Sprache muss sich anpassen Von 3.318 Menschen, die an einer MT-Umfrage teilgenommen haben, würden es etwas mehr als 80 Prozent nicht befürworten, wenn im Mindener Tageblatt gegendert wird. Fräulein Althoff war meine Klassenlehrerin. In der Adenauer-Ära war die Berufstätigkeit von Frauen nicht erwünscht. Frauen, die dennoch in der Öffentlichkeit arbeiteten, wurden daher mit Fräulein betitelt. Noch in den 1950er Jahren mussten Lehrerinnen ihren Dienst aufgeben, wenn sie heirateten. Erst 1957 stellte das Bundesarbeitsgericht fest, dass das Lehrerinnenzölibat verfassungswidrig ist. Sprache beeinflusst nicht nur unser Denken, sie schafft auch Realität (vgl. Eichhoff-Cyrus: 2004). Auf die Frage, wie oft unsere Nationalspieler Fußballweltmeister geworden sind, erhalte ich immer „vier Mal“ als Antwort. Offensichtlich kommt bei der Frage niemand auf die Idee, dass auch die Frauennationalmannschaft zwei Mal die Weltmeisterschaft gewonnen hat. Wie würden wohl Fußballinteressierte antworten, wenn gefragt wird: „Wie oft haben unsere Nationalspieler/innen die Weltmeisterschaft gewonnen?“ In einer Studie wurde eine Gruppe von Proband/innen nach berühmten Politikern, Sportlern et cetera gefragt, eine weitere Gruppe nach berühmten Politikerinnen und Politikern, Sportlerinnen und Sportlern et cetera. Die Ergebnisse zeigen: In der zweiten Gruppe gibt es bis zu einem Drittel mehr Nennungen von Frauen als in der ersten Gruppe (vgl. Heise: 2000; Sczensy/Stahlberg: 2001). Im Schriftverkehr ist „Sehr geehrte Damen und Herren“ die allgemeine Anrede. Die reduzierte Schreibweise „Sehr geehrte Herren“ gilt als Affront. Aber genau das machen wir, wenn wir in unserer Sprache nur das generische Maskulinum benutzen. Gendern ist ein Eingriff in unsere Sprachkultur, aber genau das ist gewollt. So wie sich unsere Gesellschaft ändert, muss sich auch die Sprache anpassen (vgl. Gesellschaft für deutsche Sprache: 2021). Heute werden zurecht unverheiratete Frauen nicht mehr als Fräulein betitelt. Es gibt Ärzte und Ärztinnen, Schülerinnen und Schüler – warum soll das nicht auch in unserer Sprache Ausdruck finden? Dabei ist nicht die Form wichtig, entscheidend ist, dass wir endlich aufhören, die Mehrheit der Bevölkerung sprachlich zu ignorieren. Alfons Bomholt, Minden

Sprache muss sich anpassen

Von 3.318 Menschen, die an einer MT-Umfrage teilgenommen haben, würden es etwas mehr als 80 Prozent nicht befürworten, wenn im Mindener Tageblatt gegendert wird.

Fräulein Althoff war meine Klassenlehrerin. In der Adenauer-Ära war die Berufstätigkeit von Frauen nicht erwünscht. Frauen, die dennoch in der Öffentlichkeit arbeiteten, wurden daher mit Fräulein betitelt. Noch in den 1950er Jahren mussten Lehrerinnen ihren Dienst aufgeben, wenn sie heirateten. Erst 1957 stellte das Bundesarbeitsgericht fest, dass das Lehrerinnenzölibat verfassungswidrig ist.

Sprache beeinflusst nicht nur unser Denken, sie schafft auch Realität (vgl. Eichhoff-Cyrus: 2004).

Auf die Frage, wie oft unsere Nationalspieler Fußballweltmeister geworden sind, erhalte ich immer „vier Mal“ als Antwort. Offensichtlich kommt bei der Frage niemand auf die Idee, dass auch die Frauennationalmannschaft zwei Mal die Weltmeisterschaft gewonnen hat. Wie würden wohl Fußballinteressierte antworten, wenn gefragt wird: „Wie oft haben unsere Nationalspieler/innen die Weltmeisterschaft gewonnen?“

In einer Studie wurde eine Gruppe von Proband/innen nach berühmten Politikern, Sportlern et cetera gefragt, eine weitere Gruppe nach berühmten Politikerinnen und Politikern, Sportlerinnen und Sportlern et cetera. Die Ergebnisse zeigen: In der zweiten Gruppe gibt es bis zu einem Drittel mehr Nennungen von Frauen als in der ersten Gruppe (vgl. Heise: 2000; Sczensy/Stahlberg: 2001).

Im Schriftverkehr ist „Sehr geehrte Damen und Herren“ die allgemeine Anrede. Die reduzierte Schreibweise „Sehr geehrte Herren“ gilt als Affront. Aber genau das machen wir, wenn wir in unserer Sprache nur das generische Maskulinum benutzen. Gendern ist ein Eingriff in unsere Sprachkultur, aber genau das ist gewollt. So wie sich unsere Gesellschaft ändert, muss sich auch die Sprache anpassen (vgl. Gesellschaft für deutsche Sprache: 2021). Heute werden zurecht unverheiratete Frauen nicht mehr als Fräulein betitelt.

Es gibt Ärzte und Ärztinnen, Schülerinnen und Schüler – warum soll das nicht auch in unserer Sprache Ausdruck finden? Dabei ist nicht die Form wichtig, entscheidend ist, dass wir endlich aufhören, die Mehrheit der Bevölkerung sprachlich zu ignorieren.

Alfons Bomholt, Minden

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