Gastkommentar von Bülent Kacan: Plädoyer für das Offenhalten des Denkhorizonts

Bülent Kacan

Wollten wir einem christlichen Fundamentalisten erklären, dass die Erde nicht am 23. Oktober 4004 vor unserer Zeitrechnung entstanden ist, sondern mindestens Jahrmillionen gebraucht hat, um die Gestalt einer halbwegs ansehnlichen Kugel anzunehmen, der Fundamentalist trotz unseres Beweises - der Unterschenkelknochen eines Sauriers - jedoch weiterhin an die jungfräuliche Geburt unseres Planeten glaubt, so müssen wir davon ausgehen, dass auch weitere Beispiele, denen es nicht an wissenschaftlicher Plausibilität fehlen wird und die nachweislich das Gegenteil dessen beweisen, was schlicht und einfach behauptet wurde, kein Umdenken hervorrufen werden. Im Fall des Fundamentalisten sperrt sich das Denken, es rastet ein, es will auch nicht weitergehen als die eigenen religiösen Überzeugungen erlauben. Die Unwissenheit ist hierbei selbst gewählt, schließlich könnte das neu erworbene Wissen die für unerschütterlich gehaltenen Überzeugungen des Fundamentalisten in Frage stellen. Wissen, das sich in die eigene religiöse Weltanschauung integrieren lässt, wird geduldet, während Wissen, das die religiösen Überzeugungen gefährdet, verworfen wird. Es nützt auch nichts, den Fundamentalisten vom Gegenteil überzeugen zu wollen, schließlich wird er weitere Gespräche ablehnen und den Versuch der Revision des vermeintlich Irreversiblen als Angriff auf die eigene Person werten. Allerdings kann auch unsere wohlgemeinte Absicht, den Fundamentalisten eines Besseren belehren zu wollen, rasch in ein aufklärerisches Extrem kippen. Aus der wohlgemeinten Neigung, religiöse Überzeugungen mittels wissenschaftlicher Fakten zu entkräften, kann unversehens eine Form der Wissenschaftsgläubigkeit entstehen, die jedwede Religiosität als Obskurantismus abtut und hierbei gar nicht in Betracht zieht, dass Spiritualität und Rationalität in keinem genuin antagonistischen Verhältnis stehen, sondern im Idealfall eine dynamische Einheit bilden, die den Menschen ganzheitlich erfasst und erfüllt.