Orientierungslos in der Pandemie: Mein moralischer Kompass ist defekt Nina Könemann Ich fürchte mein moralischer Kompass hat unter der Pandemie gelitten. Irgendwann nach dem Impfstart Ende Dezember und vor einer der letzten gefühlt immer sinnloser werdenden Ministerpräsidentenkonferenzen muss das passiert sein. Es irritiert mich ein Stück weit, denn eigentlich fühlte ich mich immer recht sattelfest in dem, was ich richtig oder falsch, moralisch vertretbar oder nicht, fand. Seit dieser Woche ist das anders. Festmachen kann ich das konkret an zwei Dingen: Der spontanen Impfaktion über Ostern in Unterlübbe zum einen, und dem Hin und Her beim Thema Schulen und Kitas zum anderen. In beiden Fällen wäre ich zu Beginn der Pandemie noch relativ klar für oder gegen eine Sache gewesen, jetzt aber bin ich hin- und hergerissen zwischen dem, was moralisch sicher richtig wäre und dem, was mich emotional mehr berührt. Punkt 1, die Osteraktion in Unterlübbe: Alles fing mit einem Kommentar des Kollegen Jürgen Langenkämper an, der am Karfreitag eigentlich nur nach Unterlübbe gefahren war, um ein Gerücht auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Von einem Freund hatte er erfahren, dass übrige Dosen von Astrazeneca dort ohne Termin verimpft würden. Er konnte es nicht glauben, fuhr hin und bekam ebenfalls eine Spritze. Ich freute mich sehr für ihn. Es gab mir Aufwind und Hoffnung: Seit Wochen steckte ich in diesem Corona-Sackgassen-Tief und plötzlich ging es unerwartet voran. Am Montag sah ich dann den Kommentar zum Thema im MT und mir schwante: Das wird Ärger geben. Das ist erstmal kein Problem, denn Kommentare sollen anecken und für Reaktionen sorgen. Zahlreiche Leser aber warfen uns Unsensibilität gegenüber denen vor, die seit Monaten vergeblich auf eine begehrte Impfung warten. Man könne doch nicht mit seinem Glück prahlen, während andere leer ausgingen. Die Kritik kann ich außerordentlich gut nachvollziehen, aber sie fasst mich auch an. Es stört mich nicht, wenn Menschen sich an unseren Ansichten reiben. Aber es macht etwas mit mir, wenn sie uns für unsensibel oder gar unkritisch halten. Wäre ich einer derer, die leer ausgegangen wären, würde ich sicherlich auch vor Enttäuschung toben. Und so fand ich mich plötzlich in diesem Dilemma wieder – zwischen dem, was ich als moralisch richtig empfinde und dem, was mir Hoffnung verschafft. Wenn ich mir die Kommentare auf MT.de angucke, scheint es vielen so zu gehen. Irgendwie sind wir alle verzweifelt auf der Suche nach einem „Game-Changer", etwas oder jemanden, der das Ruder herumreißt. Punkt 2, das Drama mit den Schulen: Auf, zu, Fernunterricht, Wechselunterricht, Testpflicht… Ich bin gerade heilfroh nicht Lehrerin zu sein und Kindern gerade Mut und Bildung zukommen lassen soll. Auch hier weiß ich rein moralisch: Eigentlich müssten die Schulen und Kitas zu sein, denn dort verbreitet sich das Virus schnell. Es würde Leben retten. Rein emotional muss ich aber sagen: Wenn ich Jugendliche auf Spielplätzen sehe, an die Abschlussklassen denke, die um ihre Feiern gebracht werden oder Kinder beobachte, die gar nicht mehr richtig wissen, wie sie auf Gleichaltrige zugehen sollen, dann will ich, dass die Schulen und Kitas aufbleiben. Sie alle verlieren Jahre ihres Lebens, die sie nie zurückbekommen. Auch das zerstört Leben, oder? Umso mehr zermürbt mich auch das ständige Hin und Her, das Politik, aber auch Lehrervertreter und Eltern verursachen. Das geht schon bei der Testpflicht los. Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich von Freundinnen höre, Drei-Viertel der Klasse würden den Corona-Test verweigern, weil die Eltern entweder keine Lust auf Quarantäne haben oder das Testen bei Kindern für unzumutbar halten. Da frage ich mich: Was wollen denn eigentlich alle? Einerseits sollen die Schulen und Kitas offen sein, damit die Kinder bildungs- und entwicklungstechnisch nicht völlig abgehängt werden. Wenn sie dann aber auf sind, sollen die Kleinen laut dem Willen einiger Eltern bitte von allem verschont werden, was irgendwie Corona ist. Ja, ich hätte meinen Kindern die Pandemie auch gerne erspart, aber wir leben nun mal im Hier und Jetzt und nicht im Wünsch-Dir-Was. Meine Tochter geht derzeit einmal in der Woche zum Corona-Test. Ich habe eine Apotheke gefunden, die einen Abstrich im Mund statt in der Nase macht. Den Lollipop-Test findet die Vierjährige sogar ganz lustig – zumal es im Anschluss immer eine kleine Tüte Gummibärchen gibt. Wenn wir das Prozedere künftig zwei Mal in der Woche machen sollen, tun wir das. Hauptsache die Kinder haben wieder Alltag. Wenn aber Eltern sich sperren, die Politik alle zwei Wochen den Kurs ändert und dann auch noch alles „unzumutbar" ist, werden wir nie vorankommen. Und das ist moralisch wie emotional kaum zu ertragen. 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Orientierungslos in der Pandemie: Mein moralischer Kompass ist defekt

© Jörg Barner

Ich fürchte mein moralischer Kompass hat unter der Pandemie gelitten. Irgendwann nach dem Impfstart Ende Dezember und vor einer der letzten gefühlt immer sinnloser werdenden Ministerpräsidentenkonferenzen muss das passiert sein. Es irritiert mich ein Stück weit, denn eigentlich fühlte ich mich immer recht sattelfest in dem, was ich richtig oder falsch, moralisch vertretbar oder nicht, fand. Seit dieser Woche ist das anders.

Festmachen kann ich das konkret an zwei Dingen: Der spontanen Impfaktion über Ostern in Unterlübbe zum einen, und dem Hin und Her beim Thema Schulen und Kitas zum anderen. In beiden Fällen wäre ich zu Beginn der Pandemie noch relativ klar für oder gegen eine Sache gewesen, jetzt aber bin ich hin- und hergerissen zwischen dem, was moralisch sicher richtig wäre und dem, was mich emotional mehr berührt.

Punkt 1, die Osteraktion in Unterlübbe: Alles fing mit einem Kommentar des Kollegen Jürgen Langenkämper an, der am Karfreitag eigentlich nur nach Unterlübbe gefahren war, um ein Gerücht auf seinen Wahrheitsgehalt zu prüfen. Von einem Freund hatte er erfahren, dass übrige Dosen von Astrazeneca dort ohne Termin verimpft würden. Er konnte es nicht glauben, fuhr hin und bekam ebenfalls eine Spritze.

Ich freute mich sehr für ihn. Es gab mir Aufwind und Hoffnung: Seit Wochen steckte ich in diesem Corona-Sackgassen-Tief und plötzlich ging es unerwartet voran. Am Montag sah ich dann den Kommentar zum Thema im MT und mir schwante: Das wird Ärger geben. Das ist erstmal kein Problem, denn Kommentare sollen anecken und für Reaktionen sorgen. Zahlreiche Leser aber warfen uns Unsensibilität gegenüber denen vor, die seit Monaten vergeblich auf eine begehrte Impfung warten. Man könne doch nicht mit seinem Glück prahlen, während andere leer ausgingen.

Die Kritik kann ich außerordentlich gut nachvollziehen, aber sie fasst mich auch an. Es stört mich nicht, wenn Menschen sich an unseren Ansichten reiben. Aber es macht etwas mit mir, wenn sie uns für unsensibel oder gar unkritisch halten. Wäre ich einer derer, die leer ausgegangen wären, würde ich sicherlich auch vor Enttäuschung toben.

Und so fand ich mich plötzlich in diesem Dilemma wieder – zwischen dem, was ich als moralisch richtig empfinde und dem, was mir Hoffnung verschafft. Wenn ich mir die Kommentare auf MT.de angucke, scheint es vielen so zu gehen. Irgendwie sind wir alle verzweifelt auf der Suche nach einem „Game-Changer", etwas oder jemanden, der das Ruder herumreißt.

Punkt 2, das Drama mit den Schulen: Auf, zu, Fernunterricht, Wechselunterricht, Testpflicht… Ich bin gerade heilfroh nicht Lehrerin zu sein und Kindern gerade Mut und Bildung zukommen lassen soll. Auch hier weiß ich rein moralisch: Eigentlich müssten die Schulen und Kitas zu sein, denn dort verbreitet sich das Virus schnell. Es würde Leben retten.

Rein emotional muss ich aber sagen: Wenn ich Jugendliche auf Spielplätzen sehe, an die Abschlussklassen denke, die um ihre Feiern gebracht werden oder Kinder beobachte, die gar nicht mehr richtig wissen, wie sie auf Gleichaltrige zugehen sollen, dann will ich, dass die Schulen und Kitas aufbleiben. Sie alle verlieren Jahre ihres Lebens, die sie nie zurückbekommen. Auch das zerstört Leben, oder?

Umso mehr zermürbt mich auch das ständige Hin und Her, das Politik, aber auch Lehrervertreter und Eltern verursachen. Das geht schon bei der Testpflicht los. Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich von Freundinnen höre, Drei-Viertel der Klasse würden den Corona-Test verweigern, weil die Eltern entweder keine Lust auf Quarantäne haben oder das Testen bei Kindern für unzumutbar halten.

Da frage ich mich: Was wollen denn eigentlich alle? Einerseits sollen die Schulen und Kitas offen sein, damit die Kinder bildungs- und entwicklungstechnisch nicht völlig abgehängt werden. Wenn sie dann aber auf sind, sollen die Kleinen laut dem Willen einiger Eltern bitte von allem verschont werden, was irgendwie Corona ist.

Ja, ich hätte meinen Kindern die Pandemie auch gerne erspart, aber wir leben nun mal im Hier und Jetzt und nicht im Wünsch-Dir-Was. Meine Tochter geht derzeit einmal in der Woche zum Corona-Test. Ich habe eine Apotheke gefunden, die einen Abstrich im Mund statt in der Nase macht. Den Lollipop-Test findet die Vierjährige sogar ganz lustig – zumal es im Anschluss immer eine kleine Tüte Gummibärchen gibt. Wenn wir das Prozedere künftig zwei Mal in der Woche machen sollen, tun wir das. Hauptsache die Kinder haben wieder Alltag.

Wenn aber Eltern sich sperren, die Politik alle zwei Wochen den Kurs ändert und dann auch noch alles „unzumutbar" ist, werden wir nie vorankommen. Und das ist moralisch wie emotional kaum zu ertragen.


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