Kommentar zur Wahl: Deutschland vor der Entscheidung - Sie haben die Wahl! Klaus Schrotthofer Angela Merkel hat ihr Programm einmal in einen Satz gegossen: „Sie kennen mich". Es war die Verbindung aus persönlicher Integrität und inhaltlicher Unverbindlichkeit, und das reichte 2013 für sagenhafte 41,5 Prozent. Turbopragmatismus statt Turbokapitalismus: So hat die Dauer-Kanzlerin über eineinhalb Jahrzehnte die politische Konkurrenz freundlich mit Kompromissen zermalmt. Es war vermutlich die größte Fehleinschätzung der Union in diesem Wahlkampf, dass man einfach so weitermerkeln könne – pragmatisch, leutselig und unentschlossen. Die Menschen sind inzwischen weiter, und ihre Ansprüche an die Politik sehr viel konkreter. Der Umschwung in den Meinungsumfragen ist deshalb nicht mit den Banalitäten und aufgebauschten Skandalen zu erklären, die uns anfangs beschäftigt haben. Vielmehr zeigt sich unmittelbar vor der Wahl das differenzierte Meinungsbild einer mehrheitlich sehr rational agierenden Wählerschaft, die im Parteienspektrum auswählt, was ihrer jeweiligen Betroffenheit entspricht. Das hat mit dem dramatisch gestiegenen Problemdruck zu tun, den Menschen in ihrem Umfeld erleben, und der sich nicht länger mit wolkigen Floskeln oder abstrakten Verheißungen wegbügeln lässt. Es ist aber auch Ausdruck der weit fortgeschrittenen Fragmentierung einer Gesellschaft, in der eine Vielzahl von sehr heterogenen Gruppen um knapper werdende Ressourcen konkurriert. Und tatsächlich: Sie alle finden reichlich Auswahl. Wie viel Staat, wie viel Markt soll es sein? Man kann wählen, mit welcher Vehemenz und welcher Geschwindigkeit der Klimawandel bekämpft werden soll – und welche Einschränkungen und Belastungen für die Wirtschaft oder unseren individuellen Lebensstil wir uns dafür zumuten wollen. Man kann wählen, wie lange die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung noch zunehmen darf und ob die Steuern für die Reichsten sinken oder steigen sollen. Verbraucher oder Mieter können wählen, ob und in welchem Umfang der Staat lenkend eingreifen soll, wenn Preise explodieren. Wir können wählen, welche Konsequenzen wir aus dem peinlichen Staatsversagen in den Schulen während der Corona-Pandemie ziehen wollen. Wir können wählen, wie ein leistungsfähiges Gesundheitssystem dauerhaft finanziert werden soll, das wir während der Pandemie so schätzen gelernt haben. Wir können über die Höhe des Mindestlohns entscheiden, über ein nachhaltiges System zur Sicherung der Renten oder die Rahmenbedingungen für die Digitalisierung. Man kann sogar wählen, beschränkt zu sein, und findet rechtsaußen ein passendes Angebot. Es stimmt also nicht, was allzu oft und allzu überheblich gesagt wird, dass es am Ende keinen Unterschied mache, wen man wähle. Das Angebot der Parteien reicht von „Das wird schon" bis zu „Alles anders", dazwischen viele Abstufungen eines moderaten Wandels. Darüber schwebt die sehr grundsätzliche Frage, ob wir dem freien Markt oder doch eher dem Staat zutrauen, die offensichtlichen Fehlentwicklungen und Defizite in unserem Land zu korrigieren. So wie es ist, wird es nicht bleiben Es ist zwangsläufig, dass es in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft sehr unterschiedliche Antworten auf all diese Fragen gibt, je nach Priorität und Dringlichkeit der jeweiligen Anliegen, und auch das zeigt sich in den Umfragen. Es wird deshalb vermutlich der neue Normalzustand werden, dass nach Wahlen mehr als zwei Parteien um ein inhaltlich tragfähiges und politisch stabiles Bündnis ringen. Auch die penetrantesten Rechthaber werden Kompromisse schließen müssen. Mit unserer Wahl entscheiden wir, welche Personen und Parteien wie stark in diesen Verhandlungsprozess gehen. Und wir entscheiden mittelbar, wer die Führung dieses Bündnisses übernehmen soll, wem wir die Kompetenz und die Erfahrung zutrauen, dieses Land durch die gewaltigen Herausforderungen der kommenden Jahre zu führen. Wie wir auch entscheiden: Diese Wahl wird folgenreicher sein als viele zuvor. Vielen dämmert nach 16 Jahren Merkel, in denen trotz aller Veränderungen und Umbrüche um uns herum so vieles beständig und selbstverständlich schien: So wie es ist, wird es nicht bleiben. Wie soll es werden? Sie haben die Wahl. Kontakt zum Autor

Kommentar zur Wahl: Deutschland vor der Entscheidung - Sie haben die Wahl!

Am Sonntag entscheidet sich, wer Deutschland in Zukunft regiert. © Pixabay

Angela Merkel hat ihr Programm einmal in einen Satz gegossen: „Sie kennen mich". Es war die Verbindung aus persönlicher Integrität und inhaltlicher Unverbindlichkeit, und das reichte 2013 für sagenhafte 41,5 Prozent. Turbopragmatismus statt Turbokapitalismus: So hat die Dauer-Kanzlerin über eineinhalb Jahrzehnte die politische Konkurrenz freundlich mit Kompromissen zermalmt.

Es war vermutlich die größte Fehleinschätzung der Union in diesem Wahlkampf, dass man einfach so weitermerkeln könne – pragmatisch, leutselig und unentschlossen. Die Menschen sind inzwischen weiter, und ihre Ansprüche an die Politik sehr viel konkreter.

Der Umschwung in den Meinungsumfragen ist deshalb nicht mit den Banalitäten und aufgebauschten Skandalen zu erklären, die uns anfangs beschäftigt haben. Vielmehr zeigt sich unmittelbar vor der Wahl das differenzierte Meinungsbild einer mehrheitlich sehr rational agierenden Wählerschaft, die im Parteienspektrum auswählt, was ihrer jeweiligen Betroffenheit entspricht.

Das hat mit dem dramatisch gestiegenen Problemdruck zu tun, den Menschen in ihrem Umfeld erleben, und der sich nicht länger mit wolkigen Floskeln oder abstrakten Verheißungen wegbügeln lässt. Es ist aber auch Ausdruck der weit fortgeschrittenen Fragmentierung einer Gesellschaft, in der eine Vielzahl von sehr heterogenen Gruppen um knapper werdende Ressourcen konkurriert. Und tatsächlich: Sie alle finden reichlich Auswahl.

Wie viel Staat, wie viel Markt soll es sein?

Man kann wählen, mit welcher Vehemenz und welcher Geschwindigkeit der Klimawandel bekämpft werden soll – und welche Einschränkungen und Belastungen für die Wirtschaft oder unseren individuellen Lebensstil wir uns dafür zumuten wollen.

Man kann wählen, wie lange die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung noch zunehmen darf und ob die Steuern für die Reichsten sinken oder steigen sollen. Verbraucher oder Mieter können wählen, ob und in welchem Umfang der Staat lenkend eingreifen soll, wenn Preise explodieren.

Wir können wählen, welche Konsequenzen wir aus dem peinlichen Staatsversagen in den Schulen während der Corona-Pandemie ziehen wollen. Wir können wählen, wie ein leistungsfähiges Gesundheitssystem dauerhaft finanziert werden soll, das wir während der Pandemie so schätzen gelernt haben. Wir können über die Höhe des Mindestlohns entscheiden, über ein nachhaltiges System zur Sicherung der Renten oder die Rahmenbedingungen für die Digitalisierung. Man kann sogar wählen, beschränkt zu sein, und findet rechtsaußen ein passendes Angebot.

Es stimmt also nicht, was allzu oft und allzu überheblich gesagt wird, dass es am Ende keinen Unterschied mache, wen man wähle. Das Angebot der Parteien reicht von „Das wird schon" bis zu „Alles anders", dazwischen viele Abstufungen eines moderaten Wandels. Darüber schwebt die sehr grundsätzliche Frage, ob wir dem freien Markt oder doch eher dem Staat zutrauen, die offensichtlichen Fehlentwicklungen und Defizite in unserem Land zu korrigieren.

So wie es ist, wird es nicht bleiben

Es ist zwangsläufig, dass es in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft sehr unterschiedliche Antworten auf all diese Fragen gibt, je nach Priorität und Dringlichkeit der jeweiligen Anliegen, und auch das zeigt sich in den Umfragen. Es wird deshalb vermutlich der neue Normalzustand werden, dass nach Wahlen mehr als zwei Parteien um ein inhaltlich tragfähiges und politisch stabiles Bündnis ringen. Auch die penetrantesten Rechthaber werden Kompromisse schließen müssen.

Mit unserer Wahl entscheiden wir, welche Personen und Parteien wie stark in diesen Verhandlungsprozess gehen. Und wir entscheiden mittelbar, wer die Führung dieses Bündnisses übernehmen soll, wem wir die Kompetenz und die Erfahrung zutrauen, dieses Land durch die gewaltigen Herausforderungen der kommenden Jahre zu führen.

Wie wir auch entscheiden: Diese Wahl wird folgenreicher sein als viele zuvor. Vielen dämmert nach 16 Jahren Merkel, in denen trotz aller Veränderungen und Umbrüche um uns herum so vieles beständig und selbstverständlich schien: So wie es ist, wird es nicht bleiben. Wie soll es werden? Sie haben die Wahl.

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