Glosse zum Wochenende: Im Buchstabier-Wahnsinn Hartmut Nolte „Sehr geehrter Herr Molte" – die Anrede in dem Schreiben, das ich kürzlich erhalten habe, ärgerte mich. Da hatte ich dem Absender doch drei Tage zuvor meinen Namen noch buchstabiert. Vielleicht hätte ich ihm das besser noch nach dem Buchstabier-ABC diktieren sollen: Nordpol-Otto-Ludwig-Theodor-Emil. Gut, dass ich nicht in der Carl-von-Ossietzky-Straße wohne. Wer weiß, wo der Brief gelandet wäre.Die Buchstabiertafel nach Vornamen hat man nie gelernt, aber seltsamerweise kommt es einem fließend über die Lippen, wenn man gefragt wird: „Wie schreibt man das?" Bei Q, X, Y und den Umlauten muss ich überlegen. Aber Anton, Berta, Cäsar & Co. gehen wie geschmiert. Seit 1890 gibt es die Buchstabiertafel nach Vornamen. Die Nazis haben sie mal geändert, weil ihnen Daniel, Nathan, Samuel und Zacharias jüdisch vorkamen. Die Namen kommen aber aus dem Alten Testament und das gehört auch zur christlichen Bibel. Die braunen Rassisten damals haben sie durch Dora, Nordpol, Siegfried und Zeppelin ersetzt. Eine Rückabwicklung wäre möglich, ist aber manchem zu wenig. Die vier Bibel-Namen kommen für ein paar Monate als Übergang wieder rein. Und wehe jemand sagt noch Nordpol oder Zeppelin. Und 2022 folgt dann die Radikalkur der DIN 5009. 130 Jahre hat das Vornamen-Prinzip überstanden. Und sich bewährt. In Deutschland ist das immer ein Grund etwas zu ändern. Auf Anregung aus einer Amtsstube im Schwäbischen, das durch seine hochdeutsche Aussprache („Isch over") glänzt, soll die Buchstabiertafel umgestellt werden. Deutsche Städtenamen sollen jetzt die Vielfalt des vereinigten Landes beim Buchstabieren repräsentieren. Aachen, Berlin geht ja noch. Aber beim C fängt das Problem schon an. Kottbus, Koesfeld oder gar Costedt soll für „C" stehen? Und dann die Dialektvielfalt: Was ist mit der ersten sächsischen Lautverschiebung von P nach B, von Plauen nach Blauen oder Potsdam nach Botsdam? Eine Dresdener Urlauberin soll mal statt in Porto in Bordeaux gelandet sein. Oder der zweiten rheinischen Lautverschiebung: Jöttingen statt Göttingen? Oder was schreibt man, wenn der hessische Buchstabierer Gassel für ein „K" ansagt? Zudem wird ein zweites deutsches Phänomen verletzt: der Regionalproporz, auch Föderalismus genannt. Wird Bayern eine Sonderrolle im Buchstabier-ABC fordern? Stimmt Bremen zu, wenn nur Berlin für B steht? Und dann ist noch die Frage zu klären, ob das alles gendergerecht ist. Der ganze Neuregelungswahnsinn wird bei mir auf die Frage „Wie schreibt sich das?" die einfachste Antwort auslösen: „Wie man es spricht." In dem Sinne ein schönes Wochen-Essen-Nürnberg-Dortmund-Essen.

Glosse zum Wochenende: Im Buchstabier-Wahnsinn

„Sehr geehrter Herr Molte" – die Anrede in dem Schreiben, das ich kürzlich erhalten habe, ärgerte mich. Da hatte ich dem Absender doch drei Tage zuvor meinen Namen noch buchstabiert. Vielleicht hätte ich ihm das besser noch nach dem Buchstabier-ABC diktieren sollen: Nordpol-Otto-Ludwig-Theodor-Emil. Gut, dass ich nicht in der Carl-von-Ossietzky-Straße wohne. Wer weiß, wo der Brief gelandet wäre.

Die Buchstabiertafel nach Vornamen hat man nie gelernt, aber seltsamerweise kommt es einem fließend über die Lippen, wenn man gefragt wird: „Wie schreibt man das?" Bei Q, X, Y und den Umlauten muss ich überlegen. Aber Anton, Berta, Cäsar & Co. gehen wie geschmiert.

Hartmut Nolte - © pr
Hartmut Nolte - © pr

Seit 1890 gibt es die Buchstabiertafel nach Vornamen. Die Nazis haben sie mal geändert, weil ihnen Daniel, Nathan, Samuel und Zacharias jüdisch vorkamen. Die Namen kommen aber aus dem Alten Testament und das gehört auch zur christlichen Bibel. Die braunen Rassisten damals haben sie durch Dora, Nordpol, Siegfried und Zeppelin ersetzt. Eine Rückabwicklung wäre möglich, ist aber manchem zu wenig. Die vier Bibel-Namen kommen für ein paar Monate als Übergang wieder rein. Und wehe jemand sagt noch Nordpol oder Zeppelin. Und 2022 folgt dann die Radikalkur der DIN 5009.

130 Jahre hat das Vornamen-Prinzip überstanden. Und sich bewährt. In Deutschland ist das immer ein Grund etwas zu ändern. Auf Anregung aus einer Amtsstube im Schwäbischen, das durch seine hochdeutsche Aussprache („Isch over") glänzt, soll die Buchstabiertafel umgestellt werden. Deutsche Städtenamen sollen jetzt die Vielfalt des vereinigten Landes beim Buchstabieren repräsentieren.

Aachen, Berlin geht ja noch. Aber beim C fängt das Problem schon an. Kottbus, Koesfeld oder gar Costedt soll für „C" stehen? Und dann die Dialektvielfalt: Was ist mit der ersten sächsischen Lautverschiebung von P nach B, von Plauen nach Blauen oder Potsdam nach Botsdam? Eine Dresdener Urlauberin soll mal statt in Porto in Bordeaux gelandet sein. Oder der zweiten rheinischen Lautverschiebung: Jöttingen statt Göttingen? Oder was schreibt man, wenn der hessische Buchstabierer Gassel für ein „K" ansagt? Zudem wird ein zweites deutsches Phänomen verletzt: der Regionalproporz, auch Föderalismus genannt. Wird Bayern eine Sonderrolle im Buchstabier-ABC fordern? Stimmt Bremen zu, wenn nur Berlin für B steht? Und dann ist noch die Frage zu klären, ob das alles gendergerecht ist.

Der ganze Neuregelungswahnsinn wird bei mir auf die Frage „Wie schreibt sich das?" die einfachste Antwort auslösen: „Wie man es spricht." In dem Sinne ein schönes Wochen-Essen-Nürnberg-Dortmund-Essen.

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