Kommentar Kommentar zur Berichterstattung im Mordfall Laura F.: Die Abgründe der "Bild"-Zeitung Benjamin Piel Minden. Manchmal fällt die „Bild" in Minden ein. Natürlich nur, wenn es ein blutiges Thema gibt, im dem sich herumstochern lässt. Denn das ist ganz nach ihrem Geschmack. Wie die Boulevardzeitung über die kürzlich getötete 22-Jährige Laura F. berichtet hat, war – wie immer wieder in solchen Fällen – nichts als abstoßend. Der Ehemann der Frau soll sie durch Gewalt gegen den Hals ums Leben gebracht haben . Für die „Bild" ein willkommener Anlass, ordentlich im Dreck zu stochern. Boulevard-Reporter durchkämmten die Gegend, in der das Paar gelebt hatte, klingelten bei Nachbarn, fotografierten in den Garten, durchwühlten das Facebook-Profil der Ermordeten. Sie veröffentlichten ungepixelte Bilder der Frau – auch ein Verstoß gegen den Pressekodex  –, und garnierten das Ganze mit der typisch dramatisierenden „Bild"-Sprache. Bewusst mag ich nicht den entsprechenden Beitrag der „Bild" verlinken, aber schon der Einstieg in den Text spricht für sich: „Im großen Garten steht ein Trampolin, überall liegt Kinderspielzeug." Dann folgt ein Abschnitt über Details der Kinder, die ich hier nicht nennen möchte. Anschließend heißt es: „Lesen Sie jetzt in ,Bild Plus‘, was die Familienidylle scheitern ließ und wie der Mann aufflog." Dass anschließend reichlich Spekulatives kommt, erübrigt sich fast zu erwähnen. Es ist abstoßend, einen so tragischen Fall zu nutzen, Sensationsgier zu wecken und zu befriedigen. Als MT-Redaktion wissen wir natürlich auch viele Details zu dem Fall. Aber wir haben gänzlich andere Vorstellungen vom Schutz der Persönlichkeit und vor allem vom Opferschutz. Und so gehört es zu einem verantwortlichen Journalismus manchmal auch, recherchierte Fakten eben nicht zu veröffentlichen. Das ist dann kein Verschweigen, sondern eine Auswahl, die Opferschutz und öffentliches Interesse miteinander auf verantwortbare Weise miteinander in Einklang zu bringen versucht. Was geht es die Öffentlichkeit beispielsweise an, wie die Ermordete ausgesehen hat? Warum sollte man sie mit ihren Kindern auf dem Arm zeigen? Dieses Bild wird im Internet immer aufzufinden sein und das Leben der Kinder belasten. Dass die „Bild" diesen unbezahlbar hohen Preis in Kauf nimmt, um selbst damit Geld zu verdienen, ist mit nichts zu rechtfertigen. Außerdem: Tote sind nicht rechtelos, sondern ebenfalls zu schützen, vor allem dann, wenn sie mutmaßlich Opfer einer Straftat geworden sind. Wer als Journalist arbeitet, bekommt hin und wieder den Vorwurf zu hören, diese und jene Überschrift oder Veröffentlichung sei „wie bei der Bild". Die Berichterstattung über den Kriminalfall zeigt, wie unendlich weit das MT und die „Bild" auseinander liegen. Während die „Bild" ins kleinste Familiendetail ging, blieb das MT bei den nüchternen Fakten, zeigte keine Fotos von Täter oder Opfer, wählte keine reißerische Überschrift, berichtete nicht identifizierend, klingelte bei keinen Nachbarn, fotografierte in keinen Garten, hielt sich an die Aussagen der Ermittler, statt sich in Spekulationen zu ergehen. Alles andere könnten die MT-Redakteure weder mit ihrem Gewissen vereinbaren noch mit den Richtlinien, nach denen die Redaktion arbeitet.
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Kommentar zur Berichterstattung im Mordfall Laura F.: Die Abgründe der "Bild"-Zeitung

Bei einem Einsatz am vergangenen Donnerstag rund um die Schlagde und dem Bereich an der Weser fanden Polizisten den Leichnam von der 22-jährigen Laura F.  © MT-Foto: Patrick Schwemling

Minden. Manchmal fällt die „Bild" in Minden ein. Natürlich nur, wenn es ein blutiges Thema gibt, im dem sich herumstochern lässt. Denn das ist ganz nach ihrem Geschmack. Wie die Boulevardzeitung über die kürzlich getötete 22-Jährige Laura F. berichtet hat, war – wie immer wieder in solchen Fällen – nichts als abstoßend.

Der Ehemann der Frau soll sie durch Gewalt gegen den Hals ums Leben gebracht haben . Für die „Bild" ein willkommener Anlass, ordentlich im Dreck zu stochern. Boulevard-Reporter durchkämmten die Gegend, in der das Paar gelebt hatte, klingelten bei Nachbarn, fotografierten in den Garten, durchwühlten das Facebook-Profil der Ermordeten. Sie veröffentlichten ungepixelte Bilder der Frau – auch ein Verstoß gegen den Pressekodex  –, und garnierten das Ganze mit der typisch dramatisierenden „Bild"-Sprache.

Bewusst mag ich nicht den entsprechenden Beitrag der „Bild" verlinken, aber schon der Einstieg in den Text spricht für sich: „Im großen Garten steht ein Trampolin, überall liegt Kinderspielzeug." Dann folgt ein Abschnitt über Details der Kinder, die ich hier nicht nennen möchte. Anschließend heißt es: „Lesen Sie jetzt in ,Bild Plus‘, was die Familienidylle scheitern ließ und wie der Mann aufflog." Dass anschließend reichlich Spekulatives kommt, erübrigt sich fast zu erwähnen. Es ist abstoßend, einen so tragischen Fall zu nutzen, Sensationsgier zu wecken und zu befriedigen.

Als MT-Redaktion wissen wir natürlich auch viele Details zu dem Fall. Aber wir haben gänzlich andere Vorstellungen vom Schutz der Persönlichkeit und vor allem vom Opferschutz. Und so gehört es zu einem verantwortlichen Journalismus manchmal auch, recherchierte Fakten eben nicht zu veröffentlichen. Das ist dann kein Verschweigen, sondern eine Auswahl, die Opferschutz und öffentliches Interesse miteinander auf verantwortbare Weise miteinander in Einklang zu bringen versucht.

Was geht es die Öffentlichkeit beispielsweise an, wie die Ermordete ausgesehen hat? Warum sollte man sie mit ihren Kindern auf dem Arm zeigen? Dieses Bild wird im Internet immer aufzufinden sein und das Leben der Kinder belasten. Dass die „Bild" diesen unbezahlbar hohen Preis in Kauf nimmt, um selbst damit Geld zu verdienen, ist mit nichts zu rechtfertigen. Außerdem: Tote sind nicht rechtelos, sondern ebenfalls zu schützen, vor allem dann, wenn sie mutmaßlich Opfer einer Straftat geworden sind.

Wer als Journalist arbeitet, bekommt hin und wieder den Vorwurf zu hören, diese und jene Überschrift oder Veröffentlichung sei „wie bei der Bild". Die Berichterstattung über den Kriminalfall zeigt, wie unendlich weit das MT und die „Bild" auseinander liegen. Während die „Bild" ins kleinste Familiendetail ging, blieb das MT bei den nüchternen Fakten, zeigte keine Fotos von Täter oder Opfer, wählte keine reißerische Überschrift, berichtete nicht identifizierend, klingelte bei keinen Nachbarn, fotografierte in keinen Garten, hielt sich an die Aussagen der Ermittler, statt sich in Spekulationen zu ergehen.

Alles andere könnten die MT-Redakteure weder mit ihrem Gewissen vereinbaren noch mit den Richtlinien, nach denen die Redaktion arbeitet.

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