Giesekings Flüstertüte: Hase und Ischgl Bernd Gieseking Fast genau ein Jahr ist es jetzt her, dass das berühmte Märchen von „Hase und Ischgl" erstmals erzählt wurde. Ab Januar 2020 reiste das Virus mit den Skihasen von Ischgl aus nach England, nach Island und dann in die ganze Welt. Und überall, wo geschaut wurde, jubelte das Virus lauthals: „Ick bin oall hier!" Inzwischen sagt es: „Ick bin gümmer no doar! Over ick hewwe mi ‘n bierten verännert! Seit fast einem Jahr wissen wir von der Pandemie. Wissen wir es „schon" seitdem oder „erst"? Mancher muss inzwischen erleben, dass sich der Freundeskreis ausdünnt, weil man mit Corona-Leugnern nur schwer die Freundschaft aufrecht erhalten kann, aber das scheint ja beidseitig zu sein. In manchen Kirchengemeinden glaubt man sogar: „Gott schützt uns vor dem Virus!" Und wenn er das nicht tut, dann war auch das Gottes Wille. Mit Gottes Willen ist es aber nicht so einfach, und mit Gebeten ist er sowieso nur schwer zu beeinflussen. Ich habe das vor jeder Lateinklausur versucht – nie glaubte ich intensiver an ihn – und bei keiner hat es geholfen. Und aktuell? Wir schrappen hier knapp an den 200. Meine Lebensgefährtin wohnt in Hannover, ich in Minden, das sind mehr als 15 Kilometer. Ist sie dann sehen zu wollen ein triftiger Grund, den Radius zu überschreiten? Und dazu: Ab Montag haben wir jeweils eine schwere Wahl zu treffen. Wir dürfen uns nur noch mit einer Person aus einem anderen Haushalt treffen. Wen lasse ich jetzt rein, sie oder ihn? Wen von beiden lasse ich draußen im Schneeregen stehen? Und wem öffnen meine Freunde die Tür? Mir oder ihr, der Frau an meiner Seite? Ich würde ja eher sie reinlassen. Das wird eine harte soziale Prüfung innerhalb der Partnerschaften. Wer geht wann zu wem? Die meine und ich, wir zwei wurden in diesen Monaten zu siamesischen Zwillingen. Sonst war ich immer unterwegs, nun fielen meine Gastspiele und Tourneen sämtlich aus. Nachdem wir uns in den anderen Shutdowns bisher eng aufeinander bezogen haben, zwingt uns die neue Verordnung jetzt zur Trennung. Aber da niemand genau weiß, was richtig ist – bei Länderspielen sind wir 80 Millionen Bundestrainer, jetzt ein Volk aus 80 Millionen Virologen – mache ich erstmal alles mit, mal mehr, mal weniger begeistert. Das halte ich für richtig. Wir leben in einer Welt, die wir uns so vor zwölf Monaten nicht haben vorstellen können. Da helfen nur noch Philosophen und Komiker. Karl Valentin sagte: „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist!" Konfusion, der große ostwestfälische Weise, sagte erst letzte Woche: „Man glaubt es nicht – obwohl man selber dabei gewesen ist." Stimmt absolut! Machen wir es am besten, wie Helge Schneider sagt: „Maske auf und durch."

Giesekings Flüstertüte: Hase und Ischgl

Bernd Gieseking Flüstertüte © Koch Ursula

Fast genau ein Jahr ist es jetzt her, dass das berühmte Märchen von „Hase und Ischgl" erstmals erzählt wurde. Ab Januar 2020 reiste das Virus mit den Skihasen von Ischgl aus nach England, nach Island und dann in die ganze Welt. Und überall, wo geschaut wurde, jubelte das Virus lauthals: „Ick bin oall hier!" Inzwischen sagt es: „Ick bin gümmer no doar! Over ick hewwe mi ‘n bierten verännert!

Seit fast einem Jahr wissen wir von der Pandemie. Wissen wir es „schon" seitdem oder „erst"? Mancher muss inzwischen erleben, dass sich der Freundeskreis ausdünnt, weil man mit Corona-Leugnern nur schwer die Freundschaft aufrecht erhalten kann, aber das scheint ja beidseitig zu sein. In manchen Kirchengemeinden glaubt man sogar: „Gott schützt uns vor dem Virus!" Und wenn er das nicht tut, dann war auch das Gottes Wille. Mit Gottes Willen ist es aber nicht so einfach, und mit Gebeten ist er sowieso nur schwer zu beeinflussen. Ich habe das vor jeder Lateinklausur versucht – nie glaubte ich intensiver an ihn – und bei keiner hat es geholfen.

Und aktuell? Wir schrappen hier knapp an den 200. Meine Lebensgefährtin wohnt in Hannover, ich in Minden, das sind mehr als 15 Kilometer. Ist sie dann sehen zu wollen ein triftiger Grund, den Radius zu überschreiten? Und dazu: Ab Montag haben wir jeweils eine schwere Wahl zu treffen. Wir dürfen uns nur noch mit einer Person aus einem anderen Haushalt treffen. Wen lasse ich jetzt rein, sie oder ihn? Wen von beiden lasse ich draußen im Schneeregen stehen? Und wem öffnen meine Freunde die Tür? Mir oder ihr, der Frau an meiner Seite? Ich würde ja eher sie reinlassen.

Das wird eine harte soziale Prüfung innerhalb der Partnerschaften. Wer geht wann zu wem? Die meine und ich, wir zwei wurden in diesen Monaten zu siamesischen Zwillingen. Sonst war ich immer unterwegs, nun fielen meine Gastspiele und Tourneen sämtlich aus. Nachdem wir uns in den anderen Shutdowns bisher eng aufeinander bezogen haben, zwingt uns die neue Verordnung jetzt zur Trennung. Aber da niemand genau weiß, was richtig ist – bei Länderspielen sind wir 80 Millionen Bundestrainer, jetzt ein Volk aus 80 Millionen Virologen – mache ich erstmal alles mit, mal mehr, mal weniger begeistert. Das halte ich für richtig.

Wir leben in einer Welt, die wir uns so vor zwölf Monaten nicht haben vorstellen können. Da helfen nur noch Philosophen und Komiker. Karl Valentin sagte: „Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist!" Konfusion, der große ostwestfälische Weise, sagte erst letzte Woche: „Man glaubt es nicht – obwohl man selber dabei gewesen ist." Stimmt absolut! Machen wir es am besten, wie Helge Schneider sagt: „Maske auf und durch."

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