Völlig abgekoppelte Inszenierung Betr.: MT-Artikel vom 15.09.2008: "Wo Varus´ Mannen einst rasteten" Anfang August 2008 hatte sich der Vize-Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe Dr. Daniel Bérenger mit abenteuerlichen Spekulationen über die Infrastruktur der Varusschlacht ins öffentliche Rampenlicht gerückt. Trotz äußerst dünner Fundlage war sich Bérenger zu 100 Prozent sicher (»er spüre das in seinen Knochen«), in Porta Westfalica-Barkhausen nicht nur irgendein römisches Lager, sondern exakt das Lager gefunden zu haben, in dem Varus residierte, bevor er im Sommer 9. n. Chr. in die Katastrophe marschierte. Bérenger, der bisher eher das Image eines nüchtern denkenden, wenig visionären hauptamtlichen Bedenkenträgers hatte, verblüffte plötzlich mit hellseherischen Fähigkeiten: Ohne auch nur einen einzigen Befestigungsgraben gefunden zu haben (»die momentan untersuchte Fläche liege irgendwo mittendrin«), wusste er gegenüber den Medien nicht nur zu berichten, wie groß das Lager war (»mindestens 16 ha«), sondern auch, wo vermutlich die Kommandantur des Varus’ (»z eigt auf einen Hügel«) und die Mannschaftsunterkünfte (»und da die Baracken oder Zelte für 6.000 Soldaten«) gestanden haben.Die sensationellen Nachrichten wurden von den Medien bundesweit aufgegriffen: Die Schlagzeilen reichten vom eher realistischen »Auf den Spuren eines Römerlagers« bis hin zum grotesken »Wo Varus’ Mannen einst rasteten«. In der Folge entwickelte sich das Grabungsgelände zu einer Pilgerstätte für Archäologen aus der ganzen Republik. Besonders begeistert und stark vertreten die Archäologen aus Kalkriese, die wohl ihr Glück kaum fassen konnten, dass sie nur wenige Monate vor dem Beginn des Varusjahr 2009 ausgerechnet von den ostwestfälischen Denkmalpflegern massive Schützenhilfe für ihre massiv in die Kritik geratene Verortung der Varusschlacht am Kalkrieser Berg bekamen. Auch dem einfachen Volk wurde Gelegenheit zum Staunen vor Ort gegeben. Kurzfristig wurde das Grabungsgelände in das Besichtigungsprogramm für den »Tag des offenen Denkmals« am 14.09.08 aufgenommen. Für die vor Ort verantwortliche Grabungsleiterin, Hannelore Kröger, drohte dies angesichts der im Vorfeld hochgeschr aubten Erwartungshaltungen einerseits und der sehr bescheidenen Fundlage andererseits kein einfacher Tag zu werden.Was hatte sie vorzuweisen? Ein paar römische Münzen, eine Gewandspange, ein Ziergesicht vom Henkel einer Bronzekanne, Sandalennägel, Bleilote und -gewichte und ein Mühlsteinfragment, das sowohl römischer als auch germanischer Herkunft sein könnte. Darüber hinaus jede Menge germanischer Tonscherben und Leichenbrandspuren. Aber eben nichts, was als einigermaßen verlässliches Indiz für ein römisches Marschlager taugte. Es war nicht einmal klar, ob die Spuren auf ein römisches oder eher auf ein germanisches Lager hindeuteten. Vergleichsweise sichere Indizien gab es nur für einen cheruskischen Friedhof, der von ihrem Chef Bérenger flugs in die Zeit nach dem Abzug der Römer datiert worden war. Dabei hatte man erheblichen Aufwand betrieben, um fündig zu werden. Fast zwei Dutzend Ausgräber waren auf dem Gelände seit Wochen im Dauereinsatz, und extra aus dem Südwesten der Republik hatte man Spezialisten anreisen lassen, die das Gelände elektromagnetisch sondierten. Eine dabei gefunden e vielversprechende lineare Bodenstruktur erwies sich jedoch nicht als der herbeigesehnte römische Spitzgraben, sondern als nachkriegszeitliches Fernmeldekabel der britischen Besatzer.Kröger zeigte sich daher gegenüber dem Besucherstrom sichtlich bemüht, die von ihrem Chef ins Exorbitante beförderten Erwartungshaltungen wieder auf ein vertretbares Niveau zurückzuschrauben. Sie räumte wiederholt ein, dass bislang nichts gefunden wurde, was einigermaßen belastbar auf die Existenz eines Römerlagers, geschweige denn auf das Sommerlager des Varus’ hinweisen würde. Bestätigt seien bisher nur die Anwesenheit römischer Legionäre. Soviel Zurückhaltung war aber gegenüber den vielen Besuchern gar nicht erforderlich, denn schon ihre schlichte Bemerkung: »Hier sind die Römer gewesen«, wurde von der Menge (die Presse sprach von »Massen«) »staunend« zur Kenntnis genommen. Dagegen zeigt sich Bérenger, der offenbar besser weis, wie es um die Kritikfähigkeit der Öffentlichkeit bestellt ist, weiterhin ungebrochen optimistisch. Er glaubt fest daran, doch noch einen römischen Spitzgraben oder eine Münze mit dem Gegenstempel des Varus zu finden. Er ist sich seiner Sache so sich er, dass er meint, sogar spöttelnd bemerken zu können, dass man wohl nie einen Zettel finden wird, »auf dem Varus ›Ich war hier‹ geschrieben hat«. Da möchte man hinzufügen: Wozu auch, denn nach eigenem Bekunden bezieht er seine Gewissheit ja weniger aus den Befunden, als aus der Befindlichkeit seiner Knochen!Um Missverständnissen vorzubeugen: Von mir wird durchaus für möglich gehalten, dass sich am Weserdurchbruch und vielleicht sogar auf der jetzt untersuchten Fläche ein Römerlager befunden hat. Kritisiert und attackiert wird hier die von der tastsächlichen Befundlage völlig abgekoppelte Inszenierung eines Grabungsgeländes durch den Vize-Chefarchäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Dem geht es offenbar weniger darum, die Öffentlichkeit seriös über neue Funde zu informieren, als vielmehr im bevorstehenden Varusjahr 2009 in den Medien gut positioniert zu sein. Wenn Herr Bérenger wirklich so besessen davon ist, Römerlager zu finden, wie er derzeit überall vorgibt, dann sollte er, statt alberne Spekulationen über den Standort der Kommandantur des Varus’ in die Welt zu setzen, z. B. das ihm wohl bekannte Buch »Römer an Lippe und Weser« des (leider schon verstorbenen) Studienrates und Amateurarchäologen Rolf Bökemeier zur Hand nehmen. Darin findet er eine Vielzahl von ver muteten Standorten für Römerlager in Ostwestfalen-Lippe, die durch zahlreiche Indizien (Luftbildauswertungen, Prospektionen, Funde, historische Quellen) plausibel belegt sind.Denn, erfolgversprechender als heiße Luft über einer dünnen Befundlage zu quirlen, ist es sicherlich, mit dem Spaten überall dort die Erde zu bewegen, wohin bereits zahlreiche Indizien deuten. – Allerdings nur, wenn man unter Erfolg die Funde römischer Hinterlassenschaften versteht und nicht das Erscheinen des eigenen Namens in den Medien.Quellennachweise WDR.de vom 14.09.08: »Varus’ letztes Lager«; URL: http://www.wdr.de/themen/wissen/archaeologie/varusschlacht/lager.jhtml Mindener Tageblatt vom 15.09.08: »Wo Varus’ Mannen einst rasteten«; URL: http://www.mt-online.de/mt/lokales/minden/?cnt=2576670 Bökemeier, Rolf (2004): »Römer an Lippe und Weser – Neue Entdeckungen um die Varusschlacht im Teutoburger Wald«. HöxterGeorg MentingLeipziger Ring 55Lippstadt

Völlig abgekoppelte Inszenierung

Betr.: MT-Artikel vom 15.09.2008: "Wo Varus´ Mannen einst rasteten"

Anfang August 2008 hatte sich der Vize-Chefarchäologe des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe Dr. Daniel Bérenger mit abenteuerlichen Spekulationen über die Infrastruktur der Varusschlacht ins öffentliche Rampenlicht gerückt. Trotz äußerst dünner Fundlage war sich Bérenger zu 100 Prozent sicher (»er spüre das in seinen Knochen«), in Porta Westfalica-Barkhausen nicht nur irgendein römisches Lager, sondern exakt das Lager gefunden zu haben, in dem Varus residierte, bevor er im Sommer 9. n. Chr. in die Katastrophe marschierte. Bérenger, der bisher eher das Image eines nüchtern denkenden, wenig visionären hauptamtlichen Bedenkenträgers hatte, verblüffte plötzlich mit hellseherischen Fähigkeiten: Ohne auch nur einen einzigen Befestigungsgraben gefunden zu haben (»die momentan untersuchte Fläche liege irgendwo mittendrin«), wusste er gegenüber den Medien nicht nur zu berichten, wie groß das Lager war (»mindestens 16 ha«), sondern auch, wo vermutlich die Kommandantur des Varus’ (»z eigt auf einen Hügel«) und die Mannschaftsunterkünfte (»und da die Baracken oder Zelte für 6.000 Soldaten«) gestanden haben.

Die sensationellen Nachrichten wurden von den Medien bundesweit aufgegriffen: Die Schlagzeilen reichten vom eher realistischen »Auf den Spuren eines Römerlagers« bis hin zum grotesken »Wo Varus’ Mannen einst rasteten«. In der Folge entwickelte sich das Grabungsgelände zu einer Pilgerstätte für Archäologen aus der ganzen Republik. Besonders begeistert und stark vertreten die Archäologen aus Kalkriese, die wohl ihr Glück kaum fassen konnten, dass sie nur wenige Monate vor dem Beginn des Varusjahr 2009 ausgerechnet von den ostwestfälischen Denkmalpflegern massive Schützenhilfe für ihre massiv in die Kritik geratene Verortung der Varusschlacht am Kalkrieser Berg bekamen. Auch dem einfachen Volk wurde Gelegenheit zum Staunen vor Ort gegeben. Kurzfristig wurde das Grabungsgelände in das Besichtigungsprogramm für den »Tag des offenen Denkmals« am 14.09.08 aufgenommen. Für die vor Ort verantwortliche Grabungsleiterin, Hannelore Kröger, drohte dies angesichts der im Vorfeld hochgeschr aubten Erwartungshaltungen einerseits und der sehr bescheidenen Fundlage andererseits kein einfacher Tag zu werden.

Was hatte sie vorzuweisen? Ein paar römische Münzen, eine Gewandspange, ein Ziergesicht vom Henkel einer Bronzekanne, Sandalennägel, Bleilote und -gewichte und ein Mühlsteinfragment, das sowohl römischer als auch germanischer Herkunft sein könnte. Darüber hinaus jede Menge germanischer Tonscherben und Leichenbrandspuren. Aber eben nichts, was als einigermaßen verlässliches Indiz für ein römisches Marschlager taugte. Es war nicht einmal klar, ob die Spuren auf ein römisches oder eher auf ein germanisches Lager hindeuteten. Vergleichsweise sichere Indizien gab es nur für einen cheruskischen Friedhof, der von ihrem Chef Bérenger flugs in die Zeit nach dem Abzug der Römer datiert worden war. Dabei hatte man erheblichen Aufwand betrieben, um fündig zu werden. Fast zwei Dutzend Ausgräber waren auf dem Gelände seit Wochen im Dauereinsatz, und extra aus dem Südwesten der Republik hatte man Spezialisten anreisen lassen, die das Gelände elektromagnetisch sondierten. Eine dabei gefunden e vielversprechende lineare Bodenstruktur erwies sich jedoch nicht als der herbeigesehnte römische Spitzgraben, sondern als nachkriegszeitliches Fernmeldekabel der britischen Besatzer.

Kröger zeigte sich daher gegenüber dem Besucherstrom sichtlich bemüht, die von ihrem Chef ins Exorbitante beförderten Erwartungshaltungen wieder auf ein vertretbares Niveau zurückzuschrauben. Sie räumte wiederholt ein, dass bislang nichts gefunden wurde, was einigermaßen belastbar auf die Existenz eines Römerlagers, geschweige denn auf das Sommerlager des Varus’ hinweisen würde. Bestätigt seien bisher nur die Anwesenheit römischer Legionäre. Soviel Zurückhaltung war aber gegenüber den vielen Besuchern gar nicht erforderlich, denn schon ihre schlichte Bemerkung: »Hier sind die Römer gewesen«, wurde von der Menge (die Presse sprach von »Massen«) »staunend« zur Kenntnis genommen. Dagegen zeigt sich Bérenger, der offenbar besser weis, wie es um die Kritikfähigkeit der Öffentlichkeit bestellt ist, weiterhin ungebrochen optimistisch. Er glaubt fest daran, doch noch einen römischen Spitzgraben oder eine Münze mit dem Gegenstempel des Varus zu finden. Er ist sich seiner Sache so sich er, dass er meint, sogar spöttelnd bemerken zu können, dass man wohl nie einen Zettel finden wird, »auf dem Varus ›Ich war hier‹ geschrieben hat«. Da möchte man hinzufügen: Wozu auch, denn nach eigenem Bekunden bezieht er seine Gewissheit ja weniger aus den Befunden, als aus der Befindlichkeit seiner Knochen!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Von mir wird durchaus für möglich gehalten, dass sich am Weserdurchbruch und vielleicht sogar auf der jetzt untersuchten Fläche ein Römerlager befunden hat. Kritisiert und attackiert wird hier die von der tastsächlichen Befundlage völlig abgekoppelte Inszenierung eines Grabungsgeländes durch den Vize-Chefarchäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. Dem geht es offenbar weniger darum, die Öffentlichkeit seriös über neue Funde zu informieren, als vielmehr im bevorstehenden Varusjahr 2009 in den Medien gut positioniert zu sein. Wenn Herr Bérenger wirklich so besessen davon ist, Römerlager zu finden, wie er derzeit überall vorgibt, dann sollte er, statt alberne Spekulationen über den Standort der Kommandantur des Varus’ in die Welt zu setzen, z. B. das ihm wohl bekannte Buch »Römer an Lippe und Weser« des (leider schon verstorbenen) Studienrates und Amateurarchäologen Rolf Bökemeier zur Hand nehmen. Darin findet er eine Vielzahl von ver muteten Standorten für Römerlager in Ostwestfalen-Lippe, die durch zahlreiche Indizien (Luftbildauswertungen, Prospektionen, Funde, historische Quellen) plausibel belegt sind.

Denn, erfolgversprechender als heiße Luft über einer dünnen Befundlage zu quirlen, ist es sicherlich, mit dem Spaten überall dort die Erde zu bewegen, wohin bereits zahlreiche Indizien deuten. – Allerdings nur, wenn man unter Erfolg die Funde römischer Hinterlassenschaften versteht und nicht das Erscheinen des eigenen Namens in den Medien.

Quellennachweise WDR.de vom 14.09.08: »Varus’ letztes Lager«; URL: http://www.wdr.de/themen/wissen/archaeologie/varusschlacht/lager.jhtml Mindener Tageblatt vom 15.09.08: »Wo Varus’ Mannen einst rasteten«; URL: http://www.mt-online.de/mt/lokales/minden/?cnt=2576670 Bökemeier, Rolf (2004): »Römer an Lippe und Weser – Neue Entdeckungen um die Varusschlacht im Teutoburger Wald«. Höxter

Georg Menting
Leipziger Ring 55
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