Was macht einen guten Pfarrer aus?

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Ein Pfarrer in Vlotho verlässt die Gemeinde. Der Grund: Er und sein Ehemann erfuhren häufig Anfeindungen wegen ihrer sexuellen Orientierung.

"Niemand muss den Pfarrer seiner Gemeinde mögen. Auch kann man sich ausreichend andere Menschen zum Vorbild nehmen oder in seinen Freundeskreis aufnehmen. Wenn ich einen Maler beauftrage, mir die Wände zu streichen, bewerte ich ihn nach seiner hoffentlich professionellen Leistung als Handwerker. Welche Eissorte ihm am besten schmeckt oder welches Auto er fährt, ist mir dabei genauso herzlich egal wie seine sexuelle Ausrichtung. Das weiß ich in aller Regel auch gar nicht und es hat mich auch nicht anzugehen. Es ist absolut privat.

Wenn ich als Mann einen Mann liebe und mit ihm zusammenlebe, dann kann der Nachbar vermuten und vielleicht auch sehen, dass ich homosexuell bin. Nur, was kann er davon ableiten, wenn ich zugleich Pfarrer der Gemeinde bin? „Zu so einem kann ich meinen Sohn nicht zum Konfirmandenunterricht schicken?“ „Das ist nicht Gottes Wille?“ Mein Gott ist ein Gott der Liebe. Ob diese Liebe zwischen einem Mann und einer Frau oder eben zwischen zwei Frauen oder zwei Männern gelebt wird, sollte dabei keine Rolle spielen.

Bei einem Pfarrer, der mein Ansprechpartner auch in schwierigen Phasen meines Lebens sein soll, wünsche ich mir dann echte Lebenserfahrung und bitte keine besonderen Attribute, wie zum Beispiel die Einhaltung des Zölibats, eines rein theologischen Sprachgebrauchs oder einer besonders enthaltsamen Lebensführung. Ich wünsche mir einen echten Menschen, der zuhören und verstehen kann. Dazu muss er frei sein. Wenn es Mitglieder der Gemeinde gibt, die Pfarrer Pehle und seinem Ehemann auf unterschiedliche Weise diese Freiheit nehmen, indem sie wiederholt zu erkennen geben, dass sie nicht in Ordnung, nicht gewünscht seien, kann ich die Entscheidung, das nicht länger aushalten zu wollen, gut verstehen. Es macht mich traurig und wütend zugleich, wenn es einige offensichtlich rückwärtsgewandte, homophobe Menschen gibt, die diese tragische Entscheidung herbeigebuhlt haben. Sie alle haben der Gemeinde damit sehr großen Schaden zugefügt.

Die Würde des Menschen ist eben leider nicht automatisch unantastbar."

Ralf Isermann, Minden

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Was macht einen guten Pfarrer aus?Ein Pfarrer in Vlotho verlässt die Gemeinde. Der Grund: Er und sein Ehemann erfuhren häufig Anfeindungen wegen ihrer sexuellen Orientierung. "Niemand muss den Pfarrer seiner Gemeinde mögen. Auch kann man sich ausreichend andere Menschen zum Vorbild nehmen oder in seinen Freundeskreis aufnehmen. Wenn ich einen Maler beauftrage, mir die Wände zu streichen, bewerte ich ihn nach seiner hoffentlich professionellen Leistung als Handwerker. Welche Eissorte ihm am besten schmeckt oder welches Auto er fährt, ist mir dabei genauso herzlich egal wie seine sexuelle Ausrichtung. Das weiß ich in aller Regel auch gar nicht und es hat mich auch nicht anzugehen. Es ist absolut privat. Wenn ich als Mann einen Mann liebe und mit ihm zusammenlebe, dann kann der Nachbar vermuten und vielleicht auch sehen, dass ich homosexuell bin. Nur, was kann er davon ableiten, wenn ich zugleich Pfarrer der Gemeinde bin? „Zu so einem kann ich meinen Sohn nicht zum Konfirmandenunterricht schicken?“ „Das ist nicht Gottes Wille?“ Mein Gott ist ein Gott der Liebe. Ob diese Liebe zwischen einem Mann und einer Frau oder eben zwischen zwei Frauen oder zwei Männern gelebt wird, sollte dabei keine Rolle spielen. Bei einem Pfarrer, der mein Ansprechpartner auch in schwierigen Phasen meines Lebens sein soll, wünsche ich mir dann echte Lebenserfahrung und bitte keine besonderen Attribute, wie zum Beispiel die Einhaltung des Zölibats, eines rein theologischen Sprachgebrauchs oder einer besonders enthaltsamen Lebensführung. Ich wünsche mir einen echten Menschen, der zuhören und verstehen kann. Dazu muss er frei sein. Wenn es Mitglieder der Gemeinde gibt, die Pfarrer Pehle und seinem Ehemann auf unterschiedliche Weise diese Freiheit nehmen, indem sie wiederholt zu erkennen geben, dass sie nicht in Ordnung, nicht gewünscht seien, kann ich die Entscheidung, das nicht länger aushalten zu wollen, gut verstehen. Es macht mich traurig und wütend zugleich, wenn es einige offensichtlich rückwärtsgewandte, homophobe Menschen gibt, die diese tragische Entscheidung herbeigebuhlt haben. Sie alle haben der Gemeinde damit sehr großen Schaden zugefügt. Die Würde des Menschen ist eben leider nicht automatisch unantastbar." Ralf Isermann, Minden