MT-Interview mit dem Psychologen Alexander Waschkau über Verschwörungstheorien wie Mind Control Nadine Conti Minden (nec). Der Mann, der am Donnerstag eine Fußgängerin umfuhr und schwer verletzte, glaubt offenbar, verstrahlt worden zu sein und sich dafür an der Gesellschaft rächen zu müssen. Das Schlagwort dahinter lautet „mind control". Der ehemalige Lehrer äußerte sich in entsprechenden Betroffenen-Foren. Experte Alexander Waschkau kennt diese Szene. Er glaubt allerdings nicht, dass Verschwörungstheoretiker per se gefährlich sind. Das Interview führte Nadine Conti. Können Sie erklären, welches Gedankengebäude sich hinter dem Stichwort „Mind Control" verbirgt? Das ist eine klassische Verschwörungstheorie. Und wie die meisten Verschwörungstheorien hat sie durchaus einen wahren Kern. In den fünfziger Jahren experimentierte beispielsweise die CIA mit LSD und anderen Drogen. Man war auf der Suche nach Methoden, das menschliche Bewusstsein zu kontrollieren. Das ist durchaus belegt. Dabei ging es zum Beispiel um die Informationsbeschaffung oder die Schaffung von perfekten Agenten, die selbst nicht einmal mehr wissen, dass sie Agenten sind. Diese Experimente sind eingestellt worden, weil der Erfolg ausblieb. Ganz so einfach lässt sich etwas so Komplexes wie das menschliche Bewusstsein eben nicht kontrollieren. Es gibt aber Leute, die glauben, dass Militär und Geheimdienste, möglicherweise im Verbund mit der Pharmaindustrie, diese Versuche nie aufgegeben haben… Ja. Grob gesagt lassen sich in der Szene aktuell drei verschiedene Stränge identifizieren. Einige glauben, das Trinkwasser werde mit psychoaktiven Substanzen versetzt, andere fühlen sich gefährlicher Strahlung ausgesetzt, zum Beispiel über Handymasten, andere glauben an die so genannten Chemtrails – also daran, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge in Wirklichkeit auf das Ausbringen chemischer Substanzen hindeuten. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, dass sie systematisch vergiftet oder manipuliert werden, dass sie geheimen und verbotenen Experimenten ausgesetzt sind. Sind alle diese Leute verrückt und möglicherweise sogar gefährlich? Nein, das ist ein Trugschluss. Ich würde absolut davor warnen, jeden Verschwörungstheoretiker für wahnsinnig zu erklären. Diese Pathologisierung ist gefährlich, weil sie den Menschen nicht gerecht wird und man sie dann auch nicht mehr erreichen kann. Natürlich ist die Abgrenzung zur Wahnvorstellung manchmal schwierig. Man muss genau hinsehen, welche Funktion diese Verschwörungstheorie, dieser Glaube, für den Menschen hat. Die Datenlage dazu ist derzeit noch dünn, aber ich würde schon sagen, dass eine solche Verbindung von Verschwörungstheorie und Wahnvorstellung wie in diesem Mindener Fall eher die Ausnahme ist. Mir fällt da allenfalls der Reichsbürger ein, der in Bayern einen Polizisten getötet hat. Was wir öfter sehen, ist, dass dahinter eigentlich etwas steckt, was in Teilen einer Angststörung ähnelt. Viele Verschwörungsanhänger sind erst einmal zufrieden mit kleinen Maßnahmen, die sie treffen, um sich zu schützen: Indem sie beispielsweise ihr Wasser filtern oder bestimmte Halbedelsteine verwenden. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten in Foren und Netzwerken ist wichtig. Das kann auch stabilisierend wirken. Auf der anderen Seite bleibt natürlich die Gefahr, das so etwas kippt. Würden Sie sagen, dass Verschwörungstheorien ein Zeichen unserer Zeit sind? In gesellschaftlich unruhigen Zeiten haben Verschwörungstheorien immer Hochkonjunktur. Verschwörungstheorien haben eben den Bonus, dass sie Komplexität reduzieren. Je unübersichtlicher die Lage ist, weil bestimmte Dinge für den Laien gar nicht mehr zu durchdringen sind – man denke mal an die Finanzmärkte oder Ähnliches – desto größer ist die Versuchung zu solchen Rastern zu greifen. Da glaubt man dann schon lieber, der Euro wurde eingeführt, um Deutschland zu destabilisieren. Oder dass das Attentat vom 11. September eine Inszenierung war. Verschwörungstheorien drücken eben auch oft ein Unbehagen an gesellschaftlichen Entwicklungen aus. Gibt es denn bestimmte Typen, die eher anfällig für Verschwörungstheorien sind? Wie gesagt, es gibt dazu noch kaum eine Forschungslage, obwohl sie in meinen Augen dringend geboten wäre, denn einige Entwicklungen sind sicher mit Sorge zu betrachten. Bildungsgrad und Intelligenz scheinen jedenfalls in keinem messbaren Zusammenhang zur Anfälligkeit für Verschwörungstheorien zu stehen. Unter den Anhängern finden sich hochintelligente und akademisch gebildete Menschen genauso wie formal wenig gebildete. Es gibt Ansätze aus Australien, die versuchen, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu identifizieren, die anfällig machen. Man spricht hier von Transliminalität, verkürzt gesagt: die Bereitschaft oder Neigung zu glauben. Die lässt sich messen, ähnlich wie andere Merkmale, etwa Introversion oder Extraversion. Mit den Schlussfolgerungen daraus muss man allerdings noch sehr vorsichtig sein. Lesen Sie hierzu auch: Aus der Psychiatrie entlassen: Betroffene Fachklinik äußert sich nicht und

MT-Interview mit dem Psychologen Alexander Waschkau über Verschwörungstheorien wie Mind Control

Unheimlich, was im Kopf alles vor sich gehen kann. © Alex Lehn

Minden (nec). Der Mann, der am Donnerstag eine Fußgängerin umfuhr und schwer verletzte, glaubt offenbar, verstrahlt worden zu sein und sich dafür an der Gesellschaft rächen zu müssen. Das Schlagwort dahinter lautet „mind control". Der ehemalige Lehrer äußerte sich in entsprechenden Betroffenen-Foren. Experte Alexander Waschkau kennt diese Szene. Er glaubt allerdings nicht, dass Verschwörungstheoretiker per se gefährlich sind. Das Interview führte Nadine Conti.

Können Sie erklären, welches Gedankengebäude sich hinter dem Stichwort „Mind Control" verbirgt?

Das ist eine klassische Verschwörungstheorie. Und wie die meisten Verschwörungstheorien hat sie durchaus einen wahren Kern. In den fünfziger Jahren experimentierte beispielsweise die CIA mit LSD und anderen Drogen. Man war auf der Suche nach Methoden, das menschliche Bewusstsein zu kontrollieren. Das ist durchaus belegt. Dabei ging es zum Beispiel um die Informationsbeschaffung oder die Schaffung von perfekten Agenten, die selbst nicht einmal mehr wissen, dass sie Agenten sind. Diese Experimente sind eingestellt worden, weil der Erfolg ausblieb. Ganz so einfach lässt sich etwas so Komplexes wie das menschliche Bewusstsein eben nicht kontrollieren.

Alexander Waschkau ist Diplom-Psychologe und gebürtiger Mindener. Foto: Chris Marquardt/pr - © Copyright 2015 Chris Marquardt
Alexander Waschkau ist Diplom-Psychologe und gebürtiger Mindener. Foto: Chris Marquardt/pr - © Copyright 2015 Chris Marquardt

Es gibt aber Leute, die glauben, dass Militär und Geheimdienste, möglicherweise im Verbund mit der Pharmaindustrie, diese Versuche nie aufgegeben haben…

Ja. Grob gesagt lassen sich in der Szene aktuell drei verschiedene Stränge identifizieren. Einige glauben, das Trinkwasser werde mit psychoaktiven Substanzen versetzt, andere fühlen sich gefährlicher Strahlung ausgesetzt, zum Beispiel über Handymasten, andere glauben an die so genannten Chemtrails – also daran, dass die Kondensstreifen der Flugzeuge in Wirklichkeit auf das Ausbringen chemischer Substanzen hindeuten. Gemeinsam ist ihnen die Vorstellung, dass sie systematisch vergiftet oder manipuliert werden, dass sie geheimen und verbotenen Experimenten ausgesetzt sind.

Sind alle diese Leute verrückt und möglicherweise sogar gefährlich?

Nein, das ist ein Trugschluss. Ich würde absolut davor warnen, jeden Verschwörungstheoretiker für wahnsinnig zu erklären. Diese Pathologisierung ist gefährlich, weil sie den Menschen nicht gerecht wird und man sie dann auch nicht mehr erreichen kann. Natürlich ist die Abgrenzung zur Wahnvorstellung manchmal schwierig. Man muss genau hinsehen, welche Funktion diese Verschwörungstheorie, dieser Glaube, für den Menschen hat. Die Datenlage dazu ist derzeit noch dünn, aber ich würde schon sagen, dass eine solche Verbindung von Verschwörungstheorie und Wahnvorstellung wie in diesem Mindener Fall eher die Ausnahme ist. Mir fällt da allenfalls der Reichsbürger ein, der in Bayern einen Polizisten getötet hat. Was wir öfter sehen, ist, dass dahinter eigentlich etwas steckt, was in Teilen einer Angststörung ähnelt. Viele Verschwörungsanhänger sind erst einmal zufrieden mit kleinen Maßnahmen, die sie treffen, um sich zu schützen: Indem sie beispielsweise ihr Wasser filtern oder bestimmte Halbedelsteine verwenden. Auch der Austausch mit Gleichgesinnten in Foren und Netzwerken ist wichtig. Das kann auch stabilisierend wirken. Auf der anderen Seite bleibt natürlich die Gefahr, das so etwas kippt.

Würden Sie sagen, dass Verschwörungstheorien ein Zeichen unserer Zeit sind?

In gesellschaftlich unruhigen Zeiten haben Verschwörungstheorien immer Hochkonjunktur. Verschwörungstheorien haben eben den Bonus, dass sie Komplexität reduzieren. Je unübersichtlicher die Lage ist, weil bestimmte Dinge für den Laien gar nicht mehr zu durchdringen sind – man denke mal an die Finanzmärkte oder Ähnliches – desto größer ist die Versuchung zu solchen Rastern zu greifen. Da glaubt man dann schon lieber, der Euro wurde eingeführt, um Deutschland zu destabilisieren. Oder dass das Attentat vom 11. September eine Inszenierung war. Verschwörungstheorien drücken eben auch oft ein Unbehagen an gesellschaftlichen Entwicklungen aus.

Gibt es denn bestimmte Typen, die eher anfällig für Verschwörungstheorien sind?

Wie gesagt, es gibt dazu noch kaum eine Forschungslage, obwohl sie in meinen Augen dringend geboten wäre, denn einige Entwicklungen sind sicher mit Sorge zu betrachten. Bildungsgrad und Intelligenz scheinen jedenfalls in keinem messbaren Zusammenhang zur Anfälligkeit für Verschwörungstheorien zu stehen. Unter den Anhängern finden sich hochintelligente und akademisch gebildete Menschen genauso wie formal wenig gebildete. Es gibt Ansätze aus Australien, die versuchen, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zu identifizieren, die anfällig machen. Man spricht hier von Transliminalität, verkürzt gesagt: die Bereitschaft oder Neigung zu glauben. Die lässt sich messen, ähnlich wie andere Merkmale, etwa Introversion oder Extraversion. Mit den Schlussfolgerungen daraus muss man allerdings noch sehr vorsichtig sein.

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