Mit zweierlei Maß

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In der Corona-Krise gelten besondere Vorschriften für Ärzte und Pflegepersonal, was die Quarantänemaßnahmen betrifft.

Mit Entsetzen bekomme ich auch in meinem Familienumfeld mit, wie in dieser Zeit mit zweierlei Maß gemessen wird: In meiner Familie gibt es einen Hausarzt. In der Praxis, in der er arbeitet, ist angemessene Schutzkleidung schon lange ausgegangen. Das einzige, das sie noch für horrende Preise bekommen, sind einfache Schutzmasken, die nicht vor einer Ansteckung schützen.Nun sollen vermutete Coronainfektionen ja auch gar nicht in Hausarztpraxen untersucht und diagnostiziert werden. Allerdings hören wir von ihm, dass immer wieder Patienten wegen einer anderen Erkrankung kommen und dann der Verdacht besteht, dass sie auch Corona haben könnten. So musste er am Freitag wegen begründender Verdachtsfälle gleich zwei Abstriche nehmen. Und dies komplett ohne ausreichende Schutzkleidung! Wie sich nun herausstellte, waren beide Abstriche positiv. Obwohl er die Abstriche ohne Schutzkleidung vorgenommen hat und die Patienten weiter untersucht wurden, also enger Körperkontakt bestand, soll er, solange er symptomfrei ist, weiter arbeiten. Dies hört man zwar aus Arztpraxen und Kliniken immer wieder, aber ehrlich, ich kann es nicht fassen. Ausgerechnet das Robert-Koch-Institut ordnet Klinikpersonal und Ärzte neu ein, sodass sie selbst bei face-to-face-Kontakt mit Infizierten nicht mehr in Quarantäne müssen. Es ist unfassbar. In die Praxis kommen hauptsächlich ältere Menschen. Die muss der Hausarzt nun wiederum ohne passenden Schutz untersuchen. Er soll sich laut Robert-Koch-Institut von gefährdeten Gruppen fernhalten. Was für ein Witz! Wie soll das denn im Alltag funktionieren? Wenn er nicht Arzt wäre, müsste er zu Hause bleiben und sehen, ob er Symptome entwickelt. Aber für Gesundheitspersonal gelten diese Maßstäbe nicht. Sie müssen selbst bei Verdacht weiter mit Patienten arbeiten und nicht nur das – auch wenn sie nachweislich Corona haben, werden sie weiterhin eingesetzt, solange sie noch stehen können.

Ich bin wirklich entsetzt, dass dort mit zweierlei Maß gemessen wird: Einmal wegen des Gesundheitspersonals, das bis an die Belastungsgrenze und darüber hinaus schuften muss, weil jahrelang versäumt wurde, unser Gesundheitssystem auf vernünftige Füße zu stellen, Personal einzustellen und angemessen zu bezahlen. Und andererseits, weil so die Ansteckungsgefahr viel größer ist. Wir sind alle (zu Recht) zu Hause, aber Ärzte und Pflegepersonal, die Erstkontakte sind, arbeiten einfach weiter, untersuchen Risikopatienten, die sich sehr gut bei ihnen anstecken könnten. Wie soll da denn die Infektionskette unterbrochen werden? Und dann in Praxen und Krankenhäusern, die ihren Mitarbeiter noch nicht einmal vernünftige Schutzkleidung bieten können.

Es ist fürchterlich. Ich kann nur von ganzem Herzen hoffen, dass für unser Gesundheitssystem, für das Personal, die gerade alles geben und doch so im Stich gelassen werden, sich die Dinge grundlegend ändern, wenn diese Krise überstanden ist. Natürlich für sie. Aber auch für uns. Denn wir alle bezahlen dafür einen schrecklichen Preis.

Meike Messal, Minden

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Mit zweierlei MaßIn der Corona-Krise gelten besondere Vorschriften für Ärzte und Pflegepersonal, was die Quarantänemaßnahmen betrifft. Mit Entsetzen bekomme ich auch in meinem Familienumfeld mit, wie in dieser Zeit mit zweierlei Maß gemessen wird: In meiner Familie gibt es einen Hausarzt. In der Praxis, in der er arbeitet, ist angemessene Schutzkleidung schon lange ausgegangen. Das einzige, das sie noch für horrende Preise bekommen, sind einfache Schutzmasken, die nicht vor einer Ansteckung schützen.Nun sollen vermutete Coronainfektionen ja auch gar nicht in Hausarztpraxen untersucht und diagnostiziert werden. Allerdings hören wir von ihm, dass immer wieder Patienten wegen einer anderen Erkrankung kommen und dann der Verdacht besteht, dass sie auch Corona haben könnten. So musste er am Freitag wegen begründender Verdachtsfälle gleich zwei Abstriche nehmen. Und dies komplett ohne ausreichende Schutzkleidung! Wie sich nun herausstellte, waren beide Abstriche positiv. Obwohl er die Abstriche ohne Schutzkleidung vorgenommen hat und die Patienten weiter untersucht wurden, also enger Körperkontakt bestand, soll er, solange er symptomfrei ist, weiter arbeiten. Dies hört man zwar aus Arztpraxen und Kliniken immer wieder, aber ehrlich, ich kann es nicht fassen. Ausgerechnet das Robert-Koch-Institut ordnet Klinikpersonal und Ärzte neu ein, sodass sie selbst bei face-to-face-Kontakt mit Infizierten nicht mehr in Quarantäne müssen. Es ist unfassbar. In die Praxis kommen hauptsächlich ältere Menschen. Die muss der Hausarzt nun wiederum ohne passenden Schutz untersuchen. Er soll sich laut Robert-Koch-Institut von gefährdeten Gruppen fernhalten. Was für ein Witz! Wie soll das denn im Alltag funktionieren? Wenn er nicht Arzt wäre, müsste er zu Hause bleiben und sehen, ob er Symptome entwickelt. Aber für Gesundheitspersonal gelten diese Maßstäbe nicht. Sie müssen selbst bei Verdacht weiter mit Patienten arbeiten und nicht nur das – auch wenn sie nachweislich Corona haben, werden sie weiterhin eingesetzt, solange sie noch stehen können. Ich bin wirklich entsetzt, dass dort mit zweierlei Maß gemessen wird: Einmal wegen des Gesundheitspersonals, das bis an die Belastungsgrenze und darüber hinaus schuften muss, weil jahrelang versäumt wurde, unser Gesundheitssystem auf vernünftige Füße zu stellen, Personal einzustellen und angemessen zu bezahlen. Und andererseits, weil so die Ansteckungsgefahr viel größer ist. Wir sind alle (zu Recht) zu Hause, aber Ärzte und Pflegepersonal, die Erstkontakte sind, arbeiten einfach weiter, untersuchen Risikopatienten, die sich sehr gut bei ihnen anstecken könnten. Wie soll da denn die Infektionskette unterbrochen werden? Und dann in Praxen und Krankenhäusern, die ihren Mitarbeiter noch nicht einmal vernünftige Schutzkleidung bieten können. Es ist fürchterlich. Ich kann nur von ganzem Herzen hoffen, dass für unser Gesundheitssystem, für das Personal, die gerade alles geben und doch so im Stich gelassen werden, sich die Dinge grundlegend ändern, wenn diese Krise überstanden ist. Natürlich für sie. Aber auch für uns. Denn wir alle bezahlen dafür einen schrecklichen Preis. Meike Messal, Minden