst mündete er da, wo heute das Stadttheater ist, in die Bastau, die damals auch noch einen anderen Verlauf hatte. Er speiste Mühlen, begrenzte die Steueroase „Domfreiheit“ und war wichtiger Wasserzu- und abfluss. All das ist historisch genau belegt und in der Reihe „Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen“ nachzulesen. Im Laufe seiner Existenz gaben die Mindener diesem Rinnsal viele Namen. Um 1460 entsprang es am „Königsborn“ und hieß „Königsbach“ – angeblich zu Ehren Karls des Großen. Bis ins 17 Jahrhundert war es die „Beke“ oder „Minderbeke“, danach ganz pragmatisch der „Stadtbach“. Nach 1800 ist meist von „Canal“ und „Stadtcanal“ die Rede. Und in der Tat ist der Name Programm. Denn während das Gewässer zu Beginn mehr als Gebietsgrenze gesehen wurde, endete es als Abwassertransportweg und stinkendes Ärgernis. Der Verlauf ist ebenfalls genau erforscht, so entsprang der Stadtbach an einer Quelle östlich der Bleichstraße und mäanderte dann durch die Stadt. Dabei nahm er auch andere Quellen auf, zum Beispiel im Bereich der heutigen Rosentalstraße 1 bis 5, im Garten des Hauses Marienstraße 32 (Villa Leonhardi) und am Markt 20 (Haus Schmieding). Archäologen fanden 1993 Spuren eines stark verschlammten Bachbetts hinter dem Haus Bäckerstraße 6/8, die darauf hindeuteten, dass das Gewässer im 11. Jahrhundert jedenfalls noch nicht reguliert war. Und weil der Bach älter ist als die erste Siedlung hier, liefert er Historikern viele Aufschlüsse darüber, wie sich Minden entwickelt hat. So endete 1231 ein Streit zwischen dem mächtigen Bischof und den Mindener Bürgern mit einer Abmachung, bei der der kleine Wasserlauf eine wichtige Rolle spielte. Forthin war er nämlich die Rechtsgrenze zwischen dem Einflussbereich des Bischofs und des Magistrats. Ein neuer Bacharm wurde so gezogen, dass der bestehenden bischöflichen Deichmühle an der Bastau kein Wasser entzogen wurde. Der Bischof übrigens handelte sich gleichzeitig auch ein gutes Stück Komfort heraus: Er verlangte und bekam einen bequemeren Zugang von der Domburg (Großer Domhof) zum Marientor (heute noch ablesbar im Gang neben dem Häusern Bäckerstraße 6). Auf die gleiche Vereinbarung ist wohl auch ein Zugang vom Großen Domhof zur Bäckerstraße zurückzuführen, der damals zwischen den heutigen Häusern 60 und 62 existierte. Der Bach war also die Grenze zwischen weltlichem und kirchlichem Stadtbesitz, doch es gab auch Häuser, die innerhalb dieses Rings lagen und dennoch zum Rechtsbereich der Stadt gehörten. Das war nicht unwichtig: Eigentlich unterlagen Bewohner der Domfreiheit rund um die Kirche und den Bischofssitz – in der Regel wohnten hier der Klerus und sein Gesinde – nicht der städtischen Steuerpflicht. In Minden scheint die Abgrenzung hier nicht so scharf wie in manch anderen Städten jener Zeit gewesen zu sein. Vor allem Häuser, die auf dem heutigen Kleinen Domhof standen, (damals: „Die Borg“) wurden dem Zuständigkeitsbereich des weltlichen Magistrats zugerechnet. Schon die Stadtherren im Mittelalter wussten, wie wichtig Wasserversorgung ist. Als nämlich die Wiesen rund um die Quelle an der heutigen Bleichstraße verkauft wurden, gab es vertragliche Regelungen, dass das Quellwasser nicht woandershin abgeleitet werden durfte – auch nicht zur weiter nördlich gelegenen Poggenmühle. Bis ins 19 Jahrhundert blieb die Quelle Eigentum der Stadt – nicht unangefochten, denn unter anderem 1785 wurde ein Prozess um die Besitzrechte geführt. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts leistete sich die Stadt dann sogar einen aus Steuergeldern bezahlten Bach-Aufseher. Seine Aufgaben: Jede Woche den Lauf abzugehen und zu prüfen, ob kein Bürger hier einfach Wasser für sich abzweigte. Außerdem war hinter dem Haus Bäckerstraße 16 ein Schott, das der Aufseher alle drei Tage umlegen musste. So wurde das Wasser mal nach Osten zur Deichmühle und mal nach Westen am Rathaus vorbei geführt. Einmal monatlich musste dieser Mann zudem den Lauf von weggeworfenem Müll und Unrat reinigen. Alle zehn Jahre wurde das Bachbett freigegraben, weil sich stetig Schlamm absetzte. Die Kosten für die Unterhaltung von Uferbefestigungen und Brücken legte der Magistrat auf die Anlieger um. Übrigens ist in den alten Akten genau verzeichnet, wer diese Kanalwächter waren. Ein Bergmann Trümper ist darunter, ein Unternehmer Schwier, ein Maurer Eilers, ein Arbeiter Frantz Albrecht. Möglich, dass einige von ihnen heute noch Nachkommen in Minden haben. Die Aufgabe als Abflusskanal endete, als Minden Mitte des 19. Jahrhunderts neu befestigt wurde. Da stand plötzlich eine Mauer zwischen Quelle und Bach; das Quellwasser speiste nun die Festungsgräben, der Bach hatte kaum noch Strömung. Das bekamen besonders die Handwerker, allen voran die Seifensieder ,an der Bäckerstraße, zu spüren, die bald schon nicht mehr wussten, wohin sie mit dem Abwasser sollten. 1868 dann gab es eine richtungsweisende Baugenehmigung für das Haus Bäckerstraße 18: Abwässer dürfen nicht in den Stadtkanal geleitet werden, hieß es dort sinngemäß ausdrücklich. Die Absperrung des Fließwassers sei von dauerndem Nachteil für die Gesundheit. 1874 forderte die Verwaltung, es müsse endlich eine Kanalisation in Angriff genommen werden, weil die Zustände durch den stinkenden Bach unhaltbar geworden waren. Und schon 1883 begann das Großprojekt Kanalisationsbau dann auch: Anfang vom Ende für die frühere Lebensader der Siedlung. 1894 wurden die letzten noch offenen Teile des ehemals so wichtigen Gewässers für die Stadt verrohrt oder zugeschüttet. Heutzutage ist er nur noch Thema, wenn – wie jetzt am Deichhof – die Gründung eines neuen Hauses auf ungeahnte Schwierigkeiten stößt. Denn im Untergrund liegt er noch, der Schlamm des alten Baches. Der Stadtbach Viel ist in alten Akten über das Gewässer zu lesen. Zwei Beispiele: „Ein Bächlein, das durch die Stadt eilt, in vielen und durch viele Gassen, und besonders durch den Markt, durch den Fleischmarkt, durch die Bäckerstraße, um den Dom herum fließt und die Domfreiheit abtrennt und teilt, so daß viele umliegende Häuser sich der Domfreiheit erfreuen. . .“, schreibt Domherr Heinrich Tribbe um 1460. (Der Bach hat) „mit seinen Ausdünstungen die Einwohner der an ihm liegenden Häuser nicht nur belästigt, sondern ihnen auch wiederholt schwere Erkrankungen gebracht“, heißt es im Verwaltungsbericht der Stadt von 1871.