Geister-Haus: Wie ein Makler die Obermarktpassage mit falschen Behauptungen bewirbt

Monika Jäger

Minden (mt). Das Immobilienobjekt scheint ein echtes Juwel zu sein: Ein bekanntes Einkaufszentrum im Herzen der Stadt, an einer Straße, die sowohl Teil des inneren Autobahnrings als auch Haupteinkaufsstraße ist, in einer stark frequentierten 1-A-Lage. Kurzum: es handelt sich offenbar um die zentrale Einkaufsgalerie der City. Welche das ist? Die Obermarktpassage. Diese Auszüge über das so nicht existierende Geister-Haus stammen aus einem Exposé des zuständigen Immobilienvermarkters Jones Lang LaSalle (JLL), das dem MT vorliegt.

Realitätscheck: Das Objekt steht leer, allen Geschäften und dem Betreiber der Parkgarage ist gekündigt, die Obermarktstraße entwickelt sich zwar stetig, ist aber weder Teil eines Autobahnrings noch einkaufsmäßig eine 1-A-Lage. Zu der zählen in Minden der Scharn und der obere Teil der Bäckerstraße. Minden ist zwar die Stadt mit der vielleicht längsten Einkaufs-Fußgängerzone Deutschlands, wie Spötter formulieren, aber die Obermarktpassage liegt nicht in deren Mitte, sondern so ziemlich am Ende – und es erreicht sie nur, wer bergauf geht. Frequenz mag der ZOB nebenan bringen – aber auch das nicht automatisch, denn nachdem der Ankermieter Kaufland aus der Obermarktpassage raus war, sanken die Besucherzahlen drastisch.

Das Haus ist verwinkelt, die Laufwege sind lang. Um dem Ensemble und seinen 13.500 Quadratmetern Leben einzuhauchen, wird es erstens gute Konzepte für die innere Gestaltung und den Umbau brauchen, zweitens Geld, um neue Nutzungen hineinzubringen und drittens ein herausragendes Moderationstalent. Denn das Hauptproblem ist hier die große Zahl der Teileigentümer – es sind über 60.

Auf zwei Stücken liegt noch jahrzehntelang ein Erbbaurecht. Die Stadthalle gehört der Stadt, die bereit wäre, sie für ein gutes Konzept auch günstig abzugeben und so von den hohen jährlichen Unterhaltskosten runter zu kommen. Doch etwa ein Viertel des Objekts liegt in der Hand von vielen Einzelnen, die hier unter anderem Wohnungen erworben haben und bei neuen Entwicklungen mitreden.

Wieso wirbt JLL derart irreführend? Unternehmenssprecher Peter Lausmann sieht darin keinen Vorsatz, auch wenn der Verweis auf eine 1-A-Lage und auf einen Autobahnring klar falsch seien. „Das ist insofern besonders ärgerlich, weil der eine Teil schon nach Google-Recherche hätte korrigiert werden können und der zweite – nämlich Mindens 1-A-Lage – auf Seite 5 des Exposés richtig eingezeichnet ist." Auf Seite 5 ist der Scharn markiert. Lausmann entschuldigt sich für die Ungenauigkeit des Textteils und vermutet, dass dieser wohl nicht in allen Teilen laufend aktualisiert worden ist.

Dann weist er darauf hin, dass für potenzielle Investoren dieses aber „sicher nicht die entscheidenden Stellen" seien, sondern es wären „vielmehr die Zahlenlage und in diesem speziellen Fall die Eigentumsverhältnisse, die für den möglichen Umbau entscheidend sind." So ein Exposé sei nur die Spitze eines Eisbergs. Wenn jemand ernsthaftes Interesse bekunde, erhalte er eine tiefergehende Analyse. Mögliche Investoren würde JLL aktiv ansprechen, und das auch in regelmäßigen Abständen. Die Lage verändere sich hier laufend – jemand, für den vor zwei Jahren das Objekt vielleicht noch nicht in Frage gekommen sei, könne jetzt durchaus interessiert sein.

Aktuell seien jedoch keine Verhandlungen bis zur Unterschriftsreife fortgeschritten. Wie vielen potenziellen Interessenten wird die Obermarktpassage so jährlich angeboten? Lausmann: „Nicht die Zahl ist hier entscheidend, sondern die Kompetenz des Interessenten, solch ein herausforderndes Objekt zu entwickeln." Gespräche dazu waren in der ersten Hälfte dieses Jahres beispielsweise schon sehr weit gediehen, seien dann aber „am Veto eines der Eigentümer" doch gescheitert. In dieser Zeit sei die Halle verständlicherweise niemand anderem angeboten worden. Künftig jedenfalls wird das Exposé genauer gefasst sein, versichert der Unternehmenssprecher.

Die Stadt Minden hat kaum Handlungsmöglichkeiten, um der Brache wieder auf die Beine zu helfen. Sie betonte in der Vergangenheit immer wieder, sie sei bereit, Konzeptentwickler nach Kräften zu unterstützen, könne und werde jedoch nicht selbst als Käufer auftreten. Kino, Kulturzentrum, Gründerzentrum, Multifunktionshalle: Die Mindener haben viele Ideen für das leerstehende Objekt.

Die Stadt allerdings hat jetzt erst einmal ein anderes Thema: Wenn die Tiefgarage schließt – letzter Öffnungstag wird der 29. Oktober sein – fehlen künftig auch rund 450 innenstadtnahe Parkmöglichkeiten. Ob das Minden als Shopping-Meile für Besucher aus dem Umland künftig weniger attraktiv macht? Vielleicht nicht: Im Grunde war die Tiefgarage eher Überlauf für die anderen Parkmöglichkeiten. Die Tiefgarage erstreckt sich ja auch bis unter den ZOB – seinerzeit war deren Erweiterung überhaupt der Anlass dafür, dass Minden den neuen Busbahnhof bauen konnte.

Auch der wird im Exposé übrigens erwähnt: Die Anbindung an den ÖPNV sei sehr gut – „durch eine Bushaltestelle direkt vor dem Center."

Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 148 oder Monika.Jaeger@MT.de

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Geister-Haus: Wie ein Makler die Obermarktpassage mit falschen Behauptungen bewirbtMonika JägerMinden (mt). Das Immobilienobjekt scheint ein echtes Juwel zu sein: Ein bekanntes Einkaufszentrum im Herzen der Stadt, an einer Straße, die sowohl Teil des inneren Autobahnrings als auch Haupteinkaufsstraße ist, in einer stark frequentierten 1-A-Lage. Kurzum: es handelt sich offenbar um die zentrale Einkaufsgalerie der City. Welche das ist? Die Obermarktpassage. Diese Auszüge über das so nicht existierende Geister-Haus stammen aus einem Exposé des zuständigen Immobilienvermarkters Jones Lang LaSalle (JLL), das dem MT vorliegt. Realitätscheck: Das Objekt steht leer, allen Geschäften und dem Betreiber der Parkgarage ist gekündigt, die Obermarktstraße entwickelt sich zwar stetig, ist aber weder Teil eines Autobahnrings noch einkaufsmäßig eine 1-A-Lage. Zu der zählen in Minden der Scharn und der obere Teil der Bäckerstraße. Minden ist zwar die Stadt mit der vielleicht längsten Einkaufs-Fußgängerzone Deutschlands, wie Spötter formulieren, aber die Obermarktpassage liegt nicht in deren Mitte, sondern so ziemlich am Ende – und es erreicht sie nur, wer bergauf geht. Frequenz mag der ZOB nebenan bringen – aber auch das nicht automatisch, denn nachdem der Ankermieter Kaufland aus der Obermarktpassage raus war, sanken die Besucherzahlen drastisch. Das Haus ist verwinkelt, die Laufwege sind lang. Um dem Ensemble und seinen 13.500 Quadratmetern Leben einzuhauchen, wird es erstens gute Konzepte für die innere Gestaltung und den Umbau brauchen, zweitens Geld, um neue Nutzungen hineinzubringen und drittens ein herausragendes Moderationstalent. Denn das Hauptproblem ist hier die große Zahl der Teileigentümer – es sind über 60. Auf zwei Stücken liegt noch jahrzehntelang ein Erbbaurecht. Die Stadthalle gehört der Stadt, die bereit wäre, sie für ein gutes Konzept auch günstig abzugeben und so von den hohen jährlichen Unterhaltskosten runter zu kommen. Doch etwa ein Viertel des Objekts liegt in der Hand von vielen Einzelnen, die hier unter anderem Wohnungen erworben haben und bei neuen Entwicklungen mitreden. Wieso wirbt JLL derart irreführend? Unternehmenssprecher Peter Lausmann sieht darin keinen Vorsatz, auch wenn der Verweis auf eine 1-A-Lage und auf einen Autobahnring klar falsch seien. „Das ist insofern besonders ärgerlich, weil der eine Teil schon nach Google-Recherche hätte korrigiert werden können und der zweite – nämlich Mindens 1-A-Lage – auf Seite 5 des Exposés richtig eingezeichnet ist." Auf Seite 5 ist der Scharn markiert. Lausmann entschuldigt sich für die Ungenauigkeit des Textteils und vermutet, dass dieser wohl nicht in allen Teilen laufend aktualisiert worden ist. Dann weist er darauf hin, dass für potenzielle Investoren dieses aber „sicher nicht die entscheidenden Stellen" seien, sondern es wären „vielmehr die Zahlenlage und in diesem speziellen Fall die Eigentumsverhältnisse, die für den möglichen Umbau entscheidend sind." So ein Exposé sei nur die Spitze eines Eisbergs. Wenn jemand ernsthaftes Interesse bekunde, erhalte er eine tiefergehende Analyse. Mögliche Investoren würde JLL aktiv ansprechen, und das auch in regelmäßigen Abständen. Die Lage verändere sich hier laufend – jemand, für den vor zwei Jahren das Objekt vielleicht noch nicht in Frage gekommen sei, könne jetzt durchaus interessiert sein. Aktuell seien jedoch keine Verhandlungen bis zur Unterschriftsreife fortgeschritten. Wie vielen potenziellen Interessenten wird die Obermarktpassage so jährlich angeboten? Lausmann: „Nicht die Zahl ist hier entscheidend, sondern die Kompetenz des Interessenten, solch ein herausforderndes Objekt zu entwickeln." Gespräche dazu waren in der ersten Hälfte dieses Jahres beispielsweise schon sehr weit gediehen, seien dann aber „am Veto eines der Eigentümer" doch gescheitert. In dieser Zeit sei die Halle verständlicherweise niemand anderem angeboten worden. Künftig jedenfalls wird das Exposé genauer gefasst sein, versichert der Unternehmenssprecher. Die Stadt Minden hat kaum Handlungsmöglichkeiten, um der Brache wieder auf die Beine zu helfen. Sie betonte in der Vergangenheit immer wieder, sie sei bereit, Konzeptentwickler nach Kräften zu unterstützen, könne und werde jedoch nicht selbst als Käufer auftreten. Kino, Kulturzentrum, Gründerzentrum, Multifunktionshalle: Die Mindener haben viele Ideen für das leerstehende Objekt. Die Stadt allerdings hat jetzt erst einmal ein anderes Thema: Wenn die Tiefgarage schließt – letzter Öffnungstag wird der 29. Oktober sein – fehlen künftig auch rund 450 innenstadtnahe Parkmöglichkeiten. Ob das Minden als Shopping-Meile für Besucher aus dem Umland künftig weniger attraktiv macht? Vielleicht nicht: Im Grunde war die Tiefgarage eher Überlauf für die anderen Parkmöglichkeiten. Die Tiefgarage erstreckt sich ja auch bis unter den ZOB – seinerzeit war deren Erweiterung überhaupt der Anlass dafür, dass Minden den neuen Busbahnhof bauen konnte. Auch der wird im Exposé übrigens erwähnt: Die Anbindung an den ÖPNV sei sehr gut – „durch eine Bushaltestelle direkt vor dem Center." Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 148 oder Monika.Jaeger@MT.de