Standpunkt zum Jahreswechsel: Vom Vertrauen-Wollen Benjamin Piel Dieses Jahr war keine vertrauensbildende Maßnahme. Vieles in der Pandemie lief nicht so planvoll, wie sich viele das gewünscht hätten. Die Impfkampagne kam schwer in Gang, Impfstoff fehlte. Bei der Drittimpfung lief es zunächst nicht besser. Die Impfzentren wurden geschlossen und zu spät wieder geöffnet. In Entspannungsphasen schoben die Verantwortlichen die Vorbereitung auf die nächste Welle auf. Und dann kam sie mit Wucht. Es gibt Anlass, über das Vertrauen nachzudenken. Es lassen sich sogar gute Argumente finden, es zu verlieren. Wenn der Staat die Impfungen nicht hinbekommt – warum sollte man auf ihn setzen? Wenn es keine gute Vorbereitung auf die nächste Infektionswelle gibt, warum sollte man sich darauf verlassen? Wenn kein klarer Kurs erkennbar ist, warum sollte das gute Führung sein? Berechtigte Fragen. Doch es steht auch eine große Gegenfrage im Raum: Was bleibt dem, dessen Vertrauen weg ist? Entweder die große Leere. Oder das Vertrauen richtet sich neu aus. Beides hat Schwächen. Wer nichts und niemandem mehr vertrauen kann, ist nicht lebensfähig. Misstrauen ist kein Fundament. Einige richten ihr Vertrauen deshalb ausgerechnet auf Personen und Kanäle, die nichts Vertrauenswürdiges haben. Das ist nur dadurch zu erklären, dass ein Mensch irgendwem nun einmal vertrauen muss. Und so wird selbst das objektiv Absurde zu einer haltgebenden Schein-Heimat. Sei es der Telegram-Kanal, auf dem alle sagen, dass Corona nur eine harmlose Krankheit ist. Sei es das Verschwörungsmärchen, an das zu glauben erträglicher erscheint, als den Glauben an alles zu verlieren. Vielleicht gibt es eine Alternative zu diesen beiden Reaktionen: eine Entscheidung fürs Vertrauen-Wollen. Zum Beispiel in den Fakt, dass die weit überwiegende Mehrheit der Politiker es gut machen will. Ja, die Pandemie hat Scheitern offenbart. Aber Entscheidendes ist gelungen. In Minden-Lübbecke haben mehr als 100.000 Menschen ihre dritte Impfung erhalten. Der Weg dorthin war nicht geradeaus, aber geklappt hat es trotzdem. Die Mühlenkreiskliniken sind – bei allem Druck – nicht zusammengebrochen unter der Last der vielen Intensivpatienten. Wo Menschen zusammengehalten haben, war viel zu bewegen. Die Wirtschaft ist angekratzt, aber der große Zusammenbruch ist ausgeblieben – auch dank staatlicher Hilfen. Das sind Tatsachen, die einen Entschluss zum Vertrauen begründen. Ein Akt des Verstands, auch wenn das Gefühl nicht immer dazu passt. Wer so vertraut, tut das nicht blind, schon gar nicht gebückt. Sondern kritisch und aufrecht. Wer so vertraut, gibt sich weder der großen Leere hin, noch lässt er sich für die dunklen Zwecke anderer benutzen. So kann und so will ich vertrauen!

Standpunkt zum Jahreswechsel: Vom Vertrauen-Wollen

Dieses Jahr war keine vertrauensbildende Maßnahme. Vieles in der Pandemie lief nicht so planvoll, wie sich viele das gewünscht hätten. Die Impfkampagne kam schwer in Gang, Impfstoff fehlte. Bei der Drittimpfung lief es zunächst nicht besser. Die Impfzentren wurden geschlossen und zu spät wieder geöffnet. In Entspannungsphasen schoben die Verantwortlichen die Vorbereitung auf die nächste Welle auf. Und dann kam sie mit Wucht.

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Es gibt Anlass, über das Vertrauen nachzudenken. Es lassen sich sogar gute Argumente finden, es zu verlieren. Wenn der Staat die Impfungen nicht hinbekommt – warum sollte man auf ihn setzen? Wenn es keine gute Vorbereitung auf die nächste Infektionswelle gibt, warum sollte man sich darauf verlassen? Wenn kein klarer Kurs erkennbar ist, warum sollte das gute Führung sein?

Berechtigte Fragen. Doch es steht auch eine große Gegenfrage im Raum: Was bleibt dem, dessen Vertrauen weg ist? Entweder die große Leere. Oder das Vertrauen richtet sich neu aus. Beides hat Schwächen. Wer nichts und niemandem mehr vertrauen kann, ist nicht lebensfähig. Misstrauen ist kein Fundament.

Einige richten ihr Vertrauen deshalb ausgerechnet auf Personen und Kanäle, die nichts Vertrauenswürdiges haben. Das ist nur dadurch zu erklären, dass ein Mensch irgendwem nun einmal vertrauen muss. Und so wird selbst das objektiv Absurde zu einer haltgebenden Schein-Heimat. Sei es der Telegram-Kanal, auf dem alle sagen, dass Corona nur eine harmlose Krankheit ist. Sei es das Verschwörungsmärchen, an das zu glauben erträglicher erscheint, als den Glauben an alles zu verlieren.

Vielleicht gibt es eine Alternative zu diesen beiden Reaktionen: eine Entscheidung fürs Vertrauen-Wollen. Zum Beispiel in den Fakt, dass die weit überwiegende Mehrheit der Politiker es gut machen will. Ja, die Pandemie hat Scheitern offenbart. Aber Entscheidendes ist gelungen. In Minden-Lübbecke haben mehr als 100.000 Menschen ihre dritte Impfung erhalten. Der Weg dorthin war nicht geradeaus, aber geklappt hat es trotzdem. Die Mühlenkreiskliniken sind – bei allem Druck – nicht zusammengebrochen unter der Last der vielen Intensivpatienten. Wo Menschen zusammengehalten haben, war viel zu bewegen. Die Wirtschaft ist angekratzt, aber der große Zusammenbruch ist ausgeblieben – auch dank staatlicher Hilfen. Das sind Tatsachen, die einen Entschluss zum Vertrauen begründen. Ein Akt des Verstands, auch wenn das Gefühl nicht immer dazu passt.

Wer so vertraut, tut das nicht blind, schon gar nicht gebückt. Sondern kritisch und aufrecht. Wer so vertraut, gibt sich weder der großen Leere hin, noch lässt er sich für die dunklen Zwecke anderer benutzen.

So kann und so will ich vertrauen!

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