Giesekings Flüstertüte: Gut zu Fuß Bernd Gieseking Ein Halbwegsgeöffnet ist das jedenfalls alles noch nicht. Ich bin auch grad unsicher, ob wir in Minden noch eine Ausgangssperre haben oder nicht. Ich vermisse Stadtherolde, die das ganz „analog“ ausrufen. Vielleicht mit Lautsprecherwagen. Aber das ist auch egal, ich gehe abends ohnehin nicht mehr raus. Wo soll ich denn hin? Obwohl es jetzt ja lange hell ist – wegen der Sommerzeit. Wobei – grundsätzlich gehe ich gerne raus. Und ich gehe gern. Das allerdings noch gar nicht so lange, weil ich mehr als mein halbes Leben in beziehungsweise auf Clogs zugebracht habe. Also, Klotschen! Nicht Crocs, aus Plastik, sondern Schwedenclogs aus Holz, hinten offen. Dann aber kam vor einigen Jahren diese Frau mit dem gazellenhaften Gang in mein Leben. Ich war in meiner Schrittfolge eher nashornig bis flusspferdartig unterwegs. Als ich in meinen Clogs neben ihr ging, sagte sie eines Tages: „Noch ein bisschen langsamer und ich falle um.“ Clogs sind nicht gerade das Pendant zum Rennreifen. Clogs sind ideal zum „Schlür’n und Schlendern“. Schnell auf Clogs war ich nur, wenn ich befürchtete, beim Kinofilm den Anfang zu verpassen. Also stieg ich um, nur aus Liebe, skeptisch zu Anfang, dann begeistert. Inzwischen bin ich quasi ein Berglöwe im Wiehengebirge, beinah ein ostwestfälischer Puma auf Vibramsohlen. Und bin permanent unterwegs. Eine tägliche Runde um das Glacis, den Central Park von Minden, ist obligatorisch. Und nun noch mehr als sonst, denn man kann vor der Pandemie ja nicht weglaufen, aber man kann ihr entgehen. Unterwegs sein. Ostern waren wir auf dem Schlangenweg in Hausberge. Für Fachleute und Anwohner: E 11, Mühlensteig, Weserberglandweg. Ein Traum entlang von zahlreichen Troll-Wohnungen. Ich erinnerte mich unterwegs an die Jahre, als ich noch in Kassel lebte. Damals musste ich lächeln über Professor Lucius Burckhardt und die von ihm und seiner Frau entwickelte „Spaziergangswissenschaft“, die „Promenadologie“, als kulturwissenschaftliche Methode. Auf Englisch „Strollology“. Herrlich! Mit einem seiner damaligen Studenten, Martin Schmitz, saß ich oft nachts am Tresen und nahm das gar nicht so ernst, wie alles. Martin aber sehr, aber auch mit viel Witz und er hat ganz ernst inzwischen eine Professur in diesem Feld in Kassel. Aus mir aber wurde, erst in Clogs, nun auf flotten Sohlen, ein Flaneur. Gerade in Ostwestfalen, in Minden. Noch lieber wäre ich ein Bohemien, aber dafür müssen die Kneipen wieder öffnen. Also gehe ich flanieren, bis genügend geimpft sind.

Giesekings Flüstertüte: Gut zu Fuß

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Ein Halbwegsgeöffnet ist das jedenfalls alles noch nicht. Ich bin auch grad unsicher, ob wir in Minden noch eine Ausgangssperre haben oder nicht. Ich vermisse Stadtherolde, die das ganz „analog“ ausrufen. Vielleicht mit Lautsprecherwagen. Aber das ist auch egal, ich gehe abends ohnehin nicht mehr raus. Wo soll ich denn hin? Obwohl es jetzt ja lange hell ist – wegen der Sommerzeit.

Wobei – grundsätzlich gehe ich gerne raus. Und ich gehe gern. Das allerdings noch gar nicht so lange, weil ich mehr als mein halbes Leben in beziehungsweise auf Clogs zugebracht habe. Also, Klotschen! Nicht Crocs, aus Plastik, sondern Schwedenclogs aus Holz, hinten offen.

Dann aber kam vor einigen Jahren diese Frau mit dem gazellenhaften Gang in mein Leben. Ich war in meiner Schrittfolge eher nashornig bis flusspferdartig unterwegs. Als ich in meinen Clogs neben ihr ging, sagte sie eines Tages: „Noch ein bisschen langsamer und ich falle um.“ Clogs sind nicht gerade das Pendant zum Rennreifen. Clogs sind ideal zum „Schlürn und Schlendern“. Schnell auf Clogs war ich nur, wenn ich befürchtete, beim Kinofilm den Anfang zu verpassen. Also stieg ich um, nur aus Liebe, skeptisch zu Anfang, dann begeistert. Inzwischen bin ich quasi ein Berglöwe im Wiehengebirge, beinah ein ostwestfälischer Puma auf Vibramsohlen.

Und bin permanent unterwegs. Eine tägliche Runde um das Glacis, den Central Park von Minden, ist obligatorisch. Und nun noch mehr als sonst, denn man kann vor der Pandemie ja nicht weglaufen, aber man kann ihr entgehen. Unterwegs sein. Ostern waren wir auf dem Schlangenweg in Hausberge. Für Fachleute und Anwohner: E 11, Mühlensteig, Weserberglandweg. Ein Traum entlang von zahlreichen Troll-Wohnungen.

Ich erinnerte mich unterwegs an die Jahre, als ich noch in Kassel lebte. Damals musste ich lächeln über Professor Lucius Burckhardt und die von ihm und seiner Frau entwickelte „Spaziergangswissenschaft“, die „Promenadologie“, als kulturwissenschaftliche Methode. Auf Englisch „Strollology“. Herrlich! Mit einem seiner damaligen Studenten, Martin Schmitz, saß ich oft nachts am Tresen und nahm das gar nicht so ernst, wie alles. Martin aber sehr, aber auch mit viel Witz und er hat ganz ernst inzwischen eine Professur in diesem Feld in Kassel. Aus mir aber wurde, erst in Clogs, nun auf flotten Sohlen, ein Flaneur. Gerade in Ostwestfalen, in Minden.

Noch lieber wäre ich ein Bohemien, aber dafür müssen die Kneipen wieder öffnen. Also gehe ich flanieren, bis genügend geimpft sind.

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