Entscheidung ist richtig Deutschland weist niedrige Zahlen im Bereich der Organspende auf. Der Bundestag beschloss nun die Zustimmungslösung und lehnte damit den Vorschlag einer Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Jens Spahn ab. "Das sollte ja auch mal jemand schreiben: Ich finde den Beschluss des Bundestages zum Thema Organspende RICHTIG. Den Leitartikel und vor allem den Kommentar dazu im MT vom 17.01.2020 kann ich nicht unwidersprochen lassen. Zunächst mal ein paar grundsätzliche Feststellungen: Das im Grundgesetz verankerte Recht auf Unversehrtheit des Körpers gilt für alle Menschen - auch ohne eine entsprechende Willensäußerung, egal in welcher Verfassung eine Person ist, sogar ob lebendig oder tot. Und die kranken Menschen, die womöglich vergeblich auf eine Organspende warten, sterben immer noch an ihrer Krankheit und nicht an fehlenden fremden Organen! Deshalb ist es auch völlig verfehlt, die Abgeordneten, die nach ihrem Gewissen entschieden haben, nun in die Pflicht zu nehmen, zu bewirken, dass die Zahl der gespendeten Organe zunimmt – so wird der ärztliche Direktor des Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen im Leitartikel zitiert. Die Vorwürfe an die Mandatsträger im letzten Absatz des Kommentars, sie würden persönliche Beweggründe über ihre Aufgabe stellen, das zu tun, was die Mehrheit wolle, möchte ich zweifach zurückweisen: Ich will doch hoffen, dass sie nach persönlichen Beweggründen, nämlich nach ihrem Gewissen entscheiden. Das ist ihre Aufgabe, dafür haben sie mein Vertrauen. Alles andere mündet in so etwas wie Befehlsnotstand – haben wir schon gehabt in diesem Land! Und woher will die Kommentatorin übrigens wissen, was die Mehrheit der Bevölkerung will? Und muss dass dann unbedingt das Richtige sein? Schon der erste Satz des Kommentars ist demagogisch: „Der Bundestag hat sich entschieden, die Situation für Menschen, die auf ein lebensrettendes Organ warten, nicht zu verbessern“. Nein, er hat entschieden, dass es nach wie vor der bewussten Entscheidung eines potentiellen Spenders bedarf, bevor eine Organentnahme erlaubt ist. Einen Automatismus darf es in dieser Frage eben nicht geben, siehe oben. Diese Begehrlichkeit über Körpergrenzen hinweg macht mir Angst. Damit bin ich nicht allein. Es gibt kein Recht auf die Organe eines anderen Menschen! Und: Schonmal daran gedacht, dass jemand auch Bedenken haben könnte, ein fremdes Organ zu beanspruchen? Dass die Endlichkeit zum menschlichen Leben dazugehört? Ich habe nichts dagegen, dass Menschen sich entschließen, ihre Organe spenden zu wollen. Das ist aller Ehren wert. Und ich verschließe auch nicht die Augen davor, dass dieser Umstand eventuell ein großes Glück für einen anderen todkranken Menschen darstellt. Doch eine Meldepflicht für alle Menschen, deren Hirn irreservibel tot ist, ist abzulehnen. Dies kann nur für diejenigen Menschen gelten, die eine Vorausverfügung zur Organspende getroffen haben. Ich finde auch in Ordnung, dass wir immer wieder an diese Möglichkeit erinnert werden sollen, wie es der Bundestag jetzt vorsieht. Doch ist in meinen Augen die Debatte um den genauen Zeitpunkt des Todes keineswegs abgeschlossen (Hirn- und/oder Herz-Kreislauf…), eine Organentnahme findet während des Sterbeprozesses statt (eine Organentnahme bei einem vollständig gestorbenen Menschen ist unmöglich), sie erfordert Maßnahmen wie Anästhesie und verändert massiv die Möglichkeiten der Begleitung und des Abschiednehmens durch die Angehörigen – das alles sollte man auch wissen. Und ich sehe die Relation zu anderen Todesrisiken, die unsere Gesellschaft unwidersprochen hinnimmt, obwohl sie beeinflussbar sind. Nur ein Beispiel: Der Autoverkehr fordert weiter Tote. Lebensrettende Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen oder verpflichtende Abbiegeassistenten für LKW werden einfach nicht vorgeschrieben. DAS finde ich empörend! Ich erinnere hier an die Mindener Plattform, die die Fittinge [Arbeitsgemeindschaft für die Integration behinderter und nichtbehinderter Menschen, Anm. d. Red.] anlässlich ihres Bioethik-Kongresses 1998 verabschiedet haben. Immer noch aktuell." Monika Bitzan, Minden

Entscheidung ist richtig

Deutschland weist niedrige Zahlen im Bereich der Organspende auf. Der Bundestag beschloss nun die Zustimmungslösung und lehnte damit den Vorschlag einer Widerspruchslösung von Gesundheitsminister Jens Spahn ab.

"Das sollte ja auch mal jemand schreiben: Ich finde den Beschluss des Bundestages zum Thema Organspende RICHTIG. Den Leitartikel und vor allem den Kommentar dazu im MT vom 17.01.2020 kann ich nicht unwidersprochen lassen.

Zunächst mal ein paar grundsätzliche Feststellungen: Das im Grundgesetz verankerte Recht auf Unversehrtheit des Körpers gilt für alle Menschen - auch ohne eine entsprechende Willensäußerung, egal in welcher Verfassung eine Person ist, sogar ob lebendig oder tot.

Und die kranken Menschen, die womöglich vergeblich auf eine Organspende warten, sterben immer noch an ihrer Krankheit und nicht an fehlenden fremden Organen!

Deshalb ist es auch völlig verfehlt, die Abgeordneten, die nach ihrem Gewissen entschieden haben, nun in die Pflicht zu nehmen, zu bewirken, dass die Zahl der gespendeten Organe zunimmt – so wird der ärztliche Direktor des Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen im Leitartikel zitiert.

Die Vorwürfe an die Mandatsträger im letzten Absatz des Kommentars, sie würden persönliche Beweggründe über ihre Aufgabe stellen, das zu tun, was die Mehrheit wolle, möchte ich zweifach zurückweisen: Ich will doch hoffen, dass sie nach persönlichen Beweggründen, nämlich nach ihrem Gewissen entscheiden. Das ist ihre Aufgabe, dafür haben sie mein Vertrauen. Alles andere mündet in so etwas wie Befehlsnotstand – haben wir schon gehabt in diesem Land! Und woher will die Kommentatorin übrigens wissen, was die Mehrheit der Bevölkerung will? Und muss dass dann unbedingt das Richtige sein?

Schon der erste Satz des Kommentars ist demagogisch: „Der Bundestag hat sich entschieden, die Situation für Menschen, die auf ein lebensrettendes Organ warten, nicht zu verbessern“. Nein, er hat entschieden, dass es nach wie vor der bewussten Entscheidung eines potentiellen Spenders bedarf, bevor eine Organentnahme erlaubt ist. Einen Automatismus darf es in dieser Frage eben nicht geben, siehe oben.

Diese Begehrlichkeit über Körpergrenzen hinweg macht mir Angst. Damit bin ich nicht allein. Es gibt kein Recht auf die Organe eines anderen Menschen! Und: Schonmal daran gedacht, dass jemand auch Bedenken haben könnte, ein fremdes Organ zu beanspruchen? Dass die Endlichkeit zum menschlichen Leben dazugehört?

Ich habe nichts dagegen, dass Menschen sich entschließen, ihre Organe spenden zu wollen. Das ist aller Ehren wert. Und ich verschließe auch nicht die Augen davor, dass dieser Umstand eventuell ein großes Glück für einen anderen todkranken Menschen darstellt. Doch eine Meldepflicht für alle Menschen, deren Hirn irreservibel tot ist, ist abzulehnen. Dies kann nur für diejenigen Menschen gelten, die eine Vorausverfügung zur Organspende getroffen haben. Ich finde auch in Ordnung, dass wir immer wieder an diese Möglichkeit erinnert werden sollen, wie es der Bundestag jetzt vorsieht.

Doch ist in meinen Augen die Debatte um den genauen Zeitpunkt des Todes keineswegs abgeschlossen (Hirn- und/oder Herz-Kreislauf…), eine Organentnahme findet während des Sterbeprozesses statt (eine Organentnahme bei einem vollständig gestorbenen Menschen ist unmöglich), sie erfordert Maßnahmen wie Anästhesie und verändert massiv die Möglichkeiten der Begleitung und des Abschiednehmens durch die Angehörigen – das alles sollte man auch wissen.

Und ich sehe die Relation zu anderen Todesrisiken, die unsere Gesellschaft unwidersprochen hinnimmt, obwohl sie beeinflussbar sind. Nur ein Beispiel: Der Autoverkehr fordert weiter Tote. Lebensrettende Maßnahmen wie Geschwindigkeitsbegrenzungen oder verpflichtende Abbiegeassistenten für LKW werden einfach nicht vorgeschrieben. DAS finde ich empörend!

Ich erinnere hier an die Mindener Plattform, die die Fittinge [Arbeitsgemeindschaft für die Integration behinderter und nichtbehinderter Menschen, Anm. d. Red.] anlässlich ihres Bioethik-Kongresses 1998 verabschiedet haben. Immer noch aktuell."

Monika Bitzan, Minden

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