Wochenende von Hartmut Nolte: Nachhaltige Weihnacht Hartmut Nolte Weihnachten? Ja bitte, aber nachhaltig. Das ist die neue Parole für den christlichen „Haddsch der Kauflust“. Weihnachten muss heute klimaneutral sein: nicht weniger Strom, aber öko; vegetarisch, wenn schon nicht vegan; Rad statt SUV, aber Pedelec. Aber das wird schwierig. Es fängt schon beim Weihnachtsbaum an. Nordmanntanne aus Monokultur oder recycelbarer Plastikbaum vom Sonderpostenmarkt? Zweites No-Go: der Baumschmuck. Früher war mehr Lametta, heute nicht mal Baumkugeln. Sowieso alles Made in China. China ist aber auch Hongkong, Uiguren, Menschenrechte. Also die drei Kartons Kugelsammlungen aus zwei Jahrzehnten ohne Ansehen in den Restmüll. Damit hat sich auch das Problem der Erleuchtung erledigt. Kein geduldforderndes Entwirren verworrener Lichterketten mehr! Resultat: Die Jahresendfeier, wie das Christfest in der unchristlichen DDR genannt wurde, geht auch ohne „O Tannebaum“. Das letzte Kind, das ein Weihnachtsgedicht aufgesagt hat, war ohnehin Dickie von Loriot. Einen negativen Effekt hat dieses Opfers für die Nachhaltigkeit auf die sogenannte Weihnachtsstimmung. Die ist aber ohnehin schon zur Fata Morgana geworden. Wer spürt denn noch dieses schwülstig-wärmende Mitmenschlichkeitsgefühl, wenn er den ersten Lebkuchen bei der Rückkehr aus den Sommerferien in den Regalen entdeckt, wenn ab Totensonntag Bing Crosby „White Christmas“ schnulzt? Überhaupt der Geschenkewahn. Selbst die Kinder haben doch alles, außer dem allerneuesten Smartphone. Die Frage ist nicht was, sondern wo kaufen? Laden oder Online? Hier stößt Nachhaltigkeit auf Faulheit. Runter vom Sofa und hinein in den Nieselregen zum Weihnachtsbummel? In Corona-Zeiten mit Maske und womöglich vorher noch zum Test? Oder bequem bei den Amazonen-Ottos bestellen und warten bis der ausgebeutete Lieferdienstbote das Riesenpaket bringt, in dem sie den kleinen Ring, den E-Book-Stick versteckt haben? Und dessen Verpackungsmüll allein eine Papiermülltonne füllt. Die Lösung heißt: Gutschein. Nachteil: Der Beschenkte erfährt, was er mir wert ist. Das zwingt ungewollt zu überteuerten Gutscheinen. Der größte Vorteil einer Nachhaltigkeits-Weihnacht ist das Ausbleiben der lästigen Verwandtschaft. Wer möchte schon in so einer nüchternen Atmosphäre, mit Gutschein-Umschlägen unter dem nicht vorhandenen Weihnachtsbaum die Geburt des Weltenretters feiern. „Ihr Kinderlein kommet“ geht im 21. Jahrhundert per Videochat. Das haben wir doch – Corona sei Dank – in nicht mal zwei Jahren gelernt. Überhaupt, die Pandemie liefert uns die beste Ausrede, Weihnachten mal wieder richtig stressfrei und gemütlich verbringen zu können. Man muss alles nur positiv sehen. Dann wird es schon. In dem Sinne ein „Frohes Fest“

Wochenende von Hartmut Nolte: Nachhaltige Weihnacht

Weihnachten? Ja bitte, aber nachhaltig. Das ist die neue Parole für den christlichen „Haddsch der Kauflust“. Weihnachten muss heute klimaneutral sein: nicht weniger Strom, aber öko; vegetarisch, wenn schon nicht vegan; Rad statt SUV, aber Pedelec. Aber das wird schwierig. Es fängt schon beim Weihnachtsbaum an. Nordmanntanne aus Monokultur oder recycelbarer Plastikbaum vom Sonderpostenmarkt? Zweites No-Go: der Baumschmuck. Früher war mehr Lametta, heute nicht mal Baumkugeln. Sowieso alles Made in China. China ist aber auch Hongkong, Uiguren, Menschenrechte. Also die drei Kartons Kugelsammlungen aus zwei Jahrzehnten ohne Ansehen in den Restmüll.

Harmut Nolte - © x
Harmut Nolte - © x

Damit hat sich auch das Problem der Erleuchtung erledigt. Kein geduldforderndes Entwirren verworrener Lichterketten mehr! Resultat: Die Jahresendfeier, wie das Christfest in der unchristlichen DDR genannt wurde, geht auch ohne „O Tannebaum“. Das letzte Kind, das ein Weihnachtsgedicht aufgesagt hat, war ohnehin Dickie von Loriot. Einen negativen Effekt hat dieses Opfers für die Nachhaltigkeit auf die sogenannte Weihnachtsstimmung. Die ist aber ohnehin schon zur Fata Morgana geworden. Wer spürt denn noch dieses schwülstig-wärmende Mitmenschlichkeitsgefühl, wenn er den ersten Lebkuchen bei der Rückkehr aus den Sommerferien in den Regalen entdeckt, wenn ab Totensonntag Bing Crosby „White Christmas“ schnulzt?

Überhaupt der Geschenkewahn. Selbst die Kinder haben doch alles, außer dem allerneuesten Smartphone. Die Frage ist nicht was, sondern wo kaufen? Laden oder Online? Hier stößt Nachhaltigkeit auf Faulheit. Runter vom Sofa und hinein in den Nieselregen zum Weihnachtsbummel? In Corona-Zeiten mit Maske und womöglich vorher noch zum Test? Oder bequem bei den Amazonen-Ottos bestellen und warten bis der ausgebeutete Lieferdienstbote das Riesenpaket bringt, in dem sie den kleinen Ring, den E-Book-Stick versteckt haben? Und dessen Verpackungsmüll allein eine Papiermülltonne füllt. Die Lösung heißt: Gutschein. Nachteil: Der Beschenkte erfährt, was er mir wert ist. Das zwingt ungewollt zu überteuerten Gutscheinen.

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Patrick Schwemmling

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Der größte Vorteil einer Nachhaltigkeits-Weihnacht ist das Ausbleiben der lästigen Verwandtschaft. Wer möchte schon in so einer nüchternen Atmosphäre, mit Gutschein-Umschlägen unter dem nicht vorhandenen Weihnachtsbaum die Geburt des Weltenretters feiern. „Ihr Kinderlein kommet“ geht im 21. Jahrhundert per Videochat. Das haben wir doch – Corona sei Dank – in nicht mal zwei Jahren gelernt. Überhaupt, die Pandemie liefert uns die beste Ausrede, Weihnachten mal wieder richtig stressfrei und gemütlich verbringen zu können. Man muss alles nur positiv sehen. Dann wird es schon.

In dem Sinne ein „Frohes Fest“

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