Wenn einer das Schönste findet, was er sich vorstellen kann… Betr.: MT-Artikel vom 23.08.2008: "Kleine Funde entlohnen für Handarbeit" Der stellvertretende Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Dr. Daniel Bérenger, ist ein beneidenswerter Mensch, denn er hatte das Glück zu entdecken, was er sich vorher kaum zu erträumen wagte. Kurz vor seiner Pensionierung war es ihm vergönnt, gegenüber den Medien zu verkünden1): »Wir haben das Schönste gefunden, was wir uns vorstellen konnten – wir haben ein Römerlager gefunden.« Und zwar nicht irgendein Römerlager, sondern wahrscheinlich das Römerlager, in dem »Varus im Jahre 9 residiert hat, bevor er in die Schlacht gezogen ist«. Diese kühne Behauptung erläuternd, fügt er hinzu2): »Die Funde stehen auf jeden Fall in einem militärischen Zusammenhang und sehen so aus, als wenn sie aus der Zeit von Haltern, also 4 bis 9 nach Christus, stammen. (…) Normalerweise wird gegraben und Indizien gesammelt, die gedeutet werden. In diesem Fall sind die Funde so eindeutig, dass wir vor Beginn der Grabungen schon wissen, wo wir sind.« Angesichts des bescheidenen Umfan gs der ersten Funde (eine keltische und drei römische Münzen, einen Sandalennagel und eine römische Gewandspange) sind dies bemerkenswert spekulative Aussagen für einen hauptamtlichen Archäologen, der für seine Zunft beansprucht, im Unterschied zu vielen »fieberhaft« agierenden Hobbyarchäologen mit »Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein« vorzugehen.3) Sie verdienen daher, näher analysiert zu werden.Wer ist »wir haben gefunden«, und wenn ja, wie viele...?»Wir« sind – wie so oft – auch in diesem Fall keine hauptamtlichen Archäologen, sondern hinter »wir« verbergen sich engagierte Hobbyarchäologen. In diesem Fall eine Gruppe von drei Sondengängern um den Griechen Vassilios Efstratiadis. Die hatten den Bodenaushub auf einer Baustelle im Baugebiet »Auf der Laake« in Porta Westfalica-Barkhausen mit einer Metallsonde untersucht und waren fündig geworden. Bérenger hatte zwar schon vor den Sondierungen der Hobbyarchäologen seine eigenen Archäologen zweimal ins Feld geschickt, um die Straßentrassen des Baugebietes nach Spuren römischer Hinterlassenschaften abzusuchen4), den offiziellen Suchtrupps blieb allerdings verwehrt, was den Sondengängern um Efstratiadis kurze Zeit später gelang, nämlich Funde aus römischer Zeit aufzuspüren. In der Presse wurde dann berichtet, dass die Hobbyarchäologen ihre Sondierungen auf Veranlassung des Landschaftsverbandes durchgeführt hätten5). Dies trifft jedoch nicht zu, wie mir Efstratiadis auf telefoni sche Nachfrage versicherte. Er und seine zwei Kollegen hätten auf eigene Faust gehandelt. Die Wahl des Standorts sei mehr oder weniger zufällig und hinge vielleicht damit zusammen, dass bei Bodenaushubarbeiten in der Umgebung des neuen Baugebiets schon früher Funde gemacht worden seien, die aber zerstört wurden oder verloren gingen, weil niemand deren archäologischen Wert erkannte und sich niemand dafür interessierte.Für unseren Protagonisten Bérenger ist Amateurarchäologe allerdings nicht gleich Amateurarchäologe. So differenziert er zwischen »ehrenamtlichen Helfern der Bodendenkmalpflege, die keine Interviews geben, sondern still und aufmerksam Baustellen kontrollieren und gepflügte Äcker begehen, dabei Fundstellen und Bodendenkmäler entdecken, die sie dem Landesmuseum unverzüglich melden« und »medienwirksamen Hobbyforschern«, die »auf das populistische Reizthema Varusschlacht« fixiert sind und »es geschafft haben, in Lippe einen überflüssigen Streit um die Varusschlacht anzuzetteln und durch einflussreiche Unterstützung eine unerträgliche Stimmung im Lande zu erzeugen.«3) Kurz: Ein Amateurarchäologe hat schweigsam und zuverlässig zu sein und das Denken und die Öffentlichkeitsarbeit den Profis in den Amtsstuben zu überlassen. Da verwundert es nicht, dass er Hobbyarchäologen, die sich nicht daran halten und eigene Theorien publizieren, auch schon mal Raubgräbertum und Fundunterschiebung unterstellt. Im konkreten Fall traute er gleich zwei (!) erfolgreichen Sondengängern zu, dass sie einen aussagekräftigen Leitfund aus dem Rheinland nach Lippe eingeschleppt hätten, um so ihren »fieberhaften Arminius-Träumereien« mehr Gewicht zu verleihen. Man könnte die Geschichte natürlich auch so interpretieren, dass Bérenger jedes Mittel recht ist, um aus offizieller Sicht unangenehme Funde oder unerwünschtes Engagement aus der lippischen Welt zu schaffen.Wie kam es zu Beréngers euphorischer Reaktion auf die Funde in Barkhausen, und warum ist sie so irritierend?Der Sondengänger Efstratiadis gehört zweifelsfrei zu den von offiziellen Stellen gern gesehenen Amateurarchäologen. Am 08.07.08 informierte er Bérenger telefonisch über seine jüngsten Funde. Bei dem löste die Meldung einen erstaunlichen Prozess aus 2): »›In der Nacht habe ich nachgedacht‹ erinnert sich Bérenger (…). ›Die Fibel, die Münzen. Und ich dachte: Ja, jetzt haben wir es.‹« Bérengers spontane Reaktion irritiert angesichts der wenigen und als Indizien für einen Lagerstandort wenig aussagekräftigen Funde. Sie irritiert auch dann noch, wenn man berücksichtigt, dass ›Römerforscher‹ schon seit langem im Bereich Porta ein Römerlager vermuteten6). (Bekanntlich hatte der berühmte Historiker Theodor Mommsen, der als einer der ersten Historiker in Kalkriese den Schauplatz der Varusschlacht sah, sogar passend dazu am Weserdurchbruch bei Porta das Sommerlager des Varus vermutet.) Interessanterweise hatte der selbe Sondengänger fast genau zwei Jahre zuvor und nur knapp einen Kilome ter weiter nördlich im geplanten »Gewerbegebiet Barkhausen – Zwischen den Dämmen« mindestens ebenso aussagekräftige Funde gemacht7): »Drei römische Denare, zwei spinnwirtelförmige Bleigewichte und zwei bronzene Grapenfüße«. Diese Funde hatten bei Bérenger aber nicht im Entferntesten so ein Heureka-Erlebnis ausgelöst wie im aktuellen Fall, geschweige denn, dass sie ihn dazu veranlasst hätten, einen Medienzirkus um das ›letzte Nachtlager des Varus‹ zu initiieren. Stattdessen ist dem Denkmalpflegebericht für 2006 zu entnehmen, dass er damals ohne jeglichen Presserummel eine kleine Teilfläche untersucht und diffuse Siedlungsspuren aus der römischen Kaiserzeit gefunden hat.Was um alles in der Welt hat Bérenger verleitet, wilde Spekulationen über das letzte Lager des Varus loszutreten?Bérenger präsentiert sich in der Öffentlichkeit gerne als ein umsichtig-rational denkender und handelnder Archäologe. Er legt großen Wert darauf, sich anders als die meisten Hobbyforscher (aber auch einiger seiner Kollegen) nicht an verbissenen Spekulationen über den Schauplatz der Varusschlacht zu beteiligen. Anlässlich der Funde in Barkhausen kleidete er seine Einstellung gegenüber der Presse in markig-kokette Worte1): »Die Varusschlacht hat mich nie interessiert, die ganze Struktur vor dem Kollaps ist viel interessanter. Den Kollaps können die Niedersachsen gerne behalten.« Was mag in ihn gefahren sein, dass er trotz der bisher vergleichsweise dürftigen Funde nun plötzlich selber wildeste Spekulationen – zwar nicht über die Örtlichkeit der Schlacht, aber immerhin über die letzte Nacht des Varus – lostritt? Wir erinnern uns: Bis zur Presseerklärung des Landschaftsverbandes vom 07.08.08 hatte man in Barkhausen ein paar Münzen, eine Gewandspange, Sandalennägel, Bleilote und ein Mühlsteinfragment, aber noch nicht einen einzigen Befestigungsgraben gefunden. Also durchweg Funde, die zwar mit einiger Sicherheit Rückschlüsse auf die Anwesenheit römischer Legionäre zulassen, die aber keinesfalls ausreichen, um auf den Standort eines Römerlagers zu schließen. Umso erstaunlicher der Originalton Bérenger zur Wahrscheinlichkeit, ein Lager gefunden zu haben2): »Da es Menschen gibt, die Bedenken haben, spreche ich von einer Wahrscheinlichkeit von 99 % (...) Aber in meinen Knochen sitzen 100 Prozent.« Da drängt sich die Frage auf, was einen ausgewiesenen hauptamtlichen Bedenkenträger bewegt, ausgerechnet in diesem Fall keine Bedenken zu haben.Darauf gibt es womöglich eine sehr plausible Antwort: Das Jubiläumsjahr der Varusschlacht in 2009 steht vor der Tür, und es ist kaum mehr zu übersehen, dass unsere ostwestfälischen Denkmalpfleger dafür schlecht ›aufgestellt‹ sind oder doch zumindest befürchten müssen, gegenüber den gewieften Kalkriesern zunehmend ins Hintertreffen zu geraten. Und im Windschatten eines abnehmenden öffentlichen Interesses drohen bekanntlich auch – das Schönste, was man sich vorstellen kann… nämlich – die öffentlichen Gelder zu versiegen. Bereits im Vorfeld des Jubiläums hatte die hauptamtliche Archäologenschaft Prügel von engagierten lippischen Historikern und Amateurarchäologen einstecken müssen8). Ihnen wurde vorgeworfen, kampflos und ohne Not, d. h. ohne wissenschaftlich überzeugende oder gar zwingende Indizien9) den Kalkriesern den Schauplatz der Varusschlacht zu überlassen und sich selbst mit dem Mythos der Schlacht zu begnügen. Denn was für die Kalkrieser der Fundplatz »Oberesch« ist, das ist für die Lipper der Fundplatz »Winnfeld«. Auf dem südlich von Detmold gelegenen Winnfeld wurden laut glaubhaften Berichten aus einigen hundert Jahren immer wieder Funde, die auf ein Kampfgeschehen in römischer Zeit hinweisen, ausgepflügt bzw. ausgegraben10). Und schon von den Humanisten und gebildeten Ständen des 16. Jahrhunderts wurde die Varusschlacht hier verortet. Kurzum, je mehr sich das Jubiläumsjahr näherte, um so dringender bedurfte es eines Befreiungsschlages, damit die ostwestfälischen Archäologen nicht als amtliche Deppen dastehen, die sich mehr an den Mythos des Hermannsdenkmals als an Funde und eine ausgewiesene Fundgeschichte klammern.Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas wird Bérengers irritierend-euphorischer Ausruf »Ja, jetzt haben wir es!« ganz zwanglos verständlich. Der Sondengänger Efstratiadis hatte ihm nicht nur einige römische Fundstücke gemeldet, sondern zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort eine optimale Vorlage für einen Befreiungsschlag geliefert: Den Hinweis auf ein mögliches Römerlager in annehmbarer Entfernung zu Kalkriese und außerhalb von Lippe. Dies war bei entsprechend geschickter Vermarktung nicht nur geeignet, seinen hartnäckigen lippischen Widersachern den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern auch das öffentliche Interesse wieder auf die gute Arbeit der in die Kritik geratenen ostwestfälischen Denkmalpflege zu lenken. Und in der Tat war die regionale und überregionale Medienresonanz auf die Pressemitteilung des LWL vom 07.08.08 enorm. Bérengers Spekulationen über das letzte Lager des Varus vor seinem Zug ins Verderben bestimmten vom Mindener Tageblatt bis hin zum FOCUS Online die Schlagzeilen. Auch die Politik und die Ministerialbürokratie waren schnell zur Stelle: Portas Bürgermeister Stephan Böhme fabulierte am Ausgrabungsort von einem »Glücksgefühl über diesen offensichtlich kulturhistorisch bedeutsamen Platz« und darüber, wie man ihn im Jubiläumsjahr 2009 vermarkten könnte5). Und Thomas Otten, Referatsleiter Bodendenkmalpflege und Bodendenkmalschutz im Düsseldorfer Bauministerium, meinte vor Ort bestätigen zu müssen, dass der Lagerstandort gut zu den »historischen Quellen« sowie von der Distanz her zu Haltern und Kalkriese passe11).Und die Moral von der Geschichte: Da kann man einmal sehen, welchen Berg schmutziger Wäsche der Archäologe Bérenger reinwaschen wollte, als er den Medien ganz verzückt verkündete: »Wir haben das Schönste gefunden, was wir uns vorstellen konnten – wir haben ein Römerlager gefunden.«Quellennachweise 1) n-tv.de vom 07.08.2008: »Römerlager gefunden«, URL: http://www.n-tv.de/100056646.html 2) FOCUS Online vom 08.08.2008: »Auf den Spuren des Varus«, URL: http://www.focus.de/wissen/bildung/Geschichte/archaeologie-auf-den-spuren-varus_aid_323347.html 3) Bérenger, Daniel (2003): »Heimatland Lippe – Streit um die Varusschlacht«. In: Archäologie in Ostwestfallen Bd. 8, 40- 42, Bielefeld 4) Presseinfo des LWL vom 07.08.08: »Römische Funde an der Porta Westfalica«, URL: http://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=18589 5) Mindener Tageblatt vom 08.08.08: »Von der Weser aus ins Verderben«, URL: http://www.mt-online.de/mt/lokales/kultur/?cnt=2507467 6) Kröger, Hannelore (2003): »Wohnen auf historischem Boden – Eine Zufallsentdeckung in Porta Westfalica-Barkhausen, Kreis Minden-Lübbecke«. – In: Archäologie in Ostwestfalen Bd. 8, 30-32 7) Westfälisches Museum für Archäologie, Landesmuseum und Amt für Denkmalpflege, Altertumskommission für Westfalen (2007): »Neujahrsgruß 2007 - Jahresbericht für 2006«, Außenstelle Bielefeld, 45-61, Münster 8) Schäferjohann-Bursian, Iris (2003): »Fehlstart in Lippe? – Das Varusschlacht-Jubiläum 2009 wirft seine Schatten voraus«. – In: Heimatland Lippe 96/3, 42-44 9) Lippek, Wolfgang (2002): »Inhaltliche Strukturanalyse der Denarkomplexe von Kalkriese und Haltern – Widerlegung der ›Kalkrieser These‹ zum Ort der Varusschlacht«. – In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde Bd. 71, 223-263 10) — (2008): »Beurteilungen römischer Funde auf dem Winnfeld im Teutoburger Wald«. – In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde Bd. 76, 347-353 11) SZON vom 07.08.08: »Archäologen auf der Spur eines römischen Lagers«, URL: http://www.szon.denews/kultur/aktuell/200808070864.html G.M., 02.09.08Georg MentingLeipziger Ring 55Lippstadt

Wenn einer das Schönste findet, was er sich vorstellen kann…

Betr.: MT-Artikel vom 23.08.2008: "Kleine Funde entlohnen für Handarbeit"

Der stellvertretende Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, Dr. Daniel Bérenger, ist ein beneidenswerter Mensch, denn er hatte das Glück zu entdecken, was er sich vorher kaum zu erträumen wagte. Kurz vor seiner Pensionierung war es ihm vergönnt, gegenüber den Medien zu verkünden1): »Wir haben das Schönste gefunden, was wir uns vorstellen konnten – wir haben ein Römerlager gefunden.« Und zwar nicht irgendein Römerlager, sondern wahrscheinlich das Römerlager, in dem »Varus im Jahre 9 residiert hat, bevor er in die Schlacht gezogen ist«. Diese kühne Behauptung erläuternd, fügt er hinzu2): »Die Funde stehen auf jeden Fall in einem militärischen Zusammenhang und sehen so aus, als wenn sie aus der Zeit von Haltern, also 4 bis 9 nach Christus, stammen. (…) Normalerweise wird gegraben und Indizien gesammelt, die gedeutet werden. In diesem Fall sind die Funde so eindeutig, dass wir vor Beginn der Grabungen schon wissen, wo wir sind.« Angesichts des bescheidenen Umfan gs der ersten Funde (eine keltische und drei römische Münzen, einen Sandalennagel und eine römische Gewandspange) sind dies bemerkenswert spekulative Aussagen für einen hauptamtlichen Archäologen, der für seine Zunft beansprucht, im Unterschied zu vielen »fieberhaft« agierenden Hobbyarchäologen mit »Augenmaß und Verantwortungsbewusstsein« vorzugehen.3) Sie verdienen daher, näher analysiert zu werden.

Wer ist »wir haben gefunden«, und wenn ja, wie viele...?

»Wir« sind – wie so oft – auch in diesem Fall keine hauptamtlichen Archäologen, sondern hinter »wir« verbergen sich engagierte Hobbyarchäologen. In diesem Fall eine Gruppe von drei Sondengängern um den Griechen Vassilios Efstratiadis. Die hatten den Bodenaushub auf einer Baustelle im Baugebiet »Auf der Laake« in Porta Westfalica-Barkhausen mit einer Metallsonde untersucht und waren fündig geworden. Bérenger hatte zwar schon vor den Sondierungen der Hobbyarchäologen seine eigenen Archäologen zweimal ins Feld geschickt, um die Straßentrassen des Baugebietes nach Spuren römischer Hinterlassenschaften abzusuchen4), den offiziellen Suchtrupps blieb allerdings verwehrt, was den Sondengängern um Efstratiadis kurze Zeit später gelang, nämlich Funde aus römischer Zeit aufzuspüren. In der Presse wurde dann berichtet, dass die Hobbyarchäologen ihre Sondierungen auf Veranlassung des Landschaftsverbandes durchgeführt hätten5). Dies trifft jedoch nicht zu, wie mir Efstratiadis auf telefoni sche Nachfrage versicherte. Er und seine zwei Kollegen hätten auf eigene Faust gehandelt. Die Wahl des Standorts sei mehr oder weniger zufällig und hinge vielleicht damit zusammen, dass bei Bodenaushubarbeiten in der Umgebung des neuen Baugebiets schon früher Funde gemacht worden seien, die aber zerstört wurden oder verloren gingen, weil niemand deren archäologischen Wert erkannte und sich niemand dafür interessierte.

Für unseren Protagonisten Bérenger ist Amateurarchäologe allerdings nicht gleich Amateurarchäologe. So differenziert er zwischen »ehrenamtlichen Helfern der Bodendenkmalpflege, die keine Interviews geben, sondern still und aufmerksam Baustellen kontrollieren und gepflügte Äcker begehen, dabei Fundstellen und Bodendenkmäler entdecken, die sie dem Landesmuseum unverzüglich melden« und »medienwirksamen Hobbyforschern«, die »auf das populistische Reizthema Varusschlacht« fixiert sind und »es geschafft haben, in Lippe einen überflüssigen Streit um die Varusschlacht anzuzetteln und durch einflussreiche Unterstützung eine unerträgliche Stimmung im Lande zu erzeugen.«3) Kurz: Ein Amateurarchäologe hat schweigsam und zuverlässig zu sein und das Denken und die Öffentlichkeitsarbeit den Profis in den Amtsstuben zu überlassen. Da verwundert es nicht, dass er Hobbyarchäologen, die sich nicht daran halten und eigene Theorien publizieren, auch schon mal Raubgräbertum und Fundunterschiebung unterstellt. Im konkreten Fall traute er gleich zwei (!) erfolgreichen Sondengängern zu, dass sie einen aussagekräftigen Leitfund aus dem Rheinland nach Lippe eingeschleppt hätten, um so ihren »fieberhaften Arminius-Träumereien« mehr Gewicht zu verleihen. Man könnte die Geschichte natürlich auch so interpretieren, dass Bérenger jedes Mittel recht ist, um aus offizieller Sicht unangenehme Funde oder unerwünschtes Engagement aus der lippischen Welt zu schaffen.

Wie kam es zu Beréngers euphorischer Reaktion auf die Funde in Barkhausen, und warum ist sie so irritierend?

Der Sondengänger Efstratiadis gehört zweifelsfrei zu den von offiziellen Stellen gern gesehenen Amateurarchäologen. Am 08.07.08 informierte er Bérenger telefonisch über seine jüngsten Funde. Bei dem löste die Meldung einen erstaunlichen Prozess aus 2): »›In der Nacht habe ich nachgedacht‹ erinnert sich Bérenger (…). ›Die Fibel, die Münzen. Und ich dachte: Ja, jetzt haben wir es.‹« Bérengers spontane Reaktion irritiert angesichts der wenigen und als Indizien für einen Lagerstandort wenig aussagekräftigen Funde. Sie irritiert auch dann noch, wenn man berücksichtigt, dass ›Römerforscher‹ schon seit langem im Bereich Porta ein Römerlager vermuteten6). (Bekanntlich hatte der berühmte Historiker Theodor Mommsen, der als einer der ersten Historiker in Kalkriese den Schauplatz der Varusschlacht sah, sogar passend dazu am Weserdurchbruch bei Porta das Sommerlager des Varus vermutet.) Interessanterweise hatte der selbe Sondengänger fast genau zwei Jahre zuvor und nur knapp einen Kilome ter weiter nördlich im geplanten »Gewerbegebiet Barkhausen – Zwischen den Dämmen« mindestens ebenso aussagekräftige Funde gemacht7): »Drei römische Denare, zwei spinnwirtelförmige Bleigewichte und zwei bronzene Grapenfüße«. Diese Funde hatten bei Bérenger aber nicht im Entferntesten so ein Heureka-Erlebnis ausgelöst wie im aktuellen Fall, geschweige denn, dass sie ihn dazu veranlasst hätten, einen Medienzirkus um das ›letzte Nachtlager des Varus‹ zu initiieren. Stattdessen ist dem Denkmalpflegebericht für 2006 zu entnehmen, dass er damals ohne jeglichen Presserummel eine kleine Teilfläche untersucht und diffuse Siedlungsspuren aus der römischen Kaiserzeit gefunden hat.

Was um alles in der Welt hat Bérenger verleitet, wilde Spekulationen über das letzte Lager des Varus loszutreten?

Bérenger präsentiert sich in der Öffentlichkeit gerne als ein umsichtig-rational denkender und handelnder Archäologe. Er legt großen Wert darauf, sich anders als die meisten Hobbyforscher (aber auch einiger seiner Kollegen) nicht an verbissenen Spekulationen über den Schauplatz der Varusschlacht zu beteiligen. Anlässlich der Funde in Barkhausen kleidete er seine Einstellung gegenüber der Presse in markig-kokette Worte1): »Die Varusschlacht hat mich nie interessiert, die ganze Struktur vor dem Kollaps ist viel interessanter. Den Kollaps können die Niedersachsen gerne behalten.« Was mag in ihn gefahren sein, dass er trotz der bisher vergleichsweise dürftigen Funde nun plötzlich selber wildeste Spekulationen – zwar nicht über die Örtlichkeit der Schlacht, aber immerhin über die letzte Nacht des Varus – lostritt? Wir erinnern uns: Bis zur Presseerklärung des Landschaftsverbandes vom 07.08.08 hatte man in Barkhausen ein paar Münzen, eine Gewandspange, Sandalennägel, Bleilote und ein Mühlsteinfragment, aber noch nicht einen einzigen Befestigungsgraben gefunden. Also durchweg Funde, die zwar mit einiger Sicherheit Rückschlüsse auf die Anwesenheit römischer Legionäre zulassen, die aber keinesfalls ausreichen, um auf den Standort eines Römerlagers zu schließen. Umso erstaunlicher der Originalton Bérenger zur Wahrscheinlichkeit, ein Lager gefunden zu haben2): »Da es Menschen gibt, die Bedenken haben, spreche ich von einer Wahrscheinlichkeit von 99 % (...) Aber in meinen Knochen sitzen 100 Prozent.« Da drängt sich die Frage auf, was einen ausgewiesenen hauptamtlichen Bedenkenträger bewegt, ausgerechnet in diesem Fall keine Bedenken zu haben.

Darauf gibt es womöglich eine sehr plausible Antwort: Das Jubiläumsjahr der Varusschlacht in 2009 steht vor der Tür, und es ist kaum mehr zu übersehen, dass unsere ostwestfälischen Denkmalpfleger dafür schlecht ›aufgestellt‹ sind oder doch zumindest befürchten müssen, gegenüber den gewieften Kalkriesern zunehmend ins Hintertreffen zu geraten. Und im Windschatten eines abnehmenden öffentlichen Interesses drohen bekanntlich auch – das Schönste, was man sich vorstellen kann… nämlich – die öffentlichen Gelder zu versiegen. Bereits im Vorfeld des Jubiläums hatte die hauptamtliche Archäologenschaft Prügel von engagierten lippischen Historikern und Amateurarchäologen einstecken müssen8). Ihnen wurde vorgeworfen, kampflos und ohne Not, d. h. ohne wissenschaftlich überzeugende oder gar zwingende Indizien9) den Kalkriesern den Schauplatz der Varusschlacht zu überlassen und sich selbst mit dem Mythos der Schlacht zu begnügen. Denn was für die Kalkrieser der Fundplatz »Oberesch« ist, das ist für die Lipper der Fundplatz »Winnfeld«. Auf dem südlich von Detmold gelegenen Winnfeld wurden laut glaubhaften Berichten aus einigen hundert Jahren immer wieder Funde, die auf ein Kampfgeschehen in römischer Zeit hinweisen, ausgepflügt bzw. ausgegraben10). Und schon von den Humanisten und gebildeten Ständen des 16. Jahrhunderts wurde die Varusschlacht hier verortet. Kurzum, je mehr sich das Jubiläumsjahr näherte, um so dringender bedurfte es eines Befreiungsschlages, damit die ostwestfälischen Archäologen nicht als amtliche Deppen dastehen, die sich mehr an den Mythos des Hermannsdenkmals als an Funde und eine ausgewiesene Fundgeschichte klammern.

Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas wird Bérengers irritierend-euphorischer Ausruf »Ja, jetzt haben wir es!« ganz zwanglos verständlich. Der Sondengänger Efstratiadis hatte ihm nicht nur einige römische Fundstücke gemeldet, sondern zum richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort eine optimale Vorlage für einen Befreiungsschlag geliefert: Den Hinweis auf ein mögliches Römerlager in annehmbarer Entfernung zu Kalkriese und außerhalb von Lippe. Dies war bei entsprechend geschickter Vermarktung nicht nur geeignet, seinen hartnäckigen lippischen Widersachern den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern auch das öffentliche Interesse wieder auf die gute Arbeit der in die Kritik geratenen ostwestfälischen Denkmalpflege zu lenken. Und in der Tat war die regionale und überregionale Medienresonanz auf die Pressemitteilung des LWL vom 07.08.08 enorm. Bérengers Spekulationen über das letzte Lager des Varus vor seinem Zug ins Verderben bestimmten vom Mindener Tageblatt bis hin zum FOCUS Online die Schlagzeilen. Auch die Politik und die Ministerialbürokratie waren schnell zur Stelle: Portas Bürgermeister Stephan Böhme fabulierte am Ausgrabungsort von einem »Glücksgefühl über diesen offensichtlich kulturhistorisch bedeutsamen Platz« und darüber, wie man ihn im Jubiläumsjahr 2009 vermarkten könnte5). Und Thomas Otten, Referatsleiter Bodendenkmalpflege und Bodendenkmalschutz im Düsseldorfer Bauministerium, meinte vor Ort bestätigen zu müssen, dass der Lagerstandort gut zu den »historischen Quellen« sowie von der Distanz her zu Haltern und Kalkriese passe11).

Und die Moral von der Geschichte: Da kann man einmal sehen, welchen Berg schmutziger Wäsche der Archäologe Bérenger reinwaschen wollte, als er den Medien ganz verzückt verkündete: »Wir haben das Schönste gefunden, was wir uns vorstellen konnten – wir haben ein Römerlager gefunden.«

Quellennachweise 1) n-tv.de vom 07.08.2008: »Römerlager gefunden«, URL: http://www.n-tv.de/100056646.html 2) FOCUS Online vom 08.08.2008: »Auf den Spuren des Varus«, URL: http://www.focus.de/wissen/bildung/Geschichte/
archaeologie-auf-den-spuren-varus_aid_323347.html 3) Bérenger, Daniel (2003): »Heimatland Lippe – Streit um die Varusschlacht«. In: Archäologie in Ostwestfallen Bd. 8, 40- 42, Bielefeld 4) Presseinfo des LWL vom 07.08.08: »Römische Funde an der Porta Westfalica«, URL: http://www.lwl.org/pressemitteilungen/mitteilung.php?urlID=18589 5) Mindener Tageblatt vom 08.08.08: »Von der Weser aus ins Verderben«, URL: http://www.mt-online.de/mt/lokales/kultur/?cnt=2507467 6) Kröger, Hannelore (2003): »Wohnen auf historischem Boden – Eine Zufallsentdeckung in Porta Westfalica-Barkhausen, Kreis Minden-Lübbecke«. – In: Archäologie in Ostwestfalen Bd. 8, 30-32 7) Westfälisches Museum für Archäologie, Landesmuseum und Amt für Denkmalpflege, Altertumskommission für Westfalen (2007): »Neujahrsgruß 2007 - Jahresbericht für 2006«, Außenstelle Bielefeld, 45-61, Münster 8) Schäferjohann-Bursian, Iris (2003): »Fehlstart in Lippe? – Das Varusschlacht-Jubiläum 2009 wirft seine Schatten voraus«. – In: Heimatland Lippe 96/3, 42-44 9) Lippek, Wolfgang (2002): »Inhaltliche Strukturanalyse der Denarkomplexe von Kalkriese und Haltern – Widerlegung der ›Kalkrieser These‹ zum Ort der Varusschlacht«. – In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde Bd. 71, 223-263 10) — (2008): »Beurteilungen römischer Funde auf dem Winnfeld im Teutoburger Wald«. – In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde Bd. 76, 347-353 11) SZON vom 07.08.08: »Archäologen auf der Spur eines römischen Lagers«, URL: http://www.szon.denews/kultur/aktuell/200808070864.html G.M., 02.09.08

Georg Menting
Leipziger Ring 55
Lippstadt

Copyright © Mindener Tageblatt 2020
Texte und Fotos von MT.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.
Weiterlesen in Leserbriefe