Notwendige Hinweise unterlassen Der Theologe und Publizist Peter Hertel hat sich in der Petrikirche kritisch mit der Rolle des Papstes im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Es sei höchste Zeit für eine Aufarbeitung, meint ein Leser. Endlich setzt sich ein Theologe mit dem Verhalten des Papstes in der Nazizeit und dem möglicherweise religiös zu begründendem Antisemitismus auseinander. Im vorigen Jahr hat die katholische Kirche zwar gravierende Fehler bezüglich der Judenvernichtung zugegeben. Ein Ruhmesblatt war das allerdings nicht. Besser wäre es gewesen, sich während der Nazizeit am Beispiel des Bischofs von Münster - von Galen – zu orientieren, der in seinen Predigten unerschrocken immer wieder auf die menschenverachtenden Maßnahmen der Nationalsozialisten hingewiesen hat, ohne dass ihn die Gestapo abgeholt hat, was zweifellos einen Aufstand der Entrüstung der gläubigen Münsteraner zur Folge gehabt hätte. Es ist unstrittig heute, dass die von beiden Kirchen in Deutschland notwendig gewesenen pausenlosen, aber unterlassenen Hinweise von der Kanzel auf die Untaten des Regimes eher zu einem Überdenken ihrer Aktionen denn zu einer Steigerung ihrer Maßnahmen geführt hätte. Der Grund: Nichts fürchteten die Akteure, allen voran der damalige Propagandaminister Dr. Goebbels, mehr, als eine breit angelegte Informationskampagne über ihre Untaten. Beide Kirchen hatten dazu spätestens nach der Reichspogromnacht hinreichend Gelegenheit, ihre Chance jedoch – bis auf wenige unerschrockene Kirchenmänner – vertan... In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass niemand über die verbrecherischen Maßnahmen gegen die Juden in Deutschland besser informiert war, als der damalige Papst Pius XII., der vor Amtsantritt der vatikanische Vertreter in Deutschland gewesen war. Besonders ihm ist anzulasten, dass er versäumt hat, mit Hirtenbriefen die Bischöfe aufzufordern, unerschrocken für breite Aufklärungsarbeit vor Ort zu sorgen. Dass Pius XII. eine Reihe von Juden später vor dem Holocaust bewahrt hat, entschuldigt sein historisches Versagen nicht und gibt meiner Meinung nach auch 76 Jahre nach Kriegsende Anlass zu der Frage, ob die lange Zeit vertretene Auffassung, die Juden seien Christusmörder, der Anlass für das Stillschweigen der Kirchen gewesen ist und möglicherweise auch eine der Ursachen des Antisemitismus in Deutschland war. Günter Böker, Hille

Notwendige Hinweise unterlassen

Der Theologe und Publizist Peter Hertel hat sich in der Petrikirche kritisch mit der Rolle des Papstes im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Es sei höchste Zeit für eine Aufarbeitung, meint ein Leser.

Endlich setzt sich ein Theologe mit dem Verhalten des Papstes in der Nazizeit und dem möglicherweise religiös zu begründendem Antisemitismus auseinander. Im vorigen Jahr hat die katholische Kirche zwar gravierende Fehler bezüglich der Judenvernichtung zugegeben. Ein Ruhmesblatt war das allerdings nicht. Besser wäre es gewesen, sich während der Nazizeit am Beispiel des Bischofs von Münster - von Galen – zu orientieren, der in seinen Predigten unerschrocken immer wieder auf die menschenverachtenden Maßnahmen der Nationalsozialisten hingewiesen hat, ohne dass ihn die Gestapo abgeholt hat, was zweifellos einen Aufstand der Entrüstung der gläubigen Münsteraner zur Folge gehabt hätte.

Es ist unstrittig heute, dass die von beiden Kirchen in Deutschland notwendig gewesenen pausenlosen, aber unterlassenen Hinweise von der Kanzel auf die Untaten des Regimes eher zu einem Überdenken ihrer Aktionen denn zu einer Steigerung ihrer Maßnahmen geführt hätte. Der Grund: Nichts fürchteten die Akteure, allen voran der damalige Propagandaminister Dr. Goebbels, mehr, als eine breit angelegte Informationskampagne über ihre Untaten. Beide Kirchen hatten dazu spätestens nach der Reichspogromnacht hinreichend Gelegenheit, ihre Chance jedoch – bis auf wenige unerschrockene Kirchenmänner – vertan...

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass niemand über die verbrecherischen Maßnahmen gegen die Juden in Deutschland besser informiert war, als der damalige Papst Pius XII., der vor Amtsantritt der vatikanische Vertreter in Deutschland gewesen war. Besonders ihm ist anzulasten, dass er versäumt hat, mit Hirtenbriefen die Bischöfe aufzufordern, unerschrocken für breite Aufklärungsarbeit vor Ort zu sorgen. Dass Pius XII. eine Reihe von Juden später vor dem Holocaust bewahrt hat, entschuldigt sein historisches Versagen nicht und gibt meiner Meinung nach auch 76 Jahre nach Kriegsende Anlass zu der Frage, ob die lange Zeit vertretene Auffassung, die Juden seien Christusmörder, der Anlass für das Stillschweigen der Kirchen gewesen ist und möglicherweise auch eine der Ursachen des Antisemitismus in Deutschland war.

Günter Böker, Hille

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