Spaziergang in Haddenhausen: Wie eine Studentin zur Verdächtigen wurde

Nadine Schwan

Shreya Kashyap (21) kommt aus Indien und arbeitet gerade im Potts Park. Abends geht sie spazieren und macht Fotos, das verunsichert die Anwohner. MT-Foto: Nadine Schwan - © Nadine Schwan
Shreya Kashyap (21) kommt aus Indien und arbeitet gerade im Potts Park. Abends geht sie spazieren und macht Fotos, das verunsichert die Anwohner. MT-Foto: Nadine Schwan (© Nadine Schwan)

Minden-Haddenhausen. Eigentlich wollte sie nur den Himmel fotografieren, denn so klar wie in Minden hat Shreya Kashyap ihn noch nie gesehen. In Neu-Delhi, wo die 21-jährige Inderin Germanistik studiert, ist er grau vom Smog. Doch Shreya Kashyap traut sich jetzt nicht mehr alleine vor die Tür. Sie ist ins Visier von Anwohnern geraten und wurde fünf Tage lang für eine Verbrecherin aus dem Balkan-Raum gehalten.

In den sozialen Netzwerken macht die Nachricht schnell die Runde. „Nachbarn aufgepasst! In den vergangenen Tagen und auch heute Abend wieder, ist eine auffällige junge Dame in Haddenhausen beziehungsweise Uphausen gesichtet worden. Sie fotografiert diverse Häuser in unseren Siedlungen und ist circa 18 bis 20 Jahre alt", heißt es dort. Mit ihren Fotos soll die junge Frau Häuser ausspioniert haben, in die ein Jahr später eingebrochen wird, munkeln Mitglieder der Facebook-Gruppe Haddenhausen Aktuell. Darunter sammeln sich Kommentare wie: „Knüppel raus" oder „Lass die Hunde raus."

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Nachdem auf Facebook sogar ein – wenn auch unscharfes Foto – der jungen Frau gepostet wird, erreicht die Angst der Bürger eine neue Dimension. Shreya Kashyap ist gerade im Wald spazieren und fotografiert Bäume. Die Natur fasziniert sie, sie kennt sie aus dem Gedichten von Goethe. Dann trifft sie auf einen Mann, etwa 30 Jahre alt. Er erinnert sich offenbar an die Warnung auf Facebook, spricht sie wütend an und fordert sie auf, die Fotos sofort vom Handy zu löschen. Verängstigt entfernt Shreya Kashyap die Bilder aus dem Wald, klärt den Mann aber auch auf. Sie sei eine Studentin aus Indien, die gerade für einen Monat in Minden lebt und im Potts Park arbeitet. Einen Tag später steht der Mann bei ihrem Arbeitgeber vor der Tür und entschuldigt sich mit selbst gekochter Marmelade und Fotos vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal.

Gleichzeitig bekommt ihr Chef Thorsten Lenz die Warnungen mit, die gerade durchs Netz kursieren. Sofort wird ihm klar, dass damit nur seine Mitarbeiterin gemeint sein kann. Denn Shreya Kashyap wohnt im Potts Park in einer Studentenwohnung, kann nicht Fahrrad fahren und kommt nur selten in die Stadt, weil nach 18 Uhr kaum noch ein Bus fährt, deshalb geht sie seit drei Wochen abends nach Feierabend spazieren. Und weil ringsherum nichts ist, läuft sie eben durch die Wohnsiedlungen.

Lenz will die Sache schnell aufklären, ruft die Polizei an und berichtet von der jungen Inderin. Das teilt die Polizei auch den Anwohnern mit – Entwarnung. Auf Facebook wird der Fall in einem neuen Post aufgeklärt. Doch der Beitrag ist längst nicht so erfolgreich wie der mit der Warnung, die vor fünf Tagen plötzlich aufpoppte. Sie wird 336 Mal geteilt, die Entwarnung nur achtmal.

Shreya Kashyaps Beispiel macht deutlich, wie soziale Netzwerke funktionieren. Emotionen verbreiten sich schneller als Fakten. Angst wird lieber geteilt als Vernunft. Die junge Frau mit ihrer dunklen Haut und ihrem dunklen Pferdeschwanz ist eine Exotin in der Provinz – jemand, der da vermeintlich nicht hingehört. Dazu kommen die Warnungen vor Einbrecherbanden, die jeder aus der Zeitung, dem Radio, Fernsehen oder Internet kennt. Nachbarn sollen aufmerksam sein, wird dort geraten. Schnell ist eins und eins zusammengezählt.

Polizeipressesprecher Thomas Bensch sagt aber auch: „Es ist nie schädlich, wenn man den Verdacht hegt und bei der Polizei anruft. Lieber einmal zuviel anrufen, als einmal zuwenig." Schwierig wird es eben nur, wenn im Netz spekuliert wird und Anwohner auf eigene Faust versuchen, den oder die vermeintlichen Täter zu stellen.

Einige Anwohner in Haddenhausen sind allerdings nach der Aufklärung immer noch skeptisch. Erneut ist eine junge Frau beobachtet worden, die dieses Mal mit einem Pappschild in der Hand an Haustüren bettel soll. Sie soll aber im Gegensatz zu der Inderin ungepflegt aussehen und keine Zähne haben. Möglicherweise wurde sie mit der indischen Studentin verwechselt, meint Ortsvorsteher Thomas Jozefiak. Gerade jetzt in der Urlaubszeit wäre es denkbar, dass Bettlerbanden vermehrt auch im ländlichen Raum unterwegs seien.

Shreya Kashyap wird das nicht mehr betreffen. Sie will ihre restlichen Feierabende nach der ganzen Sache lieber allein in ihrer Wohnung verbringen. Bis Mittwoch bleibt sie noch in Deutschland. Dann geht ihr Flieger zurück nach Neu-Delhi. Ihrer Familie hat sie von der Geschichte noch nichts erzählt, sie sollen sich keine Sorgen machen. Dass Menschen hier in Deutschland Angst vor ihr haben, damit hätte sie jedenfalls nie gerechnet. „Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich unter den deutschen Menschen Panik verbreitet habe", sagt die zierliche junge Frau ganz schüchtern.

Und übrigens: Wahrscheinlich werden demnächst häufiger Inder in der Siedlung auftauchen. Denn der nächste Student wird schon im Potts Park erwartet. Er ist ein Freund von der 21-Jährigen und studiert in Kleve. Über eine Empfehlung von Freunden ist auch Shreya Kashyap an den Job im Freizeitpark gekommen. „Ich habe leider kein Stipendium bekommen und musste mir eine Alternative suchen. Und am besten lernt man die Kultur kennen, wenn man in Deutschland arbeitet", sagt sie.

Ihren ersten Besuch in Deutschland und im Ausland überhaupt werde sie aber dennoch in guter Erinnerung behalten. „Die Leute, die ich hier kennengelernt habe, sind alle nett. Und es ist sicher hier für Frauen", sagt sie – jedenfalls dann, wenn man nicht unangenehm auffällt.

Jetzt will sie erstmal ihren Master in deutscher Literatur und Philosophie machen und irgendwann wiederkommen. Dann will sie sich Berlin und Weimar ansehen.

Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 223 oder Nadine.Schwan@MT.de

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Spaziergang in Haddenhausen: Wie eine Studentin zur Verdächtigen wurdeNadine SchwanMinden-Haddenhausen. Eigentlich wollte sie nur den Himmel fotografieren, denn so klar wie in Minden hat Shreya Kashyap ihn noch nie gesehen. In Neu-Delhi, wo die 21-jährige Inderin Germanistik studiert, ist er grau vom Smog. Doch Shreya Kashyap traut sich jetzt nicht mehr alleine vor die Tür. Sie ist ins Visier von Anwohnern geraten und wurde fünf Tage lang für eine Verbrecherin aus dem Balkan-Raum gehalten. In den sozialen Netzwerken macht die Nachricht schnell die Runde. „Nachbarn aufgepasst! In den vergangenen Tagen und auch heute Abend wieder, ist eine auffällige junge Dame in Haddenhausen beziehungsweise Uphausen gesichtet worden. Sie fotografiert diverse Häuser in unseren Siedlungen und ist circa 18 bis 20 Jahre alt", heißt es dort. Mit ihren Fotos soll die junge Frau Häuser ausspioniert haben, in die ein Jahr später eingebrochen wird, munkeln Mitglieder der Facebook-Gruppe Haddenhausen Aktuell. Darunter sammeln sich Kommentare wie: „Knüppel raus" oder „Lass die Hunde raus." Nachdem auf Facebook sogar ein – wenn auch unscharfes Foto – der jungen Frau gepostet wird, erreicht die Angst der Bürger eine neue Dimension. Shreya Kashyap ist gerade im Wald spazieren und fotografiert Bäume. Die Natur fasziniert sie, sie kennt sie aus dem Gedichten von Goethe. Dann trifft sie auf einen Mann, etwa 30 Jahre alt. Er erinnert sich offenbar an die Warnung auf Facebook, spricht sie wütend an und fordert sie auf, die Fotos sofort vom Handy zu löschen. Verängstigt entfernt Shreya Kashyap die Bilder aus dem Wald, klärt den Mann aber auch auf. Sie sei eine Studentin aus Indien, die gerade für einen Monat in Minden lebt und im Potts Park arbeitet. Einen Tag später steht der Mann bei ihrem Arbeitgeber vor der Tür und entschuldigt sich mit selbst gekochter Marmelade und Fotos vom Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Gleichzeitig bekommt ihr Chef Thorsten Lenz die Warnungen mit, die gerade durchs Netz kursieren. Sofort wird ihm klar, dass damit nur seine Mitarbeiterin gemeint sein kann. Denn Shreya Kashyap wohnt im Potts Park in einer Studentenwohnung, kann nicht Fahrrad fahren und kommt nur selten in die Stadt, weil nach 18 Uhr kaum noch ein Bus fährt, deshalb geht sie seit drei Wochen abends nach Feierabend spazieren. Und weil ringsherum nichts ist, läuft sie eben durch die Wohnsiedlungen. Lenz will die Sache schnell aufklären, ruft die Polizei an und berichtet von der jungen Inderin. Das teilt die Polizei auch den Anwohnern mit – Entwarnung. Auf Facebook wird der Fall in einem neuen Post aufgeklärt. Doch der Beitrag ist längst nicht so erfolgreich wie der mit der Warnung, die vor fünf Tagen plötzlich aufpoppte. Sie wird 336 Mal geteilt, die Entwarnung nur achtmal. Shreya Kashyaps Beispiel macht deutlich, wie soziale Netzwerke funktionieren. Emotionen verbreiten sich schneller als Fakten. Angst wird lieber geteilt als Vernunft. Die junge Frau mit ihrer dunklen Haut und ihrem dunklen Pferdeschwanz ist eine Exotin in der Provinz – jemand, der da vermeintlich nicht hingehört. Dazu kommen die Warnungen vor Einbrecherbanden, die jeder aus der Zeitung, dem Radio, Fernsehen oder Internet kennt. Nachbarn sollen aufmerksam sein, wird dort geraten. Schnell ist eins und eins zusammengezählt.Polizeipressesprecher Thomas Bensch sagt aber auch: „Es ist nie schädlich, wenn man den Verdacht hegt und bei der Polizei anruft. Lieber einmal zuviel anrufen, als einmal zuwenig." Schwierig wird es eben nur, wenn im Netz spekuliert wird und Anwohner auf eigene Faust versuchen, den oder die vermeintlichen Täter zu stellen. Einige Anwohner in Haddenhausen sind allerdings nach der Aufklärung immer noch skeptisch. Erneut ist eine junge Frau beobachtet worden, die dieses Mal mit einem Pappschild in der Hand an Haustüren bettel soll. Sie soll aber im Gegensatz zu der Inderin ungepflegt aussehen und keine Zähne haben. Möglicherweise wurde sie mit der indischen Studentin verwechselt, meint Ortsvorsteher Thomas Jozefiak. Gerade jetzt in der Urlaubszeit wäre es denkbar, dass Bettlerbanden vermehrt auch im ländlichen Raum unterwegs seien. Shreya Kashyap wird das nicht mehr betreffen. Sie will ihre restlichen Feierabende nach der ganzen Sache lieber allein in ihrer Wohnung verbringen. Bis Mittwoch bleibt sie noch in Deutschland. Dann geht ihr Flieger zurück nach Neu-Delhi. Ihrer Familie hat sie von der Geschichte noch nichts erzählt, sie sollen sich keine Sorgen machen. Dass Menschen hier in Deutschland Angst vor ihr haben, damit hätte sie jedenfalls nie gerechnet. „Es tut mir wirklich sehr leid, dass ich unter den deutschen Menschen Panik verbreitet habe", sagt die zierliche junge Frau ganz schüchtern. Und übrigens: Wahrscheinlich werden demnächst häufiger Inder in der Siedlung auftauchen. Denn der nächste Student wird schon im Potts Park erwartet. Er ist ein Freund von der 21-Jährigen und studiert in Kleve. Über eine Empfehlung von Freunden ist auch Shreya Kashyap an den Job im Freizeitpark gekommen. „Ich habe leider kein Stipendium bekommen und musste mir eine Alternative suchen. Und am besten lernt man die Kultur kennen, wenn man in Deutschland arbeitet", sagt sie. Ihren ersten Besuch in Deutschland und im Ausland überhaupt werde sie aber dennoch in guter Erinnerung behalten. „Die Leute, die ich hier kennengelernt habe, sind alle nett. Und es ist sicher hier für Frauen", sagt sie – jedenfalls dann, wenn man nicht unangenehm auffällt. Jetzt will sie erstmal ihren Master in deutscher Literatur und Philosophie machen und irgendwann wiederkommen. Dann will sie sich Berlin und Weimar ansehen.Die Autorin ist erreichbar unter (0571) 882 223 oder Nadine.Schwan@MT.de