Das Comeback der schönen Handschrift

Claudia Hyna

Minden (mt). Zurück zu Papier und Stift: In einer Zeit der digitalen Nachrichten, die jederzeit von jedem Ort der Welt gesendet werden können, erlebt die schöne Handschrift ein Comeback – und kann auch in Minden in Workshops erlernt werden.

Eine, die das Spiel mit den Buchstaben in verschiedenen Formen und Schriftarten beherrscht und weitergeben will, ist die gelernte Architektin Kerstin Pflug (atelier365.de). Die 48-Jährige unterrichtet am Leo-Sympher-Berufskolleg Minden Kunst und Gestaltungstechnik und hat vor kurzem Räume bei Käptn Eta in der Oberen Altstadt angemietet. Ihre Zielgruppe sind Erwachsene, keine Kinder, darauf legt sie Wert. Und: Eine schöne Handschrift sei keine Voraussetzung.

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Gedanken zur Kalligrafie

Kalligrafie ist nichts im Vorübergehen. Automatisch geht beim Schreiben gar nichts. Locker sollte man sein, entspannt, mental eingestimmt, Ruhe um sich herum schaffen und sich konzentrieren auf sein Tun.

Einer unserer persönlichen Schätze für das künstlerische Schreiben ist die Vitalität unserer Handschrift, sich ständig wandelnd. In ihr spiegeln sich die Zeit, die Persönlichkeit, das Alter, der kulturelle Hintergrund und die Befindlichkeit des Schreibers. Also, pflegt bitte, wann immer ihr könnt, eure Handschrift.

Nehmt einfach mal Stück dicke Pappe oder ein Stück Holz, taucht es in Tinte, Tusche oder Rotwein. Und beginnt ganz absichtslos Zeichen zu malen, ohne Bedeutung. Lasst euch einfach darauf ein und schaut, was geschieht. Hell oder dunkel, scharfkantig, rau oder weich, farbsatt oder streifig, beobachtet die auslaufenden Linien, probiert auf unterschiedlichen Papieren.

Das Experiment ist von besonderem Wert für den gestalterischen Prozess. Dabei entstehen Freiräume, wie wir sie für kreative Taten brauchen. Sie prägen das Formgefühl, das Stilempfinden, den Sinn für Ausgewogenheit und Rhythmus und sind eine Bereicherung für unseren persönlichen Ausdruck.

Die Kalligrafie braucht keinen technischen Aufwand. Alle Fertigkeiten, das gilt im Handwerklichen wie im Künstlerischen, müssen erarbeitet werden. Also schreiben, schreiben, schreiben.

Es ist ein künstlerisches Medium, von dem stets eine Faszination ausgeht – des Originalen, des Authentischen. Der Wert der Kalligrafie liegt in ihrer Ausdrucksstärke, ihrer Lebendigkeit und – keine Angst – das Nichtperfekte des Mit-der-Hand-Gemachten ist ein Qualitätsmerkmal, das zur Faszination des Geschriebenen gehört.

Sie selbst hat vor gut zwei Jahren das Visualisieren per Schrift für sich entdeckt. Angefangen hat es mit einer Einladung zur Hochzeit, die sie für Freunde anfertigte. Ihre handgeschriebenen Glückwunschkarten und Sprüche kamen gut an. Schließlich wurde sie häufiger angesprochen, ob sie ihre Kenntnisse weitergeben wolle. Momentan hat sie viel Spaß daran, Tafeln etwa in der Gastronomie mit Schriften zu gestalten. Ein Vorteil sei, dass sich Gegenstände leicht mit dem Namen verzieren lassen. Dieses „Handlettering“ ist ein buntes Spiel mit Buchstaben, oft verschieden groß oder mit unterschiedlichen Formen und Schriftarten, mit Schnörkeln, Verzierungen und Symbolen.

Kerstin Pflug, gebürtig aus Veltheim, hat vieles gemacht in ihrem Leben, bis sie schließlich Architektur in Minden studierte. Dort lernte sie das genaue Zeichnen und Schreiben. „Das Präzise gefällt mir.“ Ein Blick in die Familiengeschichte zeigt, dass ihr Großvater als Schildermaler tätig war, dem hat sie als Kind über die Schulter geblickt. Opa würde sich wundern, dass das kunstvolle Malen mit der Hand heute Doodling, Journaling oder Handlettering genannt wird.

Die Wurzeln des Journaling reichen weit zurück. Im Grunde haben die Kinder der siebziger Jahre es vorgemacht mit ihren liebevoll ausgemalten Tagebüchern. Die heutigen sogenannten Bullet Journals vereinen Typografie mit Illustrationen, erklärt Kerstin Pflug. Diese kunstvoll gestalteten Kladden seien jedoch weit mehr als eine Spielerei (Anleitungen gibt es unter bulletjournal.com).

Die Idee hinter dem Bullet Journal stammt von Ryder Carroll, einem Produktdesigner aus New York, der viele Jahre damit verbracht hat, ein für ihn passendes System zu finden, um Aufgaben und Termine zu planen. Damit haben herumfliegende Notizzettel und To-Do-Listen sowie vergessene Termine keine Chance mehr. Letztlich handelt es sich um eine Mischung aus Kalender, To-Do Liste, Notizbuch und Tagebuch. Der Gedanke kommt aus der Lernpsychologie, erklärt Pflug: Das Lernen mit Bildern sei schon immer ihr Ding gewesen. Anregungen holt sie sich vor allem im Nachbarland Holland. Im Grunde helfe es schon, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Und viel zu lesen sei ebenfalls wichtig, meint die Fotografin Heidi Pfleiderer, Jahrgang 1942. Sie betrieb nach Ausbildung und Studium der Fotografie 40 Jahre mit ihrem Mann Dieter ein Fotostudio in der Mindener Innenstadt. Für die gebürtige Mindenerin greift alles ineinander: Papier, Text und Buchbinderei. Seit den neunziger Jahren schöpft sie selber Papier, baut mittlerweile sogar Papierbäume im eigenen Garten an. Bis heute arbeitet sie beinah täglich in ihren Ateliers, ansonsten pflegt sie ihren Garten. „Ein Künstler geht nie in Ruhestand“, kommentiert sie.

Heidi Pfleiderer unterscheidet zwischen der klassischen Kalligrafie, bei der vor allem Disziplin gefragt sei, und der experimentellen Kalligrafie, die sie vertritt und die auf Basis der eigenen Handschrift entsteht und mit der Typografie verquickt wird. Handlettering sei im Grunde nichts anderes als die illustrierte Handschrift. Dieser Trend ermutige viele Menschen, ihren Alltag kreativer zu gestalten – was auf jeden Fall eine gute Sache sei, jedoch nicht die ihre.

Der Buchstabe entwickele sich dabei zum Kunstwerk und das hält sie angesichts der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Handschrift für eine Bereicherung. Der 75-Jährigen geht es darüber hinaus darum, eine Botschaft zu transportieren. Dazu sammelt sie Texte etwa von deutschen Dichtern, momentan haben es ihr Gedichte von Goethe angetan.

Mit ihren Artefakten ist sie auf Märkten in der Region vertreten. Charakteristisch sind die handgeschöpften Papiere mit Inschriften, die häufig erst auf den zweiten Blick lesbar sind. Allen, die mit ihrer Handschrift hadern, macht sie Mut: Eine schöne Handschrift kann man lernen und trainieren. Häufig reicht bereits das richtige Gerät.

Kontakt zu Heidi Pfleiderer: Telefon (05 71) 5 29 56, E-Mail heidipfleiderer.papier@t-online.de.

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Das Comeback der schönen HandschriftClaudia HynaMinden (mt). Zurück zu Papier und Stift: In einer Zeit der digitalen Nachrichten, die jederzeit von jedem Ort der Welt gesendet werden können, erlebt die schöne Handschrift ein Comeback – und kann auch in Minden in Workshops erlernt werden. Eine, die das Spiel mit den Buchstaben in verschiedenen Formen und Schriftarten beherrscht und weitergeben will, ist die gelernte Architektin Kerstin Pflug (atelier365.de). Die 48-Jährige unterrichtet am Leo-Sympher-Berufskolleg Minden Kunst und Gestaltungstechnik und hat vor kurzem Räume bei Käptn Eta in der Oberen Altstadt angemietet. Ihre Zielgruppe sind Erwachsene, keine Kinder, darauf legt sie Wert. Und: Eine schöne Handschrift sei keine Voraussetzung. Sie selbst hat vor gut zwei Jahren das Visualisieren per Schrift für sich entdeckt. Angefangen hat es mit einer Einladung zur Hochzeit, die sie für Freunde anfertigte. Ihre handgeschriebenen Glückwunschkarten und Sprüche kamen gut an. Schließlich wurde sie häufiger angesprochen, ob sie ihre Kenntnisse weitergeben wolle. Momentan hat sie viel Spaß daran, Tafeln etwa in der Gastronomie mit Schriften zu gestalten. Ein Vorteil sei, dass sich Gegenstände leicht mit dem Namen verzieren lassen. Dieses „Handlettering“ ist ein buntes Spiel mit Buchstaben, oft verschieden groß oder mit unterschiedlichen Formen und Schriftarten, mit Schnörkeln, Verzierungen und Symbolen. Kerstin Pflug, gebürtig aus Veltheim, hat vieles gemacht in ihrem Leben, bis sie schließlich Architektur in Minden studierte. Dort lernte sie das genaue Zeichnen und Schreiben. „Das Präzise gefällt mir.“ Ein Blick in die Familiengeschichte zeigt, dass ihr Großvater als Schildermaler tätig war, dem hat sie als Kind über die Schulter geblickt. Opa würde sich wundern, dass das kunstvolle Malen mit der Hand heute Doodling, Journaling oder Handlettering genannt wird. Die Wurzeln des Journaling reichen weit zurück. Im Grunde haben die Kinder der siebziger Jahre es vorgemacht mit ihren liebevoll ausgemalten Tagebüchern. Die heutigen sogenannten Bullet Journals vereinen Typografie mit Illustrationen, erklärt Kerstin Pflug. Diese kunstvoll gestalteten Kladden seien jedoch weit mehr als eine Spielerei (Anleitungen gibt es unter bulletjournal.com). Die Idee hinter dem Bullet Journal stammt von Ryder Carroll, einem Produktdesigner aus New York, der viele Jahre damit verbracht hat, ein für ihn passendes System zu finden, um Aufgaben und Termine zu planen. Damit haben herumfliegende Notizzettel und To-Do-Listen sowie vergessene Termine keine Chance mehr. Letztlich handelt es sich um eine Mischung aus Kalender, To-Do Liste, Notizbuch und Tagebuch. Der Gedanke kommt aus der Lernpsychologie, erklärt Pflug: Das Lernen mit Bildern sei schon immer ihr Ding gewesen. Anregungen holt sie sich vor allem im Nachbarland Holland. Im Grunde helfe es schon, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Und viel zu lesen sei ebenfalls wichtig, meint die Fotografin Heidi Pfleiderer, Jahrgang 1942. Sie betrieb nach Ausbildung und Studium der Fotografie 40 Jahre mit ihrem Mann Dieter ein Fotostudio in der Mindener Innenstadt. Für die gebürtige Mindenerin greift alles ineinander: Papier, Text und Buchbinderei. Seit den neunziger Jahren schöpft sie selber Papier, baut mittlerweile sogar Papierbäume im eigenen Garten an. Bis heute arbeitet sie beinah täglich in ihren Ateliers, ansonsten pflegt sie ihren Garten. „Ein Künstler geht nie in Ruhestand“, kommentiert sie. Heidi Pfleiderer unterscheidet zwischen der klassischen Kalligrafie, bei der vor allem Disziplin gefragt sei, und der experimentellen Kalligrafie, die sie vertritt und die auf Basis der eigenen Handschrift entsteht und mit der Typografie verquickt wird. Handlettering sei im Grunde nichts anderes als die illustrierte Handschrift. Dieser Trend ermutige viele Menschen, ihren Alltag kreativer zu gestalten – was auf jeden Fall eine gute Sache sei, jedoch nicht die ihre. Der Buchstabe entwickele sich dabei zum Kunstwerk und das hält sie angesichts der zunehmenden Bedeutungslosigkeit der Handschrift für eine Bereicherung. Der 75-Jährigen geht es darüber hinaus darum, eine Botschaft zu transportieren. Dazu sammelt sie Texte etwa von deutschen Dichtern, momentan haben es ihr Gedichte von Goethe angetan. Mit ihren Artefakten ist sie auf Märkten in der Region vertreten. Charakteristisch sind die handgeschöpften Papiere mit Inschriften, die häufig erst auf den zweiten Blick lesbar sind. Allen, die mit ihrer Handschrift hadern, macht sie Mut: Eine schöne Handschrift kann man lernen und trainieren. Häufig reicht bereits das richtige Gerät. Kontakt zu Heidi Pfleiderer: Telefon (05 71) 5 29 56, E-Mail heidipfleiderer.papier@t-online.de.