Pro und Kontra: Wie wirkt das Impfsystem? Pro: Auswüchse der Egomanie Die beste Impfreihenfolge, die man sich nur denken kann, ist nur so gut, wie eine Gesellschaft solidarisch ist. Die Zeit, in der Millionen Deutsche sich wünschen, eine Impfung zu bekommen, hat gezeigt: Sie ist es nicht. Wir kennen in der kapitalistischen Welt so gut wie keine knappen Güter. Fast alles ist für jeden immer zu haben (scheitern kann es höchstens am Geld). Geht etwas kaputt, kaufen wir es neu. Brauchen wir etwas, gehen wir in den Laden. Ausharren? Nicht nötig. Kein Wunder, dass wir erstens verlernt haben, geduldig abzuwarten und zweitens zu akzeptieren, dass andere deutlich eher an der Reihe sind und der Impfstoff rar. Die Impfreihenfolge kann nichts dafür, dass viele nicht akzeptieren können, dass Millionen Menschen aus guten Gründen vor ihnen in der Schlange stehen. Nicht willkürlich, sondern weil sie älter oder krank sind etwa. Immer wieder ist zu hören, dass Menschen vorgeben, sie würden einen Verwandten pflegen, um an eine Impfung zu kommen. Dass sie tun, als seien sie Lehrer, oder Beziehungen spielen lassen, um schneller dran zu sein. Das System lasse ihnen keine andere Wahl, sagen sie. Falsch! Wer trickst und sich auch noch als Systemopfer wähnt, versinkt vor lauter Egoismus auch noch in Selbstmitleid. Kontra: Gerechtigkeitsgefühl schwindet Henning Wandel Ich kann warten. Wirklich. Wenn an der Kasse vor mir jemand nach dem letzten Cent sucht zum Beispiel. Ich lasse auch Leute vor, die nur zwei, drei Teile zu bezahlen haben. Gern geschehen. Vordrängler ärgern mich zwar, aber einen Streit ist mir das dann auch nicht wert. Sei’s drum. Ich habe auch kein Problem damit, bei der Corona-Impfung jeden vorzulassen, der die Spritze in irgendeiner Form nötiger hat als ich. Doch inzwischen verstärkt sich der Eindruck, dass ringsherum Menschen geimpft sind, die genauso jung, gesund und ohne Risiko sind wie ich. Und wie viele andere Impfwillige auch. Sie haben in dem komplizierten Verteilsystem ein Schlupfloch gefunden. Oder waren penetrant und laut genug. Oder hatten einfach Glück. Davon aber sollte der Impftermin gerade nicht abhängen. Und genau hier hat das System einen entscheidenden Fehler: So richtig die strenge Priorisierung auch war: Inzwischen werden auch die Geduldigsten fast schon genötigt, im Dickicht der Verordnungen und Zuständigkeiten ihr Glück zu versuchen. Wer am Ende nicht der Dumme sein will, muss selbst zum tricksenden Egoisten werden? Das darf nicht sein. Es ist höchste Zeit, einen gerechteren Weg zu finden. Ganz besonders, weil es auch um Freiheiten geht. Solidarität funktioniert nur, wenn sich dabei niemand über den Tisch gezogen fühlt.

Pro und Kontra: Wie wirkt das Impfsystem?

© Archivfoto: Alex Lehn

Pro: Auswüchse der Egomanie

Die beste Impfreihenfolge, die man sich nur denken kann, ist nur so gut, wie eine Gesellschaft solidarisch ist. Die Zeit, in der Millionen Deutsche sich wünschen, eine Impfung zu bekommen, hat gezeigt: Sie ist es nicht.

Wir kennen in der kapitalistischen Welt so gut wie keine knappen Güter. Fast alles ist für jeden immer zu haben (scheitern kann es höchstens am Geld). Geht etwas kaputt, kaufen wir es neu. Brauchen wir etwas, gehen wir in den Laden. Ausharren? Nicht nötig. Kein Wunder, dass wir erstens verlernt haben, geduldig abzuwarten und zweitens zu akzeptieren, dass andere deutlich eher an der Reihe sind und der Impfstoff rar.


Die Impfreihenfolge kann nichts dafür, dass viele nicht akzeptieren können, dass Millionen Menschen aus guten Gründen vor ihnen in der Schlange stehen. Nicht willkürlich, sondern weil sie älter oder krank sind etwa. Immer wieder ist zu hören, dass Menschen vorgeben, sie würden einen Verwandten pflegen, um an eine Impfung zu kommen. Dass sie tun, als seien sie Lehrer, oder Beziehungen spielen lassen, um schneller dran zu sein. Das System lasse ihnen keine andere Wahl, sagen sie. Falsch! Wer trickst und sich auch noch als Systemopfer wähnt, versinkt vor lauter Egoismus auch noch in Selbstmitleid.

Kontra: Gerechtigkeitsgefühl schwindet

Henning Wandel

Ich kann warten. Wirklich. Wenn an der Kasse vor mir jemand nach dem letzten Cent sucht zum Beispiel. Ich lasse auch Leute vor, die nur zwei, drei Teile zu bezahlen haben. Gern geschehen. Vordrängler ärgern mich zwar, aber einen Streit ist mir das dann auch nicht wert. Sei’s drum. Ich habe auch kein Problem damit, bei der Corona-Impfung jeden vorzulassen, der die Spritze in irgendeiner Form nötiger hat als ich.

Doch inzwischen verstärkt sich der Eindruck, dass ringsherum Menschen geimpft sind, die genauso jung, gesund und ohne Risiko sind wie ich. Und wie viele andere Impfwillige auch. Sie haben in dem komplizierten Verteilsystem ein Schlupfloch gefunden. Oder waren penetrant und laut genug. Oder hatten einfach Glück.

Davon aber sollte der Impftermin gerade nicht abhängen. Und genau hier hat das System einen entscheidenden Fehler: So richtig die strenge Priorisierung auch war: Inzwischen werden auch die Geduldigsten fast schon genötigt, im Dickicht der Verordnungen und Zuständigkeiten ihr Glück zu versuchen. Wer am Ende nicht der Dumme sein will, muss selbst zum tricksenden Egoisten werden? Das darf nicht sein. Es ist höchste Zeit, einen gerechteren Weg zu finden. Ganz besonders, weil es auch um Freiheiten geht. Solidarität funktioniert nur, wenn sich dabei niemand über den Tisch gezogen fühlt.

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