Standpunkt zum Thema Impflicht: Die Rechnung, bitte Henning Wandel Erinnert sich noch jemand an den Start der Gurtpflicht? Die gibt es schon seit 45 Jahren – aber es hat knapp neun Jahre gedauert, bis Verstöße auch geahndet wurden. Das Prinzip der Freiwilligkeit hat ganz offensichtlich schon damals nicht funktioniert. Als dann die Sanktionen kamen, war der Aufschrei ob dieses vermeintlichen Eingriffs in die persönliche Freiheit enorm. Wer will sich schon das individuelle Recht auf schwere Verletzungen nehmen lassen. Und heute? Lassen wir uns sogar vom Auto selbst ermahnen, wenn wir den Gurt mal vergessen. Das Mantra der Freiheit wird auch jetzt wieder unermüdlich bemüht, um gegen eine mögliche Impfpflicht zu Felde zu ziehen. Zugegeben, eine Spritze ist nicht wirklich mit einem Gurt vergleichbar, im Kern aber geht es in beiden Beispielen um eine ähnliche Fragestellung: In welchem Umfang muss die Gesellschaft für individuelle Entscheidungen und die damit verbundenen Risiken Einzelner haften? Laut Albert Camus ist man „immer auf Kosten eines anderen frei“. Das ist grundsätzlich eine der wichtigsten Errungenschaften einer solidarischen Gemeinschaft. Jeder soll sich in der Not auf diesen Halt verlassen dürfen, der am Ende aber auch finanziert werden will. Um im Bild des Gurtes zu bleiben: Weniger schwere Verletzungen bedeuten nicht nur weniger Leid, sondern auch weniger Kosten für das Gesundheitssystem. Aber muss diese Risikoübernahme auch bei einer medizinisch unbegründeten Impfverweigerung gelten? Denn hier wird die Gemeinschaft gleich doppelt geschwächt: Erstens durch nicht enden wollende Einschränkungen für alle, zweitens durch eine latent lebensbedrohliche Überforderung des Gesundheitssystems – menschlich wie finanziell. Und genau hier lohnt ein Blick auf einen Aspekt, der in den Debatten um eine ethische und juristische Vertretbarkeit von Impfpflicht oder 2G-Regeln oft vergessen wird: Warum soll ein solidarisch finanziertes System das unsolidarische Verhalten einiger Weniger mittragen? Wer sich also lauthals über eine Einschränkung seiner Freiheitsrechte aufregt und trotzig jegliche Mithilfe im Kampf gegen die Pandemie unterlässt, möge doch bitte dafür auch die Verantwortung übernehmen. Denn auch das bedeutet Freiheit: für die Konsequenzen seines Handels geradezustehen. Gerne darf sich also jeder weiterhin gegen eine Impfung entscheiden. Wenn das aber zu einer Infektion führt, die in einem (mit einer Impfung wahrscheinlich vermeidbaren) Aufenthalt auf der Intensivstation gipfelt, sollte derjenige auch die Rechnung übernehmen. Einmal Covid-Intensivbehandlung? Sehr gerne, macht 34.000 Euro, Beatmung inklusive. Ach, an die Künstliche Lunge müssen wir Sie auch anschließen? Prima, dann wären wir bei 92.000 Euro. Zum Vergleich: Der normale stationäre Covid-Klinik-Aufenthalt kostet weniger als 6.000 Euro – die Zahlen hat die AOK erhoben. Laut Mühlenkreiskliniken liegen die reinen Intensiv-Pflegekosten bei 1.000 Euro am Tag. Die Entscheidung gegen eine Impfung ist also alles andere als eine rein persönliche.

Standpunkt zum Thema Impflicht: Die Rechnung, bitte

Erinnert sich noch jemand an den Start der Gurtpflicht? Die gibt es schon seit 45 Jahren – aber es hat knapp neun Jahre gedauert, bis Verstöße auch geahndet wurden. Das Prinzip der Freiwilligkeit hat ganz offensichtlich schon damals nicht funktioniert. Als dann die Sanktionen kamen, war der Aufschrei ob dieses vermeintlichen Eingriffs in die persönliche Freiheit enorm. Wer will sich schon das individuelle Recht auf schwere Verletzungen nehmen lassen. Und heute? Lassen wir uns sogar vom Auto selbst ermahnen, wenn wir den Gurt mal vergessen.

hwa Kommentar - © Alex Lehn
hwa Kommentar - © Alex Lehn

Das Mantra der Freiheit wird auch jetzt wieder unermüdlich bemüht, um gegen eine mögliche Impfpflicht zu Felde zu ziehen. Zugegeben, eine Spritze ist nicht wirklich mit einem Gurt vergleichbar, im Kern aber geht es in beiden Beispielen um eine ähnliche Fragestellung: In welchem Umfang muss die Gesellschaft für individuelle Entscheidungen und die damit verbundenen Risiken Einzelner haften? Laut Albert Camus ist man „immer auf Kosten eines anderen frei“. Das ist grundsätzlich eine der wichtigsten Errungenschaften einer solidarischen Gemeinschaft. Jeder soll sich in der Not auf diesen Halt verlassen dürfen, der am Ende aber auch finanziert werden will. Um im Bild des Gurtes zu bleiben: Weniger schwere Verletzungen bedeuten nicht nur weniger Leid, sondern auch weniger Kosten für das Gesundheitssystem.

Aber muss diese Risikoübernahme auch bei einer medizinisch unbegründeten Impfverweigerung gelten? Denn hier wird die Gemeinschaft gleich doppelt geschwächt: Erstens durch nicht enden wollende Einschränkungen für alle, zweitens durch eine latent lebensbedrohliche Überforderung des Gesundheitssystems – menschlich wie finanziell. Und genau hier lohnt ein Blick auf einen Aspekt, der in den Debatten um eine ethische und juristische Vertretbarkeit von Impfpflicht oder 2G-Regeln oft vergessen wird: Warum soll ein solidarisch finanziertes System das unsolidarische Verhalten einiger Weniger mittragen?

Wer sich also lauthals über eine Einschränkung seiner Freiheitsrechte aufregt und trotzig jegliche Mithilfe im Kampf gegen die Pandemie unterlässt, möge doch bitte dafür auch die Verantwortung übernehmen. Denn auch das bedeutet Freiheit: für die Konsequenzen seines Handels geradezustehen. Gerne darf sich also jeder weiterhin gegen eine Impfung entscheiden. Wenn das aber zu einer Infektion führt, die in einem (mit einer Impfung wahrscheinlich vermeidbaren) Aufenthalt auf der Intensivstation gipfelt, sollte derjenige auch die Rechnung übernehmen. Einmal Covid-Intensivbehandlung? Sehr gerne, macht 34.000 Euro, Beatmung inklusive. Ach, an die Künstliche Lunge müssen wir Sie auch anschließen? Prima, dann wären wir bei 92.000 Euro. Zum Vergleich: Der normale stationäre Covid-Klinik-Aufenthalt kostet weniger als 6.000 Euro – die Zahlen hat die AOK erhoben. Laut Mühlenkreiskliniken liegen die reinen Intensiv-Pflegekosten bei 1.000 Euro am Tag. Die Entscheidung gegen eine Impfung ist also alles andere als eine rein persönliche.

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