Schuld ist nicht zu relativieren In einem Leserbrief fragte sich ein Verfasser, ob bei der Berichterstattung über deutsche Kriegsverbrechen die Verbrechen anderer Staaten tendenziell ausgeklammert werden. Dem Autor fehlt ganz offensichtlich das Bewusstsein dafür, Schuld als sittliches Versagen und Völkermord als sittliches Versagen des Staates zu begreifen. Schuld kann man nicht relativieren. Das von der SS begangene Unrecht in der Ukraine, das Massaker an 33.000 Juden in der Schlucht von Babyn Jar im Jahre 1941, in weniger als 36 Stunden, wird durch den Vergleich mit anderen Gräueltaten in der Geschichte der Menschheit nicht geringer. Schuld entsteht aus einem Verstoß gegen Werte und Normen. Von unausgewogener Berichterstattung kann man hier nicht sprechen, weil man Schuld nicht aufwiegen und aufrechnen kann. Wir haben ja die archaischen Zustände längst verlassen, in der Blutrache Schuld aufgerechnet hat. Führt das gleichzeitige Erwähnen der Massaker an den indigenen Völkern in Nord- und Südamerika oder der Mord an polnischen Offizieren dazu, dass der Bericht des MT über die Verbrechen der SS in der Ukraine weniger schwer wiegt? Wer meint, er müsse deutsche Schuld gegen anders begangenes Unrecht aufrechnen, hat vor allem aus der jüngeren Geschichte nichts gelernt und nichts begriffen. Wer Schuld nicht als sittliches Versagen begreift, unabhängig davon, wer das Versagen zu vertreten hat, sollte darüber nachdenken, ob sein sittlich moralischer Kompass noch in die richtige Richtung zeigt. Hans Ulrich Gräf, Minden

Schuld ist nicht zu relativieren

In einem Leserbrief fragte sich ein Verfasser, ob bei der Berichterstattung über deutsche Kriegsverbrechen die Verbrechen anderer Staaten tendenziell ausgeklammert werden.

Dem Autor fehlt ganz offensichtlich das Bewusstsein dafür, Schuld als sittliches Versagen und Völkermord als sittliches Versagen des Staates zu begreifen. Schuld kann man nicht relativieren. Das von der SS begangene Unrecht in der Ukraine, das Massaker an 33.000 Juden in der Schlucht von Babyn Jar im Jahre 1941, in weniger als 36 Stunden, wird durch den Vergleich mit anderen Gräueltaten in der Geschichte der Menschheit nicht geringer. Schuld entsteht aus einem Verstoß gegen Werte und Normen. Von unausgewogener Berichterstattung kann man hier nicht sprechen, weil man Schuld nicht aufwiegen und aufrechnen kann. Wir haben ja die archaischen Zustände längst verlassen, in der Blutrache Schuld aufgerechnet hat.

Führt das gleichzeitige Erwähnen der Massaker an den indigenen Völkern in Nord- und Südamerika oder der Mord an polnischen Offizieren dazu, dass der Bericht des MT über die Verbrechen der SS in der Ukraine weniger schwer wiegt? Wer meint, er müsse deutsche Schuld gegen anders begangenes Unrecht aufrechnen, hat vor allem aus der jüngeren Geschichte nichts gelernt und nichts begriffen. Wer Schuld nicht als sittliches Versagen begreift, unabhängig davon, wer das Versagen zu vertreten hat, sollte darüber nachdenken, ob sein sittlich moralischer Kompass noch in die richtige Richtung zeigt.

Hans Ulrich Gräf, Minden

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