Erschwert

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Ein neuer Pfarrer tritt seine Stelle in der Mindener Kirchengemeinde St. Jakobus an. Er wechselte aus dem Kirchenkreis Herne.

Ohne jegliche Hintergrundinformation und mit ausschließlicher Kenntnisnahme des Artikels möchte ich nach der Absicht desselben fragen: Hier übernimmt ein 57-jähriger Pfarrer in Minden ein neues Amt. Dieses Amt ist auch in der praktischen Wahrnehmung ein ausgesprochen öffentliches.Informationen über den neuen Amtsträger sind deshalb von allgemeinem Interesse und dem Amt wie den Menschen dienlich.Gilt das für alle Informationen – erst recht, wenn es keinen direkten Zusammenhang mit dem Amt gibt? Ist es darüber hinaus schicklich oder gar eine Form von aufklärendem Journalismus, einen neuen Pfarrer offensichtlich gegen seinen Wunsch auf einen früheren Fehler anzusprechen und das (Verkehrsdelikt) auch noch als Untertitel in die Artikelüberschrift mit aufzunehmen?Die Hauptüberschrift lautet: „Neuanfang“. Diese wird jetzt erschwert. Wer hat etwas davon?

Detlev Ruthmann, Minden

Antwort des Chefredakteurs

Sehr geehrter Herr Ruthmann,

Danke für Ihre Kritik, die ich gut nachvollziehen kann. Da macht ein Mann einen Neubeginn und dann ist da wieder dieses eine Ereignis aus der Vergangenheit. Muss die Zeitung das dann auch noch schildern? Wie geschrieben: Diese Fragen kann ich gut nachvollziehen und auch, dass manche Menschen meinen, man könne es doch auch mal gut sein lassen und schweigen über das, was hinter einem Menschen liegt. Wenngleich ich Sympathie für diese Gedanken habe, kann ich als Journalist so nicht arbeiten. Denn wir schildern nun einmal die Wirklichkeit in allen ihren Facetten – das Angenehme und das Unangenehme, das Vergangene und die Gegenwart, das ganze Bild (oder zumindest das, was wir zu sehen vermögen).Ein Pfarrer in einer Kirchengemeinde ist nicht irgendjemand, sondern einer, der mit seinem beruflichen Handeln in die Öffentlichkeit hineinwirkt. Noch dazu in einem Amt, das in besonderer Weise mit dem Thema Moral verknüpft ist. Aus beiden Gründen hat eine Fahrerflucht deshalb ein besonders großes Gewicht. Und ein Porträt ergibt nur dann Sinn, wenn es eine Person in ihrer Ganzheit schildert. Stellen Sie sich vor, wir hätten den Text geschrieben und den Vorfall, der zum Ausscheiden aus der vorherigen Stelle geführt hat, weggelassen. „Warum verschweigt ihr so etwas Wesentliches?“, wäre dann die berechtigte Frage gewesen. Es ist unsere Pflicht, die Wirklichkeit so genau zu schildern, wie wir es können. Wir als Journalisten sind nicht diejenigen, die dem Pfarrer eine zweite Chance bieten oder verwehren. Den Neuanfang kann nur seine Gemeinde dem Pfarrer ermöglichen – bestenfalls im vollen Wissen um die Vergangenheit.

Viele Grüße, Benjamin Piel

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ErschwertEin neuer Pfarrer tritt seine Stelle in der Mindener Kirchengemeinde St. Jakobus an. Er wechselte aus dem Kirchenkreis Herne. Ohne jegliche Hintergrundinformation und mit ausschließlicher Kenntnisnahme des Artikels möchte ich nach der Absicht desselben fragen: Hier übernimmt ein 57-jähriger Pfarrer in Minden ein neues Amt. Dieses Amt ist auch in der praktischen Wahrnehmung ein ausgesprochen öffentliches.Informationen über den neuen Amtsträger sind deshalb von allgemeinem Interesse und dem Amt wie den Menschen dienlich.Gilt das für alle Informationen – erst recht, wenn es keinen direkten Zusammenhang mit dem Amt gibt? Ist es darüber hinaus schicklich oder gar eine Form von aufklärendem Journalismus, einen neuen Pfarrer offensichtlich gegen seinen Wunsch auf einen früheren Fehler anzusprechen und das (Verkehrsdelikt) auch noch als Untertitel in die Artikelüberschrift mit aufzunehmen?Die Hauptüberschrift lautet: „Neuanfang“. Diese wird jetzt erschwert. Wer hat etwas davon? Detlev Ruthmann, Minden Antwort des Chefredakteurs Sehr geehrter Herr Ruthmann, Danke für Ihre Kritik, die ich gut nachvollziehen kann. Da macht ein Mann einen Neubeginn und dann ist da wieder dieses eine Ereignis aus der Vergangenheit. Muss die Zeitung das dann auch noch schildern? Wie geschrieben: Diese Fragen kann ich gut nachvollziehen und auch, dass manche Menschen meinen, man könne es doch auch mal gut sein lassen und schweigen über das, was hinter einem Menschen liegt. Wenngleich ich Sympathie für diese Gedanken habe, kann ich als Journalist so nicht arbeiten. Denn wir schildern nun einmal die Wirklichkeit in allen ihren Facetten – das Angenehme und das Unangenehme, das Vergangene und die Gegenwart, das ganze Bild (oder zumindest das, was wir zu sehen vermögen).Ein Pfarrer in einer Kirchengemeinde ist nicht irgendjemand, sondern einer, der mit seinem beruflichen Handeln in die Öffentlichkeit hineinwirkt. Noch dazu in einem Amt, das in besonderer Weise mit dem Thema Moral verknüpft ist. Aus beiden Gründen hat eine Fahrerflucht deshalb ein besonders großes Gewicht. Und ein Porträt ergibt nur dann Sinn, wenn es eine Person in ihrer Ganzheit schildert. Stellen Sie sich vor, wir hätten den Text geschrieben und den Vorfall, der zum Ausscheiden aus der vorherigen Stelle geführt hat, weggelassen. „Warum verschweigt ihr so etwas Wesentliches?“, wäre dann die berechtigte Frage gewesen. Es ist unsere Pflicht, die Wirklichkeit so genau zu schildern, wie wir es können. Wir als Journalisten sind nicht diejenigen, die dem Pfarrer eine zweite Chance bieten oder verwehren. Den Neuanfang kann nur seine Gemeinde dem Pfarrer ermöglichen – bestenfalls im vollen Wissen um die Vergangenheit. Viele Grüße, Benjamin Piel