Kommentar zu Absagen bei Impfterminen: Nehmt Astrazeneca! Nina Könemann 380 Menschen haben am Dienstag ihren Impftermin in Köln kurzfristig abgesagt, weil sie nicht mit Astrazeneca geimpft werden wollten. Das waren mehr als Dreiviertel aller geplanten Termine, berichtete der WDR in dieser Woche. Wenn es ums Impfen geht, läuft in Deutschland gerade vieles schief, vor allem im öffentlichen Diskurs. Wir reden über Zahlen, die wir nicht einordnen können oder wollen. Statt vorwärts zu kommen, verbeißenwir uns in stockenden Debatten: über Nebenwirkungen, Wirksamkeit und Zulassungen. Über: Wer bekommt den „guten Stoff" und wer den „vermeintlich schlechten?" Dabei haben wir das Ziel aus dem Blick verloren: Dafür zu sorgen, dass weniger Menschen schwer erkranken oder sterben, um zu einem normalen Leben zurückzukehren. Zeit, wieder über Fakten zu reden statt über Befindlichkeiten. Die Wirksamkeit: Monatelang warteten alle auf die rettenden Spritzen, nun sind sie da und keiner will sie. Was ist passiert? Manchmal lohnt ein Blick in die Details. Denn ja, Biontech hat eine 90-prozentige Wirksamkeit, Astrazeneca nur 70 Prozent. Für das eigentliche Ziel macht das aber keinen Unterschied, denn Wirksamkeit bescheinigt nur, dass Geimpfte bei einer künftigen Infektion gar keine Symptome der Krankheit mehr entwickeln. Bekommen sie Schnupfen, Husten oder fühlen sich zwei Tage schlecht, rechnen Forscher sie bereits zur Gruppe „unwirksam". Was zählt ist aber doch: Bekomme ich als Geimpfter noch eine schwerwiegende Covid19-Erkrankung? Muss ich ins Krankenhaus? Hier lautet die Antwort in beiden Fällen: vermutlich nein. Denn Astrazeneca mildert den Krankheitsverlauf ebenso wie Biontech ab: Und zwar in 95 Prozent der Fälle. Statt zu suggerieren, der eine sei schlechter als der andere, hätte die Politik erklären können: Mit beiden Impfungen schützen Sie sich vor einem schweren Verlauf. Die Nebenwirkungen: Eine Impfung erzeugt manchmal Fieber. Das ist und war schon immer so. Meine beiden Kinder sind komplett durchgeimpft und ja, manchmal waren die danach schlapp oder fiebrig. Generationen von Eltern haben das nicht hinterfragt, denn der Impfstoff zeigte eine Wirkung, das galt als gut. Einen Tag später waren die Kleinen wieder fit, hatten dann dafür einen lebenslangen Schutz vor Masern. Nun plötzlich nehmen Tausende lieber eine Corona-Infektion und ihre Spätfolgen in Kauf, statt ein oder zwei Tage mit Fieber flach zu liegen, oder sich eine Paracetamol einzuwerfen. Kann ich nicht nachvollziehen. Wer seinen Kindern einen Tag Schlappheit zumutet, sollte auch selbst zwei Tage Fieber überleben. Die Zulassung: Deutschland hat sich entschieden, Astrazeneca nur für diejenigen zuzulassen, die unter 65 sind. Das kommt zwar denen zugute, die eigentlich in der Impfreihenfolge noch hätten warten müssen: Lehrern, Erziehern, systemrelevanten Berufen. Es war aber auch ein Fehler, denn es verstärkt den Eindruck, dass der Stoff nur die zweitbeste Option ist. Und das ist Quatsch. Die Zulassung beruht einzig und allein auf der Tatsache, dass in der klinischen Studie nicht genügend Alte waren, um eine volle Wirksamkeit zu bescheinigen. Es macht den Impfstoff damit nicht unwirksamer, es ist schlicht eine Frage der Bürokratie. Statt zu sagen: Ich verweigere jetzt so lange, bis ich auch „das gute Zeug" bekomme, könnten wir auch sagen: Super, wir sind eher dran. Und bevor die 92-Jährige Fieber bekommt, nehme ich das Halt in Kauf. Auch so funktioniert Gemeinschaft. Also: Hören wir auf, uns so anzustellen, und nehmen Astrazeneca!

Kommentar zu Absagen bei Impfterminen: Nehmt Astrazeneca!

Impfampulle mit dem Covid19 Impfstoff Astrazeneca. © imago images/Jochen Eckel

380 Menschen haben am Dienstag ihren Impftermin in Köln kurzfristig abgesagt, weil sie nicht mit Astrazeneca geimpft werden wollten. Das waren mehr als Dreiviertel aller geplanten Termine, berichtete der WDR in dieser Woche. Wenn es ums Impfen geht, läuft in Deutschland gerade vieles schief, vor allem im öffentlichen Diskurs. Wir reden über Zahlen, die wir nicht einordnen können oder wollen. Statt vorwärts zu kommen, verbeißenwir uns in stockenden Debatten: über Nebenwirkungen, Wirksamkeit und Zulassungen. Über: Wer bekommt den „guten Stoff" und wer den „vermeintlich schlechten?" Dabei haben wir das Ziel aus dem Blick verloren: Dafür zu sorgen, dass weniger Menschen schwer erkranken oder sterben, um zu einem normalen Leben zurückzukehren. Zeit, wieder über Fakten zu reden statt über Befindlichkeiten.

Die Wirksamkeit: Monatelang warteten alle auf die rettenden Spritzen, nun sind sie da und keiner will sie. Was ist passiert? Manchmal lohnt ein Blick in die Details. Denn ja, Biontech hat eine 90-prozentige Wirksamkeit, Astrazeneca nur 70 Prozent. Für das eigentliche Ziel macht das aber keinen Unterschied, denn Wirksamkeit bescheinigt nur, dass Geimpfte bei einer künftigen Infektion gar keine Symptome der Krankheit mehr entwickeln. Bekommen sie Schnupfen, Husten oder fühlen sich zwei Tage schlecht, rechnen Forscher sie bereits zur Gruppe „unwirksam". Was zählt ist aber doch: Bekomme ich als Geimpfter noch eine schwerwiegende Covid19-Erkrankung? Muss ich ins Krankenhaus? Hier lautet die Antwort in beiden Fällen: vermutlich nein. Denn Astrazeneca mildert den Krankheitsverlauf ebenso wie Biontech ab: Und zwar in 95 Prozent der Fälle. Statt zu suggerieren, der eine sei schlechter als der andere, hätte die Politik erklären können: Mit beiden Impfungen schützen Sie sich vor einem schweren Verlauf.

Nina Könemann - © Alex Lehn
Nina Könemann - © Alex Lehn

Die Nebenwirkungen: Eine Impfung erzeugt manchmal Fieber. Das ist und war schon immer so. Meine beiden Kinder sind komplett durchgeimpft und ja, manchmal waren die danach schlapp oder fiebrig. Generationen von Eltern haben das nicht hinterfragt, denn der Impfstoff zeigte eine Wirkung, das galt als gut. Einen Tag später waren die Kleinen wieder fit, hatten dann dafür einen lebenslangen Schutz vor Masern. Nun plötzlich nehmen Tausende lieber eine Corona-Infektion und ihre Spätfolgen in Kauf, statt ein oder zwei Tage mit Fieber flach zu liegen, oder sich eine Paracetamol einzuwerfen. Kann ich nicht nachvollziehen. Wer seinen Kindern einen Tag Schlappheit zumutet, sollte auch selbst zwei Tage Fieber überleben.

Die Zulassung: Deutschland hat sich entschieden, Astrazeneca nur für diejenigen zuzulassen, die unter 65 sind. Das kommt zwar denen zugute, die eigentlich in der Impfreihenfolge noch hätten warten müssen: Lehrern, Erziehern, systemrelevanten Berufen. Es war aber auch ein Fehler, denn es verstärkt den Eindruck, dass der Stoff nur die zweitbeste Option ist. Und das ist Quatsch. Die Zulassung beruht einzig und allein auf der Tatsache, dass in der klinischen Studie nicht genügend Alte waren, um eine volle Wirksamkeit zu bescheinigen. Es macht den Impfstoff damit nicht unwirksamer, es ist schlicht eine Frage der Bürokratie. Statt zu sagen: Ich verweigere jetzt so lange, bis ich auch „das gute Zeug" bekomme, könnten wir auch sagen: Super, wir sind eher dran. Und bevor die 92-Jährige Fieber bekommt, nehme ich das Halt in Kauf. Auch so funktioniert Gemeinschaft. Also: Hören wir auf, uns so anzustellen, und nehmen Astrazeneca!

Copyright © Mindener Tageblatt 2021
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Meinung