Wohnungsnot in Minden: Das Leid der Geringverdiener

Nina Könemann

Günstiger Wohnraum ist in Minden knapp, in Bärenkämpen und Rodenbeck sind die Wohnungen mittlerweile rar. Leserfoto: Abdalhadi Abou Harb - © Abdalhadi Abou Harb
Günstiger Wohnraum ist in Minden knapp, in Bärenkämpen und Rodenbeck sind die Wohnungen mittlerweile rar. Leserfoto: Abdalhadi Abou Harb (© Abdalhadi Abou Harb)

Minden (mt). Im Wohnwagen, zu viert in einem Zimmer, zu weit weg von der Schule: Auch wenn Minden nicht München oder Düsseldorf ist, ist die Wohnungssuche für viele eine Geduldsprobe. Vor allem diejenigen, die über ein geringes Einkommen verfügen, haben es schwer. Auch Wohnraum für große Familien und Tierhalter ist knapp. „Und im höheren Preissegment ist es schwer, etwas adäquates zu finden", sagt Thorsten Post von Haus und Grund in Minden.

Die Facebook-Gruppe „Helferbörse Minden", in der sich jeder mit einem Problem melden kann, lässt deshalb bereits seit September keine Mietgesuche mehr zu. „Wir kennen die Problematik und haben Verständnis für die, die dringend eine Wohnung oder ein Haus zur Miete suchen. Es werden nur zu viele Anfragen gestellt", schreibt Administrator Florian Lux. Auch die Gruppe „Mieten in Minden" lässt keine Gesuche mehr zu.

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Lesen Sie dazu auch den Artikel zum Thema: Der Stadt fehlen Know-how und Personal

Das MT hat mit zahlreichen Menschen gesprochen, die vergeblich eine Wohnung suchen und schildert hier ihre Geschichte. Die Auswahl ist zufällig und nicht repräsentativ. Die Redaktion kennt die Hintergründe nicht. Dennoch zeigen die Geschichten, wie groß die Not bei manchen ist.

Patchwork-Familie

Der 48-jährige Martin A. (Name geändert), der anonym bleiben möchte, lebt seit sechs Wochen mit seinem Hund in einem Wohnmobil. Der Vater von vier Kindern zahlt monatlich Unterhalt, seine neue Lebensgefährtin hat ebenfalls drei Kinder und lebt von Hartz-IV. Aus ihrem gemeinsamen Heim mussten die Tierliebhaber ausziehen, das Haus wurde vom Vermieter verkauft. „Wir haben dann nichts gefunden, wo wir alle zu einem vertretbaren Preis unterkommen können", sagt A. Seine Lebensgefährtin sei mit den Kindern nach Stemwede gezogen, von dort ist die Schule in Espelkamp gut erreichbar. Weil A. im Lager einer Mindener Firma arbeitet und aufgrund der Spritkosten nicht jeden Tag pendeln kann, lebt er im Wohnmobil und fährt nur am Wochenende nach Stemwede. „Ich bin zwar seit 26 Jahren im Unternehmen und war nie arbeitslos, muss aber noch Schulden abzahlen und den Unterhalt für die Kinder aufbringen." Eine preiswerte Wohnung habe er nicht gefunden.

Auszubildende

Die 22-jährige Marja Ahldag ist Hauswirtschafterin in Ausbildung, ihr Freund macht eine Ausbildung zum Gerüstbauer. Beide wohnen allein und suchen seit vier Monaten vergeblich eine gemeinsame Wohnung. Grund sind die Mietpreise. „Bisher haben wir erst eine Wohnung besichtigen können", sagt Ahldag. Und auch dazu sei es nur durch „Vitamin B" gekommen. Mehr als 520 Euro Warmmiete seien nicht machbar.

Alina Grubow hat das Gleiche erlebt. „Ich hätte keine Wohnung bekommen als Azubine. Selbst als ich mein Budget erhöht habe, wollte mich niemand einziehen lassen, da ich ein 'unsicheres Einkommen' hatte", schrieb sie auf Facebook. Schließlich habe ihr Vater einen Nachweis abgeben müssen, wie viel er verdient. „Dabei habe ich seit Jahren selbstständig gewohnt, niemals Schulden gemacht und immer pünktlich meine Miete bezahlt", ärgert sich Grunow.?

Flüchtlinge

Judith Schierholz und ihre Schwester Frauke Auritz haben einen wahren Such-Marathon hinter sich. Beide sind Pate einer sechsköpfigen Flüchtlingsfamilie. Das Ehepaar wohnte mit seinen vier Kindern in einer Dreizimmerwohnung in Bärenkämpen und musste ausziehen, weil der gesamte Block saniert wurde. Die Familie wurde in einer Wohnung in Stemmer einquartiert - für die Kinder, die in Bärenkämpen zur Schule gehen, ein Problem. Judith Schierholz begab sich also auf die Suche nach einer neuen Wohnung und blitzte überall ab. „Wir haben ein halbes Jahr mit den Wohnungsgesellschaften telefoniert, Anzeigen im Internet durchforstet und auch selbst welche geschaltet." Zwei Mal wurde Schierholz bei der Wohnhaus GmbH vorstellig, die noch Vier-Zimmer-Wohnungen im Angebot hatte. „Die wollte man uns aber nicht vermieten", sagt Judith Schierholz. Der Grund: Sechs Personen auf vier Zimmer verteilt seien der Wohnhaus zu viel. Geschäftsführer Eugen Pankratz kennt das konkrete Beispiel nicht, sagt aber dazu: „Der Kreis Minden-Lübbecke gibt in seinem 'Konzept zur Ermittlung der Bedarfe für Unterkunft 2014' die regelmäßig benötigte Wohnungsgröße je Haushalt an." Für sechs Personen seien das 110 Quadratmeter. Insbesondere für Kinder seien Rückzugsmöglichkeiten wichtig, die Wohnhaus habe da auch eine soziale Verantwortung. Judith Schierholz hatte schließlich doch noch Glück. Eine private Vermieterin aus Bärenkämpen stellte der Familie ihre Wohnung zu Verfügung.

Tierbesitzer

Mandy Lou Macha ist Postausträgerin und damit eigentlich gut vernetzt. Ihr Mann arbeitet bei der Diakonie. Beide haben ein geregeltes Einkommen - eine Wohnung finden sie nicht. „Wir haben zwei Kinder, außerdem ist das Kind meines Mannes regelmäßig bei uns. Eine klassische Patchwork-Familie also." Der neun Jahre alte Labrador wohnt ebenfalls in der 100 Quadratmeter großen Wohnung in Holtrup. Weil nur ein Kinderzimmer übrig ist, schlafen Macha und ihr Mann mit zwei Kindern in einem Zimmer. Bei Vermietern ist Macha trotz der zwei Einkommen nicht beliebt. „Die meisten stört der Hund, der gehört aber zur Familie." Auch die Kinder seien mitunter ein Problem. „Deswegen sage ich auch immer, dass wir zwei Kinder haben und der Dritte nur an den Wochenenden kommt. Hört sich nicht so viel an", sagt sie.

Großfamilien

Sina Hanse hat drei Kinder und pflegt ihre demenzkranke Oma. Ihr Mann ist Produktionsmitarbeiter einer Firma in Kirchhorsten, sie macht derzeit eine Ausbildung zur Tagesmutter. „Wir bräuchten eigentlich mindestens sieben Zimmer. Ab fünf Zimmern findet man aber schon nichts Bezahlbares mehr", sagt sie. Nicht mal in den sozialen Brennpunkten gebe es etwas unter 1000 Euro Kaltmiete. Die Familie überlegt jetzt, ein Haus zu kaufen.

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Wohnungsnot in Minden: Das Leid der GeringverdienerNina KönemannMinden (mt). Im Wohnwagen, zu viert in einem Zimmer, zu weit weg von der Schule: Auch wenn Minden nicht München oder Düsseldorf ist, ist die Wohnungssuche für viele eine Geduldsprobe. Vor allem diejenigen, die über ein geringes Einkommen verfügen, haben es schwer. Auch Wohnraum für große Familien und Tierhalter ist knapp. „Und im höheren Preissegment ist es schwer, etwas adäquates zu finden", sagt Thorsten Post von Haus und Grund in Minden. Die Facebook-Gruppe „Helferbörse Minden", in der sich jeder mit einem Problem melden kann, lässt deshalb bereits seit September keine Mietgesuche mehr zu. „Wir kennen die Problematik und haben Verständnis für die, die dringend eine Wohnung oder ein Haus zur Miete suchen. Es werden nur zu viele Anfragen gestellt", schreibt Administrator Florian Lux. Auch die Gruppe „Mieten in Minden" lässt keine Gesuche mehr zu. Das MT hat mit zahlreichen Menschen gesprochen, die vergeblich eine Wohnung suchen und schildert hier ihre Geschichte. Die Auswahl ist zufällig und nicht repräsentativ. Die Redaktion kennt die Hintergründe nicht. Dennoch zeigen die Geschichten, wie groß die Not bei manchen ist. Patchwork-Familie Der 48-jährige Martin A. (Name geändert), der anonym bleiben möchte, lebt seit sechs Wochen mit seinem Hund in einem Wohnmobil. Der Vater von vier Kindern zahlt monatlich Unterhalt, seine neue Lebensgefährtin hat ebenfalls drei Kinder und lebt von Hartz-IV. Aus ihrem gemeinsamen Heim mussten die Tierliebhaber ausziehen, das Haus wurde vom Vermieter verkauft. „Wir haben dann nichts gefunden, wo wir alle zu einem vertretbaren Preis unterkommen können", sagt A. Seine Lebensgefährtin sei mit den Kindern nach Stemwede gezogen, von dort ist die Schule in Espelkamp gut erreichbar. Weil A. im Lager einer Mindener Firma arbeitet und aufgrund der Spritkosten nicht jeden Tag pendeln kann, lebt er im Wohnmobil und fährt nur am Wochenende nach Stemwede. „Ich bin zwar seit 26 Jahren im Unternehmen und war nie arbeitslos, muss aber noch Schulden abzahlen und den Unterhalt für die Kinder aufbringen." Eine preiswerte Wohnung habe er nicht gefunden. Auszubildende Die 22-jährige Marja Ahldag ist Hauswirtschafterin in Ausbildung, ihr Freund macht eine Ausbildung zum Gerüstbauer. Beide wohnen allein und suchen seit vier Monaten vergeblich eine gemeinsame Wohnung. Grund sind die Mietpreise. „Bisher haben wir erst eine Wohnung besichtigen können", sagt Ahldag. Und auch dazu sei es nur durch „Vitamin B" gekommen. Mehr als 520 Euro Warmmiete seien nicht machbar. Alina Grubow hat das Gleiche erlebt. „Ich hätte keine Wohnung bekommen als Azubine. Selbst als ich mein Budget erhöht habe, wollte mich niemand einziehen lassen, da ich ein 'unsicheres Einkommen' hatte", schrieb sie auf Facebook. Schließlich habe ihr Vater einen Nachweis abgeben müssen, wie viel er verdient. „Dabei habe ich seit Jahren selbstständig gewohnt, niemals Schulden gemacht und immer pünktlich meine Miete bezahlt", ärgert sich Grunow.? Flüchtlinge Judith Schierholz und ihre Schwester Frauke Auritz haben einen wahren Such-Marathon hinter sich. Beide sind Pate einer sechsköpfigen Flüchtlingsfamilie. Das Ehepaar wohnte mit seinen vier Kindern in einer Dreizimmerwohnung in Bärenkämpen und musste ausziehen, weil der gesamte Block saniert wurde. Die Familie wurde in einer Wohnung in Stemmer einquartiert - für die Kinder, die in Bärenkämpen zur Schule gehen, ein Problem. Judith Schierholz begab sich also auf die Suche nach einer neuen Wohnung und blitzte überall ab. „Wir haben ein halbes Jahr mit den Wohnungsgesellschaften telefoniert, Anzeigen im Internet durchforstet und auch selbst welche geschaltet." Zwei Mal wurde Schierholz bei der Wohnhaus GmbH vorstellig, die noch Vier-Zimmer-Wohnungen im Angebot hatte. „Die wollte man uns aber nicht vermieten", sagt Judith Schierholz. Der Grund: Sechs Personen auf vier Zimmer verteilt seien der Wohnhaus zu viel. Geschäftsführer Eugen Pankratz kennt das konkrete Beispiel nicht, sagt aber dazu: „Der Kreis Minden-Lübbecke gibt in seinem 'Konzept zur Ermittlung der Bedarfe für Unterkunft 2014' die regelmäßig benötigte Wohnungsgröße je Haushalt an." Für sechs Personen seien das 110 Quadratmeter. Insbesondere für Kinder seien Rückzugsmöglichkeiten wichtig, die Wohnhaus habe da auch eine soziale Verantwortung. Judith Schierholz hatte schließlich doch noch Glück. Eine private Vermieterin aus Bärenkämpen stellte der Familie ihre Wohnung zu Verfügung. Tierbesitzer Mandy Lou Macha ist Postausträgerin und damit eigentlich gut vernetzt. Ihr Mann arbeitet bei der Diakonie. Beide haben ein geregeltes Einkommen - eine Wohnung finden sie nicht. „Wir haben zwei Kinder, außerdem ist das Kind meines Mannes regelmäßig bei uns. Eine klassische Patchwork-Familie also." Der neun Jahre alte Labrador wohnt ebenfalls in der 100 Quadratmeter großen Wohnung in Holtrup. Weil nur ein Kinderzimmer übrig ist, schlafen Macha und ihr Mann mit zwei Kindern in einem Zimmer. Bei Vermietern ist Macha trotz der zwei Einkommen nicht beliebt. „Die meisten stört der Hund, der gehört aber zur Familie." Auch die Kinder seien mitunter ein Problem. „Deswegen sage ich auch immer, dass wir zwei Kinder haben und der Dritte nur an den Wochenenden kommt. Hört sich nicht so viel an", sagt sie. Großfamilien Sina Hanse hat drei Kinder und pflegt ihre demenzkranke Oma. Ihr Mann ist Produktionsmitarbeiter einer Firma in Kirchhorsten, sie macht derzeit eine Ausbildung zur Tagesmutter. „Wir bräuchten eigentlich mindestens sieben Zimmer. Ab fünf Zimmern findet man aber schon nichts Bezahlbares mehr", sagt sie. Nicht mal in den sozialen Brennpunkten gebe es etwas unter 1000 Euro Kaltmiete. Die Familie überlegt jetzt, ein Haus zu kaufen.