Konzepte gegen die Einsamkeit: Ersatzfamilie gesucht Nadine Conti Minden (mt/nec). Historisch betrachtet haben wir mehr Freizeit als je zuvor. Trotzdem werden viele das Gefühl nicht los, dass man immer weniger Zeit füreinander hat.Vielleicht liegt es daran, dass sich die immer flexibleren Arbeitszeiten immer schlechter koordinieren lassen. Oder daran, dass die Entfernungen zwischen Verwandten immer größer und die Zeit, die man allein im Auto verbringt, immer länger wird. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass wir immer mehr Zeit damit verbringen, auf Bildschirme unterschiedlichster Größen zu starren."Die Einsamkeit in der Gesellschaft steigt", sagt Salima Douven und niemand widerspricht. Salima Douven ist die stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Wahlverwandtschaften e.V.". Die Wahlverwandten versuchen Abhilfe zu schaffen. Die Idee: Bei regelmäßigen Treffen oder auf der Online-Plattform werden Leute zusammengeführt, denen jemand in ihrem Leben fehlt."Wir haben in diesem Jahr einen unglaublichen Auftrieb erfahren", erzählt Douven begeistert. Erst zeichnete die "Bild der Frau" die Gründerin der Wahlverwandschaften, Dr. Christine Wichert, aus. Dann widmete Lilly Becker in der Sendung "Fünf gegen Jauch" ihren Gewinn dem Verein. Die Zahl der lokalen Ableger steigt.In Minden gab es am vergangenen Sonntag ein Gründungstreffen. Sieben Frauen, ein Mann und die drei Organisatorinnen versammelten sich dazu bei Tee und Keksen in den Räumen des Bildungswerkes in der Alten Kirchstraße."Ich habe im ZDF einen Bericht über die Wahlverwandtschaften gesehen und fand das Konzept sofort überzeugend", sagt Gabi Hartmann, die gemeinsam mit Conny Eziuka das Treffen in Minden organisiert hat.Es ist vielleicht ein etwas sehr romantischer Verwandtschafts- und Familienbegriff, der hier gepflegt wird. Normalerweise ist Familie ja das, was man sich eben nicht aussucht und womit man trotzdem irgendwie klar kommen muss. Hier ist etwas anderes gemeint: Es geht darum, Beziehungen herzustellen, die innig, vor allem aber auch verbindlicher und haltbarer sind, als einfache Freundschaften. Beziehungen, die die Nestwärme und Geborgenheit bieten, die anderswo fehlt."In Krefeld zum Beispiel haben sich zwei Teilnehmerinnen gefunden, die sagen: Das ist meine Schwester. Die kann alles von mir haben, Geld, Platz, Zeit, Hilfe. Für diese Person würde ich jederzeit einstehen."Die Gründe, warum sich jemand auf die Suche nach einer Ersatzfamilie macht, sind verschieden. Bei Vereinsgründerin Dr. Christine Wichert war der Hintergrund ein tragischer: Innerhalb von ein paar Jahren waren alle ihre Familienmitglieder - Schwester, Vater und Mutter - gestorben. Auf einer Reise lernte sie dann irgendwann zwei ältere Damen kennen, die bis heute als ihre "Ersatz-Mütter" fungieren, mit denen sie Geburtstage und Weihnachten feiert. Dieser Art von glücklichem Zufall auf die Sprünge zu helfen, war die Grundidee. Und offenbar hat sie damit tatsächlich einen Nerv getroffen: Sie fand schnell Mitstreiterinnen und Medienecho, wohl auch aufgrund des professionellen Marketing, das der Verein betreibt.Allerdings ist der Weg zur Wahlverwandtschaft nicht immer so einfach. "Es erfordert natürlich schon ein gewisses Maß an Mut und Offenheit, herzukommen und zu sagen: Mir fehlt da was", sagt Douven. Mut, den Frauen öfter aufbringen als Männer. Außerdem müsse eine wirklich innige Beziehung natürlich auch erst einmal wachsen. "Wir haben es zwar auch schon erlebt, dass es Begegnungen gibt, wo einfach auf Anhieb die Chemie stimmt, aber das ist natürlich nicht immer so", erzählt Douven. Manchen stehen vielleicht auch ihre eigenen Erwartungen im Weg. "Die Kunst ist, eben nicht nur zu sagen "ich will", "ich wünsche mir", "ich möchte", sondern auch sich zu fragen, was man selbst einbringen kann und was man zu geben hat."Beim Punkt "generationenübergreifend" wie es die Vision der Gründerin ursprünglich einmal vorsah, hapert es allerdings ebenfalls oft noch ein bisschen. Nicht von ungefähr handeln die meisten Positivbeispiele von geglückten Wahlverwandtschaften bisher eher von Frauen, die im selben Alter sind. "Wir würden gern generationen- und geschlechterübergreifende Bindungen fördern, aber oft ist die Altersgruppe, die zu solchen Treffen kommt, recht homogen. Selten unter 40, meist eher um die 50."Das ist eben oft die Lebensphase, in der Kinder und Enkelkinder wegziehen oder auch eine Scheidung nicht nur die Paarbeziehung, sondern zusätzlich etliche Maschen des sozialen Netzes durchtrennt.Die Chancen, dann bei den Wahlverwandten eine Herzensschwester oder Seelenverwandte zu finden, sind höher als die Chance auf einen Ersatz-Opa. Für Douven kein Grund, am Konzept zu zweifeln: "Ich bin hundertprozentig davon überzeugt und freue mich darauf zu sehen, wie die Wahlverwandtschaften weiter wachsen und sich weiter entwickeln."

Konzepte gegen die Einsamkeit: Ersatzfamilie gesucht

Minden (mt/nec). Historisch betrachtet haben wir mehr Freizeit als je zuvor. Trotzdem werden viele das Gefühl nicht los, dass man immer weniger Zeit füreinander hat.

Vielleicht liegt es daran, dass sich die immer flexibleren Arbeitszeiten immer schlechter koordinieren lassen. Oder daran, dass die Entfernungen zwischen Verwandten immer größer und die Zeit, die man allein im Auto verbringt, immer länger wird. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass wir immer mehr Zeit damit verbringen, auf Bildschirme unterschiedlichster Größen zu starren.

"Die Einsamkeit in der Gesellschaft steigt", sagt Salima Douven und niemand widerspricht. Salima Douven ist die stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Wahlverwandtschaften e.V.". Die Wahlverwandten versuchen Abhilfe zu schaffen. Die Idee: Bei regelmäßigen Treffen oder auf der Online-Plattform werden Leute zusammengeführt, denen jemand in ihrem Leben fehlt.

"Wir haben in diesem Jahr einen unglaublichen Auftrieb erfahren", erzählt Douven begeistert. Erst zeichnete die "Bild der Frau" die Gründerin der Wahlverwandschaften, Dr. Christine Wichert, aus. Dann widmete Lilly Becker in der Sendung "Fünf gegen Jauch" ihren Gewinn dem Verein. Die Zahl der lokalen Ableger steigt.

In Minden gab es am vergangenen Sonntag ein Gründungstreffen. Sieben Frauen, ein Mann und die drei Organisatorinnen versammelten sich dazu bei Tee und Keksen in den Räumen des Bildungswerkes in der Alten Kirchstraße.

"Ich habe im ZDF einen Bericht über die Wahlverwandtschaften gesehen und fand das Konzept sofort überzeugend", sagt Gabi Hartmann, die gemeinsam mit Conny Eziuka das Treffen in Minden organisiert hat.

Es ist vielleicht ein etwas sehr romantischer Verwandtschafts- und Familienbegriff, der hier gepflegt wird. Normalerweise ist Familie ja das, was man sich eben nicht aussucht und womit man trotzdem irgendwie klar kommen muss. Hier ist etwas anderes gemeint: Es geht darum, Beziehungen herzustellen, die innig, vor allem aber auch verbindlicher und haltbarer sind, als einfache Freundschaften. Beziehungen, die die Nestwärme und Geborgenheit bieten, die anderswo fehlt.

"In Krefeld zum Beispiel haben sich zwei Teilnehmerinnen gefunden, die sagen: Das ist meine Schwester. Die kann alles von mir haben, Geld, Platz, Zeit, Hilfe. Für diese Person würde ich jederzeit einstehen."

Die Gründe, warum sich jemand auf die Suche nach einer Ersatzfamilie macht, sind verschieden. Bei Vereinsgründerin Dr. Christine Wichert war der Hintergrund ein tragischer: Innerhalb von ein paar Jahren waren alle ihre Familienmitglieder - Schwester, Vater und Mutter - gestorben. Auf einer Reise lernte sie dann irgendwann zwei ältere Damen kennen, die bis heute als ihre "Ersatz-Mütter" fungieren, mit denen sie Geburtstage und Weihnachten feiert. Dieser Art von glücklichem Zufall auf die Sprünge zu helfen, war die Grundidee. Und offenbar hat sie damit tatsächlich einen Nerv getroffen: Sie fand schnell Mitstreiterinnen und Medienecho, wohl auch aufgrund des professionellen Marketing, das der Verein betreibt.

Allerdings ist der Weg zur Wahlverwandtschaft nicht immer so einfach. "Es erfordert natürlich schon ein gewisses Maß an Mut und Offenheit, herzukommen und zu sagen: Mir fehlt da was", sagt Douven. Mut, den Frauen öfter aufbringen als Männer. Außerdem müsse eine wirklich innige Beziehung natürlich auch erst einmal wachsen. "Wir haben es zwar auch schon erlebt, dass es Begegnungen gibt, wo einfach auf Anhieb die Chemie stimmt, aber das ist natürlich nicht immer so", erzählt Douven. Manchen stehen vielleicht auch ihre eigenen Erwartungen im Weg. "Die Kunst ist, eben nicht nur zu sagen "ich will", "ich wünsche mir", "ich möchte", sondern auch sich zu fragen, was man selbst einbringen kann und was man zu geben hat."

Beim Punkt "generationenübergreifend" wie es die Vision der Gründerin ursprünglich einmal vorsah, hapert es allerdings ebenfalls oft noch ein bisschen. Nicht von ungefähr handeln die meisten Positivbeispiele von geglückten Wahlverwandtschaften bisher eher von Frauen, die im selben Alter sind. "Wir würden gern generationen- und geschlechterübergreifende Bindungen fördern, aber oft ist die Altersgruppe, die zu solchen Treffen kommt, recht homogen. Selten unter 40, meist eher um die 50."

Das ist eben oft die Lebensphase, in der Kinder und Enkelkinder wegziehen oder auch eine Scheidung nicht nur die Paarbeziehung, sondern zusätzlich etliche Maschen des sozialen Netzes durchtrennt.

Die Chancen, dann bei den Wahlverwandten eine Herzensschwester oder Seelenverwandte zu finden, sind höher als die Chance auf einen Ersatz-Opa. Für Douven kein Grund, am Konzept zu zweifeln: "Ich bin hundertprozentig davon überzeugt und freue mich darauf zu sehen, wie die Wahlverwandtschaften weiter wachsen und sich weiter entwickeln."

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