Glosse: Ein stiller Sommer oder Die Verlierer der Hitze

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Kommentarfoto Hartmut Nolte - © siehe Bildtext
Kommentarfoto Hartmut Nolte (© siehe Bildtext)

Von Hartmut Nolte

Ein normaler deutscher Sommer kommt mit wechselhaftem Wetter daher. Und wenn die Grillparty aus Angst vor dem Regen abgesagt ist, lacht die Sonne mit voller Kraft und Schadenfreude vom blauen Himmel. Der Sommer 2018 war undeutsch. Sonnenschein konstant aus allen Knopflöchern, vier Monate lang. Aber dieser Sommer war auch beängstigend ruhig. Nicht nur im übertragenen Sinn. Man kann den Sommer 2018 nicht nur einen ungewöhnlich heißen nennen, sondern auch einen total stillen.

Mittagsschläfchen auf der Liege in der Sonne. Totale Ruhe. Man wird unruhig. Irgendetwas fehlt. Man vermisst, gerade zur Mittagszeit ein ganz bestimmtes, für jeden echten deutschen Sommer typisches Geräusch. Vor allem an Samstagen. Knatternd in hohen Dezibel-Regionen fällt es plötzlich in die Mittagsruhe. Und wenn es links abgeebbt ist, setze es von rechts ein. Rasenmähen! Seit Anfang Mai wuchs kein Grashalm mehr. Es gab einfach nichts zu mähen. Es hätte nur gestaubt. Okay, in der Nachbarstraße hat so Ende Juli ein Vorgartenbesitzer aus purer Verzweiflung seinen Benzinmäher rausgeholt. Ein psychologischer Ausnahmezustand. Purer Stress, behandlungsbedürftig. Ein Sommer, ohne ein einziges Mal den Rasen gemäht zu haben. Wer hält das durch?

Mögen sich manche Leute über diesen Supersommer freuen: die Eisdielenbesitzer, die Mineralwasserproduzenten, die deutschen Urlaubsorte, die Freibad-Betreiber. Aber es gibt auch Verlierer. Die Rasenmäher-Hersteller sind da an erster Stelle zu nennen. Aber auch die Regenschirm-Fachgeschäfte oder die Verkäufer von wasserdichten Jacken oder Gummistiefeln. Helft den Verlierern des Supersommers 2018, kauft ihre Produkte, zumal es die gerade zu Schleuderpreisen geben dürfte. Denn eines ist sicher, der nächste – richtige – Regen kommt bestimmt. Und irgendjemand wird dann im strömenden Dauerregen voller Freude seinen Rasen mähen.

In dem Sinne ein schönes Wochenende.

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Glosse: Ein stiller Sommer oder Die Verlierer der HitzeVon Hartmut Nolte Ein normaler deutscher Sommer kommt mit wechselhaftem Wetter daher. Und wenn die Grillparty aus Angst vor dem Regen abgesagt ist, lacht die Sonne mit voller Kraft und Schadenfreude vom blauen Himmel. Der Sommer 2018 war undeutsch. Sonnenschein konstant aus allen Knopflöchern, vier Monate lang. Aber dieser Sommer war auch beängstigend ruhig. Nicht nur im übertragenen Sinn. Man kann den Sommer 2018 nicht nur einen ungewöhnlich heißen nennen, sondern auch einen total stillen. Mittagsschläfchen auf der Liege in der Sonne. Totale Ruhe. Man wird unruhig. Irgendetwas fehlt. Man vermisst, gerade zur Mittagszeit ein ganz bestimmtes, für jeden echten deutschen Sommer typisches Geräusch. Vor allem an Samstagen. Knatternd in hohen Dezibel-Regionen fällt es plötzlich in die Mittagsruhe. Und wenn es links abgeebbt ist, setze es von rechts ein. Rasenmähen! Seit Anfang Mai wuchs kein Grashalm mehr. Es gab einfach nichts zu mähen. Es hätte nur gestaubt. Okay, in der Nachbarstraße hat so Ende Juli ein Vorgartenbesitzer aus purer Verzweiflung seinen Benzinmäher rausgeholt. Ein psychologischer Ausnahmezustand. Purer Stress, behandlungsbedürftig. Ein Sommer, ohne ein einziges Mal den Rasen gemäht zu haben. Wer hält das durch? Mögen sich manche Leute über diesen Supersommer freuen: die Eisdielenbesitzer, die Mineralwasserproduzenten, die deutschen Urlaubsorte, die Freibad-Betreiber. Aber es gibt auch Verlierer. Die Rasenmäher-Hersteller sind da an erster Stelle zu nennen. Aber auch die Regenschirm-Fachgeschäfte oder die Verkäufer von wasserdichten Jacken oder Gummistiefeln. Helft den Verlierern des Supersommers 2018, kauft ihre Produkte, zumal es die gerade zu Schleuderpreisen geben dürfte. Denn eines ist sicher, der nächste – richtige – Regen kommt bestimmt. Und irgendjemand wird dann im strömenden Dauerregen voller Freude seinen Rasen mähen. In dem Sinne ein schönes Wochenende.