#wirsindmehr - So erlebten die Mindener den Tag in Chemnitz

Nadine Schwan

Foto: Detlef Müller - © Detlef Müller
Foto: Detlef Müller (© Detlef Müller)
Florian und Charlotte Knapp haben sich auf dem Weg nach Chemnitz gemacht und setzen so ein Zeichen gegen Rassismus. - © Foto: Florian Knapp
Florian und Charlotte Knapp haben sich auf dem Weg nach Chemnitz gemacht und setzen so ein Zeichen gegen Rassismus. (© Foto: Florian Knapp)

Minden/Chemnitz (mt). Florian und Charlotte Knapp saßen stundenlang im Zug, haben sich die Nacht um die Ohren geschlagen und auf dem Bahnsteig geschlafen. Aber sie sind stolz. Der weite Weg nach Chemnitz habe sich gelohnt und sei ein Zeichen gegen Rechts, das dringend nötig war, sagen sie. Die Geschwister sind zwei der 50 Leser, denen das Mindener Tageblatt die Fahrt nach Chemnitz zum Konzert unter dem Motto #wirsindmehr ermöglicht hat (wir berichteten).

Schon auf der Hinfahrt sind Florian (23) und Charlotte Knapp (17) vielen Reisenden begegnet, die alle nach Chemnitz wollten. Weil die Geschwister schon früh in den Zug gestiegen sind, hatten sie vor Ort noch etwas Zeit. „Wir haben die Trauerstelle des Verstorbenen besucht, wo viele Blumen und Kerzen niedergelegt sind“, sagt Florian Knapp. Anschließend besuchten die beiden die Infostände und machten sich dann auf den Weg zum Hauptveranstaltungsort, wo sie sich einen guten Platz mit Blick auf die Bühne sicherten.

Mindener bei #wirsindmehr

Die Hauptveranstaltung hat beiden gut gefallen. „Es wurde aufgerufen zu Solidarität und deutlich gemacht, das eine solche Veranstaltung an einem Tag alleine natürlich nicht reicht, aber Kraft schenken soll sich zu engagieren und Flagge zu zeigen gegen Rechtsextremismus. Für uns war es keine Veranstaltung Rechts gegen Links, sondern eine gegen rechtsextreme Hetzer“, sagt der Mindener. Er und seine Schwester erlebten den Tag als friedlich.

Am Dienstag sind die beiden wieder in Minden angekommen. „Die Rückreise kostete ein wenig Kraft, denn nachdem wir es nach Leipzig geschafft hatten, mussten wir uns dort die Nacht bis um 5.40 Uhr um die Ohren schlagen und sind dann über Hannover zurückgereist“, sagt Florian Knapp. Übernachtet haben beide auf dem Bahnsteig.

Nora Wieners, Jannes Tilicke, Christoph Dolle und Micha Heitkamp bekamen eine spontane Stadtführung. Foto: Jannes Tilicke - © jannes tillicke
Nora Wieners, Jannes Tilicke, Christoph Dolle und Micha Heitkamp bekamen eine spontane Stadtführung. Foto: Jannes Tilicke (© jannes tillicke)

Ebenfalls auf den Weg nach Chemnitz machten sich Bennet Dragon (24) und Alex Staas (24) aus Minden. Auf dem Rückweg von seiner einwöchigen Wandertour durch Norwegen las Bennet Dragon von der MT-Aktion und fragte seinen Kumpel, der zum Glück Urlaub hatte, ob er mit wolle. Um 9.24 Uhr stiegen die Mindener in die Bahn. „Der Zug von Leipzig nach Chemnitz war sehr voll, die Passagiere mussten sich auf den Gängen einen Stehplatz suchen“, sagt Bennet Dragon.

Angekommen in Chemnitz, wurden die beiden von vielen Polizisten empfangen. „Taschenkontrollen gab es allerdings keine, was erstmal etwas merkwürdig für uns war“, sagt der 24-Jährige. Pünktlich um 17 Uhr war der Platz voll. „Mit so vielen Menschen hat wohl keiner gerechnet. Alle umliegenden Gebäude wurden als Aussichtsplattformen genutzt – sogar Treppen und Parkhäuser. Das Konzert war genial. Jede Band hat super performt und die richtigen Worte gefunden.“

Bennet Dragon und Alex Staas (beide 24) haben sich spontan entschlossen, zum Konzert zu fahren. - © Foto: Alex Staas
Bennet Dragon und Alex Staas (beide 24) haben sich spontan entschlossen, zum Konzert zu fahren. (© Foto: Alex Staas)

Anders als Florian und Charlotte Knapp haben sich die beiden jungen Männer ein Hotel für die Nacht gesucht – allerdings nicht im ausgebuchten Chemnitz, sondern im rund 20 Kilometer entfernten Mittweida. Ihr Fazit: „Gut, dass der Abend friedlich blieb. Ein gutes Zeichen!“

Jannes Tilicke und Micha Heitkamp von den Jusos aus Minden haben sich ohne MT-Hilfe auf den Weg gemacht. Ihre Motivation waren die entsetzlichen Bilder der letzten Tage. Die jungen Männer waren geschockt und wollten ein Zeichen setzen. „In Chemnitz waren sehr viele junge Menschen, die Schilder gegen Nazis gemalt haben. Es war eine sehr friedliche Atmosphäre“, sagt Tilicke. Außerdem begegneten sie einem Chemnitzer, der sie spontan durch die Stadt führte. „Er wollte zeigen, dass Chemnitz bunt und nicht braun ist.“ Emotionaler Höhepunkt war für sie und viele andere Konzert-Besucher der Gastauftritt des Ärzte-Bassisten Rod beim Konzert der Toten Hosen. „Alles in allem sind wir sehr froh, die umständliche Reise angetreten zu haben. Die Botschaft ist, dass wir viele sind, die für Demokratie und Menschlichkeit einstehen, die aufstehen gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit“, sagt Tilicke.

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#wirsindmehr - So erlebten die Mindener den Tag in ChemnitzNadine SchwanMinden/Chemnitz (mt). Florian und Charlotte Knapp saßen stundenlang im Zug, haben sich die Nacht um die Ohren geschlagen und auf dem Bahnsteig geschlafen. Aber sie sind stolz. Der weite Weg nach Chemnitz habe sich gelohnt und sei ein Zeichen gegen Rechts, das dringend nötig war, sagen sie. Die Geschwister sind zwei der 50 Leser, denen das Mindener Tageblatt die Fahrt nach Chemnitz zum Konzert unter dem Motto #wirsindmehr ermöglicht hat (wir berichteten). Schon auf der Hinfahrt sind Florian (23) und Charlotte Knapp (17) vielen Reisenden begegnet, die alle nach Chemnitz wollten. Weil die Geschwister schon früh in den Zug gestiegen sind, hatten sie vor Ort noch etwas Zeit. „Wir haben die Trauerstelle des Verstorbenen besucht, wo viele Blumen und Kerzen niedergelegt sind“, sagt Florian Knapp. Anschließend besuchten die beiden die Infostände und machten sich dann auf den Weg zum Hauptveranstaltungsort, wo sie sich einen guten Platz mit Blick auf die Bühne sicherten. Die Hauptveranstaltung hat beiden gut gefallen. „Es wurde aufgerufen zu Solidarität und deutlich gemacht, das eine solche Veranstaltung an einem Tag alleine natürlich nicht reicht, aber Kraft schenken soll sich zu engagieren und Flagge zu zeigen gegen Rechtsextremismus. Für uns war es keine Veranstaltung Rechts gegen Links, sondern eine gegen rechtsextreme Hetzer“, sagt der Mindener. Er und seine Schwester erlebten den Tag als friedlich. Am Dienstag sind die beiden wieder in Minden angekommen. „Die Rückreise kostete ein wenig Kraft, denn nachdem wir es nach Leipzig geschafft hatten, mussten wir uns dort die Nacht bis um 5.40 Uhr um die Ohren schlagen und sind dann über Hannover zurückgereist“, sagt Florian Knapp. Übernachtet haben beide auf dem Bahnsteig. Ebenfalls auf den Weg nach Chemnitz machten sich Bennet Dragon (24) und Alex Staas (24) aus Minden. Auf dem Rückweg von seiner einwöchigen Wandertour durch Norwegen las Bennet Dragon von der MT-Aktion und fragte seinen Kumpel, der zum Glück Urlaub hatte, ob er mit wolle. Um 9.24 Uhr stiegen die Mindener in die Bahn. „Der Zug von Leipzig nach Chemnitz war sehr voll, die Passagiere mussten sich auf den Gängen einen Stehplatz suchen“, sagt Bennet Dragon. Angekommen in Chemnitz, wurden die beiden von vielen Polizisten empfangen. „Taschenkontrollen gab es allerdings keine, was erstmal etwas merkwürdig für uns war“, sagt der 24-Jährige. Pünktlich um 17 Uhr war der Platz voll. „Mit so vielen Menschen hat wohl keiner gerechnet. Alle umliegenden Gebäude wurden als Aussichtsplattformen genutzt – sogar Treppen und Parkhäuser. Das Konzert war genial. Jede Band hat super performt und die richtigen Worte gefunden.“ Anders als Florian und Charlotte Knapp haben sich die beiden jungen Männer ein Hotel für die Nacht gesucht – allerdings nicht im ausgebuchten Chemnitz, sondern im rund 20 Kilometer entfernten Mittweida. Ihr Fazit: „Gut, dass der Abend friedlich blieb. Ein gutes Zeichen!“ Jannes Tilicke und Micha Heitkamp von den Jusos aus Minden haben sich ohne MT-Hilfe auf den Weg gemacht. Ihre Motivation waren die entsetzlichen Bilder der letzten Tage. Die jungen Männer waren geschockt und wollten ein Zeichen setzen. „In Chemnitz waren sehr viele junge Menschen, die Schilder gegen Nazis gemalt haben. Es war eine sehr friedliche Atmosphäre“, sagt Tilicke. Außerdem begegneten sie einem Chemnitzer, der sie spontan durch die Stadt führte. „Er wollte zeigen, dass Chemnitz bunt und nicht braun ist.“ Emotionaler Höhepunkt war für sie und viele andere Konzert-Besucher der Gastauftritt des Ärzte-Bassisten Rod beim Konzert der Toten Hosen. „Alles in allem sind wir sehr froh, die umständliche Reise angetreten zu haben. Die Botschaft ist, dass wir viele sind, die für Demokratie und Menschlichkeit einstehen, die aufstehen gegen Rassismus und Menschenfeindlichkeit“, sagt Tilicke.