Freiheit!: MT-Chefredakteur Benjamin Piel zum Internationalen Tag der Pressefreiheit Benjamin Piel Zugegeben: Viele Jahre habe ich den heutigen Internationalen Tag der Pressefreiheit für ziemlichen Klimbim gehalten. Es gibt schließlich das Grundgesetz und in dem garantiert der fünfte Paragraf eben jene. Außerdem gibt es weitreichende Informationsrechte für Journalisten. Und auf der Straße angegriffen worden bin ich auch noch nie. Daran hat sich zwar nichts geändert. Doch meine Einstellung zu diesem Tag, der die Pressefreiheit auf der ganzen Welt ins Blickfeld rückt, hat sich spätestens im vergangenen Jahr gewandelt. Inzwischen halte ich es für ausgesprochen sinnvoll, die Pressefreiheit nicht als gegeben anzusehen wie ein unumstößliches Naturgesetz, das einfach da und dessen Abwesenheit gar nicht vorstellbar ist. Sondern sie präsent einzufordern und ihren Wert zu feiern. Den Tag des Sinneswandel kann ich benennen: Es war der 24. Oktober vergangenen Jahres. Auf der Rückfahrt aus den Herbstferien leuchtete plötzlich ein Bild auf meinem Handy auf. Eine Schaufensterpuppe war darauf zu sehen, die an einem Strick um den Hals von der Glacisbrücke baumelte. Vor der Brust ein Schild: „Covid-Presse“. Seitdem sitzt das Bild in meinem Kopf. Hin und wieder schiebt es sich nach vorne. Beängstigend, bedrohlich, dunkel. Es ist alles wie immer. Und nichts mehr so, wie es war. Denn unmissverständlich hat sich gezeigt: Die Presse hat Feinde, die mehr tun, als nur zu reden. Es hilft nicht, das überzudramatisieren. Es hilft aber auch nicht, so zu tun, als sei nichts gewesen. Denn nach Freiheit fühlt es sich nicht an, einen symbolisch erhängten Kollegen an einer Brücke mitten in Minden zu sehen. Und mit diesem Gedanken im Kopf arbeitet es sich weniger frei, als es üblich sein sollte. Weil das vielerorts so ist, weil Bedrohungen von und Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten gerade im Kontext der Corona-Berichterstattung teils unerträglich zugenommen haben, ist Deutschland in der „Rangliste der Pressefreiheit“ um zwei Ränge auf den 13. Platz abgerutscht. Statt „gut“ wird die Lage von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ nun nur noch als „zufriedenstellend“ eingestuft. Es ist eine Verschlechterung, die dem entspricht, wie frei ich mich bei meiner Arbeit fühle. Zufrieden, ja. Aber so richtig gut? Seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr. Und so braucht es den Tag der Pressefreiheit – in Deutschland – mehr als in den vergangenen Jahrzehnten. Es braucht nicht nur Journalisten, die an ihre Rechte erinnern und sie fordern, sondern uns alle: die gesamte Zivilgesellschaft. Ehrlich gesagt habe ich nach dem Mindener Puppen-Vorfall einen Aufschrei vermisst. Es täte gut, würde die Pressefreiheit in solchen Momenten breit und laut verteidigt. Eine Welt ohne Pressefreiheit ist eine unfreie Welt für alle!

Freiheit!: MT-Chefredakteur Benjamin Piel zum Internationalen Tag der Pressefreiheit

Zugegeben: Viele Jahre habe ich den heutigen Internationalen Tag der Pressefreiheit für ziemlichen Klimbim gehalten. Es gibt schließlich das Grundgesetz und in dem garantiert der fünfte Paragraf eben jene. Außerdem gibt es weitreichende Informationsrechte für Journalisten. Und auf der Straße angegriffen worden bin ich auch noch nie.

Piel - © Piel
Piel - © Piel

Daran hat sich zwar nichts geändert. Doch meine Einstellung zu diesem Tag, der die Pressefreiheit auf der ganzen Welt ins Blickfeld rückt, hat sich spätestens im vergangenen Jahr gewandelt. Inzwischen halte ich es für ausgesprochen sinnvoll, die Pressefreiheit nicht als gegeben anzusehen wie ein unumstößliches Naturgesetz, das einfach da und dessen Abwesenheit gar nicht vorstellbar ist. Sondern sie präsent einzufordern und ihren Wert zu feiern.

Den Tag des Sinneswandel kann ich benennen: Es war der 24. Oktober vergangenen Jahres. Auf der Rückfahrt aus den Herbstferien leuchtete plötzlich ein Bild auf meinem Handy auf. Eine Schaufensterpuppe war darauf zu sehen, die an einem Strick um den Hals von der Glacisbrücke baumelte. Vor der Brust ein Schild: „Covid-Presse“.

Seitdem sitzt das Bild in meinem Kopf. Hin und wieder schiebt es sich nach vorne. Beängstigend, bedrohlich, dunkel. Es ist alles wie immer. Und nichts mehr so, wie es war. Denn unmissverständlich hat sich gezeigt: Die Presse hat Feinde, die mehr tun, als nur zu reden. Es hilft nicht, das überzudramatisieren. Es hilft aber auch nicht, so zu tun, als sei nichts gewesen. Denn nach Freiheit fühlt es sich nicht an, einen symbolisch erhängten Kollegen an einer Brücke mitten in Minden zu sehen. Und mit diesem Gedanken im Kopf arbeitet es sich weniger frei, als es üblich sein sollte.

Weil das vielerorts so ist, weil Bedrohungen von und Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten gerade im Kontext der Corona-Berichterstattung teils unerträglich zugenommen haben, ist Deutschland in der „Rangliste der Pressefreiheit“ um zwei Ränge auf den 13. Platz abgerutscht. Statt „gut“ wird die Lage von der Organisation „Reporter ohne Grenzen“ nun nur noch als „zufriedenstellend“ eingestuft. Es ist eine Verschlechterung, die dem entspricht, wie frei ich mich bei meiner Arbeit fühle. Zufrieden, ja. Aber so richtig gut? Seit mindestens einem halben Jahr nicht mehr.

Und so braucht es den Tag der Pressefreiheit – in Deutschland – mehr als in den vergangenen Jahrzehnten. Es braucht nicht nur Journalisten, die an ihre Rechte erinnern und sie fordern, sondern uns alle: die gesamte Zivilgesellschaft. Ehrlich gesagt habe ich nach dem Mindener Puppen-Vorfall einen Aufschrei vermisst. Es täte gut, würde die Pressefreiheit in solchen Momenten breit und laut verteidigt.

Eine Welt ohne Pressefreiheit ist eine unfreie Welt für alle!

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