Kommentar zu Thema Schwarzarbeit: Bleiben, bis der Zoll kommt Stefan Koch Als sich im Juni in Rheda-Wiedenbrück der Corona-Erreger unter der im Stammwerk des Tönnies-Konzerns seit Jahren prekär beschäftigten Belegschaft breit machte, war wieder ein idealer Buhmann für das Thema Leiharbeit und Werkverträge gefunden. Medial ausgeschlachtet hielten sich die Fälle unwürdiger Arbeitsverhältnisse wochenlang in der Diskussion und die Öffentlichkeit ergötzte sich an der Demontage des verantwortlichen Miteigentümers der Holding. Dabei werfen seit Jahrzehnten die Arbeitsverhältnisse im Baugewerbe gleichermaßen Fragen nach ihrer Qualität auf. Auch jetzt, wo die Branche boomt, scheint es kaum zu interessieren, dass auf den vielen, mit osteuropäischen Arbeitern ausgestatteten Baustellen, Deutsch nur eine Fremdsprache ist, aus der sich Vokabeln wie „Arbeitsschutz“ oder „Mindestlohn“ kaum übersetzen lassen. Wenn dann der Zoll zur Kontrolle vor Ort erscheint, trifft es den einzelnen Arbeiter und möglicherweise noch dessen Verleiher. Dann werden Verfahren gegen Personen in die Wege geleitet, die schon bald in ihre Herkunftsländern verschwunden sind, um von dort erneut in die Arbeitswelt Westeuropas aufzubrechen. Derweil füllen neue, illegale Kräfte die verwaisten Plätze in den soeben überprüften Baustellen aus – und bleiben, bis der Zoll kommt. Wenn es die Absicht gäbe, das zu ändern – es wäre längst geschehen.

Kommentar zu Thema Schwarzarbeit: Bleiben, bis der Zoll kommt

© Alex Lehn

Als sich im Juni in Rheda-Wiedenbrück der Corona-Erreger unter der im Stammwerk des Tönnies-Konzerns seit Jahren prekär beschäftigten Belegschaft breit machte, war wieder ein idealer Buhmann für das Thema Leiharbeit und Werkverträge gefunden. Medial ausgeschlachtet hielten sich die Fälle unwürdiger Arbeitsverhältnisse wochenlang in der Diskussion und die Öffentlichkeit ergötzte sich an der Demontage des verantwortlichen Miteigentümers der Holding.

Dabei werfen seit Jahrzehnten die Arbeitsverhältnisse im Baugewerbe gleichermaßen Fragen nach ihrer Qualität auf. Auch jetzt, wo die Branche boomt, scheint es kaum zu interessieren, dass auf den vielen, mit osteuropäischen Arbeitern ausgestatteten Baustellen, Deutsch nur eine Fremdsprache ist, aus der sich Vokabeln wie „Arbeitsschutz“ oder „Mindestlohn“ kaum übersetzen lassen.

Wenn dann der Zoll zur Kontrolle vor Ort erscheint, trifft es den einzelnen Arbeiter und möglicherweise noch dessen Verleiher. Dann werden Verfahren gegen Personen in die Wege geleitet, die schon bald in ihre Herkunftsländern verschwunden sind, um von dort erneut in die Arbeitswelt Westeuropas aufzubrechen. Derweil füllen neue, illegale Kräfte die verwaisten Plätze in den soeben überprüften Baustellen aus – und bleiben, bis der Zoll kommt. Wenn es die Absicht gäbe, das zu ändern – es wäre längst geschehen.

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