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Standpunkt zum Thema Berichten in Kriegszeiten: "Ganze Gesellschaft sollte Quellenstudium betreiben" Benjamin Piel Was ist das plötzlich für eine Kriegsrhetorik. Von Atomschlägen ist da die Rede, von milliardenschwerer Aufrüstung, Waffensystemen und der möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht. Was vor ein paar Wochen noch undenkbar erschien, ist sagbar geworden. Das hat gute Gründe, denn der Überfall Russlands auf die Ukraine bringt Leid über die Menschen und dem ist ein Zeichen der Geschlossenheit des Westens entgegenzusetzen. Das ist gelungen und war nötig. Zuerst als Mensch und dann als Journalist macht es mich aber auch nachdenklich. Sind wir auf dem Weg in ein neues Wettrüsten? Wohin führt das, wenn beide Seiten meinen, sich militärisch übertrumpfen zu müssen? Ist davon auszugehen, dass Russland das ultimative Böse und die Ukraine das reine Gute repräsentieren oder ist so eine Pauschalzuschreibung selbst in einem Angriffskrieg unangemessen? In Russland gibt es so gut wie keine freien Medien mehr und somit nur noch Propaganda. Doch wie sehr verstellt ihre politische Sichtweise auch „westlichen“ Medien den freien Blick? Ist so etwas wie Neutralität überhaupt denkbar – und ist sie im Angesicht eines Überfalls überhaupt das richtige Mittel? Es sind Fragen, die ich stelle, ohne Antworten zu haben. Zweifellos ist: Krieg ist die extremste Form der Polarisierung. Feinde stehen sich gegenüber. Zwangsläufig bestehen diametrale Sichtweisen auf den jeweiligen Konflikt. Und stets beanspruchen beide Seiten für sich, im Besitz der Wahrheit zu sein. Krieg, das ist auch das Ende der Ausgewogenheit. Journalisten stellt das vor Herausforderungen. Wem lässt sich wie sehr trauen? Was ist Tatsache, was Lüge? Oft müssen Berichterstatter den Transparenzhinweis mit auf den Weg geben: „Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.“ Bevor wir das schreiben, stellen wir uns die Frage, was überhaupt an Informationen verantwortbar weitergetragen werden kann. Denn was nicht überprüfbar ist, sollten Journalisten nicht berichten. In einem Krieg gilt aber, dass dann mitunter gar nichts zu berichten wäre – und so sind Abwägungskompromisse zu treffen.Nicht nur wir Journalisten müssen jetzt wachsam sein und Quellenstudium betreiben. Die ganze Gesellschaft sollte es tun. Längst sind auch Sie zu Publizisten geworden, die mit einem Klick Botschaften verbreiten. Wissen Sie immer so genau, was Sie da teilen? Sind die Bilder und Videos echt? Wer diese Fragen ernst nimmt und sein Handeln reflektiert, bevor er den Teilen-Knopf drückt, ist einen Schritt weiter. Und ein Stück weniger Rädchen in einer Maschinerie, deren Diener bewusst die wenigsten sein wollen dürften und es in der unüberschaubaren Bilderflut doch regelmäßig sind. Kriege im 21. Jahrhundert werden nicht nur an der Raketenrampe geführt. Sondern auch per elektronischer Propaganda. Wir werden kaum um die schmerzhafte Erkenntnis herumkommen, dass wir Teil dieses Krieges sind. Sei es als Zuschauer, sei es als Weiterträger.Der emeritierte Journalismus-Professor Michael Haller hat gerade auf den Punkt gebracht, was wir jetzt alle tun sollten: „Nicht gleich ein Urteil fällen, nicht gleich die gepostete Nachricht oder das Video teilen und weiterverbreiten, sondern mit kühlem Kopf hinsehen. (...) Kenne ich den Verbreiter, hat er ein Profil und kann ich dort zurückfragen? (...) Auch wenn ich mit meinen Verwandten – seien es Ukrainer oder Russen (...) – in enger Loyalität verbunden bin und bleiben will: Ich verbreite keine Gerüchte und keine Kolportagen und keine Erzählungen von irgendjemandem, auch wenn sie von meinen engsten Freunden oder meinen liebsten Verwandten kommen. Ich (...) lasse mich nicht skandalisieren und hysterisieren.“ Lesen Sie dazu auch: Im Informations-Krieg - Wie sich Mindener in schwierigen Zeiten informieren
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Standpunkt zum Thema Berichten in Kriegszeiten: "Ganze Gesellschaft sollte Quellenstudium betreiben"

Russland und Ukraine kämpfen um Meinungshoheit im Netz © Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa

Was ist das plötzlich für eine Kriegsrhetorik. Von Atomschlägen ist da die Rede, von milliardenschwerer Aufrüstung, Waffensystemen und der möglichen Wiedereinführung der Wehrpflicht. Was vor ein paar Wochen noch undenkbar erschien, ist sagbar geworden. Das hat gute Gründe, denn der Überfall Russlands auf die Ukraine bringt Leid über die Menschen und dem ist ein Zeichen der Geschlossenheit des Westens entgegenzusetzen. Das ist gelungen und war nötig.

Zuerst als Mensch und dann als Journalist macht es mich aber auch nachdenklich. Sind wir auf dem Weg in ein neues Wettrüsten? Wohin führt das, wenn beide Seiten meinen, sich militärisch übertrumpfen zu müssen? Ist davon auszugehen, dass Russland das ultimative Böse und die Ukraine das reine Gute repräsentieren oder ist so eine Pauschalzuschreibung selbst in einem Angriffskrieg unangemessen? In Russland gibt es so gut wie keine freien Medien mehr und somit nur noch Propaganda. Doch wie sehr verstellt ihre politische Sichtweise auch „westlichen“ Medien den freien Blick? Ist so etwas wie Neutralität überhaupt denkbar – und ist sie im Angesicht eines Überfalls überhaupt das richtige Mittel? Es sind Fragen, die ich stelle, ohne Antworten zu haben.

Benjamin Piel - © Norbert Erler
Benjamin Piel - © Norbert Erler

Zweifellos ist: Krieg ist die extremste Form der Polarisierung. Feinde stehen sich gegenüber. Zwangsläufig bestehen diametrale Sichtweisen auf den jeweiligen Konflikt. Und stets beanspruchen beide Seiten für sich, im Besitz der Wahrheit zu sein. Krieg, das ist auch das Ende der Ausgewogenheit. Journalisten stellt das vor Herausforderungen. Wem lässt sich wie sehr trauen? Was ist Tatsache, was Lüge? Oft müssen Berichterstatter den Transparenzhinweis mit auf den Weg geben: „Diese Angaben können nicht unabhängig überprüft werden.“ Bevor wir das schreiben, stellen wir uns die Frage, was überhaupt an Informationen verantwortbar weitergetragen werden kann. Denn was nicht überprüfbar ist, sollten Journalisten nicht berichten. In einem Krieg gilt aber, dass dann mitunter gar nichts zu berichten wäre – und so sind Abwägungskompromisse zu treffen.

Nicht nur wir Journalisten müssen jetzt wachsam sein und Quellenstudium betreiben. Die ganze Gesellschaft sollte es tun. Längst sind auch Sie zu Publizisten geworden, die mit einem Klick Botschaften verbreiten. Wissen Sie immer so genau, was Sie da teilen? Sind die Bilder und Videos echt? Wer diese Fragen ernst nimmt und sein Handeln reflektiert, bevor er den Teilen-Knopf drückt, ist einen Schritt weiter. Und ein Stück weniger Rädchen in einer Maschinerie, deren Diener bewusst die wenigsten sein wollen dürften und es in der unüberschaubaren Bilderflut doch regelmäßig sind. Kriege im 21. Jahrhundert werden nicht nur an der Raketenrampe geführt. Sondern auch per elektronischer Propaganda. Wir werden kaum um die schmerzhafte Erkenntnis herumkommen, dass wir Teil dieses Krieges sind. Sei es als Zuschauer, sei es als Weiterträger.

Der emeritierte Journalismus-Professor Michael Haller hat gerade auf den Punkt gebracht, was wir jetzt alle tun sollten: „Nicht gleich ein Urteil fällen, nicht gleich die gepostete Nachricht oder das Video teilen und weiterverbreiten, sondern mit kühlem Kopf hinsehen. (...) Kenne ich den Verbreiter, hat er ein Profil und kann ich dort zurückfragen? (...) Auch wenn ich mit meinen Verwandten – seien es Ukrainer oder Russen (...) – in enger Loyalität verbunden bin und bleiben will: Ich verbreite keine Gerüchte und keine Kolportagen und keine Erzählungen von irgendjemandem, auch wenn sie von meinen engsten Freunden oder meinen liebsten Verwandten kommen. Ich (...) lasse mich nicht skandalisieren und hysterisieren.“

Lesen Sie dazu auch: Im Informations-Krieg - Wie sich Mindener in schwierigen Zeiten informieren

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